25.08.2015 „Made in Berlin“ – Von lokalen Start-ups
zu internationalen Playern

Wer an erfolgreiche Start-ups denkt, der hat sofort das sonnige Silicon Valley in Kalifornien vor Augen – Aufbruchsstimmung, Risikofreude und schöpferische Innovationskultur. Doch auch hierzulande fehlt es nicht an Gründergeist und disruptiven Ideen. Berlin ist nicht nur Regierungssitz und Zentrum für Wissenschaft und Kreative, sondern entwickelt sich immer mehr zur europäischen Digitalhauptstadt. Laut einer Umfrage im Auftrag des Bitkom hat Berlin den mit Abstand besten Ruf unter deutschen Gründern: Für rund drei Viertel (73 Prozent) ist Berlin der attraktivste Ort , um ein Start-up aufzubauen, weit vor Hamburg (14 Prozent) und München (neun Prozent). Für die deutsche Hauptstadt spricht ihr unverkennbarer Mix aus kultureller Vielfalt, günstigen Mieten und hervorragender Infrastruktur. Doch warum gibt es noch immer kein deutsches Facebook, Amazon oder Google? Worin unterscheidet sich Berlin von Kalifornien?

Neben vielen anderen Gründen ist das Kapital ein wesentlicher Knackpunkt: Um zu wachsen, benötigen Start-ups genau dieses. Klassische Banken fallen als Finanzierungsinstrument leider komplett aus. Ihnen fehlt das Verständnis und Know-how, um junge Softwareunternehmen zu finanzieren. Leider. Zwar ist es für junge Unternehmer in den letzten Jahren etwas leichter geworden, an Wachstumsfinanzierungen zu kommen, die großen Abschlussrunden werden jedoch immer noch nicht von europäischen, geschweige denn deutschen Venture-Capital-Gesellschaften getragen. Ein Blick in die Statistik hilft, um das Problem zu verstehen:

Der Anteil der Venture-Capital-Investitionen am deutschen BIP beträgt 0,02 Prozent. In den USA ist dies um den Faktor 10 größer, also 0,2 Prozent vom BIP. In Zahlen sieht das konkret wie folgt aus: 2012 wurden in den USA insgesamt 19,1 Milliarden Euro in Startups investiert. Im Vergleich schneidet Deutschland mit seinen 360 Millionen (davon 180 Millionen in Berlin) – also nur 1,8 Prozent der US Summe – schlecht ab. Leider sah es europaweit mit insgesamt nur 16,7 Prozent der vergleichbaren Investitionen in den USA – mit 3,2 Milliarden Euro Venture Capital in der EU – nicht viel besser aus.

Start-ups müssen sich Kapital im Ausland beschaffen

Die Folge: Innovative Start-ups müssen ins Ausland, um sich dort Kapital zu beschaffen. Und das hat seinen Preis, auch für den Standort Deutschland. In meiner neuen Aufgabe als Landessprecher des Bitkom liegt es mir deshalb besonders am Herzen, in der Berliner Politik ein positiveres Verständnis für Start-ups zu etablieren. Alle DAX-Größen – Siemens, Daimler, Bayer – waren einmal junge Start-ups. Heute sind sie Schwergewichte der deutschen Industrie. Wir sprechen also über die Zukunft der deutschen Wirtschaft.

Ich bin Mitgründer und CEO des Start-ups ally. Die mittlerweile 35-köpfige Firma entstand aus der Idee, dass wir urbane Mobilität völlig neu denken müssen: Die wachsende Bevölkerung, die zunehmende Vernetzung durch Smartphones und das Bedürfnis nach innovativen Transportlösungen erfordern gänzlich neue Modelle. Ally richtet sich an Pendler in großen Städten – weltweit –, die auf öffentlichen Nahverkehr angewiesen sind. Und in jenen „Megacities“ wird es in den kommenden Jahren zu erheblichen Veränderungen kommen. Derzeit bietet unsere App dynamische Routen und Echtzeit-Informationen, um intelligenter in der Stadt von A nach B zu kommen. Technologisch entwickeln wir die Basis für ein völlig neues Modell im öffentlichen Nahverkehr: Weg von statischen Routen und angebotsorientierter Mobilität, hin zu dynamischen Routen und nachfrageorientierter, individueller Mobilität.

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Maxim Nohroudi

Bitkom-Landessprecher Berlin

Zitat

„Die aktuelle öffentliche Zuwanderungsdebatte führt geradewegs zu Ressentiments und schreckt Interessenten ab. Dem können wir nur entgegenwirken, wenn wir die Situation für qualifizierte ausländische Spezialisten verbessern und eine wahrhaftige Willkommenskultur entwickeln. Wir müssen begreifen, dass Zuwanderung keine Bedrohung, sondern eine Bereicherung für dieses Land ist.“

Maxim Nohroudi, Bitkom-Landessprecher Berlin

Wir kooperieren auch mit großen Unternehmen, wie z. B. Volkswagen oder Nokia. Konzerne können dabei von der Zusammenarbeit mit jungen Start-ups profitieren: Sie sparen wertvolle Zeit und erhalten Einblick in die neuesten Innovationen. Im Gegenzug erhalten Start-ups Zugang zu Marktmacht und Ressourcen. Auch in der Zusammenarbeit zwischen Start-ups und Konzernen lassen sich noch erhebliche Potenziale heben. Dabei müssen wir nicht immer ins Silicon Valley schauen, sondern können auf Grundlage unserer Stärken eigene Lösungen entwickeln.

Berlin ist der weltweit am schnellsten wachsende Gründer-Hotspot – darin sind sich alle einig. Wenn sich die deutsche Hauptstadt in der globalen Spitzenliga der digitalen Metropolen fest etablieren will, muss eine weitere Schlüsselfrage beantwortet werden: Wie gelingt es Berlin, zum Start-up-Mekka für die besten Talente zu werden? Der Bedarf an ausländischen IT-Experten und Gründern wird im Zuge der Digitalisierung aller Wirtschaftsbereiche weiter steigen. Deutschland ist dringend aufgefordert, ein positives Selbstverständnis als Einwanderungsland zu entwickeln und die Zuwanderung von Hochqualifizierten als Win-Win-Situation zu erkennen. Wir konkurrieren um die Besten: Warum soll jemand nach Berlin und nicht nach San Francisco? Haben wir hier die besseren Argumente stets parat? Kompetenzen statt Abschlüsse, das wünsche ich mir als Richtschnur deutscher Zuwanderungspolitik. Warum dürfen ausländische Studierende an deutschen Hochschulen nach ihrem Studium nicht unkompliziert bei uns arbeiten?

Eine echte Willkommenskultur entwickeln

Zum attraktiven Einwanderungsland wird Deutschland jedoch nicht durch pragmatischere Gesetze. Wer den Eindruck vermittelt, Fachkräfte seien nicht willkommen, darf sich nicht wundern, wenn die besten Köpfe und ideenreiche Gründer ihr Glück in anderen Ländern suchen. Die aktuelle öffentliche Zuwanderungsdebatte macht dies sehr deutlich. Sie führt geradewegs zu Ressentiments und schreckt Interessenten ab. Dem können wir nur entgegenwirken, wenn wir die Situation für qualifizierte ausländische Spezialisten verbessern und eine wahrhaftige Willkommenskultur entwickeln. Wir müssen begreifen, dass Zuwanderung keine Bedrohung, sondern eine Bereicherung für dieses Land ist. Dies zu vermitteln scheint mir eine essenzielle Aufgabe.

Um den Gründungsboom in Berlin voranzutreiben, hat sich die Bundesregierung viel vorgenommen. Konkrete Ergebnisse lassen aber auf sich warten, bspw. bei der Einführung eines Venture-Capital-Gesetzes. Es ist aber die Wachstumsphase eines Start-ups, in der sich entscheidet, ob aus ihm ein erfolgreicher Mittelständler oder sogar Weltmarktführer wird. Will man den Rückstand im Bereich Finanzierung gegenüber anderen Ländern wie USA, Israel oder Großbritannien aufholen, benötigt man in Deutschland auch bessere steuerliche und rechtliche Rahmenbedingungen – keine schlechteren.

Alte, überkommene Gesetze und Verordnungen müssen unbedingt an das digitale Zeitalter angepasst werden – oder verschwinden. Das betrifft Regeln, die allein dem Schutz von etablierten Geschäftsmodellen dienen ebenso wie Regularien im Gesundheits-, Energie- oder Finanzbereich. Berlin ist dabei, sich neu zu definieren. Es ist klar erkennbar, dass innovative Start-ups im Verbund mit großen Unternehmen, unserer Stadt und unserem Land eine neue Richtung geben können. Gründen, wachsen und internationalisieren muss in Deutschland so einfach wie möglich sein. Die Politik hat in diesem Bereich noch viele Hausaufgaben: German politicians need to get started!

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