30.06.2015 Digitale Souveränität erreichen wir durch Innovations­führerschaft!

Wir stehen nicht am Anfang einer digitalen Revolution. Wir stecken mitten drin. Schon heute gilt: Total digital, total normal. Bereits jeder zehnte Dreijährige nutzt das Internet lange bevor er lesen und schreiben kann. Facebook verzeichnet 4,5 Milliarden Likes pro Tag, Google über 40.000 Suchanfragen pro Sekunde. Innovationen wie digitale Kontaktlinsen mit Sensoren zur Blutzuckermessung, intelligente Kleidung mit integrierter Überwachung der Vitalfunktionen, selbst-eincheckendes, smartes Gepäck oder Datenbrillen mit Gestensteuerung stehen in den Startlöchern oder sind bereits in Serie.

Im digitalen Zeitalter ticken die Uhren anders. Lagen im 20. Jahrhundert zwischen einzelnen Innovationsschritten oft Jahrzehnte, sind es heute nur noch wenige Jahre, Monate oder sogar Tage. Das iPhone hat es vorgemacht: Vor nicht einmal zehn Jahren eine radikale Innovation, sind Smartphones mittlerweile selbstverständlicher Bestandteil unseres Alltags. Heute entwickeln Forscher innerhalb von nur zehn Monaten aus einem Radar in der Größe eines Schuhkartons einen fingernagelgroßen Chip, der selbst kleinste Handregungen erfasst und das Handling technischer Geräte revolutionieren wird. Das ist der digitale Innovationszyklus – und seine Frequenz steigt weiter!

Schon bald wird der digitale Anteil eines Produktes oder Prozesses dessen Nutzen und Wert zu fast 100 Prozent bestimmen. Während vorangegangene Revolutionen wie die Erfindung der Dampfmaschine oder die Automatisierung der Produktion in erster Linie die Industrie betrafen, revolutioniert die Digitalisierung in einem disruptiven Prozess Wirtschaft und Gesellschaft als Ganzes. Dadurch werden die Karten im internationalen Wirtschaftskosmos neu gemischt. Die Industrienationen von heute sind nicht zwingend die Digitalnationen von morgen.

Unsere Erfolgsgeschichte als Exportweltmeister, Innovationsstandort und Mobilitätsland Nr. 1 lässt sich nur digital fortschreiben. Der Schlüssel dazu ist digitale Souveränität. Diese Souveränität erreichen wir nicht durch Blockdenken und die Zerschlagung scheinbar übermächtiger Internetkonzerne, um heimischen Unternehmen künstliche Marktchancen einzuräumen. Wir erreichen sie auch nicht durch Ressentiments gegenüber internationalen Kooperationen und die Abschottung von Wirtschaftsräumen. Digitale Souveränität erreichen wir durch Innovationsführerschaft!

Unsere Ausgangslage ist gut: Die Industrie 4.0 mit vernetzten Produktionsprozessen, dem Internet der Maschinen und der Smart Factory ist eine deutsche Erfindung. Internetkonzerne mögen wissen, wie man Daten erhebt; unsere Industrieunternehmen wissen, wie man Daten sinnvoll in industrielle Prozesse integriert. Das gleiche bei der Mobilität 4.0: Die deutsche Automobilindustrie ist international Vorreiter bei Zukunftstechnologien wie dem automatisierten und vernetzten Fahren – und steht an der Spitze bei der Neuerschaffung des Autos als voll-digitalisierter Mobilitäts-, Kommunikations- und Informationsplattform.

Diese Pole Position bauen wir weiter aus, indem wir die Stärken der sozialen Marktwirtschaft nutzen, um den digitalen Wandel zu gestalten. Es gilt das Ludwig-Erhard-Prinzip: Innovation und Wertschöpfung brauchen Wettbewerb und Markt. Start-Ups und internationale Internetkonzerne sind deshalb keine Bedrohung für unsere Unternehmen, sondern spannende Kooperations- und Sparringpartner, die den Wettbewerb beleben. Wichtig ist Augenhöhe durch digitale Kompetenz und Kreativität. Die Digitalisierung gefährdet nicht per se Geschäftsmodelle, sondern bietet die Chance auf neue Produkte, neue Märkte und mehr Wertschöpfung. Und auch die vielzitierte Prognose zweier Forscher aus Oxford, dass die digitale Revolution die Hälfte der heutigen Arbeitsplätze überflüssig mache, liegt falsch. Digitale Innovationen lassen neue Berufsfelder entstehen und schaffen Hundertausende Jobs.

Der Sprung zur digitalen Innovationsgesellschaft ist also ein Gemeinschaftsprojekt. Aufgabe der Politik ist es, optimale Rahmenbedingungen zu schaffen. Dazu gehört eine moderne und leistungsfähige digitale Infrastruktur. Dazu gehört es, Big Data nicht als Angstkulisse aufzubauen, sondern die Nutzung und Vernetzung von Daten politisch zu ermöglichen. Und dazu gehört eine neue digitale Ordnungspolitik, die einen Kulturwandel in der Regulierung vom Verbot zur Freiheit einleitet, europaweit harmonisierte und international kompatible Regeln formuliert und eine gezielte Förderung von jungen Unternehmen in den Blick nimmt. Deshalb schnüren wir in meinem Haus ein Milliardenpaket für den Breitbandausbau und eine flächendeckende Versorgung mit mindestens 50 Mbit/s bis 2018. Und deshalb bringen wir die Laborsituation auf die Straße und bauen auf der A 9 ein „Digitales Testfeld Autobahn“, wo wir gemeinsam mit der Automobilbranche Innovationen wie das automatisierte und vernetzte Fahren erproben. Denn: Nur wo geforscht werden kann, entsteht langfristige Wertschöpfung.

Es liegt viel Arbeit vor uns. Aber ich bin überzeugt: Deutschland hat die Chance auf ein digitales Wirtschaftswunder. Der Bitkom ist auf diesem Weg als Think Tank der Digitalpioniere ein unverzichtbarer Impulsgeber. Mit seiner Positionsbestimmung zur digitalen Souveränität hat der Verband die Aufgaben klar benannt. Ich freue mich, diese gemeinsam mit der Wirtschaft anzugehen und unsere Innovationsführerschaft auch im digitalen Zeitalter zu behaupten – mit einer neuen sozial-digitalen Marktwirtschaft.

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Alexander Dobrindt

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