19.10.2015 Internationalisierung in der Plattformökonomie wichtiger als je zuvor

Um die Zukunft zu verstehen, hilft ein Blick in die Vergangenheit. Es gab eine Zeit, in der Menschen zum Schneider gingen, um sich dort den Sonntagsanzug schneidern zu lassen. Eine einmalige Investition fürs Leben. Mit der gleichen Maßgabe entschied man sich stets bei jeder Anschaffung, sei es ein Tisch oder ein Stuhl. Nicht jeder konnte sich das leisten und häufig genug musste man sich entscheiden, ob man entweder vernünftige Kleider tragen oder an einem hochwertigen Tisch sitzen wollte. Dann kam die industrielle Massenfertigung und hat Produkte des Alltags breiten Bevölkerungsschichten zugänglich gemacht. Alles war erschwinglich, aber nichts mehr besonders.

Die Digitalisierung wird beides verknüpfen. Maßanfertigung für die Masse, Individualität für jeden. Der „Handwerker“ ist ein 3D-Drucker, der den Tisch oder Stuhl nach genau persönlichen Vorstellungen ausdruckt. In den kommenden beiden Jahren werden wir hier neue Technologien erleben, die rein gar nichts mehr mit dem zu tun haben, was wir heute unter 3D-Druck verstehen. Das ist keine Zukunftsmusik, das funktioniert in den Entwicklungslabors einiger Bitkom-Firmen heute schon. In Kürze gehen die Angebote in den Markt. Enorme Herausforderungen, auch Risiken, vor allem aber riesige Chancen für uns alle am Standort Deutschland.

Die Digitalisierung senkt Hürden für den Markteintritt neuer Player und beschleunigt Prozesse. Wertschöpfungsketten werden verkürzt. Wir Endverbraucher ändern unser Verhalten und treten direkt mit Herstellern in Kontakt. Die kommende Phase der Digitalisierung erfasst dabei alle Wirtschaftszweige, nicht nur die immateriellen, ebenso die materiellen. Die Plattformökonomie des 21. Jahrhunderts verändert bestehende Strukturen, weit über ihren unmittelbaren Wirkungsradius hinaus. Die Wirtschaft wird in gewisser Hinsicht demokratisiert. Die großen Tech-Unternehmen werden nicht in Schlössern, sie werden in Garagen geboren. Was heute ein kleines Start-up ist, kann morgen schon ein Weltkonzern sein.

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Thorsten Dirks

Präsident Bitkom e.V.

Zitat

„Die Plattformökonomie des 21. Jahrhunderts verändert bestehende Strukturen, weit über ihren unmittelbaren Wirkungsradius hinaus. Die Wirtschaft wird in gewisser Hinsicht demokratisiert. Die großen Tech-Unternehmen werden nicht in Schlössern, sie werden in Garagen geboren.“

Thorsten Dirks, Präsident Bitkom e.V.

Traditionelle Branchen und Berufe müssen sich darauf einstellen. Fertigungsbetriebe müssen sich zur Industrie 4.0 wandeln, Automobilhersteller mit autonomen Fahrzeugen zu intermodalen Mobilitätsdienstleistern werden. Europas Ärzte werden schon bald mit telemedizinischen Gesundheitszentren in Asien konkurrieren, Banken müssen sich mit der Abwicklung des Online-Zahlungsverkehrs durch Web-Dienste auf der einen und schnellen Fintech-Start-ups auf der anderen Seite auseinandersetzen. Was in diesen Branchen begann, wird beim Handwerker nicht enden.

So groß die Herausforderungen auch sind: Gerade wir hier in Deutschland brauchen uns vor der digitalen Revolution nicht zu fürchten. Wir haben einen herausragend guten Maschinenbau, nach wie vor die stärksten Automobilhersteller, beeindruckend leistungsfähige Logistiker und Retailer und eine führende Medizintechnik, um nur einige der Vorzeigebranchen zu nennen. Speziell im IT-Mittelstand aber haben wir Nachholbedarf. Für einen Großteil dieser Unternehmen heißt Internationalisierung zu häufig nur Österreich und Schweiz. Auch mittelständische IT-Anbieter sollten aber den Ehrgeiz haben, die strategischen und besonders innovativen Technologien und Dienste hierher nach Deutschland und Europa zu holen, sie hier zu entwickeln und sie von hier in die internationalen Märkte zu tragen.

Auf den Plattformen der digitalen Wirtschaft gelten ganz andere Regeln als in der analogen Welt. Es geht um Netzwerkeffekte statt um Skaleneffekte. Mit „small is beautiful“ kommen wir nicht weiter, Größe wird zum Wert an sich. Und: The winner takes it all. Deshalb sind eine erfolgreiche Internationalisierung und ein schnelles Wachstum zu global relevanter Größe heute wichtiger als jemals zuvor.

Die Aufgabe der Politik ist es dabei, nicht nur nicht im Weg zu stehen, sondern vielmehr den Weg für die Digitalisierung und neue Geschäftsmodelle mutig frei räumen. Konkret brauchen wir fünf Dinge: intelligente Netze, eine moderne Datenpolitik, ein zeitgemäßes Bildungssystem, und den passenden Rechtsrahmen. Mit unternehmerischem Weitblick, persönlichem Einsatz und politischer Flankierung wollen wir die digitale Revolution in Deutschland nicht nur erfolgreich bewältigen, wir wollen sie von hier aus treiben.

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