24.11.2014 „Wir müssen nicht immer ins Silicon Valley schauen“

Gesche Joost ist Mitglied der „Digital Champions“-Expertengruppe der Europäischen Kommission und leitet das Design Research Lab an der Universität der Künste in Berlin. Auf dem Bitkom-Trendkongress spricht sie u.a. über ihre Aufgaben als „Digital Champion" und wie Europa von der Digitalisierung profitieren kann. Bitkom hat Frau Joost vorab interviewt.

Frau Joost, was tut ein „Digital Champion“ bei der Europäischen Kommission?

Die Digital Champions sind ein Expertenkreis, der von der ehemaligen EU-Kommissarin für die Digitale Agenda, Neelie Kroes, berufen wurde. Wir treffen uns regelmäßig und sprechen über europaweite Maßnahmen wie die Digitale Agenda, Fachkräftemangel oder Start-up Förderung. Die digitalen Botschafter dienen als Übersetzer für ihre jeweiligen Länder. Wir wollen zum Beispiel das europäische Start-up-Manifest bekannter machen und an deutsche Rahmenbedingungen anpassen.

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Zitat

„Es hakt an der Wachstumsfinanzierung. Dafür müssen wir Lösungen finden.“

Gesche Joost

Das Start-up-Manifest wurde von jungen IT-Unternehmern aus ganz Europa entwickelt. Sie fordern, die digitale Wirtschaft müsse mehr in den Fokus der Politik genommen werden.

Ich entwickele das Manifest gemeinsam mit deutschen Gründerinnen und Gründern weiter. In Deutschland haben wir die Situation, dass zum Beispiel die allererste, die Seed-Finanzierung, relativ gut abdeckt ist. Es hakt aber an der Wachstumsfinanzierung. Dafür müssen wir Lösungen finden. Auch die spezifischen Interessen der Gründerinnen wollen wir stärker einbinden. Manche haben ganz neue Arbeitsmodelle entwickelt – flexiblere Arbeitszeiten und Optionen auf Home-Office, die Möglichkeiten für Sabbaticals oder Weiterbildungen – davon können andere lernen.

Wie ist derzeit in Europa das Klima für Start-ups?

Interessant finde ich, dass europaweit viele nach Deutschland schauen und sagen, dass wir ein sehr gutes Gründerklima geschaffen hätten. Was festzustellen ist: Das Thema Startup-Förderung ist in der europäischen Politik angekommen.

Start-ups waren in der Öffentlichkeit stets positiv besetzt. Die kritischen Debatten, etwa um Zalando oder um den Taxi-Konkurrenten Uber zeigen, dass sich etwas ändert. Hat die Digitalwirtschaft ein Akzeptanzproblem?

Auf unsere Gesellschaft und auf die Wirtschaft kommen durch die neuen Modelle großer Herausforderungen zu. Wir Deutschen sind zu Recht stolz auf unseren solide gewachsenen Mittelstand. Jetzt haben wir es plötzlich mit schnell wachsenden Unternehmen zu tun, die womöglich unsere Unternehmenskultur infrage stellen. Ich finde es einerseits richtig, wenn die Politik den Rahmen setzt und zeigt, dass wir nicht alles den Geschäftsmodellen aus dem Silicon Valley unterordnen. Auf der anderen Seite brauchen wir die neue Dynamik, und es ist gut, dass alte, vielleicht überkommene Modelle infrage gestellt werden.

Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel will auf der einen Seite Google zerschlagen und gleichzeitig die Digitalisierung fördern. Wie passt das zusammen?

Die Äußerung zur Zerschlagung von Google darf man nicht überbewerten. Sie sollte in erster Linie ein Signal setzen und zeigen: Es gibt politische Instrumente, die Grenzen setzen können. Dem Wirtschaftsminister ist klar, dass die Digitalisierung eines der wichtigsten Wachstumsfelder überhaupt ist und die Gesellschaft verändert. In bestimmten Bereichen stellt sie unsere europäischen Wertvorstellungen und Rechtsnormen auf den Prüfstand. Nehmen Sie Themen wie Datenschutz oder Urheberrecht. Mit der europäischen Datenschutzgrundverordnung zum Beispiel formulieren wir unsere Vorstellungen davon, wie wir den Umgang mit unseren Daten in Zukunft regeln wollen. Dabei muss das Recht auf Privatsphäre gelten sowie ein Recht auf Transparenz, was mit meinen Daten im Netz geschieht – ohne dass wir dadurch innovative Online-Dienste generell abwürgen.

Europäische Start-ups sind oft Copycats, Kopien erfolgreicher Modelle aus Übersee. Wie könnte man europäische Innovation fördern?

Wir brauchen wieder eigene Kompetenzen, da wir derzeit komplett abhängig sind zum Beispiel von Hardware aus Asien und den USA. Aber von oben verordnete Industriepolitik funktioniert nur selten; eine Initiative zu einer europäischen Suchmaschine ist gescheitert. So etwas muss von den Unternehmen selbst kommen – im Dialog mit der Politik. Ein Beispiel: sichere Cloud Services mit Servern, die in Europa stehen.

Ist denn ein neues „digitales Selbstbewusstsein“ in Sicht?

Ich glaube schon. Weltweit ist die Digitalisierung der Produktionsprozesse ein großes Thema, aber die Marke „Industrie 4.0“ kommt aus Deutschland. Das ist ein Beispiel für ein gelungenes Thema, weil es aus unserer Struktur heraus entstanden ist, aus den Erfordernissen und Fähigkeiten der großen Mittelständler. Das zeigt, dass wir nicht immer ins Silicon Valley schauen müssen, sondern auf Grundlage unserer Stärken eigene Technologien entwickeln können. IT-Sicherheit ist ein zweites Thema, mit dem wir aus Deutschland heraus weltweit punkten können.

Welche Lehren haben wir aus der NSA-Affäre gezogen?

Das Vertrauen der Menschen in die Sicherheit ihrer Daten im Internet ist erschüttert – auch wenn sie ihr Verhalten kaum ändern. In der politischen Debatte gibt es jetzt ein klares Augenmerk auf die Themen IT-Sicherheit, Datenschutz und Privatsphäre. Negativ ist, dass in öffentlichen Debatten alles vermischt wird: Staatliche Überwachung, Datenschutz von Unternehmen, Big Data. Gerade die Debatte um Big Data ist stark angstbesetzt. Das schadet uns. Wir müssen jetzt aufzeigen, wie wir innovative Datennutzungen ermöglichen und gleichzeitig personenbezogene Informationen schützen können.

Der US-Ökonom Jeremy Rifkin prophezeit mit dem Aufkommen der Share-Economy das Ende des „analogen Kapitalismus“, vor allem der Großkonzerne. Wie sehen Sie das?

Ich bin da nicht so kategorisch. Dabei bin ich absolute Anhängerin der Open Source-Bewegung und der Maker-Strukturen. Sie bieten ungeahnte Möglichkeiten. Ein Beispiel: Wir haben hier am Institut eine 23-jährige Modedesignerin, die noch nie programmiert hatte. Mit Hilfe einer Open Source-Hardware hat sie binnen einer Woche eine Strickjacke mit integriertem Notruf hergestellt. In der Jacke ist ein Sender integriert, über den zum Beispiel Senioren schnell Hilfe rufen können. Open Source und Sharing bieten also für Forschung und Entwicklung enorme Vorteile und beschleunigen Innovationszyklen – und in diesem Punkt stimme ich mit Rifkin überein.

Mit der Digitalisierung waren große Hoffnungen verbunden: mehr Offenheit, Demokratie, Freiheit, Transparenz. Sind wir heute auf dem Boden der Tatsachen angekommen?

Ich glaube, wir sind erwachsen geworden. In den 1990er Jahren, als ich studiert habe, war die Euphorie sehr groß. Das Visionäre hat – gerade durch die NSA-Affäre – einen starken Dämpfer erfahren. Jetzt müssen wir Chancen und Risiken abwägen. Wirklich schlimm fände ich, wenn eine Angstdebatte das visionäre Potenzial der Digitalisierung verdecken würde. Das hätte einen riesigen Schaden für Wirtschaft und Gesellschaft zur Folge. Das Ziel einer inklusiven, digitalen Gesellschaft ist ein sehr positives – wir müssen jedoch alle mit ins Boot holen, damit es auch Realität wird.

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