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Podcast

Wie digital sind Deutschlands Bundesländer?

Der Podcast „Tech Weekly #138" zum Nachlesen

Tobias Grimm:
Digitale Stärke ist in Deutschland sehr unterschiedlich ausgeprägt. Das zeigt sich im neuen Bitkom Länderindex. So punktet der Norden beispielsweise mit digitaler Infrastruktur, ostdeutsche Bundesländer besonders mit digitaler Bildung.


Dr. Ralf Wintergerst:
Noch nicht alle Länder haben ein wirklich eigenständiges, gut ausgestattetes und personell stark besetztes Digitalministerium – also eine Art CDO- oder CIO-Struktur auf Länderebene. Das kann aber einen deutlichen Schub geben. Das sehen wir in den Ländern, in denen es gut etabliert ist. Deshalb ist es unsere Empfehlung, das flächendeckend in allen Ländern umzusetzen.


Tobias Grimm:
Das sagt Bitkom-Präsident Dr. Ralf Wintergerst. Entscheidend sei jetzt, dass Digitalisierung strategisch gesteuert und mit Nachdruck umgesetzt wird. 
Was sich in den vergangenen zwei Jahren verändert hat und welche Schlüsse sich aus dem Länderindex ziehen lassen, erklärt Gianna Albrecht, Landespolitikexpertin des Bitkom.


Gianna Albrecht:
Dabei gibt es natürlich Maßnahmen, die die Länder jetzt unmittelbar umsetzen können und auch müssen. Und es gibt Punkte, bei denen zunächst noch die strukturellen Voraussetzungen geschaffen werden müssen.


Tobias Grimm:
Und damit herzlich willkommen zu Tech Weekly, dem Podcast des Bitkom, mit mir, Tobias Grimm.

 

 

Politik

 

Tobias Grimm:
Der Bitkom Länderindex untersucht, bewertet und vergleicht alle 16 deutschen Bundesländer nach dem jeweiligen Stand der Digitalisierung. Dafür werden vier zentrale Bereiche betrachtet: die digitale Wirtschaft, die digitale Infrastruktur, Governance und digitale Verwaltung sowie die digitale Gesellschaft.
Das Ergebnis: Die Digitalisierung in Deutschland kommt voran, aber sie entwickelt sich nicht schnell genug – und vor allem nicht überall gleichmäßig, erklärt Bitkom-Präsident Dr. Ralf Wintergerst.


Dr. Ralf Wintergerst:
Hamburg hat, wie schon beim letzten Mal Platz eins belegt – als einziges Bundesland mit einer Punktzahl von über 70. Auf Platz zwei folgt Berlin, mit bereits deutlichem Abstand zu Hamburg. Dahinter liegt das Ranking relativ eng beieinander: Hessen hat einen deutlichen Sprung gemacht, Bayern und Baden-Württemberg sind etwas zurückgefallen.
Und man muss sagen: Der eigentliche Gewinner der Studie ist das Saarland. Es hat sich von Platz 12 auf Platz 6 verbessert. Danach folgt Bremen, und anschließend kommen die Bundesländer im unteren Tabellenteil. Dabei hat kein Bundesland weniger als 50 Punkte erreicht.
Das Ranking ist nicht völlig statisch. Das liegt auch daran, dass wir einige neue Indikatoren aufgenommen haben. Dazu gehören beispielsweise Rechenzentren, die ein wichtiger Teil der digitalen Infrastruktur sind. Sie stehen derzeit sehr stark im Fokus, weil Rechenzentren die Grundlage für Künstliche Intelligenz sind und für Deutschland besonders wichtig werden. Bundesländer sollten deshalb auch über Rechenzentren mit entsprechender Kapazität verfügen. Deshalb haben wir diesen Aspekt mit aufgenommen.


Tobias Grimm:
Spitzenreiter Hamburg liegt nicht nur in der Gesamtwertung auf dem ersten Platz, sondern auch in den Kategorien digitale Wirtschaft und digitale Infrastruktur.


Dr. Ralf Wintergerst:
Wenn man etwas tiefer schaut, erkennt man auch, woran das liegt. In der digitalen Wirtschaft liegt Hamburg auf Platz eins, weil das Bundesland einen überdurchschnittlich hohen Anteil an IT-Unternehmen und IT-Fachkräften hat. Auch der Anteil an Informatikstudierenden ist im Vergleich zu den anderen Bundesländern überdurchschnittlich hoch. Das sorgt für ein sehr gutes Ranking im Bereich digitale Wirtschaft.
In der digitalen Infrastruktur bleibt Hamburg ebenfalls an der Spitze. Die Glasfaserversorgung liegt bei über 97 Prozent der Haushalte, die auf Gigabit-Geschwindigkeiten zugreifen können. Bundesweit liegt der Durchschnitt bei 79 Prozent. Daran sieht man, dass Hamburg frühzeitig in Infrastruktur investiert hat – und das zahlt sich heute aus. Zudem ist das Land bei der OZG-Umsetzung schon vergleichsweise weit.


Tobias Grimm:
Soweit die Ergebnisse des Länderindex, die ich jetzt vertiefend mit Gianna Albrecht, der Landespolitikexpertin des Bitkom, besprechen möchte. 
Gianna, die Ergebnisse des Länderindex haben wir eben gehört. Was hat sich im Vergleich zum letzten Index im Jahr 2024 verändert?
Gianna Albrecht:
Grundsätzlich erheben wir den Länderindex jetzt zum zweiten Mal. Das heißt: Es ist überhaupt erstmals möglich, Fortschritte und Entwicklungen in den Ländern systematisch zu betrachten.
Wichtig ist dabei, dass uns die Vergleichbarkeit weiterhin ein großes Anliegen ist. Die vier Kategorien, die wir abfragen – Governance, digitale Wirtschaft, digitale Infrastruktur und digitale Gesellschaft – bleiben deshalb gleich. Viele der Indikatoren haben wir erneut erhoben, zum Beispiel die Anzahl der ITK-Unternehmen oder den Gigabit-Ausbau in den Ländern.
Gleichzeitig haben wir in diesem Jahr insgesamt vier neue Indikatoren aufgenommen. Dazu zählen die Rechenzentrumsanschlussleistung in den einzelnen Ländern, die Startup-Freundlichkeit öffentlicher Vergabe, die IT-Sicherheit in der Verwaltung sowie die Anzahl an Forschungseinrichtungen in Schlüsseltechnologien.
Der Grund dafür ist, dass unser Ranking dynamisch ist und wir damit auch Entwicklungen in der digitalpolitischen Debatte abbilden wollen. Indem wir Faktoren wie IT-Sicherheit oder Gründungsstandorte noch genauer betrachten, können wir besser zeigen, wie zukunftsfest die einzelnen Länder ihre Digitalstandorte aufstellen.


Tobias Grimm:
Dann lass uns konkret auf den Stand schauen. Wie ist die Lage insgesamt, wenn wir auf den Länderindex blicken? Wo geht es voran und wo sieht man noch Nachholbedarf?


Gianna Albrecht:
Grundsätzlich ist wichtig festzuhalten, dass die Digitalisierung überall in Deutschland voranschreitet. Aber sie tut das eben nicht gleichmäßig und noch nicht schnell genug. Es gibt also Fortschritte, aber eben auch klare Schwachstellen, bei denen wir genauer hinsehen müssen.
Was bereits gut läuft: Fast alle Länder haben ein Digitalkabinett und einen verpflichtenden Digitalcheck eingeführt. Das ist eine gute und solide Grundlage für digitale Governance. Außerdem sehen wir bei der 5G-Abdeckung, dass kein Land unter 98 Prozent liegt. Auch bei der Infrastruktur geht es also sichtbar voran.
Jedes Bundesland hat inzwischen außerdem mindestens eine Forschungseinrichtung in Schlüsseltechnologien wie KI, Quantencomputing oder Mikroelektronik. Das ist einer der neuen Indikatoren, die wir erhoben haben. 
Und wir sehen auch, dass immer mehr Länder die Bedeutung digitaler Bildung erkannt haben. Nur noch vier Länder haben bislang keinerlei Vorhaben angekündigt oder umgesetzt, Informatik als Pflichtfach einzuführen. Auch hier werden also vielerorts die Weichen für die Zukunft gestellt.
Nachholbedarf gibt es vor allem bei der Digitalisierung der Verwaltungsleistungen. Wenn wir uns die OZG-Umsetzung anschauen, kommt kein Land über 49 Prozent. Hier brauchen wir deutlich mehr Tempo und mehr Steuerung – sowohl von den Ländern als auch von den Kommunen.
Außerdem haben nur zwei Länder ein eigenständiges Digitalministerium. Zwar haben viele Länder inzwischen ausgewiesene Stellen für die Koordination der Digitalisierung, aber dem Thema fehlt vielerorts noch das nötige institutionelle Gewicht. Gerade in den größeren Flächenländern ist die Bündelung von Digitalzuständigkeiten in einem eigenen Ressort – wie wir es etwa in Bayern oder Hessen sehen – ein sehr wichtiger Schritt.
Und was uns mit Blick auf die digitale Gesellschaft besonders beschäftigt, ist, dass sich in allen Bundesländern noch immer etwa die Hälfte der Bevölkerung im Umgang mit digitalen Technologien überfordert fühlt. Das heißt: Selbst wenn Digitalisierung in Wirtschaft oder Verwaltung voranschreitet, müssen wir darauf achten, dass in jedem Land auch alle Bürgerinnen und Bürger mitgenommen werden.


Tobias Grimm:
Ganz besonders spannend ist ja auch der Aufsteiger des Jahres: das Saarland. Es hat sich von Platz 12 auf Platz 6 verbessert – also ein großer Sprung. Was ist dort in den vergangenen zwei Jahren passiert?


Gianna Albrecht:
Das Saarland ist das beste Beispiel dafür, dass es nicht unbedingt auf Größe ankommt, sondern vor allem auf politischen Willen. Wir sehen dort in allen Kategorien wichtige Entwicklungen.
In der Governance und bei der Verwaltung spielt vor allem eine Rolle, dass das Saarland seit unserer letzten Erhebung eine eigene Digitalstrategie eingeführt hat. Auch bei der OZG-Umsetzung hat sich das Saarland um mehr als zehn Prozentpunkte verbessert und liegt jetzt mit 40 Prozent im Bundesdurchschnitt. Hier war vor allem ein klar priorisiertes politisches Projekt ausschlaggebend, das dazu geführt hat, dass das Saarland, das 2024 noch eher zur Schlussgruppe gehörte, bei diesem Indikator inzwischen vorne mitspielt.
Starke Werte erreicht das Saarland übrigens auch bei den Forschungseinrichtungen in Schlüsseltechnologien. So hat beispielsweise das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz einen Standort in Saarbrücken.
Und nicht zuletzt ist das Saarland auch bei der digitalen Gesellschaft weiterhin ganz vorne. Das war schon 2024 so. Hier zeigt das Land, wie man eine Spitzenposition verteidigen kann. Ausschlaggebend ist unter anderem, dass es an allen Schulformen mindestens sechs Pflichtstunden Informatik gibt. Außerdem unterrichten dort fünf Prozent aller Lehrkräfte Informatik – das sind zwei Prozentpunkte mehr als im Bundesdurchschnitt.


Tobias Grimm:
Dann lass uns auf den Osten blicken. Dort ist die digitale Infrastruktur eher schwächer, die digitale Bildung aber besonders stark. Was können wir daraus ableiten?


Gianna Albrecht:
Wenn wir auf die ostdeutschen Bundesländer schauen, sehen wir ein differenziertes Bild. Unser Index zeigt ganz klar, dass der Osten digital nicht pauschal zurückfällt.
Besonders gut sind dort die Werte in der digitalen Gesellschaft. In Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen gibt es beispielsweise jeweils sechs Pflichtstunden Informatik an allen Schulformen. In Sachsen unterrichten sogar neun Prozent der Lehrkräfte Informatik. Das ist dreimal so viel wie der bundesweite Durchschnitt von drei Prozent.
Aber auch in anderen Kategorien sehen wir Fortschritte. Sachsen-Anhalt erreicht zum Beispiel sehr gute Werte bei der Zufriedenheit mit Online-Verwaltungsleistungen. Das hat unsere Bevölkerungsbefragung ergeben. Und Sachsen erfüllt alle von uns abgefragten Kriterien bei der IT-Sicherheit in der Verwaltung.
Wir sehen also, dass bestimmte strukturelle Merkmale oder Schwächen nicht zwangsläufig ausschlaggebend dafür sind, wie zukunftsfähig ein Land aufgestellt ist. Gerade in den Bereichen Bildung und Gesellschaft passiert in diesen Bundesländern bereits sehr viel, um die richtigen Weichen für den Wirtschaftsstandort der Zukunft zu stellen.


Tobias Grimm:
Dann lass uns zum Schluss darauf schauen, was die Länder jetzt konkret tun können, um wirklich digitaler zu werden.


Gianna Albrecht:
Unser Länderindex ist natürlich kein Selbstzweck. Er bildet zunächst einmal ab, wo wir aktuell in der Digitalpolitik auf Landesebene stehen. Aber er zeigt eben auch sehr klar, wo noch starker Handlungsbedarf besteht und wo die Länder jetzt zügig handeln müssen.
Dabei gibt es Maßnahmen, die die Länder sofort umsetzen können und auch müssen. Und es gibt Punkte, bei denen zunächst die strukturellen Voraussetzungen geschaffen werden müssen.
Zu den direkt umsetzbaren Maßnahmen gehört zum Beispiel, Informatik überall als Pflichtfach einzuführen oder den Digitalpakt 2.0 schnell und bürokratiearm umzusetzen. Ebenso wichtig sind Förderinitiativen und niedrigschwellige Angebote zur Stärkung digitaler Kompetenzen – und dort, wo es solche Angebote bereits gibt, sollten sie deutlich ausgebaut werden.
Außerdem würden wir uns wünschen, dass die Länder ihre digitalpolitische Governance stärker konzentrieren: durch eigenständige Digitalministerien, durch starke Rollen für CIOs beziehungsweise CDOs und durch eigene Digitalisierungsbudgets. Das sind alles Hebel, um Digitalisierung institutionell und politisch zu verankern.
Wichtig ist außerdem, dass wir mehr Tempo bei der Digitalisierung der Verwaltungsleistungen bekommen.
Dazu kommen dann die Maßnahmen, die notwendig sind, um die strukturellen Voraussetzungen für einen starken Digitalstandort in der Zukunft zu schaffen. Dazu gehört beispielsweise, Ökosysteme für Gründungen und Innovationen zu stärken – durch mehr Kapital, durch Startup-freundliche Beschaffung, aber auch durch mehr Investitionen in Forschungseinrichtungen und Schlüsseltechnologien. Und in der Infrastruktur braucht es eine gezielte Ausweisung von Flächen für Rechenzentren sowie den Ausbau regenerativer Energien. 
Wir sind überzeugt: Wenn all diese Punkte jetzt zügig vorangetrieben werden und alle Länder an einem Strang ziehen, dann werden wir in zwei Jahren, wenn wir den Index erneut erheben, ein ganz anderes Bild sehen.


Tobias Grimm:
Gianna, vielen Dank für das Gespräch. Den Link zum Bitkom-Länderindex mit allen Ergebnissen findet ihr in der Podcast-Beschreibung.

 

 

Terminkalender 

 

Tobias Grimm:
Mit einem Blick auf die Kalenderwochen 20 und 21: Am 12. Mai findet die fünfte Digitalministerkonferenz in Hamburg statt, bei der zentrale Aspekte der digitalen Transformation und der digitalen Verwaltung beschlossen werden sollen.
In der Woche ab dem 18. Mai steht dann wieder eine Sitzungswoche im Deutschen Bundestag an. Auf der digitalpolitischen Agenda des Bundeskabinetts stehen unter anderem Gesetzesentwürfe zur Stärkung der Cybersicherheit und zu digitalen Identitäten.
Und in Brüssel wird in der wöchentlichen Kommissionssitzung unter anderem die Initiative zur Stärkung der globalen Gesundheitsresilienz sowie das Fahrgastpaket vorgestellt.
Damit endet der Ausblick auf die nächsten beiden Wochen auch schon. 
Weitere Nachrichten aus der Digitalbranche findet ihr wie immer auf Bitkom.org. 
Danke fürs Zuhören und bis übernächsten Freitag.