Ralf Wintergerst:
Sehr geehrter Herr Minister, lieber Herr Wildberger, jetzt sitzen wir hier wieder nach knapp anderthalb Jahren. Sie sind jetzt seit fast anderthalb Jahren Digitalminister und Minister für Staatsmodernisierung. Wir wollen ein bisschen zurückblicken, eine aktuelle Bestandsaufnahme machen und natürlich auch nach vorne schauen.
Wenn wir zunächst kurz zurückblicken: Sie sind der Minister mit den meisten Digitalvorhaben aus dem Koalitionsvertrag und Sie legen ein ordentliches Tempo vor. Wie geht es Ihnen selbst dabei? Kommen wir gut voran oder müsste es noch schneller gehen? Was ist Ihr wesentliches Fazit nach diesen anderthalb Jahren?
Karsten Wildberger:
Vielen Dank, Herr Wintergerst, und danke, dass wir nach anderthalb Jahren noch einmal Bilanz ziehen können. Wie geht es mir? Zunächst einmal würde ich sagen: Wir haben in diesem Jahr beziehungsweise in diesen anderthalb Jahren verdammt viel umgesetzt. Sehr viel ist in Arbeit und noch mehr muss am Ende passieren. Da bin ich durchaus getrieben.
Wir haben ein Haus aufgebaut. Ich habe eine fantastische Mannschaft. Aber ich muss auch sagen: Es gibt schon Momente, in denen man ein bisschen müde ist.
Ralf Wintergerst:
Gibt es bei den vielen Projekten, die Sie haben, so etwas wie Favoriten oder Lieblingsprojekte? Also etwas, bei dem Sie sagen: Das ist besonders wichtig, weil es tatsächlich bei den Menschen oder in der Verwaltung ankommt?
Karsten Wildberger:
Bei der Digitalisierung finde ich unsere KI-Agenten für Genehmigungsverfahren bei Infrastrukturprojekten sehr greifbar, weil sie bereits in der Nachnutzung sind. 85 Prozent Zeitersparnis – das ist sehr konkret.
Das zweite große Vorhaben, das mich begeistert, ist vielleicht noch nicht ganz so greifbar: der sogenannte Deutschland-Stack. Das ist eine digitale Architektur, die aus meiner Sicht wirklich etwas Neues ist und die Chance bietet, digital voranzukommen – mit einer souveränen Cloud-Infrastruktur, mit Standards, nach denen wir entwickeln, und mit einer wachsenden Zahl an Anwendungen, die wir in die Fläche bringen.
Ralf Wintergerst:
Und die vor allem Bund, Länder und Kommunen miteinander verknüpft. Also genau dort, wo sonst häufig die natürlichen Grenzen liegen, sollen diese Grenzen überwunden werden.
Karsten Wildberger:
Genau. Das funktioniert deshalb, weil es nicht nur vom Bund gedacht ist, sondern gemeinsam mit Ländern und Kommunen. Das ist auch ein Weg, wie wir durch unsere verschiedenen staatlichen Ebenen hindurch auf einer gemeinsamen digitalen Infrastruktur mit Lösungen arbeiten können.
Das Entscheidende wird sein: Wie schnell schaffen wir es, eine gute Lösung tatsächlich in die Fläche zu bringen? Genau daran arbeiten wir.
Ralf Wintergerst:
Wenn wir noch einmal auf Ihre persönliche Gefühlslage schauen: Sie kommen aus der Wirtschaft und sind dann in die Politik gegangen. Was sind nach anderthalb Jahren die größten Unterschiede? Was bleibt bei Ihnen am stärksten hängen?
Karsten Wildberger:
Der erste Unterschied ist, dass in der Politik alles unter dem Brennglas der Öffentlichkeit stattfindet. Jeden Tag. Das beeinflusst die Arbeit natürlich – im Guten wie im Schlechten. Man ist manchmal auch getrieben.
Der zweite Punkt ist etwas Positives, mit dem ich so nicht gerechnet hatte: die Qualität der Menschen, die hier arbeiten – bei mir im Ministerium, aber auch in anderen Bereichen. Die ist sehr hoch. Dafür bin ich ausgesprochen dankbar, denn sonst würden wir viele Dinge gar nicht auf die Straße bekommen.
Der dritte Punkt ist, dass Entscheidungsprozesse sehr komplex sind, weil Verantwortung sehr stark verteilt ist. Viele sind zuständig, aber am Ende ist manchmal niemand wirklich verantwortlich. Das macht den Umsetzungsweg sehr mühsam.
Und der letzte Punkt ist ganz aktuell: Natürlich mache ich mir Sorgen um das Land und um die Situation im Land. Das macht auch etwas mit mir. Gleichzeitig will ich sagen: Die Kraft Deutschlands ist viel stärker als die allgemeine Gemütslage oder die aktuelle Diskussion teilweise vermuten lässt. Aber das treibt mich im Moment schon sehr um.
Ralf Wintergerst:
Darauf möchte ich gleich noch eingehen. Vorher noch eine eher arbeitsbezogene Frage: Wenn Sie Kommunikation in einem Unternehmen mit Kommunikation in der Politik vergleichen – Sie treten sehr häufig öffentlich auf und müssen Ihre Inhalte immer wieder erklären. Wie groß ist der Unterschied?
Karsten Wildberger:
In meinen früheren Tätigkeiten in der Wirtschaft habe ich sehr viel intern kommuniziert, insbesondere in meiner letzten Rolle. Alle zwei Wochen hatten wir eine digitale Townhall mit mehreren tausend zugeschalteten Menschen.
Wenn man ein Zielbild und eine Strategie hat, ist es im Unternehmen wichtig, die Menschen neben dem Tagesgeschäft mitzunehmen und dafür zu begeistern.
In der Politik steht man natürlich sehr stark in der Öffentlichkeit. Man repräsentiert ein Amt, wird eingeladen und hält viele Reden. Manchmal halte ich so viele Reden, dass ich denke: Ich kann mich selbst gar nicht mehr hören. Aber es ist trotzdem wichtig, Präsenz zu zeigen.
Der kommunikative Unterschied liegt für mich vor allem in der Frage: Wie klar schaffen wir es, unser Zielbild zu vermitteln? Aktuell setzen wir unglaublich viel um. Das wird aber teilweise noch nicht so wahrgenommen, weil es sich nach außen wie eine lange Maßnahmenliste liest.
Wir müssen stärker erklären, worauf all diese Maßnahmen einzahlen und was wir mittel- und langfristig erreichen wollen. Das ist in der öffentlichen Kommunikation schwieriger, weil von allen Seiten sehr viele unterschiedliche Punkte eingebracht werden. Eine Botschaft wird dadurch schnell verwässert.
Ralf Wintergerst:
Gibt es drei Hauptthemen, bei denen Sie sagen würden: Das sind meine Top-3-Prioritäten bis Jahresende beziehungsweise Anfang nächsten Jahres? Den Deutschland-Stack haben Sie schon erwähnt.
Karsten Wildberger:
Beim Thema Staatsmodernisierung haben wir einen wichtigen Eckpunktebeschluss zur Beweislastumkehr. Das Ziel ist, die Berichtspflichten für Unternehmen um 30 Prozent zu reduzieren. Im Dezember haben wir dort einen entscheidenden Meilenstein, bei dem wir den Korridor noch einmal enger ziehen.
Das zweite große Thema ist die digitale Brieftasche. Sie kommt Anfang des Jahres. Wir sind jetzt in einer heißen Phase und haben noch einige wichtige Meilensteine vor uns. Das ist ein hochkomplexes und sehr wichtiges Projekt.
Und beim Thema digitale Souveränität und Wachstum haben wir uns vorgenommen, im Bereich der Frontier-Modelle als Regierung zu prüfen, ob wir bestimmte Projekte und Entwicklungen auch staatlich unterstützen wollen. Auch dort möchte ich bis zum Jahresende deutlich weiter sein.
Ralf Wintergerst:
Hat sich Ihre Sicht auf digitale Souveränität verändert – von Ihrer Zeit als Wirtschaftsmanager hin zu Ihrer heutigen Rolle als Minister?
Karsten Wildberger:
Massiv. Mir hat diese Rolle noch einmal die Augen geöffnet, weil man einen sehr breiten Blick bekommt – auch wenn man dadurch natürlich nicht bei jedem einzelnen Thema denselben Tiefgang haben kann.
Wenn man sieht, wie rasant sich in den vergangenen 15 Jahren Technologie und damit auch Wertschöpfung entwickelt haben und wie wenig Deutschland und Europa teilweise an dieser Wertschöpfung partizipiert haben, dann ist das schon bemerkenswert.
Hinzu kommt die geopolitische Situation. Technologie wird teilweise gegen uns eingesetzt und unsere Unabhängigkeit und Sicherheit werden gefährdet. Jetzt wachen wir auf und sagen: Wir haben zweifelsfrei Talente und hervorragende Unternehmen, aber wir müssen auf einem ganz anderen Niveau aufholen – insbesondere im Zeitalter der KI.
Ralf Wintergerst:
Wenn wir auf die politische Lage schauen: Sie haben gesagt, dass Ihnen manche Entwicklungen Sorgen machen. Es gibt politische Angebote von rechts und von links, die sich häufig sehr einfach anhören. Wo kann Ihr Ministerium mit Digitalisierung und Staatsmodernisierung einen Unterschied machen? Eigentlich müsste Digitalisierung doch ein Gewinnerthema sein.
Karsten Wildberger:
Das ist ein Gewinnerthema. Aber wir müssen es in ein größeres Bild einordnen.
Wenn ich mich in die Lage vieler Menschen versetze, sehen wir in westlichen Demokratien eine wachsende Unzufriedenheit und Polarisierung. Das hat viel mit Ängsten und Zukunftssorgen zu tun: Habe ich morgen noch einen Arbeitsplatz? Kann ich mir mein Leben leisten? Finde ich Wohnraum? Kann ich mir selbst noch etwas aufbauen? Junge Menschen fragen sich, ob sie eine Ausbildungsstelle bekommen und wie sicher ihre Zukunft ist. Dazu kommen geopolitische Krisen.
Wir erleben also eine Gleichzeitigkeit von Krisen, die Menschen verunsichert. In solchen Situationen stellt sich schnell die Frage: Wer ist schuld? Dieses Gefühl kann man politisch bedienen und dadurch immer weiter verstärken.
Wir müssen dem ein glaubwürdiges positives Zukunftsbild entgegensetzen. Das reicht aber nicht als Kommunikation. Wir müssen es auch handwerklich besser machen und tatsächlich liefern.
Mein Zukunftsbild ist stark vom Thema Wachstum geprägt. Wir haben zu wenig Wachstum, zu wenig Wertschöpfungskraft und zu wenige neue Arbeitsplätze. Natürlich müssen wir unsere bestehenden Industrien und den Mittelstand stärken. Aber wir brauchen zusätzlich eine echte Innovationsoffensive.
Wir haben aktuell Rekordzahlen bei Startups und 40 Unicorns in Deutschland. Diesen Schwung müssen wir nutzen, insbesondere im technologischen Bereich. Über Innovationskraft können wir wieder zu eigenen Stärken und zu Wachstum zurückfinden.
Darauf zahlen Staatsmodernisierung und Verwaltungsdigitalisierung ein – genauso wie alles, was wir im Bereich digitale Souveränität und KI tun.
Ralf Wintergerst:
Die Wirtschaft zeigt gerne auf die Politik. Wenn Sie einmal umgekehrt auf die Wirtschaft schauen: Was wünschen Sie sich von ihr?
Karsten Wildberger:
Zunächst würde ich mir wünschen, dass wir alle Interessengruppen – Politik, Wirtschaft und Arbeitnehmervertreter – regelmäßig an einen Tisch bekommen. Statt aufeinander zu zeigen, sollte jeder sagen, welchen Beitrag er selbst leisten kann.
Gleichzeitig ist richtig, dass einige Geschäftsmodelle im globalen Kontext unter Druck geraten sind – durch Technologiesprünge, aber auch durch veränderte Rahmenbedingungen. Wir sind eine Exportnation. Bestimmte Märkte wie China werden schwieriger, dazu kommen Zollhemmnisse. Das ist Gift für eine Exportnation.
Gleichzeitig sehen wir, dass sich manche Geschäftsmodelle technologisch schneller weiterentwickelt haben als andere. In vielen Bereichen verändert sich auch die Wertschöpfungslogik. Statt einzelne Wertschöpfungsschritte auszulagern, sehen wir zunehmend sogenannte Stacks: von Chips über Energie und Rechenzentren bis hin zur eigenen Produktentwicklung.
Darauf müssen wir uns auch industriell neu einstellen. Wir haben hervorragende Unternehmen, die das bereits sehr gut machen. Aber insgesamt brauchen wir einen Schulterschluss zwischen allen Beteiligten und ein gemeinsames Zielbild für die Erneuerung Deutschlands.
Ralf Wintergerst:
Es gibt Initiativen wie Made for Germany, bei denen Unternehmen sich dazu verpflichten, in Deutschland zu investieren. Das finde ich persönlich sehr positiv, denn wir brauchen Investitionen hier im Land.
Manchmal wirkt es aber ein bisschen wie Tit for Tat: Die Politik sagt zur Wirtschaft, investiert mehr. Und die Wirtschaft sagt zurück, reduziert dafür bitte die Bürokratie. Was darf man da konkret erwarten? Sie haben die 30 Prozent weniger Berichtspflichten schon angesprochen. Die müssen am Ende natürlich auch tatsächlich in den Unternehmen ankommen.
Karsten Wildberger:
Das ist richtig. Wir haben im Rahmen unserer Modernisierungsagenda bereits Entlastungsmaßnahmen in Höhe von netto zehn Milliarden Euro auf den Weg gebracht. Dabei berücksichtigen wir auch zusätzliche Belastungen, die teilweise aus Europa kommen.
Bei Infrastrukturgenehmigungen haben wir eine ganze Reihe von Maßnahmen beschlossen. Dort wird es messbar schneller.
Ein zweiter Punkt ist die Genehmigungsfiktion. Wenn eine Behörde über einen definierten Zeitraum nicht reagiert, gilt ein Antrag in bestimmten Fällen als genehmigt.
Auch beim EU-Recht bringen wir uns sehr aktiv in Brüssel ein und versuchen, die Regulierungsdynamik zu bremsen. Bei zentralen Vorhaben wie AI Act und Data Act nimmt Deutschland inzwischen wieder eine deutlich aktivere Rolle ein.
Bei den Berichtspflichten haben wir in einzelnen Sektoren bereits einiges auf den Weg gebracht. Aber bislang ist das oft noch punktuell. Mit der Beweislastumkehr gehen wir jetzt grundsätzlicher heran. Über alle Ressorts hinweg schauen wir auf rund 4.000 gesetzliche Regelungen und sagen sinngemäß: Zunächst einmal steht alles auf null. Der Staat muss begründen, warum eine Berichtspflicht noch notwendig ist. Das Ziel sind 30 Prozent weniger.
In Kraft treten soll das zum 1. Januar 2028. Unternehmen brauchen vorher Zeit zur Vorbereitung. Deshalb muss das Gesetz vor der Sommerpause im Parlament beschlossen werden. Damit wir das schaffen, müssen wir spätestens Ende April im Kabinett sein. Dafür wiederum brauchen wir im Dezember klare Eckpunkte.
Das ist wahrscheinlich eines der ambitioniertesten Programme dieser Art, die Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten angegangen ist. Und handwerklich ist das ein sehr dickes Brett.
Ralf Wintergerst:
Ich glaube, viele Bürgerinnen und Bürger unterschätzen die Komplexität unseres politischen Systems. Manchmal habe ich das Gefühl, wir bräuchten fast eine neue Aufklärung darüber, wie politische Entscheidungen überhaupt zustande kommen.
Was sind aus Ihrer Sicht die größten Hürden? Nicht als Rechtfertigung dafür, warum Dinge langsam laufen, sondern als Erklärung dafür, was Bürgerinnen und Bürger über solche Prozesse wissen sollten.
Karsten Wildberger:
Demokratien sind grundsätzlich stark auf Konsens ausgelegt. Das halte ich auch für richtig. Beteiligung ist wichtig und wir müssen Dinge ausdiskutieren.
Die Frage ist aber, wie wir das strukturell organisieren. Wir haben Europa – und es ist gut, dass wir Europa haben. Gerade geopolitisch brauchen wir einen europäischen Block mit rund 450 Millionen Menschen, damit wir wahrgenommen werden.
Aber in manchen Bereichen haben wir die Entscheidungsstrukturen überkomplex gemacht: Europa, Bund, Länder, Kommunen. Diese Vielschichtigkeit macht uns langsamer.
In vielen Bereichen ist eine gewisse Langsamkeit einer Demokratie sogar gut. Aber wir müssen unterscheiden, wo Geschwindigkeit entscheidend ist – etwa bei technologischem Wandel oder bei der Frage, wie wir unsere Wirtschaft befähigen, sich schnell anzupassen.
Da sind wir zu langsam. Demokratien geraten auch deshalb unter Druck, weil sich die Welt in den vergangenen 15 oder 20 Jahren durch Technologie enorm beschleunigt hat. Auf der einen Seite gibt es diese wahnsinnige Geschwindigkeit, auf der anderen Seite ein politisches System, das kaum noch hinterherkommt.
Wir müssen einen guten Mittelweg finden. Das Modell, das wir teilweise in den USA im Umgang mit der Tech-Industrie sehen, ist nicht mein Modell. Technologie muss dem Menschen dienen und der Mensch muss im Mittelpunkt stehen. Aber wenn wir ehrlich sind, sind wir systemisch nicht schnell genug.
Ralf Wintergerst:
Die politischen Angebote, die heute sehr einfache Lösungen versprechen, werden übrigens auf dasselbe Problem stoßen. Sie können versprechen, was sie wollen – am Ende müssen sie durch dieselben Strukturen umsetzen.
Deshalb wünsche ich der Regierung vor allem, dass sie viel umgesetzt bekommt. Denn das ist wahrscheinlich das beste Mittel, um das Land voranzubringen.
Karsten Wildberger:
Am Ende geht es genau darum: um Umsetzung. Wir haben ein gutes Programm und schon einiges auf den Weg gebracht. Wir haben aber auch zu viel versprochen und noch nicht alles umgesetzt. Das muss man offen sagen.
Diese Regierung hat bei all den Herausforderungen einen klaren Auftrag, das Land nach vorne zu bringen. Ich hoffe sehr, dass wir alle die Kraft haben, uns an einen Tisch zu setzen, uns zusammenzureißen und die Dinge zu tun, die jetzt notwendig sind.
Es geht um viel mehr als um einzelne Regierungsparteien. Es geht um das Land.
Ralf Wintergerst:
Und um die Zukunft.
Karsten Wildberger:
Und um die Zukunft, ja.
Ralf Wintergerst:
Schauen wir auf eine der konkreten Maßnahmen: die EUDI-Wallet beziehungsweise die digitale Brieftasche. Sie soll Anfang des kommenden Jahres starten, ist aber in der breiten Öffentlichkeit noch nicht überall bekannt. Welchen Zweck soll sie erfüllen?
Karsten Wildberger:
Wir starten Anfang Januar. Bis dahin haben wir noch einige wichtige Meilensteine zu erreichen. Das ist ein sehr komplexes Projekt.
Die digitale Brieftasche ist für mich der Startschuss für ein einfacheres und digitaleres Leben in Deutschland – auf freiwilliger Basis. Sie ist eine sichere und souveräne Lösung, bei der Sicherheit an erster Stelle steht.
Dort können wir wichtige persönliche Nachweise sicher auf dem Smartphone hinterlegen: angefangen beim Ausweis über den Führerschein bis hin zu Ausbildungsnachweisen oder Versicherungskarten.
Auf dieser Grundlage lassen sich viele Prozesse des täglichen Lebens erheblich vereinfachen. Bei Online-Banking oder anderen Authentifizierungsprozessen kann ich mich künftig direkt über die Wallet ausweisen. Ich kann Verträge einfacher abschließen. Und perspektivisch kann sie auch dabei helfen, im Internet sicher zu erkennen, ob auf der anderen Seite tatsächlich eine reale Person sitzt oder ein Bot.
Der Kreativität sind da kaum Grenzen gesetzt. Mittlerweile arbeiten mehr als 300 Unternehmen an eigenen Lösungen auf Basis der Wallet. Für mich ist das deshalb auch ein Wachstumsfeld. Neue Innovationen und Geschäftsmodelle können dabei helfen, Deutschland neu zu erfinden.
Ralf Wintergerst:
Als Bitkom unterstützen wir das sehr stark, weil Digitalisierung am Ende bei den Bürgerinnen und Bürgern ankommen muss. Erst dann spürt man, dass sich wirklich etwas verändert.
Ich hoffe immer, dass wir als Land der Dichter und Denker irgendwann auch ein Land sehr guter Digitalisierer werden.
Karsten Wildberger:
Ich bin für diese Unterstützung auch sehr dankbar. Wir hatten im vergangenen Jahr beim Souveränitätsgipfel gemeinsam mit dem Bitkom die Initiative zur Unterstützung durch Unternehmen. Ohne diese Unterstützung wäre es nicht möglich, die Wallet in dieser Form in die Breite zu bringen.
Jetzt kommen wir dem Start dieses Ökosystems immer näher.
Ralf Wintergerst:
Wenn wir alle Digitalisierungsmaßnahmen betrachten, die über die Bundesregierung verteilt sind, sehen wir, dass ein Teil noch gar nicht gestartet ist. Wie bekommt man diese Vorhaben in Gang? Oder muss man sich stärker auf Prioritäten konzentrieren?
Karsten Wildberger:
Einige Maßnahmen haben wir bereits umgesetzt, der Großteil ist in Arbeit. Viele dieser Projekte haben sehr große Ambitionen und bestehen aus mehreren Zwischenschritten.
Beim Thema schneller gründen haben wir beispielsweise für Personengesellschaften die Gewerbeanmeldung und die Beantragung von Steuernummern vereinfacht und zunächst in zehn großen Kommunen digital live gestellt. Das geht jetzt in den Rollout.
Es gibt aber auch Programme, die tatsächlich noch gestartet werden müssen. Unser Anspruch ist, dass sie nicht nur formal beginnen, sondern dass wir dort auch spürbar vorankommen.
In der Zwischenzeit haben wir zusätzliche Projekte aufgenommen und teilweise repriorisiert. Das nimmt uns aber nicht aus der Pflicht, das zu liefern, was wir versprochen haben.
Ralf Wintergerst:
Sie setzen sich auch sehr für KI ein. Ich war mit Ihrer Delegation bei der ALL IN in Kanada. Dort wurde angekündigt, dass Cohere und Aleph Alpha enger zusammenarbeiten. Damit entsteht zumindest perspektivisch ein bedeutender Akteur außerhalb der großen US-amerikanischen und chinesischen Modelle.
Wie wichtig ist Ihnen diese Technologie und wie wichtig war es Ihnen, solche Kooperationen zu unterstützen?
Karsten Wildberger:
Ich bin sehr froh, dass es auch außerhalb der USA und Chinas Unternehmen mit europäischer oder kanadischer Beteiligung gibt, die die Chance haben, bei Frontier-Modellen aufzuholen und vielleicht in diese Klasse vorzustoßen.
Auch Mistral ist ein Beispiel. Das Unternehmen hat sich inzwischen in München niedergelassen und entwickelt sehr leistungsfähige Modelle. Die ersten Tests, die ich gesehen habe, stimmen mich positiv. Wir können hier aufholen.
Die erste Verantwortung liegt natürlich bei der Wirtschaft, bei privatem Kapital und bei Unternehmen, die Top-Talente anziehen können. Aber der Staat kann mehr sein als nur Ankerkunde solcher Modelle. Wir setzen entsprechende Modelle bereits im öffentlichen Bereich ein.
Darüber hinaus müssen wir uns fragen: Gibt es kritische Fähigkeiten, etwa im Bereich Cybersicherheit, die von nationalem Interesse sind und bei deren Entwicklung der Staat gezielt unterstützen sollte? Genau das prüfen wir. Ich hoffe, dass wir bis zum Jahresende zu einer positiven Antwort kommen.
Ralf Wintergerst:
Wie sehen Sie die Entwicklung bei KI grundsätzlich? Mich erstaunt, dass wir bei einigen Modellen in den USA sehr ernsthafte Sicherheitsdiskussionen haben und gleichzeitig milliardenschwere Bewertungen und mögliche Börsengänge sehen.
Wenn wir uns andere Industrien wie die Luftfahrt anschauen, müssen Produkte zahllose Zertifizierungen durchlaufen, bevor sie überhaupt eingesetzt werden dürfen. Kann man das übertragen? Oder zählt am Ende das Geld mehr als Safety? Was müssen wir in Europa tun?
Karsten Wildberger:
Für mich und für Europa muss ganz klar gelten: Safety first.
Der zweite Grundsatz ist: Die Maschine dient dem Menschen und nicht umgekehrt. Das sind für mich grundlegende Prinzipien, die ich nicht überall in derselben Form erkenne.
Deshalb investieren wir auch in KI-Sicherheit. Wir bauen entsprechende Strukturen und Institute auf und unterstützen Forschung in diesem Bereich.
Unternehmen – gerade auch große Unternehmen in den USA – haben aus meiner Sicht zunächst einmal die Pflicht, ihre Produkte sicher zu machen. Die Welt ist kein Testlabor für solche Produkte. Die aktuelle Diskussion alarmiert mich schon, weil dort verdammt viel Geld im Spiel ist.
Wenn jemand sagt: Meine KI ist so mächtig, ich habe sie gar nicht mehr vollständig unter Kontrolle, dann kann man das natürlich als Beleg dafür verkaufen, dass man kurz vor einem historischen Durchbruch steht. Vielleicht ist das technisch teilweise auch so. Aber reale Sicherheitsvorfälle bleiben reale Sicherheitsvorfälle.
Deshalb brauchen wir eine angemessene Regulierung und eine klare Haftung. Und die gute Nachricht ist: Wir können diese Entwicklung noch gestalten.
Ich erwarte von Unternehmen, dass sie nicht ausschließlich in immer größere Fähigkeiten investieren. Wir brauchen die richtige Balance. Es reicht nicht, wenn ein Modell die nächste mathematische Gleichung lösen kann. Es muss auch sicher sein. Dort muss aus meiner Sicht ein Umdenken stattfinden.
Ralf Wintergerst:
Gleichzeitig dürfen wir natürlich nicht in die andere Richtung kippen und aus Angst auf KI verzichten. Deutsche Unternehmen müssen KI einsetzen, wenn wir technologisch nicht weiter zurückfallen wollen.
Wir sehen aber auch, dass Unternehmen häufig sagen: Ich nutze nicht automatisch eine europäische Technologie, wenn eine andere Lösung günstiger, schneller oder besser ist. Da müssen wir also auch mehr europäische Angebote schaffen. Denn europäische Technologie einzusetzen, wäre natürlich ein wichtiger Schritt zu mehr Souveränität.
Karsten Wildberger:
Absolut. Souveränität bedeutet auch Wahlmöglichkeiten. Wir dürfen uns nicht komplett von einem einzigen Modell oder Anbieter abhängig machen.
Und ich brauche auch nicht für jede Aufgabe das größte und teuerste Modell. Es gibt viele gute Modelle, die für unterschiedliche Anwendungsfälle geeignet sind. Das schafft Flexibilität.
Ein Bereich, der mich besonders begeistert, ist industrielle KI. Also die Frage: Wie setzen wir KI in der physischen Welt und in der Produktion ein? Dort leisten deutsche Weltunternehmen und auch der Mittelstand schon sehr viel. Genau da haben wir eine große Chance aufzuholen.
Ralf Wintergerst:
Sehen Sie bei Physical AI, also physischer KI, tatsächlich eine der nächsten großen Chancen für Deutschland?
Karsten Wildberger:
Absolut. Wenn wir uns bestimmte Frontier-Modelle bei Bild- und Visionsanwendungen anschauen, haben wir mit Unternehmen wie Black Forest Labs bereits sehr starke Beispiele.
Und wenn ich sehe, was unsere Industrieunternehmen wie Siemens und andere bei Automatisierung, Maschinensteuerung und Robotik leisten, dann sind das natürlich Produkte für die Zukunft.
Gleichzeitig verstehe ich, dass KI Menschen Sorgen bereitet. Sie bereitet auch mir Sorgen. Aber darauf können wir Antworten finden.
KI bietet enorme Wachstumschancen. Wenn wir diese Chancen nicht nutzen, werden sich viele andere Fragen irgendwann gar nicht mehr stellen, weil uns die wirtschaftliche Grundlage fehlt.
Wir müssen also auf diesen Wachstumszug aufspringen. Gleichzeitig fährt dieser Zug sehr schnell und fordert uns enorm bei der Anpassungsfähigkeit. Unsere Aufgabe ist es, diesen Übergang zu gestalten – auch wenn Menschen sich weiterbilden oder beruflich neu orientieren müssen.
Die schlechteste Antwort wäre, KI aus Angst grundsätzlich abzulehnen. Damit würden wir uns jede Zukunftsfähigkeit verbauen. Wir müssen den richtigen Weg finden – mit dem Menschen im Zentrum.
Ralf Wintergerst:
Sie betonen auch internationale Partnerschaften sehr. Deutschland stellt weniger als ein Prozent der Weltbevölkerung und ist trotzdem wirtschaftlich sehr erfolgreich.
Mit welchen Partnerländern wollen Sie die Zusammenarbeit besonders stärken?
Karsten Wildberger:
Ich möchte mir keine Welt vorstellen, in der jedes Land nur noch für sich selbst arbeitet. Wir brauchen Partnerschaften und internationale Zusammenarbeit.
Natürlich sprechen wir auch mit den USA, die weiterhin ein sehr wichtiger Handelspartner sind. Von unserer Seite gibt es Offenheit, aber wir werden natürlich auch unsere eigenen Interessen vertreten.
Gleichzeitig gibt es andere Länder, die ähnliche Werte teilen und technologisch sehr leistungsfähig sind. Kanada ist ein Beispiel. In Europa verbindet uns viel mit Frankreich. Mit dem Vereinigten Königreich arbeiten wir sehr eng zusammen, beispielsweise beim Thema KI-Sicherheit.
Portugal ist Partnerland der Smart Country Convention, auch dort haben wir einen sehr guten Austausch. Hinzu kommen unter anderem Singapur und die Vereinigten Arabischen Emirate.
Partnerschaften gehören für mich ausdrücklich auch zu digitaler Souveränität dazu.
Ralf Wintergerst:
Ich habe die große Hoffnung, dass Europa sich bei der Regulierung etwas mäßigt. Denn sonst werden internationale Partnerschaften schwieriger.
Karsten Wildberger:
Das ist ein fairer Hinweis.
Ralf Wintergerst:
Wenn wir auf die nächsten sechs bis neun Monate schauen: Was steht ganz oben auf Ihrer Agenda? Und wenn wir Mitte nächsten Jahres wieder miteinander sprechen, was hätten Sie dann am liebsten abgehakt?
Karsten Wildberger:
Ich denke immer vom Gesamtprogramm unseres Ministeriums aus und frage mich: Schaffen wir die Rahmenbedingungen dafür, dass wieder mehr Wachstum entsteht – insbesondere im Technologiebereich?
Bei der Staatsmodernisierung haben wir noch viel vor: günstiger bauen, Berichtspflichten reduzieren und dieses Programm dauerhaft verankern.
Bei der digitalen Infrastruktur geht es um Mobilfunk und Glasfaser. Dort haben wir gute Zahlen. Beim Breitbandausbau sehen wir deutliches Wachstum, das sich verstetigen muss.
Bei der Verwaltungsdigitalisierung soll die Wallet nicht nur starten, sondern Quartal für Quartal neue Releases und neue Anwendungen bekommen. Die Deutschland-App wird ebenfalls auf den Markt kommen und ein eigenes Ökosystem schaffen.
Beim Deutschland-Stack möchte ich irgendwann konkret sagen können: So viele Anwendungen werden inzwischen nachgenutzt und so viele Verwaltungen arbeiten auf dieser gemeinsamen Infrastruktur.
Und beim Thema KI wäre ein KPI für mich, dass wir weiterhin Rekordzahlen bei Startups sehen, vielleicht auch noch deutlich mehr Unicorns bekommen und gleichzeitig etablierte Unternehmen und Mittelstand durch KI wieder stärker wachsen.
Dazu wollen wir unseren Beitrag leisten – durch die Unterstützung von Frontier-Modellen und durch eine innovationsfreundlichere Regulierung.
Ralf Wintergerst:
Das war eine ganze Menge und wir haben trotzdem längst nicht alles angesprochen – von Deepfakes über Cyberangriffe bis hin zu Kindern und Digitalisierung.
Meine letzte Frage ist deshalb eine persönliche: Die Welt bewegt sich unglaublich schnell. Was hilft Ihnen dabei, wirklich einmal abzuschalten, die Batterien aufzuladen und danach wieder neu anzufangen? Ist es das Bier am Abend oder der lange Schlaf?
Karsten Wildberger:
Ich trinke schon mal gerne ein Bier, aber das ist auch keine Lösung.
Abschalten bedeutet für mich eher, die Gedanken zu sortieren und Zeit mit Menschen zu verbringen, für die im Alltag sonst zu wenig Zeit bleibt. Einfach wieder einmal im normalen Leben anzukommen. Das gibt Kraft.
Gleichzeitig weiß ich: Dieses Amt ist geliehene Zeit. Sie ist sehr knapp bemessen und die Erwartungshaltung ist hoch. Deshalb bedeutet Abschalten für mich vor allem, die Batterien so aufzuladen, dass ich mich dieser Aufgabe anschließend wieder voll widmen kann.
Das größte Geschenk für mich – und vielleicht für uns alle – wäre gar nicht, in einem Jahr sagen zu können: Dieses oder jenes Projekt ist abgeschlossen.
Stellen wir uns vor, Deutschland glaubt in einem Jahr wieder an sich selbst. Dass die Menschen wieder glauben, dass morgen besser sein kann als heute. Dass wir sagen: Wir sind trotz all der Herausforderungen gar nicht so schlecht.
Es wird nie alles perfekt sein. Es wird immer Dinge geben, die wir besser machen müssen, und natürlich haben wir viele Probleme. Aber wenn dieses Land den Glauben an sich selbst wiederentdeckt und wieder Zugang zu seiner Innovationskraft findet, für die Deutschland immer gestanden hat, dann wäre plötzlich so viel neuer Sauerstoff im Land, dass es richtig vorangehen könnte.
Das wäre ein Traum.
Ralf Wintergerst:
Ich glaube, mit diesem Satz kann man eigentlich wunderbar aufhören. Gleichzeitig könnten wir jetzt wahrscheinlich um die Ecke gehen, uns irgendwo hinsetzen und noch ein paar Stunden weiterreden und gemeinsam das Deutschland von morgen aufzeichnen.
Vielen, vielen herzlichen Dank, lieber Herr Wildberger, für das Gespräch.
Karsten Wildberger:
Vielen Dank, Herr Wintergerst. Danke.