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Podcast

Warum Rechenzentren Strompreisentlastungen brauchen

Der Podcast „Tech Weekly #133" zum Nachlesen

Tobias Grimm:
Ja, die Digitalisierung bringt uns Vorteile. Das sagen 77 Prozent der deutschen Unternehmen. 
 

Ralf Wintergerst:
„Aber Digitalisierung bleibt auch eine Kraftanstrengung, weil Technologien nicht stehenbleiben. Es kommen immer wieder neue Anwendungen, oder die Anwendungen müssen upgedatet werden."
 

Tobias Grimm:
Bitkom-Präsident Dr. Ralf Wintergerst erklärt, warnt aber davor, dass trotz der positiven Einschätzung noch rund die Hälfte der Unternehmen Probleme hat, die Digitalisierung zu bewältigen. 
Außerdem: Bei Strompreis-Entlastungen müssen auch Rechenzentren berücksichtigt werden. 
 

Kilian Wagner:
„Es ist unlogisch, dass diese klassischen produzierenden Industrien bei Strompreis-Entlastungen sinnvollerweise berücksichtigt werden, aber eben diese Zukunftsinfrastrukturen nicht."
 

Tobias Grimm:
Kilian Wagner, Bitkom-Experte für Rechenzentren, erklärt, warum die Betriebskosten von digitalen Infrastrukturen gesenkt werden müssen, um unsere digitale Souveränität zu stärken. 
Damit herzlich willkommen zu Tech Weekly, dem Podcast des Bitkom.

 

 

Wirtschaft

 

Tobias Grimm:
41 Prozent der deutschen Unternehmen setzen heute Künstliche Intelligenz ein. Im letzten Jahr waren es erst 17 Prozent. Durch den Einsatz von KI hat sich ihre Wettbewerbsposition verbessert, das sagen drei Viertel der deutschen Unternehmen. Mehr dazu von Bitkom-Präsident Dr. Ralf Wintergerst.
 

Ralf Wintergerst:
77 Prozent sagen, dass KI geholfen hat, Wettbewerbspositionen zu verbessern, oder auch mit 52 Prozent einen messbaren Beitrag zum Unternehmenserfolg geleistet hat. 45 Prozent sagen, dass die internen Prozesse deutlich beschleunigt werden. 
Durch KI haben sie auch Produkte und Leistungen verbessert, sagen 44 Prozent. KI hat neue Produkte oder Dienstleistungen entwickelt, sagen 29 Prozent. Und 19 Prozent sagen, die Folgen des Einsatzes von KI haben wir auch Stellen abgebaut. Eine relativ geringe Zahl an diesem Punkt. Das wird immer noch sehr hochgespielt, gerade im unternehmerischen Kontext, wobei wir in Deutschland vermutlich durch den demografischen Wandel froh sein werden, dass wir KI haben. In dem Sinne werden wir gar nicht Stellen abbauen, sondern die Stellen werden sich selbst abbauen durch die Demografie. 
33 Prozent sagen auch, dass der Einsatz von KI zu deutlich höheren Kosten führt, als man erwartet hat, denn wenn man auch einen Agenten hat, einen digitalen Mitarbeiter sozusagen, dann muss der auch Lizenzkosten zahlen, so wie man seinen Mitarbeiter Lohn zahlt. Also die haben auch Kosten und die sind zumindest aus Sicht der Unternehmen höher als vorher erwartet.
 

Tobias Grimm:
Die große Mehrheit der Unternehmen bewertet ihre bisherigen Digitalisierungsbemühungen positiv. 77 Prozent sagen, dass ihnen die Digitalisierung eher Vorteile gebracht hat. Weitere 16 Prozent sprechen sogar von großen Vorteilen. Gleichzeitig zeigt sich aber auch: Rund jedes zweite Unternehmen in Deutschland hat nach wie vor Schwierigkeiten, die Digitalisierung erfolgreich zu bewältigen.
 

Ralf Wintergerst:
Weil es wirklich auch hoher Arbeitsaufwand ist, der ganz, ganz viele Mitarbeiter im Unternehmen betrifft.  Man sieht Digitalisierungserfolge oft erst ein wenig später, nämlich dann, wenn die Effekte eintreten durch die Digitalisierung. 
So sagen 65 Prozent, also zwei Drittel ungefähr, dass Wettbewerber aus der gleichen Branche, die frühzeitiger auf Digitalisierung gesetzt haben, uns voraus sind. Und die Anzahl steigt. 
20 Prozent, das ist der mittlere Block, sagt: Aufstrebende Startups gefährden unsere Marktstellung. Die Zahl nimmt allerdings auch leicht ab. 13 Prozent sagen, dass die Digitalisierung die Existenz des Unternehmens gefährdet, weil vielleicht digitale Geschäftsmodelle oder auch Startups rechts oder links das Unternehmen in seinen Leistungen überholen. 
So ist die Einschätzung der Unternehmen, dass wir uns digital im Mittelfeld bewegen, dass wir Vorteile der Digitalisierung haben, dass es aber auch eine dauerhafte Kraftanstrengung ist.
 

Tobias Grimm:
Insgesamt macht die deutsche Wirtschaft bei digitalen Innovationen langsam Fortschritte. Rund jedem vierten Unternehmen fällt die Entwicklung neuer digitaler Produkte und Dienstleistungen leicht.
 

Ralf Wintergerst:
Und damit ist natürlich der Blick darauf, wie sich die Umsätze und die Umsatzanteile von digitalen Produkten entwickeln. Da kann man sagen, ja, es steigt, also 50 Prozent und mehr Umsatz an digitalen Produkten, sagen 9 Prozent der Befragten, 8 Prozent waren es im letzten Jahr. Also es geht langsam voran. 
Ich wiederhole nochmal: Wir sehen uns im Mittelfeld. Digitalisierung bringt Vorteile. Es ist aber sehr mühevoll. Die Umsätze gehen voran, aber noch nach wie vor langsam. Es ist noch keine wirkliche Grunddynamik zu entwickeln, dass da sehr schnell sehr viel mehr entsteht.
Ein Punkt, wie mehr entstehen kann, ist auch die Zusammenarbeit mit Startups, wie man also mit dem digitalen Ökosystem zusammenarbeitet. 
Zwei Drittel der Unternehmen, also 67 Prozent, arbeiten nicht mit Startups zusammen. 31 Prozent arbeiten mit Startups zusammen. 
Das kann in verschiedenen Formen stattfinden. Relativ wenig, zwei Prozent, haben aus dem Unternehmen heraus Startups gegründet oder haben ein spezielles Startup-Programm, einen Inkubator oder Accelerator. Es beteiligen sich finanziell an Startups 9 Prozent, und 14 Prozent entwickeln gemeinsam mit Startups neue Produkte und Dienstleistungen.
Hier wäre also noch ein deutliches Potenzial nach oben, zumal die Startups in Deutschland auf der einen Seite Finanzierungsthemen haben, zum zweiten auch Skalierungsfragen zu lösen haben. Also hier würde sich für beide Seiten vermutlich eine Zusammenarbeit lohnen. 
 

Tobias Grimm:
Das waren Ausschnitte aus der Pressekonferenz zur Digitalisierung der Wirtschaft, vorgestellt von Bitkom-Präsident Dr. Ralf Wintergerst. Den Link zu den vollständigen Ergebnissen findet ihr in der Podcast-Beschreibung.

 

 

Technologie

 

Tobias Grimm:
Für die besprochenen Themen, also die Digitalisierung von Wirtschaft, aber auch der Gesellschaft, bilden Rechenzentren das Fundament. Während klassische Industrien und das produzierende Gewerbe von Strompreisentlastungen profitieren, sind Rechenzentren ausgeschlossen. Ein aktuelles Rechtsgutachten kommt jetzt aber zu dem Ergebnis, dass Rechenzentren bei Strompreisentlastungen dringend berücksichtigt werden müssen. Über die Hintergründe und einen möglichen Dominoeffekt spreche ich jetzt mit Kilian Wagner, dem Bitkom-Experten für Rechenzentren.
Kilian, laut Gutachten müssen Rechenzentren bei Strompreisentlastungen berücksichtigt werden, auch damit die Ansiedlungen nicht an anderen Standorten im Ausland erfolgen. Kannst du das nochmal kurz erläutern?
 

Kilian Wagner:
Rechenzentren sind die Fabriken der digitalen Wirtschaft. Und sie sind auch für die klassischen Fabriken der traditionellen produzierenden Industrie die Grundlage, damit die ihre Prozesse ins 21. Jahrhundert bringen können, ihre Prozesse transformieren und digitalisieren können. 
Deswegen ist es unlogisch, dass diese klassischen produzierenden Industrien bei Strompreisentlastungen sinnvollerweise berücksichtigt werden, aber diese Zukunftsinfrastruktur nicht.
Deswegen ist es auch ein klarer Wettbewerbsnachteil im Vergleich zum nicht-europäischen Ausland, wo digitale Wertschöpfung gezielt durch niedrige Energiepreise auch gefördert wird.
Das hat auch die Bundesregierung erkannt und hat deswegen im Koalitionsvertrag angekündigt, dass die bestehenden Entlastungen für Strompreise auch auf digitale Infrastrukturen, also Rechenzentren, ausgeweitet werden sollen. Jetzt ist aber seit dem Koalitionsvertrag leider nicht mehr so viel passiert. Und häufig wird das Thema viel diskutiert und es wird sich auch teilweise ein bisschen dahinter versteckt, dass es beihilferechtlich ja schwierig ist auf europäischer Ebene.
Deswegen haben wir eben bei Professor Dr. Christian Koenig von der Universität Bonn ein Gutachten in Auftrag gegeben, wo aufgeschlüsselt werden soll: Ist so eine Entlastung juristisch möglich auf europäischer Ebene oder gibt es hier noch große Hürden, die dem wirklich im Wege stehen. 
Was sein Gutachten zeigt, ist, dass die Entlastung nicht nur europarechtlich zulässig ist, sondern sogar notwendig, damit die bestehenden EU-Regeln ihr Ziel erreichen und hier keine Kohärenzbrüche entstehen. 
Wenn man die vorgelagerte Basisinfrastruktur fördert, verhindert man, dass auf den nachgelagerten Ebenen, also bei den bereits geförderten Branchen, diskriminierende und wettbewerbsverzerrende Effekte entstehen, da die ja auch alle im Endeffekt Rechenzentren nutzen. Und dann werden manche gefördert, manche nicht.
Er sagt, dass es drei Möglichkeiten gibt, wie das umsetzbar ist juristisch. 
Die erste Möglichkeit ist, dass man die bestehenden Regeln funktional auslegt. Also das wäre auch heute schon möglich. 
Die zweite Möglichkeit ist, dass man die Beihilfefähigkeitskriterien so ergänzt, dass digitale Geschäftsmodelle hier berücksichtigt werden können. Aktuell ist die Herausforderung, dass dadurch, wie Handelsintensität definiert wird, digitale Geschäftsmodelle eigentlich keine Chance haben, weil hier einfach nur geschaut wird, wie werden klassische Güter, wie viel wird davon exportiert außerhalb der EU. Und bei datengetriebenen Geschäftsmodellen oder zum Beispiel KI ist so ein Nachweis heute, so wie die Kriterien aufgebaut sind, gar nicht möglich. Und deswegen sagt er eben, eigentlich müsste man diese Kriterien anpassen, damit man hier zukunftsfähig ist, auch im Beihilferecht. Und diese Kübelliste, die so genannt wird, wo die förderfähigen Branchen drinstehen, eben erweitert um datengetriebene Branchen.
Eine dritte Möglichkeit aus seiner Sicht wäre, dass man auch unmittelbar auf Basis des europäischen Vertragsrechts diese Förderung umsetzt.
 

Tobias Grimm:
Dann lass uns mal in das Thema noch ein bisschen tiefer einsteigen. Was würde es für Europa und Deutschland bedeuten, wenn also die Rechenzentren wegen der zu hohen Strompreise ins Ausland abwandern würden? Was bedeutet das auch für unsere Resilienz und auch für unsere digitale Souveränität?
 

Kilian Wagner:
Wenn Rechenzentren nicht in Europa entstehen, dann entstehen sie dort, wo die Energiepreise günstiger sind. Also, ich sage immer: Digitalisierung findet trotzdem statt, auch wenn die Rechenzentren nicht bei uns stehen. Also es führt nicht dazu, wenn wir weniger Rechenzentren in Europa haben, dass wir dann alle weniger digitale Dienste nutzen oder die Unternehmen ihre digitale Transformation zurückstellen, sondern dann werden vermehrt Rechenkapazitäten aus dem Ausland genutzt. 
Hier gelten natürlich häufig niedrigere Umwelt- und Sicherheitsstandards, zum einen. Wir haben dann höhere Latenzen, wir haben steigende Cyber- und Datenrisiken und eben auch die geopolitischen Unsicherheiten nehmen dadurch natürlich zu. Das haben uns die letzten Jahre jetzt deutlich gezeigt. 
Deswegen warnt das Gutachten eben auch deutlich: Cloud- und KI-Leistungen sind zunehmend ein Standortfaktor. Das heißt, auch für produzierende und energieintensive Branchen, die ja schon entlastet werden, sind die ein Standortfaktor. Und im Extremfall, das zeigt auch das Gutachten – denn das ist Adhäsionsmigration –, folgt die Industrie auch der digitalen Infrastruktur.
 

Tobias Grimm:
Lass uns im nächsten Schritt auf die Maßnahmen schauen. Also was müsste politisch sowohl in Deutschland als auch auf europäischer Ebene passieren, damit aus den Maßnahmen, die wir im Gutachten festgestellt haben, auch wirklich etwas passiert?
 

Kilian Wagner:
Das zeigt eben deutlich: Auch die Ausweitung der Strompreiskompensation und vielleicht auch eines Industriestrompreises auf Rechenzentren ist möglich. Und deswegen muss die Bundesregierung jetzt hier ihre Versprechen oder ihre Planung aus dem Koalitionsvertrag auch umsetzen und hier Druck auf europäischer Ebene machen, zum einen. 
Und natürlich muss aber auch die Europäische Kommission die Argumente anerkennen und eben auch handeln. Also vor allem DG COMP ist da zuständig, aber auch andere DGs sollten hier Druck machen, damit die gesetzten Ziele, die die EU sich selbst gesetzt hat, zum Ausbau der digitalen Infrastruktur – also man hatte sich zum Beispiel das Ziel gesetzt, bis 2030 die Rechenkapazitäten zu verdreifachen, um hier auch die Wettbewerbsfähigkeit und Souveränität zu stärken – auch Druck macht, diese Vorgabe umzusetzen.
 

Tobias Grimm:
Zum Abschluss würde ich gerne nochmal auf Deutschland schauen. Da soll die nationale Rechenzentrumsstrategie kommen. Was muss die Regierung da beachten? Was muss in dieser Strategie drinstehen?
 

Kilian Wagner:
Erstmal ist es ein sehr wichtiges Signal, dass die Bundesregierung die Bedeutung von Rechenzentren für den Standort Deutschland anerkennt. Zum einen für Wettbewerbsfähigkeit, aber auch für Souveränität. Und dass sie mit so einer Strategie jetzt auch den Rechenzentrum-Standort Deutschland gezielt fördern möchte. 
Wichtig ist es, dass hier die großen Pain-Points der Branche aufgegriffen werden. Also zum einen die Energieversorgung, also dass Stromnetzanstöße zur Verfügung stehen, dass aber auch die Energiepreise, jetzt auch im Kontext des Gutachtens gesenkt werden für Rechenzentren, dass die Planungs- und Genehmigungsverfahren beschleunigt werden, dass die Regulatorik praxistauglich ist und dass wir einfach einen wettbewerbsfähigen und auch nachhaltigen Rechenzentrumsstandort Deutschland weiterentwickeln können.
Wichtig ist es jetzt aber auch, dass diese Strategie natürlich nur ein erster Impuls ist. Die PS müssen aber auch auf die Straße kommen. Also, die schönen Maßnahmen, die da hoffentlich alle drinstehen werden, müssen dann natürlich auch umgesetzt werden. Und hier ist es sehr wichtig, dass das auch als gemeinschaftliches Projekt der Bundesregierung angesehen wird. Deswegen auch super, dass das als Kabinettsbeschluss verfasst wird, denn es ist einfach ein Querschnittsthema. 
Manche Themen sind eher im Energiebereich, manche sind eher im Planungs- und Genehmigungsbereich. Und hier müssen wirklich alle an einem Strang ziehen und auch anerkennen, dass das ein wichtiges Ziel ist, damit wir hier eben den Rechenzentrumsstandort Deutschland auch schnell und nachhaltig stärken können.
 

Tobias Grimm:
Kilian, vielen Dank für das Gespräch und den Link zum Gutachten findet ihr in der Podcastbeschreibung.

 

 

Terminkalender

 

Tobias Grimm:
Mit dem Ausblick auf Kalenderwoche 12 und damit einer Sitzungswoche im Deutschen Bundestag. 
Auf der Agenda des Bundeskabinetts stehen am Mittwoch, den 18.03., unter anderem der Entwurf einer nationalen Wirtschaftsschutzstrategie sowie der Entwurf einer Rechenzentrumsstrategie. 
In Brüssel steht in der wöchentlichen Kommissionssitzung unter anderem die Veröffentlichung des 28. Regime auf der Agenda. Außerdem findet am 19. März der Euro-Gipfel statt, auf dem die wirtschaftspolitische Ausrichtung der Währungsunion festgelegt wird. 
Und eventseitig findet am 18. und 19. März, also Mittwoch und Donnerstag, die Transform statt, die sich vollkommen auf die digitale Transformation von Unternehmen fokussiert. Mit dabei sind unter anderem Bitkom-Präsident Dr. Ralf Wintergerst, Bill Anderson, CEO von Bayer, Dr. Bettina Orlobb, CEO der Commerzbank und Dr. Roland Busch, CEO von Siemens. 
Von politischer Seite aus werden unter anderem Bundesdigitalminister Dr. Karsten Wildberger, Bundesbildungsministerin Karin Prien und Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas auf den Bühnen sprechen. Weitere Informationen zur Transform findet ihr auf der Webseite www.transform.show. 
Und am Ende der Ausblick auf die nächste Woche auch schon. 
Weitere Informationen zur Digitalbranche findet ihr wie immer auf bitkom.org. 
Danke fürs Zuhören und bis übernächsten Freitag.