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Wie Deutschland Startups und KI voranbringen will

Der Podcast „Tech Weekly #149" zum Nachlesen

Tobias Grimm:
Mit der neuen Startup- und Scaleup-Strategie will die Bundesregierung Tech-Gründungen in Deutschland stärken.


Daniel Breitinger:
Grundsätzlich nimmt die Szene die Strategie als positives Signal wahr. Aber natürlich gibt es auch eine klare Erwartungshaltung. Die Gründerinnen und Gründer, aber auch die anderen Akteure im Ökosystem erwarten, dass die Politik jetzt liefert und dass die versprochenen Maßnahmen und Ziele auch wirklich spürbar ankommen.


Tobias Grimm:
Daniel Breitinger, Startup-Experte des Bitkom, erklärt, welche Maßnahmen die Strategie vorsieht, wie sie einzuordnen ist und an welchen Stellen es noch mehr Ambitionen braucht.
Außerdem: Ein Jahr nach dem Start der Hightech Agenda Deutschland liegt eine konkrete KI-Roadmap vor.


Janis Hecker:
Allerdings hätten wir uns innerhalb des vergangenen Jahres deutlich mehr Fortschritt bei der Ausgestaltung und Umsetzung der Hightech-Agenda gewünscht. Und der zweite große Punkt ist, dass die Gesamtambition noch nicht hoch genug ist – gemessen daran, wie bedeutsam das Thema KI für Deutschland ist.


Tobias Grimm:
Janis Hecker, KI-Experte des Bitkom, gibt einen Überblick über den aktuellen Stand der Agenda und erklärt, welche Schwerpunkte die Roadmap setzt. 
Und damit herzlich willkommen zu Tech Weekly, dem Podcast des Bitkom, mit mir, Tobias Grimm.

 

 

Politik


Tobias Grimm:
Auf 36 Seiten und mit 152 Maßnahmen hat die Bundesregierung ihre neue Startup- und Scaleup-Strategie beschlossen. Ein Schritt, auf den die deutsche Startup-Szene lange gewartet hat. Was jetzt passieren muss, damit aus den Ankündigungen konkrete Verbesserungen werden, bespreche ich mit Daniel Breitinger, dem Startup-Experten des Bitkom.
Daniel, zu Beginn: Wie bewertest du die Startup- und Scaleup-Strategie aus Sicht der Digitalwirtschaft?


Daniel Breitinger:
Mit der in der vergangenen Woche vom Bundeskanzleramt verabschiedeten Startup- und Scaleup-Strategie liegt jetzt ein umfangreiches Maßnahmenpaket vor: insgesamt 152 Maßnahmen in acht Handlungsfeldern, die das Startup-Ökosystem ganzheitlich adressieren.
Ganz zentral ist dabei, dass erstmals auch Scaleups ausdrücklich in den Blick genommen werden. Es geht also nicht nur um frühphasige Unternehmen, sondern auch um einen expliziten Fokus auf wachsende Unternehmen. Themen wie Finanzierung, steuerliche Rahmenbedingungen für Investitionen und Investoren sollen angegangen werden. Die Botschaft ist: Wir wollen das Startup-Ökosystem in seiner Gesamtheit stärken.
Allerdings enthält die Strategie auch noch einige Prüfaufträge, und häufig fehlen konkrete Meilensteine. Also die Frage: Was soll eine bestimmte Maßnahme tatsächlich erreichen? Hinzu kommt, dass bei Maßnahmen, die keine Gesetzesänderung erfordern, sondern eher finanzieller Natur sind, weiterhin ein Finanzierungsvorbehalt besteht. Häufig ist also noch offen, ob im Bundeshaushalt überhaupt das nötige Budget vorgesehen ist.
Deshalb ist es jetzt umso wichtiger, zügig in die Umsetzung zu kommen und dabei wirklich ambitioniert vorzugehen. Wir müssen sagen: In den verbleibenden drei Jahren der Legislaturperiode wollen wir das Bestmögliche für das Startup- und Scaleup-Ökosystem erreichen, konkrete Ziele verfolgen und wirklich ambitioniert arbeiten.


Tobias Grimm:
Nun nimmt die Strategie ja erstmals nicht nur Startups, sondern ausdrücklich auch Scaleups in den Blick. Warum ist diese Erweiterung so wichtig?


Daniel Breitinger:
Wenn wir das deutsche Startup-Ökosystem in seiner Gesamtheit betrachten, sehen wir im Prinzip zwei große Lücken.
Die eine Lücke betrifft die Frage: Gelingt es uns, Technologie aus Forschung und Wissenschaft in die Praxis zu überführen? Die andere große Lücke liegt bei der Skalierung. In Deutschland gelingt es uns aktuell sehr gut, frühphasige Unternehmen aufzubauen. Es hapert aber noch an der Frage, wie wir es schaffen, dass diese Unternehmen auch auf europäischer und globaler Ebene mitspielen können.
Das ist aus mehreren Gründen wichtig. Zum einen können wir so europäische Technologien groß machen. Das zahlt auch auf unsere digitale Souveränität ein. Zum anderen können wir Unternehmen hier wachsen lassen und langfristig in Deutschland halten. So schaffen wir Arbeitsplätze, generieren neue wirtschaftliche Wertschöpfung und sorgen dafür, dass auch die etablierte Wirtschaft global diversifiziert bleibt.
Wir haben Anfang des Jahres im Rahmen unseres Unicorn Reports deutsche Unicorn-Founder gefragt, welche politischen Maßnahmen aus ihrer Sicht besonders wichtig sind. Neben dem Bürokratieabbau nannten zwei Drittel den erleichterten Markteintritt in andere EU-Länder, also eine stärkere Harmonisierung des europäischen Binnenmarkts.
Deshalb spreche ich auch so häufig davon, dass das Thema Scaleups europäisch gedacht werden muss. Genau deshalb ist diese Strategie wichtig: Wir sagen auf strategischer Ebene, dass wir Scaleups in Deutschland fördern wollen. Aber wir müssen das europäisch denken, denn ohne Europa werden wir das nicht schaffen.


Tobias Grimm:
Die geplanten Maßnahmen sollen unter anderem die Finanzierung erleichtern, die Fachkräftegewinnung verbessern und Bürokratie abbauen. Gleichzeitig sollen mehr Startups in Deutschland gegründet werden, hier wachsen und auch langfristig hier bleiben.
Was hörst du denn aus der Gründerszene? Wie wird die Strategie aufgenommen, und an welchen Stellen besteht noch Verbesserungspotenzial?


Daniel Breitinger:
Grundsätzlich nimmt die Szene die Strategie als positives Signal wahr. Aber natürlich gibt es auch eine klare Erwartungshaltung. Die Gründerinnen und Gründer, aber auch die anderen Akteure im Ökosystem erwarten, dass die Politik jetzt liefert und dass die versprochenen Maßnahmen und Ziele wirklich spürbar ankommen.
Für viele ist klar: Wir müssen das gemeinsam machen. Das Ökosystem muss mit der Politik zusammenarbeiten, aber auch innerhalb der Politik braucht es Zusammenarbeit. Bund und Länder müssen die Maßnahmen gemeinsam umsetzen. Und auch die verschiedenen Ministerien müssen Hand in Hand arbeiten und sich fragen: Was wollen wir gemeinsam für das Startup-Ökosystem erreichen?
Nur so kann es uns gelingen, als Startup- und Scaleup-Standort global wettbewerbsfähig zu sein. Wir müssen Unternehmen hier halten. Das hatte ich schon angesprochen.
Das Ziel muss im Kern sein, dass Unternehmen beispielsweise auch in Deutschland an die Börse gehen. Und wenn sie verkauft werden, sollten sie möglichst auch an deutsche Unternehmen verkauft werden. Es darf nicht passieren, dass sie alle abwandern und mittelfristig nicht mehr in Deutschland sitzen. Wir müssen als Standort zeigen, dass wir Unternehmen hier groß machen und langfristig halten können.
Wenn wir uns anschauen, welche Unternehmen in den vergangenen 50 Jahren gewachsen sind und eine Marktkapitalisierung von 100 Milliarden Euro erreicht haben, dann haben wir in Deutschland aktuell nur SAP. Das Ziel muss sein, dass es in den kommenden fünf bis zehn Jahren weitere Unternehmen aus Deutschland gibt, die in diese Größenordnung kommen.


Tobias Grimm:
Wie wettbewerbsfähig ist Deutschland derzeit als Standort für Startup-Gründungen, gerade im Vergleich zu den USA, Großbritannien oder auch Frankreich? Und welchen Beitrag kann die neue Strategie leisten, um Deutschlands Position zu stärken?


Daniel Breitinger:
Von den Grundvoraussetzungen her sind wir in Deutschland definitiv wettbewerbsfähig. Wir haben hervorragende Forschungseinrichtungen, viele Ideen und Patente. Und wenn wir uns anschauen, wie sich die Gründungszahlen derzeit entwickeln, dann sind wir auf einem Rekordhoch. Wir haben also Menschen in Deutschland, die gründen wollen. Und die müssen wir einfach machen lassen.
Wir müssen dafür sorgen, dass die Bürokratie möglichst weit reduziert wird, dass es möglichst einfach ist, in Deutschland zu gründen, und dass man sich in den ersten Jahren auf das konzentrieren kann, was für das Überleben des Unternehmens wirklich wichtig ist: Produktentwicklung und Kundenakquise.
Gleichzeitig müssen wir finanzielle Rahmenbedingungen schaffen, damit Unternehmen in Deutschland Kapital aufnehmen können und die notwendigen Fachkräfte finden. Das sind Rahmenbedingungen, die die Politik gestalten kann.
In einigen Bereichen müssen wir aber noch besser werden. Dazu gehört beispielsweise der Zuzug internationaler Fachkräfte. Die Work-and-Stay-Agentur, die sich jetzt nicht in der Strategie wiederfindet, könnte dazu beitragen, internationale Top-Talente einfacher nach Deutschland zu holen.
Dazu gehören auch Themen wie Mitarbeiterbeteiligung. Und es geht um die Frage, wie wir das Kapital, das in Deutschland vorhanden ist – und davon haben wir eine Menge –, stärker für Venture Capital mobilisieren. Wie schaffen wir Anreize dafür, dass beispielsweise institutionelle Investoren verstärkt in Venture Capital investieren?
Die Grundvoraussetzungen sind da. Jetzt gilt es zu sagen: Ja, wir wollen das, und wir können das.


Tobias Grimm:
Daniel, vielen Dank für das Gespräch.

 

Technologie


Tobias Grimm:
Die Startup- und Scaleup-Strategie ist auch ein wichtiger Baustein für die Hightech Agenda Deutschland. Denn bei Künstlicher Intelligenz, Mikroelektronik und weiteren Schlüsseltechnologien will Deutschland wieder zur internationalen Spitze aufschließen.
Inzwischen zeigen erste Roadmaps der Hightech Agenda Deutschland, wohin die Reise gehen soll. Was im Bereich der künstlichen Intelligenz geplant ist, beschreibt Janis Hecker, KI-Experte des Bitkom.
Janis, mit der KI-Roadmap der Hightech Agenda Deutschland bündelt die Regierung ihre Maßnahmen, um Deutschland zur KI-Nation zu machen. Was ist im ersten Jahr passiert? Gib uns einmal einen Überblick.


Janis Hecker:
Ich würde zunächst mit einem Rückblick beginnen: Was stand im vergangenen Jahr schon in der Hightech Agenda KI?
Dort gab es drei übergreifende Ziele für den KI-Standort. Erstens soll sich die Wertschöpfung durch KI bis 2030 nennenswert steigern. Zweitens soll die Verfügbarkeit von KI-Kapazitäten wie Rechenleistung und Daten verbessert werden. Und drittens soll Deutschland zu den führenden Akteuren bei KI-Innovationen und bei KI der nächsten Generation gehören.
Jedes dieser drei übergreifenden Ziele wurde schon mit fünf oder sechs Maßnahmen untermauert.
Was ist nun innerhalb des vergangenen Jahres passiert? Zum einen ist ein viertes Ziel hinzugekommen: der Ausbau der KI-Nutzung im Gesundheitswesen. Deutschland sieht sich hier in einer besonders guten Wettbewerbsposition, und dieser Bereich könnte zu einem besonderen Stärkenfeld werden. Auch dieses Ziel wurde mit neuen Maßnahmen unterlegt.
Zum anderen wurden übergreifend für die gesamte Hightech Agenda KI sogenannte Meilensteine eingeführt. Das ist ein zusätzliches Element, das die übergreifenden Ziele weiter spezifiziert. Dadurch wird die Kommunikation der Schwerpunkte erleichtert, aber auch das Monitoring und später die Nachsteuerung bei der Umsetzung.


Tobias Grimm:
Dann lass uns einmal auf den Prozess an sich schauen. Wie bewertest du ihn generell, und was ist der Inhalt der KI-Roadmap?


Janis Hecker:
Die Breite des Maßnahmenportfolios finden wir grundsätzlich gut, auch wenn vieles noch konkreter werden müsste und hoffentlich in Zukunft auch konkreter wird.
Insbesondere die Steuerungslogik über sehr ergebnisorientierte Meilensteine, die bestimmten Jahren zugeordnet sind, finden wir begrüßenswert.
Allerdings hätten wir uns innerhalb des vergangenen Jahres deutlich mehr Fortschritt bei der Ausgestaltung und Umsetzung der Hightech Agenda gewünscht. Und der zweite große Punkt ist, dass die Gesamtambition noch nicht hoch genug ist – gemessen daran, wie bedeutsam das Thema KI für Deutschland ist.
Es ist sogar so, dass Expertinnen und Experten davon ausgehen, dass die Entwicklung einer allgemeinen künstlichen Intelligenz – also einer KI, die dem Menschen in allen kognitiven Fähigkeiten ebenbürtig oder überlegen ist – innerhalb der nächsten fünf bis 15 Jahre, vielleicht sogar früher, gelingen könnte.
Das ist nicht sicher. Sicher ist aber, dass die Auswirkungen eines solchen Szenarios gewaltig wären: ökonomisch, gesellschaftlich und sicherheitstechnologisch. Deshalb würde man erwarten, dass auch unsere Vorbereitung auf eine solche Entwicklung sehr ambitioniert ausfällt.
Was braucht es dafür? Zum einen die richtigen Rahmenbedingungen, zum anderen aber gerade mit Blick auf die Hightech-Agenda KI auch ein entsprechendes finanzielles Commitment.
Wenn man in den Haushaltsentwurf 2027 schaut, sieht man, dass bisher nur wenige Hundert Millionen Euro für die Hightech Agenda KI eingeplant wurden – abseits der AI-Gigafactory-Initiative. Das ist weniger als ein Tausendstel des Haushaltsentwurfs 2027.
Und das, obwohl mit dem Sondervermögen für Infrastruktur und Digitalisierung allein 100 Milliarden Euro über die nächsten zehn Jahre zur Verfügung stehen. Das heißt: Wir sehen noch lange nicht das finanzielle Commitment, das man angesichts der Bedeutung des Themas erwarten würde – und auch angesichts des erklärten Ziels der Bundesregierung, Deutschland wirklich zur KI-Nation zu machen.


Tobias Grimm:
Die Roadmap für KI steht jetzt. Wie muss es weitergehen – und vor allem schneller?


Janis Hecker:
Zum einen möchte ich den ersten Punkt noch einmal unterstreichen: Wir brauchen größere Ambitionen und mehr finanzielle Mittel.
Zum Zweiten sehen wir noch vereinzelt blinde Flecken. Zum Beispiel wird die Förderung und Stärkung von KI in der Cyberabwehr ein zunehmend wichtiges Thema.
Und zum Dritten ist es jetzt entscheidend, dass wir zügig in die konkrete Ausgestaltung der bereits beschlossenen Maßnahmenpakete kommen. Dabei muss eng mit Akteuren aus der Wirtschaft zusammengearbeitet werden, damit die Umsetzung möglichst entlang von Marktbedarfen und Potenzialen erfolgt und nicht an ihnen vorbei konzipiert wird.


Tobias Grimm:
Janis, vielen Dank für das Gespräch.

 

 

Der Terminkalender


Tobias Grimm:
Mit dem kurzen Blick auf Kalenderwoche 32: Der Bundestag und auch das Europäische Parlament befinden sich weiterhin in der parlamentarischen Sommerpause. Deshalb stehen in dieser Woche auch keine digitalpolitischen Termine oder Events auf der Agenda.
Und damit endet der Ausblick auf die kommende Woche auch schon. Weitere Nachrichten aus der Digitalbranche gibt es wie immer auf bitkom.org. 
Danke fürs Zuhören und bis nächsten Freitag.