30.09.2014 carIT – Kann Deutschland mithalten?

Anlässlich des carIT-Kongresses in Hannover hat Bitkom-Präsident Prof. Dieter Kempf sich seine Gedanken zu intelligenten Fahrzeugen in einer vernetzten Verkehrswelt gemacht.

„Im Straßenverkehr der Zukunft bewegen sich Autos beinahe lautlos und abgasfrei durch die Straßen, wie an einer unsichtbaren Schnur entlang. Keines fährt zu schnell oder zu langsam. Alles ist harmonisch aufeinander abgestimmt. Der Wagen erkennt selbständig mögliche Gefahren. Die Gesundheit von Fußgängern und Insassen ist nicht mehr von der Tagesform oder dem aktuellen Zustand des Fahrers abhängig.

Auf dem Sitz, der einmal der Fahrersitz war, kann der Familienvater seinen Kindern in aller Ruhe erklären, wie ein Lenkrad ausgesehen hat und dass er sich in seiner Jugend etwas Unangenehmem unterziehen musste, das sich Führerscheinprüfung nannte. Mit anderen Verkehrsteilnehmern muss er nicht kommunizieren, das erledigen die Wagen selbst. Und das ganz ohne Hupe und Zeige- bzw. Mittelfinger.

Utopie? Ja, sicherlich. Auch wenn wohl in wenigen Jahren autonom fahrende Fahrzeuge auf unseren Straßen unterwegs sein werden, wird das oben beschriebene Szenarion noch eine Weile Zukunftsmusik bleiben. Dennoch müssen wir uns mit der Frage beschäftigen, ob wir in Deutschland bei solchen Szenarien federführend dabei sein wollen oder nur konsumieren wollen. Wie bei Smartphones.

Auch seitens der Politik gibt es Signale Richtung Wandel. Nur habe ich manchmal das Gefühl: Für zwei Schritte, die wir vorankommen, gehen wir einen zurück. So hat das Bundesverkehrsministerium nun auch die Hoheit über den Ausbau der digitalen Infrastruktur. Getreu dem Motto: Alles, was mit Verkehr zu tun hat, kommt in das entsprechende Ministerium, also auch der Datenverkehr. Wir begrüßen sehr, dass nunmehr Verkehrs- und Breitbandnetze aus einer Hand geplant werden. Schließlich sind 80 Prozent der Kosten im Breitbandausbau so genannte Grabe-Kosten. Es geht nicht um Hightech, es geht um Tiefbau: Straße auf, Kabel rein, Straße zu. Hier lassen sich künftig enorme Synergien schöpfen.

Dennoch gibt es ein Aber: Die Zuständigkeiten für digitale Themen wurden an anderer Stelle zersplittert. Telekommunikations- und Energienetze wurden auseinander gerissen, wo wir doch mit dem Aufbau von Smart Grids im Energiesektor die gleiche Herkulesaufgabe vor uns haben wie mit dem Aufbau intelligenter Mobilitätsnetze im Verkehrssektor. Ist es Parteilogik? Sachlogisch ist es nicht.

Die Individualverkehre, Transportverkehre und der ÖPNV sind untereinander faktisch nicht vernetzt. Deutschland mangelt es an einem intermodalen Verkehrsdaten-Verbundsystem. Der BDI stellte Anfang des Jahres einen schleichenden Substanzverlust der deutschen Verkehrswege fest. Der jährliche Bedarf für Straße, Schiene und Wasserstraße liege bei mindestens 14 Milliarden Euro. Nicht einmal elf Milliarden gibt der Bund tatsächlich aus. Ein Gutteil der deutschen Verkehrswege muss also ohnehin erneuert werden. Eine gute Gelegenheit, mehr Bytes in den Beton zu bringen.

  • Schweden betreibt schon seit 1997 als erstes Land überhaupt das Regierungsprogramm „Vision Zero“ mit dem ehrgeizigen Ziel, die Zahl der Verkehrstoten auf null zu senken. Dafür wurden Alcolocksysteme eingeführt und Autobahnen flächendeckend mit Wireless-Sensoren ausgestattet. In Stockholm werden pro Sekunde insgesamt 250.000 anonymisierte GPS-Daten von Handybesitzern, Stau- und Unfallmeldungen sowie Daten von Sensoren und dem Mautsystem analysiert und so der Verkehr gesteuert. Die individuellen Fahrzeiten konnten um 50 Prozent verringert werden, das Verkehrsaufkommen und die Emissionen um 20 Prozent. Inzwischen exportiert Schweden diese Lösungen nach Brasilien oder in die Türkei.
  • Die niederländische Bahn stellt derzeit komplett auf elektronische Tickets um. Im Falle eines leeren Akkus muss man bei uns noch einen Papierzettel vorzeigen können.
  • Mit spitsvrij [gesprochen: sbitzfrei] wurde bis Ende 2013 rund um Utrecht ein Modellversuch zur anreizbasierten Verkehrsoptimierung durchgeführt. Mit IT-gestützter Musterkennung konnte man viele Staus im Berufsverkehr auflösen.
  • Oder London: Die Congestion Charge mag nicht jedem gefallen. Sie hat allerdings nachhaltig zur Optimierung des innerstädtischen Verkehrs beigetragen – voll automatisiert ohne zusätzliche Einbauten im Fahrzeug.

All das wäre auch in Deutschland möglich, wenn wir hierzulande etwas mehr Offenheit für Innnovationen zeigten, die ausgetretenen Pfade verlassen würden. Dazu gehört auch, dass Kooperation zwischen öffentlicher Hand und Wirtschaft nicht die Ausnahme bleibt, sondern zur Regel wird. Deutschland ist in der Lage, große Infrastrukturprojekte zu stemmen. Wir können zum Leitmarkt für intelligente Mobilität werden, vom eher abschreckenden Beispiel zum Vorbild für andere Länder.“

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Prof. Dieter Kempf

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