Wie können mehr Frauen für die Selbstständigkeit im Mittelstand gewonnen werden und welche politischen Stellschrauben sind dafür entscheidend? Im Interview spricht Dr. Janina Jänsch, Leiterin der Abteilung Mittelstand im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, über den Aktionsplan „Mehr Unternehmerinnen für den Mittelstand“, den Abbau struktureller Hürden, die Bedeutung von Vorbildern und Sichtbarkeit sowie über konkrete Maßnahmen zur besseren Finanzierung und Vernetzung von Gründerinnen.
Dr. Janina Jänsch: Traditionelle Hürden abzubauen ist immens herausfordernd, und deshalb setzen wir gleich an mehreren Stellen an. Besonders wichtig ist es uns, Mädchen und junge Frauen früh mit Unternehmerinnen in Kontakt zu bringen, denn wir alle lernen ja vor allem von Vorbildern. Seit über zehn Jahren fördert das BMWE deshalb die Initiative FRAUEN unternehmen, in der sich inzwischen über 230 „Vorbild-Unternehmerinnen“ ehrenamtlich engagieren, um Mädchen und jungen Frauen den Beruf „Unternehmerin“ näherzubringen.
Junge Frauen haben oft hervorragende Schul- und Universitätsabschlüsse, tolle Ideen und wollen sich häufig konstruktiv in unserer Gesellschaft einbringen. Leider ist dies oft gepaart mit Selbstzweifeln. Im persönlichen Kontakt mit den Unternehmerinnen können sie erfahren, wie diese mit Problemen und Hürden umgegangen sind und wie sie Chancen ergriffen haben, um ihr Unternehmen erfolgreich aufzubauen. Wichtig ist auch die klischeefreie Berufswahl, die wir im Aktionsplan mit Veranstaltungen wie dem Girls’Day oder der Unterstützung von Praktikumsangeboten von Unternehmen aller Größenordnungen fördern. 70 Prozent der Berufsentscheidungen werden aufgrund positiver Praktikumserfahrungen getroffen. Darauf kann man aufsetzen!
Dr. Janina Jänsch: Die Erfolge selbstständiger Frauen werden in den Medien leider immer noch viel zu selten erwähnt und gewürdigt. Die Beteiligung an Kampagnen und eine gezielte Medienarbeit kann hier sehr wichtige Unterstützung leisten. In der IT-Branche gibt es in Deutschland sehr erfolgreiche Frauen und Männer, die die Leistung von Frauen wertschätzen und fördern, wie etwa die Aktion #MaleAlysMonday von #SheTransformsIT zeigt.
Im Aktionsplan finden sich viele Maßnahmen zur Steigerung der Sichtbarkeit von Unternehmerinnen etwa durch Medienarbeit, Preisverleihungen, Podcasts, oder auch Talk-Runden Nur wenn solche Aktionen dezentral an vielen Stellen von vielen Akteuren aufgegriffen werden, erreichen wir die breite Öffentlichkeit. Das wollen wir nun noch weiter ausbauen.
Dr. Janina Jänsch: Der Aktionsplan setzt hier an verschiedenen Stellschrauben an. Im Bereich der öffentlich geförderten Programme fördert die KfW gezielt kleinere Venture-Capital-Fonds, die von Frauen oder gemischten Teams geführt werden – das steigert sowohl das Kapital als auch die Diversität im Fondsmanagement. Das Förderprogramm des BMWE "EXIST Women" unterstützt gezielt Frauen beim Einstieg in die unternehmerische Selbstständigkeit. Es richtet sich an gründungsinteressierte Frauen aus der Wissenschaft und bietet Coaching, Mentoring sowie finanzielle Unterstützung in einer frühen Orientierungsphase.
Darüber hinaus gibt es noch spezifische Beratungsangebote und die Unterstützung durch Netzwerke. Bei CoCo Frauen gründen von Social Business Women, einem digitalen Coaching- und Weiterbildungsprogramm, verpflichten sich die teilnehmenden Frauen, ihre Gründungsidee umzusetzen. Erfreulicherweise schaffen das die meisten auch.
Damit das Ganze übersichtlich bleibt, kann in der BMWE-Förderdatenbank das Suchkriterium „Frauen“ eingegeben werden, damit speziell zugeschnittene Programme der EU und von Bund und Ländern besser gefunden werden können.
Dr. Janina Jänsch: Die Zusammenarbeit zwischen Politik, Wirtschaft und Netzwerken hat sich als sehr vertrauensvoll und erfolgreich erwiesen. Es ist wirklich bemerkenswert, wie in der Zusammenarbeit unterschiedlicher Institutionen - von Bundesministerien über Frauennetzwerke und Wirtschaftsverbände bis hin zu Finanzierungsinstituten und wissenschaftlichen Einrichtungen – neue Ideen, Projekte und Verbindungen entstehen, weil sich alle offen einbringen und sehr konstruktiv austauschen.
Wir freuen uns sehr über das ungebrochene Interesse, sich dem Aktionsplan anzuschließen. So haben einige Bundesländer beispielsweise ihre Mitarbeit angekündigt und wollen sich mit konkreten Maßnahmen einbringen. Aktuell haben wir 41 Beteiligte, und wir müssen zunehmend darauf achten, dass wir das Ganze ohne Geschäftsstelle weiter gut managen können. Alle Institutionen und Vereine, die sich von den Best-Practice-Beispielen inspirieren lassen und dann in Eigenregie das Unternehmerinnentum fördern, sind ein Gewinn.
Dr. Janina Jänsch: In vielen Punkten sind Anliegen und Interessen von beruflich selbständigen Frauen klarer geworden, so dass wir sie bei Gesetzesvorhaben besser berücksichtigen können. In der letzten Legislatur wurden beispielsweise die Rahmenbedingungen beim Elterngeld, der steuerlichen Absetzbarkeit von Kinderbetreuungskosten und beim Ausbau von Kinderbetreuungsplätzen weiter verbessert – das kommt vielen beruflich selbständigen Frauen entgegen. Bei der Einführung des gestaffelten Mutterschutzes nach Fehlgeburten wurden selbständige Frauen, die gesetzlich versichert sind, gleich mitberücksichtigt. Das ist ein Novum, über das wir uns sehr gefreut haben.
Positiv ist auch, dass beruflich selbständige Frauen in der Öffentlichkeit sichtbarer geworden sind. Wir haben über die Zusammenarbeit im Aktionsplan Daten und Fakten zu selbständigen Frauen gesammelt und im Faktenblatt auf der Aktionsplanseite veröffentlicht. Auch das gibt uns die Möglichkeit, die Potenziale selbständiger Frauen in Zukunft noch besser zu würdigen und die Politik faktenbasiert zu gestalten. Internationale Organisationen wie die OECD und die Europäische Kommission haben unsere Arbeit wahrgenommen und gewürdigt. Der Bundesrat hat die Bundesregierung im Juni 2025 offiziell aufgefordert, den Aktionsplan fortzuführen und zu vertiefen, und die Wirtschaftsministerkonferenz hatte 2025 „Female Foundership/ Entrepreneurship“ ganz oben auf ihrer Tagesordnung.
In dieser Legislaturperiode wollen wir die unternehmerischen Leistungen von Frauen noch stärker in der breiten Öffentlichkeit verankern. Wir werden neue Akzente setzen und neue Beteiligte aufnehmen und das Erreichte festigen. Denn wir sehen, dass dies eine Daueraufgabe ist, bei der es nicht um „Quick-Wins“, sondern um strukturelle Änderungen geht, die vieler kleiner Schritte bedürfen.