Berlin, 26. Oktober 2026 - Die gefälschte Stimme der Tochter in einer Notlage am Telefon, ein manipuliertes Video des Chefs oder ein Prominenter, der in einem künstlich erzeugten Clip für eine Geldanlage wirbt: Cyberkriminelle setzen verstärkt auf Deepfakes. 9 Prozent der Internetnutzerinnen und -nutzer in Deutschland wurden in den vergangenen zwölf Monaten mit einer echt wirkenden, mit Hilfe von KI erstellten oder veränderten Foto-, Video- oder Sprachaufnahme getäuscht. Vor einem Jahr hatten erst 3 Prozent davon berichtet. Insgesamt sind 64 Prozent der Internetnutzerinnen und -nutzer binnen zwölf Monaten Opfer von Cyberkriminalität geworden, nach 61 Prozent vor einem Jahr. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Befragung von 1.126 Personen ab 16 Jahren in Deutschland im Auftrag des Digitalverbands Bitkom, die heute im Vorfeld der IT-Sicherheitsmesse it-sa veröffentlicht wurde. „Cyberkriminelle nutzen alle technischen Möglichkeiten, die sich ihnen bieten. Und Künstliche Intelligenz macht Betrug leichter und glaubwürdiger. Eine vertraute Stimme oder ein echt wirkendes Video schaltet bei vielen das Misstrauen zumindest im ersten Moment aus, genau darauf setzen die Täter“, sagt Susanne Dehmel, Mitglied der Bitkom-Geschäftsleitung. „Wer einen schockierenden oder ungewöhnlichen Anruf oder eine dringende Zahlungsaufforderung bekommt, sollte immer über einen zweiten Kanal nachfragen, bevor er handelt.“
Doch so stark neue Betrugsmaschen wie Deepfakes zunehmen, die meisten Opfer trifft es weiterhin mit altbekannten Methoden. An der Spitze stehen Schadprogramme wie Viren, mit denen bei 32 Prozent Computer oder Smartphones infiziert wurden. Es folgen Betrug beim Online-Einkauf (29 Prozent) und Phishing per Mail, Kurznachricht oder Telefon (21 Prozent), die beide seltener geworden sind.
Bei 14 Prozent wurden Zugangsdaten zu Online-Diensten wie sozialen Netzwerken oder Shopping-Seiten ausspioniert. 9 Prozent berichten, dass sich jemand im Internet unter ihrem Namen ausgegeben hat, 6 Prozent wurden Kontodaten oder Kreditkarten gestohlen und missbraucht. „Zugangsdaten und digitale Identitäten sind für Kriminelle bares Geld wert. Wer einmal Zugriff auf ein E-Mail-Konto hat, kann von dort aus weitere Konten übernehmen, im Namen des Opfers Waren bestellen oder Freunde und Familie täuschen“, sagt Dehmel. „Ein einzigartiges, starkes Passwort für jeden Dienst und die Zwei-Faktor-Authentifizierung oder auch neue Lösungen wie Passkeys sind der wirksamste Schutz.“
Neben Deepfakes setzen Kriminelle auch auf andere neue Methoden, etwa mit gefälschten QR-Codes, die auf betrügerische Webseiten führen. 5 Prozent sind so in die Falle gelockt worden. Vergleichsweise selten sind Betrug beim Online-Verkauf (4 Prozent) und Ransomware-Angriffe, bei denen Daten verschlüsselt und Lösegeld gefordert wird (3 Prozent). Nur 1 Prozent berichtet von unberechtigter Nutzung des Online-Banking-Zugangs. Zudem werden Menschen im Netz auch persönlich angegangen: 6 Prozent wurden sexuell belästigt, 4 Prozent bedroht.
Die unterschiedlichen Angriffsarten haben eine gemeinsame Folge: finanzielle Verluste. 58 Prozent der Betroffenen ist durch Cyberkriminalität ein persönlicher finanzieller Schaden entstanden. Bei weiteren 5 Prozent haben Händler, Bank oder Versicherung den Schaden übernommen. Im Schnitt entstand den Betroffenen ein Schaden von 233 Euro.
Nach einem Vorfall werden die meisten zunächst selbst aktiv: 45 Prozent der Betroffenen haben ihr Passwort oder andere Sicherheitsinformationen geändert, 17 Prozent ihren Account bei der betroffenen Plattform gelöscht oder gekündigt. 42 Prozent haben das Gespräch mit Freunden oder Familie gesucht. An externe Stellen wenden sich Betroffene seltener: 36 Prozent an das Unternehmen, dessen Plattform für die Tat genutzt wurde, 13 Prozent an Behörden wie das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI), 8 Prozent an einen Rechtsanwalt. Strafanzeige bei der Polizei hat mit 19 Prozent nur knapp ein Fünftel der Betroffenen erstattet, vor einem Jahr waren es noch 26 Prozent. 18 Prozent haben gar nicht reagiert.
Auch die Erfahrungen derjenigen, die Anzeige erstatten, sind häufig ernüchternd. Bei 22 Prozent wurde das Verfahren eingestellt, 27 Prozent sagen, die Anzeige habe aus ihrer Sicht nichts gebracht. Bei weiteren 22 Prozent läuft das Verfahren noch, 15 Prozent haben bisher gar keine Rückmeldung erhalten. Positive Erfahrungen sind seltener: 19 Prozent haben hilfreiche Informationen oder Unterstützung erhalten, 13 Prozent hatten das Gefühl, dass ihr Fall ernst genommen wurde. 6 Prozent haben ihr Geld oder ihre Daten zurückbekommen, aufgeklärt wurde der Fall nur bei 2 Prozent. „Jede Tat, die nicht angezeigt wird, fehlt im Lagebild, und Täter, die nicht verfolgt werden, machen weiter“, sagt Dehmel. „Polizei und Justiz müssen personell und technisch so ausgestattet sein, dass aus Anzeigen auch Ermittlungserfolge werden.“
Häufig fehlt schon die Orientierung. Unverändert 54 Prozent der Internetnutzerinnen und -nutzer wissen nicht, an wen sie sich nach einem Cyberangriff wenden können. Von Polizei und Politik erwarten die Menschen mehr: 87 Prozent wünschen sich mehr Präsenz der Polizei im digitalen Raum, 86 Prozent höhere Strafen für Cyberkriminalität.
Die it-sa Expo&Congress findet vom 27. bis 29. Oktober 2026 im Messezentrum Nürnberg statt. Bitkom ist seit 2009 ideeller Träger der Messe. Alle Informationen unter www.bitkom.org/it-sa
Grundlage der Angaben ist eine Umfrage, die Bitkom Research im Auftrag des Digitalverbands Bitkom durchgeführt hat. Dabei wurden 1.126 Personen in Deutschland ab 16 Jahren telefonisch befragt, darunter 1.031 Internetnutzerinnen und -nutzer. Die Befragung fand im Zeitraum von KW 33 bis KW 37 2026 statt. Die Umfrage ist repräsentativ. Die Vergleichswerte stammen aus einer Befragung von 1.115 Personen ab 16 Jahren, darunter 1.021 Internetnutzerinnen und -nutzer, im Zeitraum von KW 49 2024 bis KW 2 2025. Die Fragestellungen lauteten: „Welche der folgenden Erfahrungen mit Cyberkriminalität haben Sie persönlich in den vergangenen 12 Monaten im Internet gemacht?“, „Sie haben angegeben, dass Sie Opfer von Kriminalität im Internet geworden sind. Ist Ihnen dabei ein finanzieller Schaden entstanden?“, „Und wie haben Sie auf den kriminellen Vorfall bzw. die Vorfälle im Internet reagiert?“, „Sie haben angegeben, dass Sie wegen des Vorfalls Strafanzeige bei der Polizei erstattet haben. Welches Ergebnis hatte die Strafanzeige?“ sowie Aussagen zum Thema Cyberkriminalität und Cybersicherheit.