Lächelnder Mann mit lockigem, braunem Haar und Brille, vor unscharfem Hintergrund. Text: „TECH WEEKLY“ und „#135“.
Podcast

Wie Schulen Kinder fördern und digital stärken können

Der Podcast „Tech Weekly #135" zum Nachlesen

Tobias Grimm:
Ist das deutsche Bildungssystem zu leistungsorientiert oder nicht leistungsorientiert genug?
 

Karin Prien:
"Nur Kinder, die sich wohlfühlen, können gut lernen. Aber Kinder wollen auch gefördert werden, Jugendliche wollen gefordert werden und auch Leistung bringen. Diese beiden Sichtweisen besser miteinander in Einklang zu bringen, ist jetzt die Aufgabe des Bildungssystems."
 

Tobias Grimm:
Das sagt Bundesbildungsministerin Karin Prien im Podcast-Gespräch mit Bitkom-Präsident Dr. Ralf Wintergerst. Auch die Debatte um Altersgrenzen und Social-Media-Verbote greift sie auf. Außerdem spricht sie über KI im Unterricht, Informatik als Pflichtfach und mehr Frauen in der IT. Diese Aussagen ordne ich in dieser Ausgabe von Tech Weekly gemeinsam mit Lewis Erckenbrecht, dem Bitkom-Experten für digitale Bildung, vertiefend ein.

 

 

Wirtschaft

 

Tobias Grimm:
Die neue Bundesregierung ist bald ein Jahr im Amt. Neben dem Tempo bei der Digitalisierung ist vor allem auch in die Bildungspolitik ordentlich Schwung gekommen. Grund dafür sei laut Bundesbildungsministerin Karin Prien vor allem die gute Zusammenarbeit zwischen Bund und Ländern. Es gehe voran in Richtung gemeinsamer Bildungsziele und gemeinsamer Verabredungen, sagt sie im Podcast „Wintergerst trifft“. Jetzt sei vor allem entscheidend, dass sich die Schule genauso verändert wie unsere Gesellschaft.
 

Karin Prien:
Den Schulen Freiräume zu eröffnen, um diese Entwicklung mitzugehen, aber sich auf der anderen Seite auf gemeinsame Ziele zu verständigen, ist meiner Meinung nach die richtige Strategie. Also: Klarheit bei den Zielen im gesamten System, am besten bundesweit, aber bei der Umsetzung mehr Offenheit, mehr Flexibilität und mehr Experimentierfreude. Dann muss aber auch gemessen werden, wer mit seiner Herangehensweise erfolgreich ist.
 

Tobias Grimm:
Darüber spreche ich jetzt mit Lewis Erckenbrecht, dem Bitkom-Experten für digitale Bildung. Lewis, wie müssen gemeinsame Bildungsziele eigentlich gestaltet sein?
 

Lewis Erckenbrecht:
Die Ministerin spricht bereits die richtigen Schlagworte an. Bildungsziele müssen klar sein, sie müssen bundesweit festgelegt und gemeinsam von Bund und Ländern getragen werden. Ich würde noch zwei weitere Punkte hinzufügen: Sie müssen ambitioniert sein, denn wir wollen im Bereich digitaler Bildung in Deutschland wirklich etwas erreichen. Und sie müssen überprüfbar sein, damit wir feststellen können, ob diese Ziele auch erreicht werden und gegebenenfalls nachsteuern können.
Konkret könnten solche Bildungsziele zum Beispiel so aussehen, dass wir einen technischen Mindeststandard festlegen, den Schulen bundesweit erreichen müssen. Außerdem müssen wir bei den Digitalkompetenzen von Schülerinnen und Schülern ansetzen. Rund 40 Prozent der Schülerinnen und Schüler in Deutschland verfügen nur über sehr geringe digitale und informationsbezogene Kompetenzen. Diese Zahl muss deutlich sinken.
Und wir müssen bei den Grundkompetenzen ansetzen: Rund 30 Prozent der Neuntklässlerinnen und Neuntklässler in Deutschland verfehlen zum Beispiel im Fach Mathematik die Mindeststandards. Da müssen wir ran und die Grundkompetenzen von Schülerinnen und Schülern nachhaltig stärken.
 

Tobias Grimm:
Im Podcast hebt Bundesbildungsministerin Karin Prien noch einmal deutlich die Einigung zum Digitalpakt 2.0 hervor.
 

Karin Prien:
Das ist tatsächlich ein Riesenerfolg, und wir haben auch die Finanzierung gesichert. Das ist vier Jahre lang nicht gelungen. Unter der Ampel gab es weder eine Finanzierung noch eine entsprechende Verabredung.
 

Tobias Grimm:
Lewis, das Geld ist da, die Finanzierung ist also gesichert. Wo liegen denn jetzt die größten Hebel, damit die Mittel im Bildungssystem wirklich Wirkung entfalten können? Was braucht unser Schulsystem jetzt wirklich?
 

Lewis Erckenbrecht:
Beim Digitalpakt 2.0 muss es jetzt vor allem schnell gehen. Ich war ja bereits im Januar im Podcast und habe berichtet, wie wir uns den Zeitplan vorstellen. Inzwischen sind wir schon in Verzug. Das Startdatum des Programms war lange unklar, deshalb liegt erst jetzt eine unterschriftsreife Vereinbarung vor. Jetzt muss richtig Tempo rein, damit wir bis zum Sommer in die Umsetzung kommen und das Geld schnell an die Schulen fließt, ohne dass eine Förderlücke entsteht.
Außerdem finanziert der Digitalpakt 2.0 nur bis 2030. Politisch betrachtet ist das nicht mehr weit weg. Das heißt, wir müssen uns schon jetzt die Frage stellen, wie wir digitale Bildung in Deutschland danach nachhaltig finanzieren wollen. Denn klar ist: Auch nach 2030 bleibt das eine langfristige Aufgabe, der wir gewachsen sein müssen.
 

Tobias Grimm:
Beim Thema Finanzierung ist Prien also zufrieden, ungeduldig bleibt sie dagegen bei der frühkindlichen Bildung.
 

Karin Prien:
Denn das ist in Wahrheit der Schlüssel zur Verbesserung des Bildungssystems. Wir verhandeln darüber im Moment mit den Ländern und werden demnächst einen Gesetzentwurf für ein Kita-Qualitätsentwicklungsgesetz vorlegen. Dabei legen wir besonderen Wert auf frühe Sprachbildung und frühe Entwicklungsförderung. Denn wir wissen inzwischen: Wenn Kinder in der Kita die deutsche Sprache nicht lernen, kommen sie im Bildungssystem häufig gar nicht mehr richtig an.
 

Tobias Grimm:
Lewis, wie ist hier deine Einschätzung? Welcher Ansatz muss verfolgt werden, damit die frühkindliche Bildung wirklich besser wird?
 

Lewis Erckenbrecht:
Wir haben in Deutschland im gesamten Bildungssystem noch immer das Problem, dass Bildungserfolg viel zu häufig mit der sozialen Herkunft zusammenhängt. Die frühkindliche Bildung ist genau der Punkt, an dem man ansetzen kann, um dieses Problem zu beheben.
Ich würde drei Handlungsfelder nennen, bei denen digitale Bildung sehr stark unterstützen kann. Der erste Punkt sind Daten. Was für das Schulsystem gilt, gilt auch für die Kita: Wir wissen oft zu wenig über den Bildungserfolg und den Bildungsverlauf von Kindern. Datenbasierte Steuerung kann auch im frühkindlichen Alter schon große Erfolge erzielen. Das heißt, wir brauchen eine frühe Sprachstandserhebung, für die es in Hamburg bereits sehr gute Beispiele gibt.
Außerdem müssen Daten bei Bildungsübergängen mitgedacht werden. Wenn ein Kind von der Kita in die Grundschule wechselt, gibt es oft das Problem, dass relevante Informationen nicht mitgegeben werden können. Obwohl in der Kita vielleicht schon Erkenntnisse über einen besonderen Förderbedarf vorliegen, weiß die Grundschule dann gar nichts darüber. Das ist ein Problem, das wir unbedingt angehen müssen.
Der zweite Punkt sind digitale Bildungsmedien. Das ist übrigens auch ein Grund, warum ich heute hier stehe: Ich bin als Kind mit den Löwenzahn-Lernspielen aufgewachsen und habe damals schon erlebt, wie groß das Potenzial spielerischer Ansätze in der frühkindlichen Bildung ist. Gerade für die Sprachbildung gibt es große Chancen, digitale Ansätze und Bildungsmedien gezielt einzusetzen. Das ist auch ein wichtiges Schwerpunktfeld, das Frau Ministerin Prien genannt hat.
Und der dritte Punkt ist: Die Kita muss zunehmend zu einem digitalen Lernort werden. Das bedeutet natürlich, dass wir in jeder Kita in Deutschland eine digitale Infrastruktur auf dem neuesten Stand der Technik brauchen. Gleichzeitig müssen wir auch das pädagogische Fachpersonal mitnehmen, damit digitale Bildung im Kita-Alltag tatsächlich umgesetzt werden kann.
 

Tobias Grimm:
Im Podcast spricht Karin Prien auch über die aktuelle Debatte in Deutschland: Soll es Altersgrenzen oder Verbote für Social Media geben?
 

Karin Prien:
Wenn Sie mich ganz persönlich fragen, glaube ich, dass wir ohne eine Altersgrenze nicht auskommen werden. Es wird dann aber auch einen Raum geben müssen, etwa zwischen 14 und 16 Jahren, in dem der Zugang grundsätzlich erlaubt ist, wir aber über Inhalte sprechen müssen. Wir müssen über die Offenlegung von Algorithmen sprechen und auch darüber nachdenken, wie wir Eltern besser befähigen, diesen Weg gemeinsam mit ihren Kindern zu gehen. Insgesamt brauchen wir bessere Medienerziehung sowie mehr Medien- und Nachrichtenkompetenz. Das ist unerlässlich.
 

Tobias Grimm:
Kinder und Jugendliche sollen online geschützt werden. Empfehlungen zur Ausgestaltung will die Expertenkommission im Sommer aussprechen. Lewis, wie ist deine Einschätzung dazu? Worauf kommt es an?
 

Lewis Erckenbrecht:
Bei Altersgrenzen sind wir grundsätzlich eher skeptisch. Das wäre ein massiver Eingriff in die Rechte von Kindern und Jugendlichen. Stattdessen müssen wir sie auf die digitale Realität vorbereiten, damit sie sich selbstbestimmt und sicher in der digitalen Welt bewegen können.
Schon heute gibt es in Deutschland durch verschiedene Regelungen ein hohes Schutzniveau für Kinder und Jugendliche auf sozialen Plattformen. Viele Anbieter haben Jugendkonten eingerichtet, auf denen Kinder und Jugendliche besondere Angebote erhalten. Personalisierte Werbung für unter 18-Jährige ist zum Beispiel nicht erlaubt. Wir haben also bereits einige Instrumente.
Gleichzeitig lohnt sich aus meiner Sicht ein Blick nach Australien, dem ersten Land, das eine Altersgrenze ab 16 Jahren eingeführt hat. Dort zeigt sich nach einigen Monaten, dass dieses Verbot kaum einen Effekt auf den Schutz von Kindern und Jugendlichen hat. Es ist schwer durchsetzbar, und viele Kinder und Jugendliche können solche Regelungen relativ leicht umgehen. Im Ergebnis kann das Schutzniveau sogar sinken, weil sie automatisch in Umgebungen für Erwachsene unterwegs sind und geschützte Jugendräume dann gar nicht mehr möglich sind.
Worin ich der Ministerin zustimme, ist der neue Fokus auf Medienbildung und Medienkompetenz in Deutschland. Dieses Thema muss fächerübergreifend in jedem Schulcurriculum verankert werden. Und wir müssen auch die Eltern mitnehmen, sie dabei unterstützen, ihre Erziehungsverantwortung gut wahrzunehmen, und ihnen dafür passende Angebote an die Hand geben.
 

Tobias Grimm:
Wir haben jetzt über viele Themen gesprochen. All das werdet ihr ja auf der Bildungskonferenz am 15. und 16. April aufgreifen. Welche Schwerpunkte setzt ihr dort?
 

Lewis Erckenbrecht:
Wir greifen genau die Themen auf, über die wir heute gesprochen haben: gemeinsame Bildungsziele von Bund und Ländern, die Umsetzung des Digitalpakts 2.0 und die Frage, wie gute digitale Bildungspolitik gelingt.
Wir sprechen über frühkindliche Bildung, über die Chancen spielerischer Lernansätze und am 16. April mit vollem Fokus über Medienkompetenzbildung und digitale Resilienz in unserer Gesellschaft. Dazu kommen Themenschwerpunkte rund um die Digitalisierung von Hochschulen und die Frage, wie diese stärker zur Fachkräftesicherung beitragen können. Außerdem setzen wir einen Schwerpunkt auf Weiterbildung in der Transformation und darauf, wie sich berufliche Bildung im digitalen Zeitalter verändern muss.
Zwei persönliche Programm-Highlights möchte ich noch nennen, auf die ich mich besonders freue. Zum einen konnten wir die „Sendung mit der Maus“ und die „Sendung mit dem Elefanten“ für einen gemeinsamen Vortrag gewinnen. Sie werden zeigen, wie sie digitale Angebote für Kinder gestalten und dabei zum Beispiel sogar Programmieren vermitteln können – ganz ohne Worte. Das ist ein super spannendes Konzept.
Zum anderen freue ich mich sehr darauf, dass wir die Potenziale spielerischer Lernansätze und digitaler Spiele für mehr Lernerfolg ausführlich diskutieren. Es gibt zum Beispiel ein spannendes Format im Bereich Medienkompetenz, bei dem man selbst die Rolle eines Social-Media-Algorithmus übernimmt und so ganz praktisch Medienkompetenz lernt. Das alles passiert auf der Bildungskonferenz, und ich freue mich, wenn ihr mit dabei seid.
 

Tobias Grimm:
Lewis, vielen Dank für das Gespräch. Für alle Interessierten habe ich die Links zum Podcast „Wintergerst trifft Prien“ und auch zur Bildungskonferenz in der Podcastbeschreibung hinterlegt.om.

 

 

Terminkalender

 

Tobias Grimm:
Mit dem Ausblick auf Kalenderwoche 16, in der wieder eine Sitzungswoche im Deutschen Bundestag ansteht: Im Bundeskabinett wird am 15. April unter anderem der Entwurf eines Aktionsprogramms der Bundesregierung zur Umsetzung der Nationalen Kreislaufwirtschaftsstrategie besprochen. In Brüssel finden Ausschusssitzungen statt, und am Montag, den 13. April, startet die Orientierungsdebatte über die Beziehungen zwischen China und der EU.
Außerdem findet wie angekündigt am Mittwoch und Donnerstag, also am 15. und 16. April, die Bildungskonferenz statt – kostenfrei und vollständig online. Im Mittelpunkt stehen aktuelle Herausforderungen und Chancen digitaler Bildung: von fehlenden Kompetenzen über strukturelle Hürden bis hin zu innovativen Lösungsansätzen.
Danke fürs Zuhören und bis nächsten Freitag.