Person mit langen, braunen Haaren in schwarzer Bluse und orangefarbener Jacke, Hintergrund mit unscharfen Wänden und Fenstern.
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Was tun, wenn man digital nicht mehr mitkommt?

Der Podcast „Tech Weekly #142" zum Nachlesen

Nina Paulsen:
Online-Banking, das Bahnticket auf dem Smartphone, der Arzttermin per App: Viele Dinge des Alltags laufen heute digital. Für viele Menschen ist das bequem, für andere bedeutet es Stress, Unsicherheit oder das Gefühl, nicht mehr richtig mithalten zu können. Digitale Teilhabe ist deshalb längst nicht mehr nur eine Frage von Technik, sondern auch von Selbstständigkeit, Zugang und Vertrauen.


Linda Machwitz:
Es ist nun mal so: Unsere Welt wird immer digitaler. Und davor kann man sich nicht so ganz verstecken. Deswegen raten wir jedem, eher offen zu sein, sich das Ganze anzuschauen und sich auch Hilfe zu holen.


Nina Paulsen:
Das sagt Linda Machwitz, Geschäftsführerin von "Digital für Alle". Mit ihr spreche ich darüber, wie digitale Teilhabe in Deutschland besser gefördert werden kann und warum sie längst auch eine gesellschaftliche Frage ist.


Linda Machwitz:
Am Ende ist digitale Teilhabe immer mehr soziale Teilhabe. Deswegen finden wir es so wichtig, dass alle Menschen, die möchten, digital teilhaben können.


Nina Paulsen:
Und damit herzlich willkommen zu Tech Weekly, dem Podcast des Bitkom. Ich bin Nina Paulsen und vertrete auch in dieser Woche Tobias Grimm.
Der Digitaltag. Bei der Arbeit, auf dem Amt, im Alltag: Den meisten Menschen in Deutschland geht die Digitalisierung zu langsam. Knapp drei Viertel wünschen sich mehr Tempo. Gleichzeitig gibt es aber auch die andere Seite: Rund jede und jeder Zehnte sagt, die Digitalisierung gehe zu schnell. Und fast die Hälfte der Menschen hat schon heute oder zumindest mit Blick auf die Zukunft Sorge, der technischen Entwicklung irgendwann nicht mehr folgen zu können.

Genau hier setzt der Digitaltag an, ein deutschlandweiter Aktionstag für digitale Teilhabe. Er findet am 26. Juni statt. Organisiert wird er von der Initiative "Digital für Alle", einem Bündnis von 27 Organisationen aus Zivilgesellschaft, Kultur, Wissenschaft, Wirtschaft, Wohlfahrt und öffentlicher Hand. Mit Geschäftsführerin Linda Machwitz spreche ich jetzt darüber, wie digitale Teilhabe in Deutschland gestärkt werden kann und warum es Folgen für die ganze Gesellschaft hat, wenn Menschen digital abgehängt werden.

Linda, was bedeutet digitale Teilhabe heute eigentlich konkret - jenseits davon, dass manche Menschen ein Smartphone haben, es bedienen können oder immer online sind?

 

Linda Machwitz:
Letzten Endes bedeutet digitale Teilhabe heute eigentlich soziale Teilhabe. Wir sehen das an vielen Stellen: sei es die Bahncard, die es nur noch digital gibt, seien es Bezahlvorgänge, die größtenteils digital stattfinden, Termine beim Arzt, aber auch Dinge wie schnell etwas online recherchieren oder KI nutzen. All diese Dinge nehmen immer mehr Raum in unserem Alltag ein und erleichtern vielen Menschen den Alltag.
Diese Technologien sicher, selbstbewusst und selbstbestimmt nutzen zu können, sorgt eben dafür, dass ich am sozialen Leben teilhaben kann. Zum einen geht es schon darum, ein Smartphone zu haben, denn das ist oft der Zugang. Darüber hinaus geht es aber vor allem darum, das Ganze wirklich nutzen zu können und zu wissen, welche Tools es gibt oder wie ich mit einem Problem umgehe.

Dazu gehört auch Medienkompetenz: zu erkennen, was Fake News sind, welchen Quellen ich vertrauen kann. Es ist ein buntes Rundumpaket. Am Ende wird digitale Teilhabe immer mehr soziale Teilhabe. Deswegen finden wir es so wichtig, dass alle Menschen, die möchten, digital teilhaben können.

 

Nina Paulsen:
Woran würde man im Alltag erkennen, dass eine Person wirklich digital teilhaben kann - also wirklich dabei ist und nicht nur eine Fahrkarte auf dem Smartphone hat?


Linda Machwitz:
Das ist sehr unterschiedlich, je nachdem, wie jemand digitale Technologien für seinen Alltag nutzt. Aber wir können bei dem Beispiel mit der Fahrkarte bleiben. Teilhabe heißt nicht nur, dass ich diese Fahrkarte digital auf meinem Smartphone habe, sondern vielleicht, dass ich sie mir selbst heruntergeladen habe, dass ich es selbst hinbekommen habe, sie über meinen eigenen Zahlungsdienst zu bezahlen.

Es heißt auch, dass ich zum Beispiel weiß, wie ich den Bildschirm heller mache, wenn der Kontrolleur kommt, damit er den Code scannen kann. Dass ich wirklich weiß, wie ich das Ganze bediene - und nicht jedes Mal meine Kinder, Freunde oder Bekannten fragen muss, damit sie es für mich organisieren.

Daran sieht man, dass jemand wirklich teilhaben kann: wenn jemand das, was er für den Alltag braucht, auch digital nutzen kann und dadurch vielleicht sogar einen Vorteil hat, weil es einfacher oder schneller geht oder weil man keinen Drucker mehr braucht.

Andersherum kann Teilhabe aber auch bedeuten, ganz selbstbewusst und selbstbestimmt zu sagen: Diese Technologie möchte ich nicht nutzen, weil ich mich damit auseinandergesetzt habe und sie aus Datenschutzgründen oder aus anderen Gründen nicht zu mir passt. Dann würde ich ebenfalls sagen: Diese Person kann teilhaben.

 

Nina Paulsen:
Jetzt wissen wir aus eigener Erfahrung, wenn wir unseren Freundes- und Familienkreis anschauen, aber auch aus unseren Befragungen: Diese Kompetenzen und Fähigkeiten, die du gerade aufgezählt hast, haben nicht alle. Gerade bei älteren Menschen ist die Lücke oft noch etwas größer. Was heißt fehlende digitale Teilhabe für uns als Gesellschaft? Man kann viele Dinge ja trotzdem noch analog machen. Ich kann mit Bargeld zahlen, meistens noch mein Papierticket am Automaten ziehen. Welche gesamtgesellschaftlichen Folgen hat fehlende digitale Teilhabe jenseits dieser individuellen Ebene?


Linda Machwitz:
Wir sprechen oft vom Ingroup-versus-Outgroup-Effekt. Das heißt, dass ich in der Gesellschaft im Prinzip eine Polarisierung habe: die einen, die digital teilhaben können und dem aufgeschlossen gegenüberstehen, und die anderen, die sich immer mehr abgeschoben fühlen, die das Gefühl haben, außen vor zu bleiben.

Klar kann ich weiterhin mit Bargeld zahlen, und das soll ich von mir aus auch weiterhin können. Ich kann mein Ticket vielleicht auch noch am Schalter holen. Aber zunehmend geht es darum, dass ich das Gefühl habe: Ich kann gar nicht mitreden, ich kann nicht mithalten, ich weiß nicht, was das ist, und vielleicht habe ich auch Angst davor. Dann lese ich irgendwo Schlagzeilen wie: "KI nimmt uns alle Jobs weg", und bin mir nicht sicher, wie ich das einordnen soll.

Gesellschaftlich entsteht dadurch irgendwann das Phänomen, dass ich eine Spaltung habe. Unsere Gesellschaft ist leider ohnehin schon auf vielen Ebenen gespalten. Digitalisierung oder fehlende digitale Teilhabe läuft dann Gefahr, auch dort eine Spaltung zu verstärken. Am Ende haben wir zwei Gruppen, die eher gegeneinander agieren. Das ist etwas, was wir als DFA ändern wollen. Wir wollen zeigen, dass Digitalisierung auch Brücken bauen kann.

 

Nina Paulsen:
Darauf kommen wir gleich noch einmal, auch auf den Digitaltag. Mir ist gerade noch etwas anderes in den Kopf gekommen: Was würdest du Menschen entgegnen, die sagen, es gebe inzwischen schon so etwas wie einen Digitalzwang - dass es heute gar nicht mehr ohne gehe - und die das kritisch sehen?


Linda Machwitz:
Es gibt viele, die das kritisch sehen. Gerade viele ältere Menschen sind noch offline. Deswegen muss es im Moment auch noch Offline-Angebote geben. Gleichzeitig ist es so: Unsere Welt wird immer digitaler, und davor kann man die Augen nicht ganz verschließen. Deshalb raten wir jedem, offen zu sein, sich das Ganze anzuschauen und sich auch Hilfe zu holen.

Trotzdem ist es aus unserer Sicht wichtig, dass beispielsweise öffentliche Stellen Digitallotsen anbieten. Also: Es gibt einen digitalen Dienst, aber wer das noch nicht kann, kann trotzdem in die Amtsstube kommen und sich helfen lassen.

Es klingt hart, aber am Ende wird alles viel digitaler. Unsere Welt wird digitaler, und davor kann ich die Augen nicht verschließen. Deswegen empfehlen wir, dem offen zu begegnen und Hilfe zu suchen. Es gibt viele tolle Anlaufstellen: Repair-Cafes, Erklärrunden, Hilfestellungen online wie offline. Das sollte man nutzen. Denn klar kann ich vieles noch offline machen, aber manches eben auch schon nicht mehr. Dann laufe ich Gefahr, ausgeschlossen zu werden.

 

Nina Paulsen:
Du hast jetzt skizziert, dass auch die Menschen selbst gefragt sind. Aber gibt es auch eine Bringschuld der Unternehmen oder Anbieter, die digitale Services bereitstellen? Ist es manchmal vielleicht einfach zu kompliziert, um einzusteigen?


Linda Machwitz:
Ja, auf jeden Fall. Ich glaube, das kennt jeder von uns: Man klickt sich durch einen Service oder bricht ein Anmeldeformular ab, weil es zu kompliziert ist. Oder man sagt in einem Onlineshop irgendwann: Ich habe die Nase voll. Dafür muss man gar nicht digital unerfahren sein; man kann auch total digitalaffin sein und trotzdem verzweifeln.

Dementsprechend finde ich, dass Anbieter von digitalen Anwendungen oder Angeboten durchaus in der Pflicht sind. Zum einen sind sie oft beim Thema digitale Barrierefreiheit gefordert, also ein Angebot, eine Webseite und Ähnliches barrierefrei zu gestalten. Das ist ganz wichtig. Darüber hinaus ist es wichtig, immer im Hinterkopf zu behalten: Nicht alle können gleich teilhaben.

Wie bei den Digitallotsen in der Verwaltung, die Menschen helfen, einen Amtsgang digital umzusetzen, sollten auch Unternehmen überlegen, welche Unterstützung sie anbieten können. Das kann zum Beispiel eine Telefonberatung neben der digitalen Beratung sein. Klar ist das aufwendig, aber wir sehen oft, dass es Menschen hilft, wenn sie doch noch einmal zum Hörer greifen können.

Es geht darum, Zusatzangebote zu schaffen und darauf zu achten, dass die eigenen Angebote einfach gestaltet sind, dass viel erklärt wird und dass sie barrierefrei sind. Das hilft Menschen, die digitale Angebote nicht so gut nutzen können. Am Ende sorgt es aber auch dafür, dass ich mehr Nutzerinnen und Nutzer habe, die sagen: Den Service kann ich nutzen, das klappt einfach. Es ist also auch ein Win-win.


Nina Paulsen:
Du hast schon viele Wege aufgezeigt, wie man Menschen erreichen kann, die sich überfordert fühlen und noch keinen Zugang gefunden haben. Ein Weg ist der bundesweite Digitaltag, den ihr dieses Jahr wieder macht. Magst du erzählen, was der Digitaltag ist und was er kann?


Linda Machwitz:
Gerne. Wir freuen uns schon. Am 26. Juni ist es wieder so weit: Bundesweiter Digitaltag. Das ist der größte Aktionstag in Deutschland für digitale Teilhabe. Im ganzen Land finden immer über zweieinhalbtausend Aktionen statt, bei denen Menschen kostenfrei, niedrigschwellig und oft auch ohne Anmeldung Angebote wahrnehmen können, um sich digital aufzuschlauen.

Man kann Technologien ausprobieren, an Diskussionsrunden teilnehmen oder zu einem Repair-Cafe gehen und sein Handy reparieren lassen. Es gibt unterschiedlichste Angebote für alle Zielgruppen - von Kindern und Jugendlichen bis zu älteren Menschen.

Dieser Tag soll zeigen: Digitalisierung ist für alle da. Wir wollen Berührungsängste abbauen und die Möglichkeit schaffen, dass jede und jeder auch mal eine vermeintlich doofe Frage rund um Digitalisierung stellen kann.

Dazu haben wir als Organisatoren eine Webseite ins Leben gerufen, mit einer großen Deutschlandkarte. Dort kann man die eigene Postleitzahl eingeben und schauen, was in der Nähe los ist. Am Ende lebt der Digitaltag aber von den vielen Veranstaltern in ganz Deutschland, die Digitalisierung erlebbar machen.

 

Nina Paulsen:
Du hast wahrscheinlich nicht alle Veranstaltungen im Kopf, die für dieses Jahr schon eingetragen wurden. Aber hast du ein, zwei Highlights, bei denen du sagst: Das ist cool?


Linda Machwitz:
Was ich immer sehr cool finde, sind digitale Stadtrallyes, die oft von Stadtbüchereien im ganzen Land angeboten werden. Man müsste schauen, wer es dieses Jahr macht. Das ist ein bisschen wie ein Escape Game: Man hat ein Smartphone, eine App und kann durch die Stadt laufen und die eigene Stadt erkunden. Das wird oft von Bibliotheken umgesetzt, ein tolles Programm.

Grundsätzlich finde ich Veranstaltungen spannend, die verschiedene Generationen zusammenbringen. Eine Veranstaltung heißt "Jung Alt Digital" und wird dieses Jahr, glaube ich, an zwei oder drei Schulen umgesetzt. Dabei kommen Schülerinnen und Schüler mit älteren Menschen zusammen und machen eine gemeinsame Unterrichtsstunde zum Thema Digitalisierung. Beide lernen voneinander und bringen sich gegenseitig etwas bei. Das finde ich eine richtig coole Sache.

Spannend ist außerdem alles, was zum Anfassen und Mitmachen einlädt. Zum Beispiel Kurse von Volkshochschulen zu 3D-Druck oder dazu, wie man mit HoloLens arbeitet. Das sind Dinge, die man aufsetzen, ausprobieren und erleben kann. Ich bin immer selbst traurig, dass ich am Digitaltag gar nicht so viele Veranstaltungen besuchen kann, weil wir natürlich selbst aktiv sind. Am liebsten würde ich durchs ganze Land fahren und alles miterleben.


Nina Paulsen:
Linda, vielen Dank.


Linda Machwitz:
Sehr gerne.


Nina Paulsen:
Mehr Informationen zum Digitaltag gibt es auf www.digitaltag.eu.

 

Der Terminkalender

Das war es für diese Woche, und wir schauen auf die nächste: der Ausblick auf Kalenderwoche 25. Bundestag und Bundeskabinett haben in der kommenden Woche Pause. Ruhig ist es dennoch nicht. Von Montag bis Mittwoch findet der G7-Gipfel im französischen Evian statt. Themen dürften neben den internationalen Krisen auch der Schutz von Kindern im Netz sowie die Auswirkungen von Technologien auf die Finanzstabilität sein.
In Deutschland findet in der zweiten Wochenhälfte die Innenministerkonferenz statt. Hier wird eine starke sicherheitspolitische Prägung erwartet. Am kommenden Wochenende, also am 20. und 21. Juni, ist der Tag der offenen Tür der Bundesregierung. In der EU ist Plenarwoche, dieses Mal in Straßburg. Am 18. und 19. Juni tagt der Europäische Rat.

Freitag – Das war der Ausblick für nächste Woche. Weitere Nachrichten aus der Digitalbranche gibt es auf unserer Website bitkom.org und auf unseren Social-Media-Kanälen. Danke fürs Zuhören und bis nächsten Freitag - dann wieder mit Tobias Grimm.