28.08.2015 Schöne neue Autowelt: Daten statt Benzin

Man kann sich das Auto der Zukunft in etwa so vorstellen: Ausgestattet mit Sensoren und Kameras, sammelt es anonymisiert Daten über Fahrverhalten, Streckennetze und seine Umgebung ein. Als größtes und beweglichstes Objekt im Internet der Dinge tauscht das vernetzte Auto per Car2X-Vernetzung Informationen mit Verkehrsschildern, anderen Fahrzeugen, Leitzentralen oder Ampelschaltungen aus.

Nähert sich das Auto beispielsweise einer Ampel, wird zwischen Sender und Empfänger ein Ad-hoc-Netzwerk aufgebaut und die Ampel sendet ihre Schaltzeiten an das Auto. Auf dieser Grundlage bekommt der Fahrer entweder eine Geschwindigkeitsempfehlung oder das Auto passt selbständig die optimale Geschwindigkeit an. Notfallfahrzeuge erhalten eine spezielle digitale ID, die der sogenannte Identifyer der Ampel gesondert behandelt. Erkennt dieser eine solche ID, richtet sich die Ampel nach dem Fahrzeug und schaltet auf Grün.

Hochautomatisiertes Fahren

Der Boom autonomer Fahrzeuge begann 2004 mit dem Wettbewerb der Defense Advanced Research Projects Agency (DARPA), einem Wettbewerb des US-amerikanischen Verteidigungsministeriums. Insgesamt 100 Teams registrierten sich damals für die Challenge. Keinem der Modelle gelang es jedoch, 150 Meilen selbständig zurückzulegen und so eine Million US-Dollar Preisgeld einzuspielen. Wie sich herausstellte, waren die Komplikationen fast ausschließlich auf IT-Probleme zurückzuführen. Die IT-Branche hatte also den entscheidenden Startvorteil – nahezu alle Probleme der Autohersteller kannten die Entwickler bereits aus anderen Domänen.

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Dr.-Ing. Ilja Radusch

Dr. Ilja Radusch, Leiter der Abteilung Automotive Services and Communication Technologies (ASCT) am Fraunhofer-Institut FOKUS

Zitat

„Besser durch IT bedeutet für jeden etwas anderes: Während die Stadtverwaltung vor allem an störungsfreiem Stadtverkehr interessiert ist, wollen Betreiber von Fahrzeugflotten das Verkehrsgeschehen so beeinflussen, dass ihre Lkw möglichst wenig bremsen müssen und so kostengünstig durch den Verkehr kommen.“

Dr. Ilja Radusch, Leiter der Abteilung Automotive Services and Communication Technologies (ASCT) am Fraunhofer-Institut FOKUS

Zukünftige Autos sind mit Stereokameras und einer Vielzahl von Sensoren ausgestattet, die ununterbrochen Daten sammeln. Gemessen werden Abstände, Positionen und die Richtung des Autos zu voranfahrenden Autos, Leitplanken oder der Verkehrsinfrastruktur. Zusammen mit den Daten von Radar- oder Lasermessgeräten werden die Bilder per Sensorfusion direkt im Auto zu einem Bild zusammengesetzt. Algorithmen werten das virtuelle Abbild aus und steuern das Auto mithilfe von Aktoren nach links oder rechts, lassen es beschleunigen oder abbremsen.

Was aber passiert, wenn die Aktuatorik falsch entscheidet und das hochautomatisierte Auto in ein anderes Fahrzeug oder gar in eine Menschenmenge fährt? Wer trägt dann die (strafrechtliche) Schuld – der Hersteller, der Autohalter oder das Schicksal? Algorithmen verlangen eindeutige Entscheidungsbäume und damit bereits im Vorfeld eine Wenn-Dann-Programmierung für alle denkbaren Situationen.

Entsprechend groß ist die Konkurrenz aller Stakeholder, ihre jeweiligen Interessen in diese Bäume einzubringen. „Besser durch IT“ bedeutet nämlich für jeden etwas anderes: Während die Stadtverwaltung vor allem an störungsfreiem Stadtverkehr interessiert ist, wollen Betreiber von Fahrzeugflotten das Verkehrsgeschehen so beeinflussen, dass ihre Lkw möglichst wenig bremsen müssen und so kostengünstig durch den Verkehr kommen.

Auch für Autohersteller und Zulieferer eröffnen die Daten von Kameras und Sensoren eine ganze Reihe möglicher Einnahmequellen: Neben Unternehmenskooperationen sind gesammelte Bewegungs- und Fahrverhaltensdaten, mit denen die Assistenzsysteme verbessert werden sollen, auch für Versicherungen interessant. Doch wem gehören die Daten? Wer darf sie verwenden und wer ist für ihre Sicherheit und ihren Schutz verantwortlich? Keine dieser Fragen ist bisher juristisch endgültig geklärt.

Dennoch sind sich Analysten und Hersteller sicher: In den nächsten zehn Jahren werden vernetzte und automatisierte Autos unser Leben auf die gleiche Weise beeinflussen wie zuvor Smartphones. Dabei wird Mobilität immer mehr zur Dienstleistung, Konnektivität zur Bedingung.

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