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Was Europa von Afrikas Digitalisierung lernen kann

Der Podcast „Tech Weekly #147" zum Nachlesen

Tobias Grimm:
In vielen afrikanischen Ländern entstehen digitale Lösungen dort, wo Ärztinnen und Ärzte fehlen und klassische Krankenhaussysteme kaum vorhanden sind.

Anna Herken:
Und zu schauen, wie da from scratch, ohne Legacy-Systeme, neue und digitale Modelle aufgebaut werden, ist großartig. Und das ist immer etwas, wo ich sage: Lasst uns mal da hinschauen.

Tobias Grimm:
Das sagt Anna Herken, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit. 

Wir sprechen darüber, was Deutschland und die Europäische Union von afrikanischen Ländern in Sachen Digitalisierung lernen können, wie verbreitet der Einsatz von Künstlicher Intelligenz heute schon ist und wie technische Infrastruktur von Grund auf neu aufgebaut werden kann. 

Und damit herzlich willkommen zu Tech Weekly, dem Podcast des Bitkom, mit mir, Tobias Grimm.

 

Wirtschaft 

 

Tobias Grimm:
Frau Herken, was macht die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit, also die GIZ?

Anna Herken:
Wir arbeiten in 120 Ländern und decken ein sehr breites Spektrum ab – von Umweltdienstleistungen über Finanzmärkte bis hin zu Infrastruktur. Also im Grunde alles, was unter nachhaltige Entwicklung fällt.

Tobias Grimm:
Welche Rolle spielt dabei die Digitalisierung? 

Anna Herken:
Sie spielt für uns eine extrem wichtige Rolle. Zum einen beim „Wie“, also bei der Frage, wie wir unsere Leistungen erbringen. Da digitalisieren wir viel und bieten unseren Partnerländern – die auf eine Art ja auch unsere Kunden sind – viele Leistungen digital an. Zum anderen sehen wir gerade mit Blick auf Afrika sehr viele Entwicklungssprünge, also Leapfrogging. Dort entstehen viele digitale Geschäftsmodelle, und entsprechend groß ist auch die Nachfrage aus den Partnerländern.

Tobias Grimm:
Welche Rolle spielen dabei KI und andere digitale Technologien?

Anna Herken:
Eine riesige. In Nigeria nutzen anteilig zum Beispiel fast doppelt so viele Menschen KI wie hier – auch am Arbeitsplatz. Das würde man vielleicht gar nicht erwarten, weil wir oft noch ein sehr vereinfachtes Bild von Afrika haben. Aber das trifft natürlich überhaupt nicht zu, gerade wenn man sich bewusst macht, wie unterschiedlich die Länder dort sind.

Spannend ist auch: Während wir hier häufig sehr stark über Risiken und Rahmenbedingungen sprechen – was ja auch richtig ist –, sagen viele Partner in Afrika ganz klar: Für uns ist das eine Riesenchance. Wir müssen leapfrogging betreiben. Teilweise gibt es gar keine gewachsenen Gesundheitssysteme. Und genau da bietet KI eine enorme Gelegenheit, um aufzuholen.

Tobias Grimm:
Was hat Sie daran zuletzt besonders beeindruckt?

Anna Herken:
Mich beeindruckt vor allem dieser sehr positive, chancenorientierte Blick. Wenn ich in Afrika bin oder mit Partnern spreche, höre ich oft: Das ermöglicht uns ganz neue Dinge. Gerade im Gesundheitsbereich wird das deutlich. Auch wir haben Ärztemangel, aber in vielen afrikanischen Ländern fehlen teils sogar grundlegende Krankenhausstrukturen. Zu sehen, wie dort von Grund auf – also ohne Legacy-Systeme – komplett digital gedachte Modelle entstehen, ist großartig. Da passiert echte Innovation, von der auch wir lernen können.

Tobias Grimm:
Sie arbeiten als GIZ mit digitalen Innovationen an sehr konkreten Herausforderungen, etwa im Agrarbereich oder bei Klimaresilienz. Was können wir von afrikanischen Ländern lernen?

Anna Herken:
Ein konkretes Beispiel sind Apps im Agrarbereich. Da gibt es sehr niedrigschwellige Anwendungen, mit denen Kleinbauern und Kleinbäuerinnen ihre Ernte erfassen, Fragen zur Schädlingsbekämpfung klären oder Ernteprognosen erstellen können – etwa, um auf dieser Basis Kredite zu bekommen. Das funktioniert oft sehr reibungslos und sehr gut. Davon können wir viel lernen.

Und das Spannende ist: Viele Themen, an denen dort gearbeitet wird – Gesundheit, Ärztemangel, Demografie, Landwirtschaft, Klima –, betreffen uns genauso. Die Lösungen, die dort entstehen, können perspektivisch auch für uns relevant sein. Gerade mit Blick auf ländliche Räume ist das hochinteressant.

Ein zweiter Punkt ist: Viel Innovation entsteht dort aus einem Mangel heraus. Also aus der Frage: Wie kann ich mit wenig Geld und wenig Aufwand etwas bauen, das hochfunktional ist und einen großen Impact hat? Genau das ist auch für uns spannend.

Tobias Grimm:
Wie kommen solche Technologien überhaupt in die Anwendung? Was sind die Schritte dahin?

Anna Herken:
Es gibt auf dem afrikanischen Kontinent unglaublich viele Unternehmerinnen und Unternehmer. Gerade im Bereich der kleinen und kleinsten Unternehmen ist Unternehmertum dort sehr stark ausgeprägt – prozentual deutlich stärker als bei uns. Es gibt also sehr viel lokale Entwicklung, und das ist auch wichtig. Denn es geht um lokale Innovation, um lokale Startups, die Lösungen direkt aus dem jeweiligen Kontext heraus entwickeln.

Finanzierung ist dabei ein großes Thema. Aber gerade dieser Mangel an Finanzierung erzeugt oft noch mehr Kreativität. Vieles entsteht wirklich lokal an der Wurzel – und genau das ist entscheidend, damit es funktioniert.

Tobias Grimm:
Welche Risiken sehen Sie in diesem Umfeld?

Anna Herken:
Ein Risiko besteht zum Beispiel darin, dass Datensätze für KI – also Trainingsdaten – häufig nicht vom afrikanischen Kontinent stammen. Wenn wir aber ernsthaft darüber sprechen, wie KI fair funktionieren soll, dann müssen auch afrikanische Realitäten und Kontexte in diesen Daten abgebildet sein. Sonst verstärken sich bestehende Biases dort noch einmal deutlich stärker.

Ein weiterer Punkt sind die Rahmenbedingungen. Genau da ist die GIZ auch sehr aktiv. Es geht um Datenschutzgesetze, regulatorische Frameworks und die Frage, ob Digitalisierung fair und verlässlich stattfinden kann. Und natürlich bleibt Infrastruktur ein großes Thema – also ganz konkret Zugang. In urbanen Zentren ist vieles oft weiter als bei uns, aber Afrika ist eben extrem heterogen. Ob ich in Malawi bin, in Lagos, in Niger oder in Kenia – das sind völlig unterschiedliche Kontexte. Und entsprechend unterschiedlich muss man auch vorgehen.

Tobias Grimm:
Wie baut man denn Infrastruktur und Datenschutzrahmen konkret auf?

Anna Herken:
Kenia ist zum Beispiel ein Vorreiter und hat sich stark an europäischer Regulierung orientiert. Genau dort setzen wir an – mit Beratung, also ganz konkret im Austausch mit Ministerien und Behörden, indem wir Optionen aufzeigen und gemeinsam Modelle entwickeln.

Daneben gibt es wichtige Akteure wie die Afrikanische Union oder Smart Africa. Dort werden zum Beispiel Blueprints für Gesetzgebungen entwickelt, die Länder dann übernehmen und an ihre jeweiligen Bedürfnisse anpassen können. Also auch da passiert sehr viel.

Tobias Grimm:
Sie haben zu Beginn Leapfrogging angesprochen. Welche Chancen ergeben sich daraus für afrikanische Innovationsökosysteme?

Anna Herken:
Ein sehr bekanntes Beispiel ist M-Pesa in Kenia. Anfang der 2000er-Jahre sind wir hier noch zur Bank gegangen und haben Formulare ausgefüllt – dort wurde schon Mobile Banking eingeführt. Heute nutzen das rund 80 Prozent der Kenianerinnen und Kenianer. Das ist aus einem sehr konkreten Bedarf heraus entstanden: Man brauchte Banking, aber ein flächendeckendes Filialnetz war keine realistische Lösung. Also hat man direkt digital gedacht.

Und genau das ist das Spannende: Man digitalisiert nicht nachträglich ein System, das schon vorhanden ist, sondern baut es von Anfang an passend auf. Ohne bestehende Altsysteme kann man sehr viel freier denken und sehr viel radikaler gestalten.

Tobias Grimm:
Was sind aus Ihrer Sicht drei Dinge, die Deutschland oder die EU davon lernen können?

Anna Herken:
Erstens: lokale Innovation wirklich ernst nehmen. Viele Lösungen entstehen dort direkt aus den Communities und aus konkreten Bedürfnissen heraus. Zweitens: Skalierung. Die gelingt oft deutlich schneller, weil weniger Legacy vorhanden ist, die erst abgebaut werden muss. Und drittens: der Mut, Dinge wirklich radikal neu zu denken.

Also nicht nur inkrementell an bestehenden Strukturen herumzuschrauben, sondern einmal zu fragen: Wenn wir auf der grünen Wiese anfangen würden – wie sähe dann ein Krankenhaus aus? Wie sähen staatliche Dienstleistungen aus? Genau diese Perspektive ist unglaublich wertvoll. Auch in Bereichen wie digitaler Verwaltung sehen wir das. Die Ukraine ist da zum Beispiel ein sehr spannender Vorreiter. Es geht darum, komplett neu zu denken – und dann konsequent zu skalieren.

Tobias Grimm:
Was heißt das konkret für deutsche Unternehmen? Wie können die sich einbringen?

Anna Herken:
Afrika ist der bevölkerungsreichste Kontinent. 2050 wird jeder vierte Mensch weltweit aus Afrika kommen. Es ist ein sehr junger Markt, mit einem Medianalter von rund 19 Jahren, also auch ein sehr digital affiner Markt. Gleichzeitig ist es ein riesiger Konsumentenmarkt. Das ist also nicht nur ein Innovationsthema, sondern auch ein Thema von Markt, Partnerschaften und Zugang. Ich glaube, es gibt da wirklich viele Dimensionen – Markt, Partner, Innovation –, in denen sich für deutsche Unternehmen große Chancen ergeben.

Tobias Grimm:
Frau Herken, vielen Dank für das Gespräch.

 

Der Terminkalender 

 

Tobias Grimm:
Mit dem kurzen Blick auf Kalenderwoche 30. Der Bundestag ist in der parlamentarischen Sommerpause und kommt erst wieder Anfang September zusammen. 

In der Sitzung am 22. Juli befasst sich das Bundeskabinett unter anderem mit diesen Vorhaben: dem Entwurf einer Startup- und Scaleup-Strategie der Bundesregierung sowie den neuen Vorgaben für eine Cyber-Security-Governance in der Bundesverwaltung.

Und auch in Brüssel starten die EU-Institutionen in die Sommerpause. In dieser sitzungsfreien Zeit finden bis Ende August keine regulären Sitzungen mehr statt. 

Das war der Ausblick für nächste Woche. Für weitere Nachrichten aus der Digitalbranche, schaut gerne auf Bitkom.org vorbei. 

Danke fürs Zuhören und bis nächsten Freitag.