04.03.2015 Sind Daten die Währung von morgen?

Dieser Frage ging Bitkom-Präsident Prof. Dieter Kempf beim Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim nach. Auszüge aus seinem Vortrag lesen Sie hier.

„Sind Daten tatsächlich die Währung von morgen? Ich könnte es mir einfach machen und sagen: Ja, natürlich. Schon heute bezahlen Sie mit Ihren Daten. Und zwar nicht nur im Internet. Natürlich nutzen Facebook, Twitter, Google & Co. Ihre Daten auch wirtschaftlich, insbesondere um Ihnen personalisierte Werbung anzubieten. Mit den Werbeerlösen wird dann ein Dienst finanziert, der Sie zumindest kein Geld kostet. Für Sie, für uns, hat das zudem den Vorteil, dass die Werbung spezifischer an unseren Interessen ausgerichtet ist, als dies bei Postwurfsendungen der Fall ist.

Aber es geht bei weitem nicht nur um die großen sozialen Netzwerke und Suchmaschinen, die indirekt über die Verwertung unserer Daten Erlöse erzielen. Gleiches gilt für fast alle vermeintlich kostenlosen Email-Dienste, Onlineangebote von Zeitungen, Radio- und Rundfunksendern, für Games, für Apps et cetera. Für nichts gibt es nichts. Das war schon immer so, und weshalb sollte das im Internet anders sein?

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Selbst in der Offlinewelt haben Daten einen hohen Wert. Sie können nur weniger gut spezifiziert, damit weniger hart bemessen und weniger ertragreich vermarktet werden. Ihr Wohnort macht wertvolle Aussagen über Ihre Bonität – und Sie erhalten einen günstigeren Kredit. Ihr Berufsstand macht Aussagen über Ihr Fahrverhalten – und Sie zahlen als Beamter eine geringere Versicherungsprämie. Welche Zeitung Sie lesen, macht Aussagen über Ihren Bildungsstand – und Sie erhalten spezielle Werbung.

Daten sind wertvoll. Aber sind sie auch eine Währung? Im eigentlichen Sinn muss die Antwort lauten: Nein, Daten sind keine Währung. Man kann Sie eben nicht einfach frei tauschen. Es gibt keine frei floatenden Datenkurse, es gibt keine von einer Datenbank festgesetzte Datenumlaufmenge. Es gibt übrigens auch keine Inflationsrate für Daten. Anders als Geld werden Daten umso wertvoller, je mehr Daten verfügbar sind. Denn mit jedem neu hinzugekommenen Datum wächst die Möglichkeit der Bezüge innerhalb einer Datenbank im Quadrat. Anders als bei traditionellen Währungen ist bei Daten Sparsamkeit also eher kontraproduktiv.

Richtig ist aber auch: Daten ersetzen in immer mehr Fällen eine finanzielle Transaktion. Und so war die Eingangsfrage nach der Datenwährung wohl auch gemeint.

Sie impliziert mittelbar, dass es eher negativ ist, wenn wir anderen unsere Daten überlassen. So wie wir es uns beim Geld auch zweimal überlegen würden, ob wir es einfach so herausgeben. In Deutschland verfahren wir nach dem Prinzip, Daten erstmal pauschal zu schützen und abzuschirmen, bevor wir uns in einem zweiten Schritt überlegen, ob und wofür wir sie eventuell herausgeben. Ein Arzt sollte auf alle relevanten Informationen zugreifen können, um seinem Patienten zu helfen. Das sagt der gesunde Menschenverstand. Der Gesetzestext sagt häufig etwas anderes.

Damit wir uns nicht falsch verstehen. Es gibt persönliche Daten, die persönlich bleiben und entsprechenden Schutz erfahren müssen. Es gibt aber auch Daten, deren Austausch einen Mehrwert für Individuum und Gesellschaft bietet.

[...]

Eine moderne Datenpolitik muss das überkommene Prinzip der Datensparsamkeit, so wenige Daten wie möglich zu sammeln, umkehren. Sie muss dafür sorgen, dass vorhandene Daten auch genutzt werden können: zur Verkehrslenkung, zur Steuerung unseres Energieverbrauchs, zur Überwachung von Körperfunktionen oder für individualisierte Krebstherapien. Und sie muss gleichzeitig dafür sorgen, dass diese Daten ein Höchstmaß an Schutz genießen – nicht nur in Deutschland, sondern weltweit.

[...]

Wichtiger als einzelne Gesetze und Verordnungen ist aber eine Umkehr im Denken. Wir müssen uns fragen, ob wir um Daten pauschal erst einmal eine Mauer errichten sollen und dann im nächsten Schritt überlegen, ob und wofür wir die Zugbrücke herunterlassen. Oder ob wir nicht grundsätzlich zunächst Brücken bauen und dann im Einzelfall Daten abschirmen, bei denen das besonderen Sinn macht. Wir stehen an der Schwelle zu einer Datenökonomie. Die alles entscheidende Frage ist, ob wir Deutschland zu einem internationalen Top-Standort in der Datenwirtschaft weiterentwickeln. Oder ob wir dieses Zukunftsfeld durch eine überhastete Regulierung in Deutschland verschließen und anderen überlassen.

Das führt uns zur Eingangsfrage zurück. Sind Daten die Währung von morgen? Ja, sie sind heute bereits eine Art Zahlungsmittel für verschiedene Online-Diente, wie eingangs erwähnt. Anderseits sind Daten keine Währung im engeren Sinne. Es gibt keine Wechselkurse, keine von Banken festgelegte Umlaufmenge. Und am wichtigsten: Anders als Geld werden Daten umso wertvoller, je mehr davon verfügbar sind.

Durch sinnvolles Teilen unserer Daten bekommen wir einen überproportionalen Mehrwert zurück. Anders gesagt: Daten sind ein viel zu kostbares Gut, um sie ungenutzt liegen zu lassen.“

© ZEW/Thomas Tröster

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