01.09.2015 Die neue Freiheit Streaming

Der Anblick alter Schallplatten oder VHS-Kassetten führt heutzutage allenfalls zu Nostalgie. Sie wurden irgendwann vollständig von CD und DVD ersetzt. Selbst das Tauschen und Downloaden von digitalen Musik-und Video-Dateien, der Trend des beginnenden Internetzeitalters, könnte bald ein Nischenphänomen werden. Denn der nächste und vorerst letzte Schritt ist das Streaming. Hierfür werden Medieninhalte nicht mehr auf einem Datenträger gespeichert, sondern stehen jederzeit und an jedem Ort mit einer Internetverbindung online zur Verfügung. Die persönliche Film- und Musiksammlung wandert von den Wohnzimmerregalen über die Festplatten direkt ins Netz.

Als neue Form des Medienkonsums entwickelt sich Streaming momentan nur in eine Richtung, und zwar steil bergauf. 42 Millionen Bundesbürger, also mehr als die Hälfte der Bevölkerung, schauen Videoinhalte per Stream. Die Zahl der Video-Streamer hat sich damit in nur zwei Jahren mehr als verdreifacht. 20 Millionen Deutsche nutzen außerdem Musik-Streaming, das sind 14 Millionen mehr als noch vor zwei Jahren. Wenn wir diese beeindruckenden Zahlen betrachten, drängen sich zwei Fragen auf: Was sind die Gründe für den ungebremsten Erfolg von Streaming? Und was bedeutet das für die Zukunft unserer Mediennutzung?

Streaming bietet neue Möglichkeiten, die vor 20 Jahren noch undenkbar waren. Wer streamt, macht sich unabhängig. Der Nutzer bestimmt selbst, welche Inhalte er zu welcher Zeit sieht und hört. Außerdem funktioniert Streaming überall und auf allen Geräten, solange eine Internetverbindung vorhanden ist. Wenn ich Sonntagabend um 20.15 Uhr nicht für meinen Lieblingskrimi vor dem Fernseher sitze, schaue ich ihn halt später als Stream. Und ob ich meine Musik lieber per Laptop, auf dem Smartphone oder mit der heimischen Stereoanlage höre, ist auch nicht entscheidend, schließlich kann ich dieselbe Wiedergabeliste mit allen Geräten abspielen. Wer streamt, sieht aber auch besser. Streaming erlaubt hohe Bild- und Tonqualität. Wer heute bereits eine große Auswahl an Filmen und Serien im detailreichen und besonders scharfen Auflösungsstandard UHD sehen möchte, wird in den Online-Videotheken fündig. Die neuen Streaming-Angebote wirken sich auch auf das Konsumverhalten bei Medieninhalten aus. Früher ging man ins Geschäft und kaufte sich dort eine Musik-CD oder einen Film auf DVD. Bezahlt hat der Nutzer nur das einzelne Produkt, das er sich gezielt ausgesucht hat. Wer heute Musik und Videos streamt, erwirbt in der Regel mit einer monatlichen Pauschale den Zugang zu einem riesigen Film- oder Musik-Angebot.

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Wie erfolgreich sich Streaming-Angebote durchsetzen, verdeutlicht zum Beispiel der Blick auf den skandinavischen Musikmarkt. Alleine in Schweden, dem Spotify-Gründerland, erwirtschaftet die Musikindustrie rund drei Viertel (73 Prozent) ihrer Einnahmen mit dem digitalen Geschäft. Davon sind wiederum 92 Prozent auf Streaming-Dienste zurückzuführen. Downloads haben hier also nur noch einen geringen Marktanteil. Gleichzeitig sind die CD-Verkäufe im Jahr 2014 um 27 Prozent zurückgegangen. In Deutschland lag der Anteil des Digitalgeschäfts am Musikmarkt im Jahr 2014 bei 22 Prozent. Das mag im Vergleich gering erscheinen, bedeutet aber ein Wachstum von 12 Prozent. Dieser Anstieg ist vor allem auf Musik-Streaming-Dienste zurückzuführen.

Der Erfolg von Streaming-Angeboten hängt nicht zuletzt auch von den technischen Voraussetzungen ab. Um Medieninhalte problemlos streamen zu können, sind schnelle und zuverlässige Internetverbindungen nötig. Derzeit beobachten wir, dass der Breitbandausbau mit großen Schritten voran geht. Technologien wie LTE-Netze sorgen dafür, dass wir selbst unterwegs schnell und zuverlässig surfen können. Diese Fortschritte tragen dazu bei, dass sich Streaming-Dienste auch in Zukunft weiter verbreiten und etablieren werden.

Der Charakter des Streaming und die Tatsache, dass Inhalte nicht mehr dauerhaft gespeichert werden, stellen so manche gesetzliche Regelung in Frage. Für Speichermedien und Geräte wie CD-Rohlinge, USB-Sticks, SD-Karten, PCs, Tablets oder Smartphones soll der Käufer urheberrechtliche Abgaben entrichten. Damit sollen die wirtschaftlichen Interessen des Urhebers abgesichert werden. Denn wenn der Nutzer wegen einer Privatkopie auf den (erneuten) Erwerb einer Musik-CD verzichtet, entgehen dem Urheber Einnahmen. Die Einnahmeverluste sollen durch urheberrechtliche Abgaben ausgeglichen werden. Mit Streaming-Angeboten erübrigt sich das Kopieren und Vervielfältigen sowie das Speichern geschützter Inhalte weitgehend und damit auch potenzielle Einnahmeverluste. Trotzdem fordern die Verwertungsgesellschaften für Geräte und Speichermedien weiterhin die Abgabe. Ob darauf tatsächlich urheberrechtlich geschützte Inhalte kopiert werden und Urheber dadurch Einnahmeverluste erleiden, spielt aus Sicht der Verwertungsgesellschaften offenbar keine Rolle.

Wo die Zukunft hinführt, zeigt auch ein Blick auf die Generation der 14- bis 29-Jährigen in Deutschland. Da die jungen Erwachsenen mit digitalen Medien aufgewachsen sind, nennt man sie auch gerne „Digital Natives“. Streaming ist bei ihnen heute schon Alltag und prägt ihre Kultur: 53 Prozent in dieser Altersgruppe nutzt Musik-Streaming und ganze 91 Prozent, also fast Jeder, schaut Videos per Stream. Es ist also nur noch eine Frage der Zeit, bis Streaming auch hierzulande die Hauptform unseres Medienkonsums ist.

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