10.02.2015 „Daten sind ein viel zu kostbares Gut, um sie ungenutzt liegen zu lassen“

Sehr geehrter Herr Minister,

sehr geehrte Damen und Herren,

mit einem Blick auf das Motto und die Redebeiträge der diesjährigen Konferenz bin ich fast versucht Ihnen ein „Willkommen beim Berliner Autosalon“ zuzurufen. Keine Sorge, Ihr Navi hat Sie zum richtigen Ziel gebracht. Auf dem Safer Internet Day wollen wir heute über vernetzte Autos sprechen. Genauer: Über Datenschutz und Datensicherheit im vernetzten Auto. Ich glaube, es sind die richtigen Themen zur richtigen Zeit. Erst vor wenigen Tagen hat sich wieder gezeigt, dass Autodiebe heutzutage kein Brecheisen mehr brauchen, um zum Ziel zu kommen, und dass die digitalen Sicherheitslücken häufig schwerer wahrnehmbar sind als Lücken in der analogen Welt.

IT ist heute ein ebenso elementarer Bestandteil von Mobilität wie Motor, Getriebe und Räder. Und Mobilität wird umgekehrt ein Schlüsselfaktor im Internet der Dinge sein. Das zeigt sich auch auf den klassischen Hightech-Messen. Prof. Martin Winterkorn, der Vorstandsvorsitzende der Volkswagen AG, sprach die Keynote auf der CeBIT 2014, Dr. Dieter Zetsche, der Vorstandsvorsitzende der Daimler Benz AG, hielt die Eröffnungsrede auf der CES in Las Vegas. Die ursprünglich als Veranstaltung für Consumer Electronics gedachte CES wird, so scheint es, allmählich zur Automobilmesse. Dieses Jahr hat sie sich sogarschwerpunktmäßig mit autonomem Fahren beschäftigt. Beim Bitkom-Big Data Summit in zwei Wochen spielen Automobilhersteller und ihre Themen eine große Rolle. Heute werden wir u.a. Vorträge von Vertretern von Daimler und BMW hören. Für den Fall, dass Sie die Unternehmen nicht kennen: es handelt sich um zwei aufstrebende IT-Unternehmen aus Süddeutschland.

Aber im Ernst, meine Damen und Herren,

die Integration der IT ins Automobil spielt für die Hersteller eine immer bedeutendere Rolle. In den vergangenen Jahren wurden Milliarden Euro investiert, um IT ins Auto zu bringen. Bis 2020 gibt es weltweit 250 Millionen vernetzte Autos, prophezeit das Marktforschungsinstitut Gartner. Schon jetzt sind Fahrzeuge aller deutschen Automobilkonzerne serienmäßig mit Konnektivitätsdiensten ausgestattet.

Wohlgemerkt: Nicht als nettes Gimmick, sondern weil die Konsumenten das so erwarten. Der Smartphone-Anschluss im Auto ist für knapp die Hälfte der Autofahrer mittlerweile wichtiger als eine hohe PS-Zahl. Insbesondere jüngere Autofahrer unter 30 Jahren legen auf die kommunikationstechnische Ausstattung viel Wert.

Die Ansprüche, die Konsumenten an Autos stellen, sind im Lauf der Zeit immer mehr geworden. Bei den ersten Fahrzeugen war es nur wichtig, ob sie einen von A nach B bringen. Später kamen ästhetische Aspekte hinzu. Mit der zunehmenden Motorisierung und damit steigenden Zahl von Verkehrsunfällen wurde die Sicherheit im Auto zum Top-Thema. Sicherheitsgurt, Airbag und ABS hielten Einzug in den Wagen.

In Zukunft werden Sie keinen Neuwagen mehr verkaufen können, der nicht den Anforderungen des digitalen Zeitalters genügt. Dazu gehört unabdingbar natürlich auch die Zuverlässigkeit der Technik. Dazu gehört die Sicherheit der digitalen Systeme an Bord. Und zwar mehr als in jedem anderen B2C-Bereich. Wenn im Büro der Computer abstürzt, ist das ärgerlich. Wenn der eigene Laptop gehackt wird, kostet das Nerven und möglicherweise Geld. Passiert eines von beidem im fahrenden Auto, ist das fatal.

Wer als Hersteller künftig erfolgreich bleiben will, darf sich dabei aber nicht darauf beschränken, die besten und zuverlässigsten Autos zu bauen. Vernetztes Fahren bringt ganz neue Mobilitäts- und damit auch Geschäftsmodelle mit sich. Der Besitz eines Autos ist vielen nicht mehr so wichtig wie das zu meiner Jugend noch war. Nutzen statt besitzen heißt hier das Motto. Car- und Bike-Sharing boomt, und damit boomt auch das intermodale Reisen. Sie reisen z.B. mit der Bahn an und fahren mit dem Auto oder dem Fahrrad weiter. Erste Mobilitäts-Apps wie moovel, Mobility Map oder DB Navigator bilden diesen Trend bereits ab. Der Kunde gibt ein Ziel ein, die Software verknüpft Angebote von Bahn, ÖPNV, Bikesharing oder Carsharing.

Im Straßenverkehr der nicht allzu fernen Zukunft werden Fahrzeuge eine Art Taxi ohne Fahrer, die man spontan bucht und nach Ende der Reise wieder abstellt. Die selbstlenkenden elektrischen Wagen bewegen sich beinahe lautlos und abgasfrei durch die Straßen, wie an einer unsichtbaren Schnur entlang. Keines fährt zu schnell oder zu langsam. Alles ist harmonisch aufeinander abgestimmt. Der Wagen erkennt selbständig mögliche Gefahren. Die Gesundheit von Fußgängern und Insassen ist nicht mehr von der Tagesform oder dem aktuellen Zustand des Fahrers abhängig.

Autonomes Fahren ist momentan vielleicht noch der große Showact für Messen wie die CES. Aber bis es sich in der Breite durchsetzt, ist es nur noch eine Frage der Zeit. Der Markt ist schon heute da. Mehr als jeder dritte Bundesbürger kann sich vorstellen, ein selbstlenkendes Auto zu nutzen. Die Signale aus der Politik stimmen zuversichtlich. Demnächst werden Teststrecken in Bayern und Nordrhein-Westfalen eingerichtet, bis September soll es laut Bundesverkehrsminister Dobrindt erste gesetzliche Eckpunkte für das autonome Fahren geben.

Meine Damen und Herren,

wenn wir über die Voraussetzungen für vernetzte Mobilität sprechen, müssen wir natürlich auch über den Infrastrukturausbau reden, über Breitband in der Fläche. Aber so hart diese Debatten auch geführt werden, ist die Lösung hierfür vergleichsweise einfach. Schließlich sind 80 Prozent der Kosten im Breitbandausbau so genannte Grabe-Kosten. Es geht nicht um Hightech, es geht um Tiefbau: Straße auf, Kabel rein, Straße zu. Weil ein Großteil unserer Straße sowieso erneuert werden muss, lassen sich hier künftig enorme Synergien schöpfen.

Etwas schwierigere Fragen stellen sich im Bereich des Datenrechts. Die Fragen selbst sind im Grunde einfach, sie zeigen aber die ganze Komplexität dessen, worüber wir heute reden.

Wenn ein Auto alles speichert, wird es dann auch zum Zeugen bei Unfällen? Sagt es am Ende gegen seinen Halter aus? Wem gehören eigentlich die Daten, die ein intelligentes Auto erzeugt? Dem Halter, dem Hersteller? Dürfen Behörden und Versicherungen im Fall der Fälle darauf zugreifen?

Und selbst diese Fragen sind wiederum belanglos, wenn wir nicht ein grundsätzliches Umdenken in der Datenpolitik erreichen. In Deutschland verfahren wir nach dem Prinzip der Datensparsamkeit, d.h. wir streben an, dass z.B. Unternehmen nur so viele Daten von uns verarbeiten, wie für einen bestimmten Zweck unbedingt erforderlich. Indem wir möglichst wenig Datenverarbeitung zulassen, möchten wir einen Missbrauch der Daten oder auch nur unerwünschte Effekte für uns verhindern. Ob dieses Konzept heute noch in dieser Absolutheit sinnvoll ist und geeignet ist, moderne Datenverarbeitung zu regulieren, muss man auch einmal fragen dürfen.

Datensparsamkeit führt zu Datenarmut, wenn die internationalen Datenströme an uns vorbeifließen. Mehr als die Hälfte der deutschen Unternehmen verzichtet aus verschiedenen Gründen auf bestimmte Datenanalysen. Fast ein Drittel nennt als Begründung die Sorge vor Kritik durch Kunden und ein Viertel die Angst vor öffentlicher Kritik, die auch einen Imageschaden zur Folge haben könnte. Wenn wir also die Daten nicht verarbeiten, tun es andere dann auch nicht? Müssen wir nicht vielmehr versuchen, die Chancen der neuen datenverarbeitenden Technologien zu nutzen und hierfür regulatorische Bedingungen zu schaffen, die Missbrauch verhindern, aber Innovation grundsätzlich erlauben?

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Prof. Dieter Kempf

Zitat

„Ohne Abkehr von der Datensparsamkeit gibt es keine intelligente Mobilität und keine selbstfahrenden Autos“

Dieter Kempf

Wenn die zukünftige Wertschöpfung auch in den klassischen Industriebereichen mehr und mehr aus der Verarbeitung von Daten geschaffen wird, dann haben wir mit unseren bisherigen Instrumenten, die darauf abzielen, Datenverarbeitung so stark wie möglich zu beschränken, ein Problem. Wir reden hier über immense volkswirtschaftliche Schäden. Ein Vergleich: Die vier US-Unternehmen Google, Apple, Facebook und Amazon sind gemeinsam rund doppelt so viel wert wie alle 30 Dax-Unternehmen. Selbst ein Unternehmen wie der Online-Schuhhändler Zalando, das noch nie Gewinne erwirtschaftet hat, ist an der Börse wertvoller als die Lufthansa – eben wegen seines intelligenten Umgangs mit Kundendaten. Wichtige Datenbanken, etwa für die wissenschaftliche Forschung müssen wir immer häufiger aus dem Ausland kaufen.

Damit wir uns nicht falsch verstehen. Persönliche Daten bedürfen eines hohen Schutzes. Das heißt jedoch nicht, dass das Festhalten am Prinzip der Datensparsamkeit der einzige Weg hierzu ist.

Ohne den intensiven Austausch von Daten – sowohl rein technischer als auch solcher mit Personenbezug – können wir unsere schöne neue Verkehrswelt vergessen. Lassen Sie mich das ganz deutlich sagen: Ohne Abkehr von der Datensparsamkeit gibt es keine intelligente Mobilität und keine selbstfahrenden Autos.

Eine moderne Datenpolitik muss dieses überkommene Prinzip umkehren. Sie muss dafür sorgen, dass vorhandene Daten auch genutzt werden können: zur Verkehrslenkung, zur Steuerung unseres Energieverbrauchs, zur Überwachung von Körperfunktionen oder für individualisierte Krebstherapien. Und sie muss gleichzeitig dafür sorgen, dass die Privatsphäre ein Höchstmaß an Schutz genießt – nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Die Stichworte sind hier Anonymisierung und Pseudonymisierung. In der medizinischen Forschung ist z.B. die Auswertung von pseudonymisierten Daten wichtig, also solchen Daten, bei denen der Personenbezug entfernt wurde, aber im Bedarfsfall wieder hergestellt werden kann. Für Verkehrsprognosen kann man z.B. Floating-Car-Daten hingegen völlig anonymisiert auswerten.

Wir müssen uns fragen, ob wir um Daten pauschal erst einmal eine Mauer errichten sollen und dann im nächsten Schritt überlegen, ob und wofür wir die Zugbrücke herunterlassen. Oder ob wir nicht grundsätzlich zunächst Brücken bauen und dann im Einzelfall Daten abschirmen, bei denen das besonderen Sinn macht.

Wir stehen an der Schwelle zu einer Datenökonomie. Die alles entscheidende Frage ist, ob wir Deutschland zu einem internationalen Top-Standort in der Datenwirtschaft weiterentwickeln. Oder ob wir dieses Zukunftsfeld durch eine überhastete Regulierung in Deutschland verschließen und anderen überlassen, ob wir uns weiterhin zu Konsumenten der Digitalisierung degradieren lassen wollen.

Durch sinnvolles Teilen unserer Daten bekommen wir einen überproportionalen Mehrwert zurück. Anders gesagt: Daten sind ein viel zu kostbares Gut, um sie ungenutzt liegen zu lassen.

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