10.11.2015 Ackerbau geht nicht vom Schreibtisch!

Ein Landwirt, egal ob in Europa oder den USA, in Afrika oder Asien, hat einen der wohl komplexesten Produktionsprozesse zu beherrschen, den man sich vorstellen kann: Er muss das biologische System Pflanze verstehen, mit ihren Ansprüchen, und ihren Reaktionsmustern, er muss den Boden mit seinen kleinräumigsten Unterschieden und variierenden Aggregatzuständen berücksichtigen, er wirtschaftet unter freiem Himmel mit aller Varianz an Temperatur, Strahlung, Niederschlag und Luftfeuchtigkeit. Kurzum: Er trifft vielfach Entscheidungen unter Unsicherheit. Hinzu kommen Logistik, Lagerhaltung, Veredelung und Vermarktung - die Reihe ließe sich lange fortführen.

Landwirtschaft 4.0 verspricht mehr Präzision, präzise Handlungsanweisungen durch intelligente Algorithmen, Entscheidungen nur noch aus dem Headquarter eines Betriebes. Doch ich bin ganz ehrlich – das bleibt wohl eine Illusion.

Realistisch gebraucht werden Instrumente, die Entscheidungen unterstützen und Teilprozesse automatisieren. Und genau dies ist heute schon Stand der Technik: Sensorgestützte Informationsgewinnung, satellitenbasierte Orientierung, bisher unvorstellbare Präzision durch elektronische Steuerungssysteme, von der Fahrspur bis zur Saatgutablage. Komplexe Algorithmen als Entscheidungshilfe, die intelligente Kombination von Hardware und Informationstechnologie, Farm-Managementsysteme, die einfachen Zugriff auf Daten des Betriebes für verschiedenste Anwendungen ermöglichen.

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Carl-Albrecht Bartmer

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„Landwirtschaft 4.0 verspricht mehr Präzision, präzise Handlungsanweisungen durch intelligente Algorithmen, Entscheidungen nur noch aus dem Headquarter eines Betriebes. Doch ich bin ganz ehrlich – das bleibt wohl eine Illusion.“

Carl-Albrecht Bartmer, Präsident der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG)

Wir wären nicht die DLG, wir wären nicht die Organisation zur Inspiration von Fortschritt, wenn wir nicht Realismus einforderten und auf zu lösende Aufgaben hinwiesen. Realismus heißt, es bleibt wohl eine Illusion, die komplexen Managemententscheidungen eines Landwirtes allein von der IT treffen zu lassen. Ackerbau geht nun mal nicht vom Schreibtisch! Richtig ist, dass Elektronik zahlreiche neue Möglichkeiten zur Abstützung von Entscheidungen bietet. Doch bei einigen wichtigen Themen gibt es noch dringenden Handlungsbedarf:

Die Zeit der Insellösungen muss Geschichte sein. Wir brauchen funktionssichere Schnittstellen zwischen den schon bestehenden Möglichkeiten. Und offen müssen sie sein, die Schnittstellen, weil wir den Wettbewerb der leistungsfähigsten Systeme zulassen müssen. Wer der inhärenten Versuchung erliegt, seine Kunden mittels Landwirtschaft 4.0 vor dem Wettbewerb der anderen Hersteller zu „schützen“, wird sich gerade den Zugang zu dessen Kunden verbauen.

Das sind möglicherweise viel wichtigere Fragen als die der Datensicherheit, die auf dezentralen Speichern ohnehin überschätzt wird. Apropos Daten: Landwirtschaft 4.0 funktioniert nur, wenn auch technisch Daten im ländlichen Raum schnell ausgetauscht werden können. Leistungsfähige Datennetze wäre ein Feld herausragender Profilierung für die Bundesregierung.

Digitalisierung der Landwirtschaft

Weitere Informationen zum Thema Landwirtschaft gibt es auf unserer Themenseite

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