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KI an Schulen und die digitale Hochschule der Zukunft

Der Podcast „Tech Weekly #150" zum Nachlesen

Tobias Grimm:
Es geht nicht mehr darum, ob Künstliche Intelligenz an Schulen eingesetzt wird, sondern wie.


Dr. Ralf Wintergerst:
Die Mehrheit der Lehrkräfte nutzt KI bereits für die Schule: 58 Prozent. Summa summarum wird sie heute schon für vielfältige Aufgaben im Schulalltag eingesetzt.


Tobias Grimm:
Das sagt Bitkom-Präsident Dr. Ralf Wintergerst. Er stellt die Ergebnisse der aktuellen Lehrkräftestudie vor und ordnet ein, wie digital Deutschlands Schulen heute sind und ob Lehrkräfte KI eher als Chance oder als Risiko wahrnehmen.
Außerdem: Wie sieht die digitale Hochschule der Zukunft aus?


Lewis Erckenbrecht:
Noch immer sagen 73 Prozent der Studierenden, dass Hochschulen in Deutschland bei der Digitalisierung im internationalen Vergleich hinterherhinken. Aus unserer Sicht ist das Zielbild klar: Hochschulen sind wichtige Akteure für die digitale Wettbewerbsfähigkeit und für den Digitalstandort Deutschland. Diese Rolle müssen sie viel stärker wahrnehmen.


Tobias Grimm:
Lewis Erckenbrecht, Bitkom-Experte für digitale Bildung, erklärt, warum sich Hochschulen im digitalen Zeitalter neu aufstellen müssen und welche politischen Maßnahmen dafür notwendig sind. Und damit herzlich willkommen zu Tech Weekly, dem Podcast des Bitkom, mit mir, Tobias Grimm.

 

Bildung


Tobias Grimm:
Was sind aktuell die dringendsten Probleme an deutschen Schulen? 
Für 82 Prozent der Lehrkräfte ist es vor allem die eigene Überlastung. Das ist ein Anstieg um acht Prozentpunkte im Vergleich zum Jahr 2024, erklärt Bitkom-Präsident Dr. Ralf Wintergerst.


Dr. Ralf Wintergerst:
Auf der einen Seite nennen die Lehrkräfte die übermäßige Smartphone-Nutzung der Schülerinnen und Schüler. Der zweite Punkt sind überlastete Lehrkräfte: Klassen werden größer, neue Inhalte kommen hinzu und die Curricula sind sehr voll.
Hinzukommen der Umgang mit digitalen Medien und die sehr unterschiedliche Ausstattung der Schulen. Das belastet die Lehrkräfte und führt teilweise zu Überlastung. Danach folgen weitere Themen wie überfüllte Klassen, unterschiedliche Leistungs- und Sprachniveaus und schließlich – mit 22 Prozent – die Gewaltbereitschaft von Schülerinnen und Schülern. Das wird heute zwar häufig thematisiert, ist im Vergleich zur übermäßigen Smartphone-Nutzung aber deutlich seltener eine der genannten Herausforderungen.


Tobias Grimm:
Digitale Technologien bringen zwar auch neue Herausforderungen mit sich, sind gleichzeitig aber Teil der Lösung. So sehen 95 Prozent der Lehrkräfte die Digitalisierung als große Chance für die Bildung in Deutschland. Viele beobachten außerdem positive Effekte beim Einsatz digitaler Technologien im Unterricht.


Dr. Ralf Wintergerst:
Die Lehrkräfte sehen, dass Schülerinnen und Schüler durch den Einsatz digitaler Technologien motivierter sind. Es spornt sie an, mit diesen Technologien zu arbeiten, dadurch zu lernen und ihren Lernalltag zu gestalten.
65 Prozent sagen, dass der Einsatz digitaler Technologien die Schülerschaft auf das Leben und Arbeiten in der digitalen Welt vorbereitet. 64 Prozent sagen, dass digitale Technologien es ermöglichen, individueller auf die Schülerinnen und Schüler einzugehen. Und 63 Prozent sehen, dass das Experimentieren mit digitalen Technologien auch die Kreativität fördert.
Wenn man den Blick auf den Lehrberuf selbst richtet, sagen 67 Prozent der Lehrkräfte, dass digitale Technologien die Unterrichtsvorbereitung erleichtern. 57 Prozent sagen, dass es ihnen Spaß macht, mit digitalen Technologien zu unterrichten. Und 44 Prozent stellen fest, dass digitale Anwendungen die Kommunikation mit den Eltern erleichtern.


Tobias Grimm:
Auch Künstliche Intelligenz ist längst im Berufsalltag vieler Lehrkräfte angekommen. Inzwischen nutzen 58 Prozent KI – etwa zur Vorbereitung des Unterrichts, zur Korrektur von Klassenarbeiten oder zur Organisation ihres Arbeitsalltags.


Dr. Ralf Wintergerst:
KI wird zum einen genutzt, um der Schülerschaft zu erklären, was Künstliche Intelligenz ist. Das ist natürlich ein hochaktuelles Thema. Dieser Wert ist im Vergleich zu unserer Studie von 2024 deutlich gestiegen: von 30 auf 44 Prozent.
Danach folgen die Wissensvermittlung im Unterricht und die Unterrichtsvorbereitung. 32 Prozent sagen außerdem, dass KI ihren Arbeitsalltag als Lehrkraft erleichtert.
58 Prozent sagen allerdings auch: Ich fühle mich im Umgang mit KI unsicher. Das dürfte vielen Menschen in Unternehmen ähnlich gehen. Wenn man beginnt, mit KI zu arbeiten, ist der Umgang damit noch nicht selbstverständlich. Es stellt sich die Frage, wie man sie sicher und vor allem richtig nutzen kann.
Summa summarum wird KI heute schon für vielfältige Aufgaben im Schulalltag eingesetzt. Damit kommen wir zu der Frage: Ist Künstliche Intelligenz eine Kernkompetenz oder am Ende ein Bildungskiller? Genau dieses Spannungsfeld macht die Debatte um KI derzeit aus.
89 Prozent sagen, jede Schülerin und jeder Schüler sollte lernen, wie KI funktioniert und wie man sie nutzt. 42 Prozent der Lehrerinnen und Lehrer sagen aber auch, dass KI zur Verdummung von Schülerinnen und Schülern führen kann. 36 Prozent sagen sogar beides.
Das ist eine interessante Aussage. Einerseits soll jeder KI kennen und nutzen können. Andererseits besteht die Sorge, dass Schülerinnen und Schüler nicht mehr lernen, sich Sachverhalte selbst zu erarbeiten. Beides zusammen zeigt, dass wir genau hinschauen müssen, wie wir den Einsatz von KI künftig sinnvoll gestalten.


Tobias Grimm:
Das war ein Überblick über die Ergebnisse der Lehrkräftestudie, vorgestellt von Bitkom-Präsident Dr. Ralf Wintergerst. Die vollständigen Ergebnisse findet ihr auf der Webseite des Bitkom. Den Link dorthin gibt es wie immer in der Podcast-Beschreibung.
Wir bleiben beim Thema Bildung, wechseln aber von der Schule an die Hochschule. Denn auch dort ist Digitalisierung eine zentrale Voraussetzung für einen starken Bildungs-, Wissenschafts- und Innovationsstandort Deutschland.
Aus Sicht vieler Studierender besteht allerdings erheblicher Nachholbedarf. 73 Prozent halten die deutschen Hochschulen bei der Digitalisierung im internationalen Vergleich für abgehängt. Wie die digitale Hochschule der Zukunft aussehen kann und was dafür nötig ist, bespreche ich jetzt mit Lewis Erckenbrecht, dem Bitkom-Experten für digitale Bildung.
Lewis, beginnen wir mit einer Bestandsaufnahme: Wie digital sind die Hochschulen in Deutschland heute, und wie müsste das Zielbild aussehen?


Lewis Erckenbrecht:
Die Hochschulen in Deutschland sind besonders durch die Corona-Pandemie noch einmal deutlich digitaler geworden. An vier von fünf Hochschulen sind bestimmte Leistungen digital möglich, etwa die Bereitstellung von Unterlagen oder das spätere Anschauen von Vorlesungen.
Gleichzeitig gibt es bei bestimmten Aspekten weiterhin Nachholbedarf. Zum Beispiel bietet nur jede vierte Hochschule regulär digitale Prüfungen an. Ein Viertel der Studierenden nennt fehlendes WLAN an der eigenen Hochschule weiterhin als dringendes Problem. Und noch immer sagen 73 Prozent der Studierenden, dass Hochschulen in Deutschland bei der Digitalisierung im internationalen Vergleich hinterherhinken.
Das heißt: Wir haben noch richtig viel zu tun. Aus unserer Sicht ist das Zielbild klar. Hochschulen sind wichtige Akteure für die digitale Wettbewerbsfähigkeit und für den Digitalstandort Deutschland. Diese Rolle müssen sie viel stärker wahrnehmen.


Tobias Grimm:
Den Weg dahin skizziert ihr in eurem neuen Positionspapier „Digitale Hochschule der Zukunft“. Was sind aus deiner Sicht die drei wichtigsten Schritte auf dem Weg zu einer zukunftsfähigen Hochschule?


Lewis Erckenbrecht:
Der erste wichtige Schritt ist, Digitalisierung als strategische Querschnittsaufgabe zu verstehen. Sie darf nicht isoliert in Studium und Lehre, in der Verwaltung oder in der Zusammenarbeit mit außeruniversitären Akteuren stattfinden, sondern muss koordiniert und strategisch gesteuert werden.
Dafür braucht es auch eine klare Verantwortungszuschreibung, zum Beispiel an einen Chief Digital Officer oder eine Vizepräsidentin beziehungsweise einen Vizepräsidenten für Digitalisierung.
Der zweite Punkt ist, dass sich Hochschulen als aktive Partner der digitalen Transformation und des Strukturwandels verstehen müssen. Hochschulen stehen nicht als Elfenbeintürme außerhalb unserer Gesellschaft und Wirtschaft, sondern sind ein aktiver Teil davon.
Das merkt man besonders beim Thema Fachkräftesicherung. Hochschulen müssen Studierende auf eine digital geprägte Arbeitswelt vorbereiten und dafür auch projektorientierte und handlungsorientierte Lehre anbieten. Gleichzeitig nehmen sie als Akteure der Weiterbildung und des lebenslangen Lernens eine wichtige Rolle ein. Das Wissen der Hochschulen muss in die Gesellschaft und die Wirtschaft getragen werden.
Der dritte Punkt ist: Hochschulen müssen sich als offene Innovationsökosysteme verstehen. Sie müssen einerseits Innovationen aus der Wirtschaft in die Hochschulen holen und andererseits das Wissen und die Forschung, die an Hochschulen entstehen, in die Praxis transferieren.
Wir haben in Deutschland kein Forschungsproblem, sondern ein Umsetzungsproblem. Wir haben weltweit führende Forschung, müssen diese aber stärker in wirtschaftlich tragfähige Lösungen übertragen.
Und der vierte Schritt – oder vielleicht eher der politische Blick – ist: Die politischen Rahmenbedingungen müssen stimmen. Bund und Länder müssen zusammenarbeiten, um Hochschulen dabei zu unterstützen.
In unserem Papier finden sich eine Reihe von Forderungen dazu, wie wir uns das konkret vorstellen. Klar ist: Der Bund hat unterschiedliche Förderprogramme, über die er auch die Länder finanziell bei Hochschulinfrastruktur, Studium und Lehre unterstützt. Bei der Ausgestaltung und Umsetzung dieser Programme muss jetzt ein klarer Fokus auf Digitalisierung gesetzt werden. Denn sie ist eine zentrale Zukunftsfrage für die Hochschulen.


Tobias Grimm:
Inzwischen sehen wir, dass fast alle Studierenden KI nutzen. Gleichzeitig fehlen aber noch häufig hochschulweite Regeln. Wie könnte ein sinnvoller gemeinsamer Ansatz aussehen?


Lewis Erckenbrecht:
Du sprichst es genau an: 92 Prozent der Studierenden nutzen künstliche Intelligenz für ihr Studium. Das ist eine enorme Zahl, der die Hochschulen gerecht werden müssen.
Wir schlagen deshalb einen ländergemeinsamen KI-Aktionsplan für Hochschulen vor. Dieser sollte den Hochschulen einerseits einen Orientierungsrahmen und eine Art KI-Ethik an die Hand geben, um den Umgang mit KI zu regeln. Andererseits sollte er ermöglichen, dass Studierende, Lehrende und Beschäftigte der Hochschulen KI tatsächlich einsetzen und die Potenziale künstlicher Intelligenz effektiv nutzen können.
Ein Punkt wären neue Lehrformate. Wir müssen uns an den Hochschulen an eine Realität gewöhnen, in der künstliche Intelligenz genauso regelmäßig eingesetzt wird wie später auch am Arbeitsmarkt. Die klassische Hausarbeit ist deshalb vielleicht ein eher überholtes Prüfungsmodell. Da muss man darüber nachdenken, wie sich Prüfungsformate weiterentwickeln lassen.
Wir stellen uns außerdem eine Whitelist mit KI-Tools vor, die für Studium, Lehre und Verwaltung eingesetzt werden können. Dazu sollte ein KI-Budget für Hochschulen kommen, das sie flexibel für die Anschaffung von KI-Lösungen einsetzen können.
Wir sehen häufig, dass Hochschulen KI-Lösungen zwar nutzen wollen, die Anschaffung aber an komplexen Verwaltungs- und Budgetstrukturen hängen bleibt. Vom Wunsch, ein bestimmtes Tool einzusetzen, bis zur tatsächlichen Nutzung und dem Erwerb der Lizenz vergehen oftmals mehrere Semester. Das muss vereinfacht werden.
Und dann stellen wir uns auch länderspezifische KI-Zentren vor. In Nordrhein-Westfalen gibt es mit dem KI-Expertise-Zentrum ein gutes Beispiel. Dort werden pädagogische Grundlagen für Studium und Lehre sowie der KI-Einsatz in der Verwaltung mit Ressourcen unterlegt. Hochschulen können sich daran orientieren und diese Grundlagen gewinnbringend für ihren eigenen Einsatz nutzen.


Tobias Grimm:
Du hast den KI-Aktionsplan und den Weg zu einer zukunftsfähigen Hochschule beschrieben. Wie lässt sich diese digitale Transformation am Ende messen? Woran würden Studierende, Lehrende und Beschäftigte wirklich merken, dass sich konkret etwas verändert hat?


Lewis Erckenbrecht:
Eine erste konkrete Veränderung, die wir vielleicht in fünf Jahren sehen könnten, ist: Jede Hochschule hat einen Chief Digital Officer oder eine Vizepräsidentin beziehungsweise einen Vizepräsidenten für Digitalisierung.
Digitalisierung muss auf der höchsten Leitungsebene der Hochschule aufgehängt und strategisch gedacht werden. Daran kann man messen, inwieweit sich Hochschulen auch als Organisationen weiterentwickelt haben.
Für Studierende wäre eine klare Veränderung, dass die Infrastruktur an den Hochschulen für Digitalisierung geeignet ist. Das beginnt bei so etwas Einfachem wie Steckdosen in jedem Seminarraum, geht über eine zuverlässige Internetversorgung bis hin zu einer studienbegleitenden KI, die in fünf Jahren allen Studierenden zur Verfügung stehen sollte.
Für Lehrende wäre ein Seminar oder eine Vorlesung mit 100 Personen dann keine Blackbox mehr. Sie hätten Learning Analytics zur Verfügung, um Studierende individueller auf ihrem Lernweg zu begleiten und zu unterstützen. Dabei bekämen sie auch KI-basierte Unterstützung an die Hand.
Und für die Beschäftigten der Hochschulen wäre durch digitale Verwaltungsprozesse eine klare Entlastung zu spüren. Sie könnten sich dadurch stärker auf die Kernaufgaben der Universitäts- und Hochschulverwaltung konzentrieren.


Tobias Grimm:
Lewis, vielen Dank für das Gespräch. Alle Interessierten finden das Positionspapier „Digitale Hochschule der Zukunft“ auf der Webseite des Bitkom. Den Link dorthin gibt es in der Podcast-Beschreibung.

 

Der Terminkalender


Tobias Grimm:
Mit dem Ausblick auf Kalenderwoche 33, in der wegen der parlamentarischen Sommerpause weder im Bundestag noch im Europäischen Parlament Sitzungen stattfinden.
Auf der digitalpolitischen Agenda des Bundeskabinetts stehen unter anderem der Gesetzentwurf zur Förderung der Frühstart-Rente sowie der Gesetzentwurf zur Reform des Nachrichtendienstrechts.
Und damit sind wir auch schon am Ende der Folge angekommen. Weitere Nachrichten und Informationen aus der Digitalbranche gibt es wie immer auf bitkom.org. 
Danke fürs Zuhören und bis nächsten Freitag.