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KI, Cloud, Chips: Wie abhängig ist Deutschland?

Der Podcast „Tech Weekly #160" zum Nachlesen

Tobias Grimm:
96 Prozent der deutschen Unternehmen beziehen digitale Technologien oder Dienstleistungen aus dem Ausland. Doch was würde passieren, wenn Chips, Cloud-Dienste und andere digitale Technologien plötzlich nicht mehr verfügbar wären?
 

Ralf Wintergerst:
„Die Aussage der Unternehmen ist: Bis zu sechs Monate sagen 15 Prozent, sieben bis zwölf Monate 42 Prozent und 13 bis 24 Monate 34 Prozent. Im Durchschnitt wären das ungefähr 16 Monate."

Tobias Grimm:
Wie aber können wir diese Abhängigkeiten verringern? Darüber spricht Bitkom-Präsident Dr. Ralf Wintergerst. Und auch beim Digitalgipfel der Bundesregierung wird digitale Souveränität eine wichtige Rolle spielen. Was von dem Gipfel zu erwarten ist und welche politischen Impulse dafür notwendig sind, erklärt Bitkom-Politikexpertin Sophie Vogt-Hohenlinde.
 

Sophie Vogt-Hohenlinde:
„Wichtig ist, dass von einem solchen Gipfel möglichst konkrete Ergebnisse zurückbleiben und weniger reine Absichtserklärungen. Genau dieses Signal erwarten wir in der kommenden Woche – gerade mit Blick auf die KI-Politik der Bundesregierung."
 

Tobias Grimm:
Und damit herzlich willkommen zu Tech Weekly, dem Podcast des Bitkom, mit mir, Tobias Grimm.

 

Politik

 

Tobias Grimm:
„Shaping AI: safe, sovereign, competitive.“ Unter diesem Motto steht der Digitalgipfel 2026. Er knüpft an den vergangenen Gipfel zur europäischen digitalen Souveränität an. Diesmal steht künstliche Intelligenz im Mittelpunkt. Es geht unter anderem darum, wie KI sicher eingesetzt werden kann, wie Deutschland und Europa im internationalen Wettbewerb bestehen können und welche politischen Rahmenbedingungen es dafür braucht.
Was konkret vom Gipfel zu erwarten ist, bespreche ich jetzt mit Bitkom-Politikexpertin Sophie Vogt-Hohenlinde.
Sophie, mit welchen Erwartungen blickst du auf den Digitalgipfel und auf welche Diskussionen oder möglichen Ankündigungen sind wir besonders gespannt?
 

Sophie Vogt-Hohenlinde:
Den Digitalgipfel gibt es tatsächlich schon seit 2006. Damals wurde er von Angela Merkel ins Leben gerufen und hieß noch Nationaler IT-Gipfel. Ziel ist es, Spitzenvertreterinnen und -vertreter aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft zusammenzubringen, um gemeinsam die Digitalisierung Deutschlands voranzubringen, politische Ideen zu diskutieren, neue Partnerschaften zu schließen und insbesondere konkrete Projekte anzustoßen. In der Vergangenheit sind beispielsweise die Smart-School-Initiative oder die German Digital Hubs zur Startup-Förderung aus solchen Gipfeln hervorgegangen.
Wenn wir auf die Entwicklung des Formats schauen, sehen wir außerdem eine stärkere Internationalisierung. Im vergangenen Jahr hatten wir erstmals einen Souveränitätsgipfel, den Deutschland gemeinsam mit Frankreich politisch aufgesetzt hat. In diesem Jahr wird der erste Tag komplett auf Englisch stattfinden. Mit Kanada ist zudem ein enger Partner vertreten, mit dem es gerade im Bereich KI viele politische Anknüpfungspunkte gibt. Auch Ministerinnen und Minister aus anderen EU-Ländern kommen nach Berlin.
Vonseiten der Bundesregierung sind unter anderem Bundeskanzler Friedrich Merz, Bundesdigitalminister Dr. Karsten Wildberger und Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche dabei. Gerade beim Schwerpunkt KI ist es wichtig, mit like-minded partners wie Kanada zusammenzuarbeiten und aus dem Gipfel auch konkrete Ankündigungen mitzunehmen.
 

Tobias Grimm:
Bundesdigitalminister Dr. Karsten Wildberger hat noch einmal betont, dass KI sicher und vertrauenswürdig sein muss, Deutschland und Europa aber gleichzeitig die Chancen im internationalen Wettbewerb nutzen müssen. Welche Maßnahmen und Impulse sollte der Digitalgipfel dafür liefern?
 

Sophie Vogt-Hohenlinde:
Die Bundesregierung hat sich im Koalitionsvertrag das Ziel gesetzt, Deutschland als KI-Nation zu etablieren. Damit das gelingt, muss KI noch stärker in den politischen Mittelpunkt gerückt und priorisiert werden.
Dazu gehört zum Beispiel die Hightech Agenda. Wir müssen schauen, dass ausreichend Mittel in diese Technologien fließen. Ein weiterer wichtiger Bereich ist Physical AI. Deutschland hat gerade bei industriellen Anwendungen große Stärken. Deshalb müssen wir überlegen, wie wir dieses Potenzial besser nutzen, wie wir insbesondere den Mittelstand unterstützen und wie erfolgreiche Pilotprojekte stärker skaliert werden können.
Bislang werden im KI-Bereich an vielen Stellen gute Dinge angestoßen. Es fehlt aber teilweise noch an Bündelung und Konzentration auf einige zentrale Initiativen. Genau ein solches Signal erwarten wir vom Gipfel.
Gleichzeitig brauchen wir die notwendige Infrastruktur. Dazu gehört insbesondere der Ausbau von Rechenkapazitäten – und das funktioniert nur gemeinsam mit der Wirtschaft.
Auch international müssen wir uns gut aufstellen. Mit Partnern wie Kanada müssen wir den Zugang zu Frontier-Modellen sichern und mit den Unternehmen in den Dialog gehen. Gleichzeitig müssen wir europäische Alternativen stärken. Und natürlich gehört auch KI-Sicherheit zu dieser Debatte. Es gibt also viele Themen, die politisch stärker fokussiert und gebündelt werden müssen.
 

Tobias Grimm:
Ein weiteres Ziel sind verlässliche Rahmenbedingungen für mehr digitale Souveränität und Wettbewerbsfähigkeit. Wo siehst du hier den größten politischen Handlungsbedarf und wie sollten diese Rahmenbedingungen aussehen?
 

Sophie Vogt-Hohenlinde:
Da geht der Blick ganz klar nach Brüssel. Deshalb ist es ein gutes Zeichen, dass auch die EU-Kommission beim Gipfel vertreten sein wird.
Unsere Botschaft ist eindeutig: Europa muss beim Bürokratieabbau ambitionierter werden. Das betrifft insbesondere die Omnibus-Initiativen. Beim Digital-Omnibus sehen wir beispielsweise beim Daten-Omnibus einen neuen Kompromiss, der erneut hinter den Erwartungen zurückbleibt. Die Bundesregierung hat sich an dieser Stelle enthalten.
Dabei liegt gerade dort ein großer Hebel, um die Wettbewerbsfähigkeit zu steigern und konkrete Entlastungen für die Digitalwirtschaft zu schaffen.
Ein wichtiger Punkt wird deshalb der Digital Fitness Check sein, den die EU-Kommission für 2027 angekündigt hat. Wir sind gespannt, wie die Vereinfachung dort weiter vorangetrieben werden soll. Entscheidend ist, dass es dafür ein klares politisches Mandat gibt und am Ende nicht wieder Kompromisse entstehen, die das eigentliche Ziel der Entlastung verfehlen.
 

Tobias Grimm:
Zum Abschluss noch einmal der Blick auf Deutschland und Europa: Welche konkreten Ergebnisse sollte der Digitalgipfel bringen und welche Weichen müssen dafür auf europäischer Ebene gestellt werden?
 

Sophie Vogt-Hohenlinde:
Wichtig ist, dass von einem solchen Gipfel möglichst konkrete Ergebnisse zurückbleiben und weniger reine Absichtserklärungen. Genau dieses Signal erwarten wir in der kommenden Woche – insbesondere mit Blick auf die KI-Politik der Bundesregierung.
Dabei ist wichtig, dass ein solches Signal ressortübergreifend getragen wird. Möglichst viele Mitglieder der Bundesregierung sollten sich hinter die Ergebnisse des Gipfels stellen.
Ein konkretes Beispiel aus dem vergangenen Jahr war unser Memorandum of Understanding zur EUDI-Wallet. Damals haben sich zahlreiche Unternehmen zusammengeschlossen und auf dem Souveränitätsgipfel angekündigt, ihre Services wallet-ready zu machen. Diese Initiative ist im vergangenen Jahr weiter gewachsen.
Genau solche konkreten Signale brauchen wir auch vom diesjährigen Digitalgipfel.
 

Tobias Grimm:
Sophie, vielen Dank für deine Einordnung.

 

Wirtschaft

 

Tobias Grimm:
Wie abhängig die deutsche Wirtschaft von digitalen Technologien aus dem Ausland ist, zeigt eine aktuelle Bitkom-Befragung. Demnach beziehen 96 Prozent der Unternehmen digitale Technologien oder Dienstleistungen aus dem Ausland. Gleichzeitig halten 94 Prozent Deutschland in diesem Bereich für stark oder eher stark abhängig, erklärt Bitkom-Präsident Dr. Ralf Wintergerst.
 

Ralf Wintergerst:
Wir haben drei Länder besonders in den Vordergrund gestellt: die USA und China, weil sie die beiden größten Einzelmärkte für digitale Technologien und inzwischen auch für digitale Innovationen sind. Hinzu kommt Taiwan, wo insbesondere bei der Chiptechnologie eine sehr große Abhängigkeit von einzelnen Unternehmen besteht.
62 Prozent der Unternehmen fühlen sich stark abhängig, 32 Prozent eher abhängig. Insgesamt sind das 94 Prozent. Natürlich bleibt die Frage, ob Unternehmen zwischen verschiedenen Ländern und Anbietern wählen können. Aber diese drei Länder sind bei digitalen Technologien sehr dominant und führend.
Wenn man sie in Kombination betrachtet, sind das schon drei kritische Faktoren dafür, ob das digitale Deutschland funktioniert – oder im Extremfall eben nicht funktioniert.
 

Tobias Grimm:
Besonders häufig beziehen Unternehmen Smartphones und Notebooks aus dem Ausland, aber auch Chips, Halbleiter, andere Hardwarekomponenten und Cloud-Dienste. Doch was würde passieren, wenn diese Technologien und Dienstleistungen plötzlich nicht mehr verfügbar wären?
 

Ralf Wintergerst:
Bei einem Importstopp wären 93 Prozent der Unternehmen bei Produktion und Leistungserbringung betroffen. 91 Prozent nennen Vertrieb und Verkauf, 87 Prozent Logistik und Lieferkettenfunktionen. 79 Prozent wären bei Einkauf und Beschaffung betroffen, 78 Prozent im Kundenservice und 69 Prozent bei IT-Betrieb und technischer Infrastruktur. Danach folgen unter anderem Buchhaltung und Marketing.
Das sind massive Zahlen. Digitale Abhängigkeiten sind damit längst nicht mehr nur ein IT-Thema. Digitale Technologien und Software steuern heute praktisch sämtliche betrieblichen Abläufe.
Ein Lieferstopp hätte deshalb massive Auswirkungen auf interne wie externe Funktionsbereiche eines Unternehmens.
 

Tobias Grimm:
Umso wichtiger ist es, digitale Abhängigkeiten zu verringern und sich breiter aufzustellen. Viele Unternehmen arbeiten bereits daran, sich gegen mögliche Ausfälle abzusichern. So setzen beispielsweise 44 Prozent inzwischen verstärkt auf Anbieter aus Deutschland und Europa.
 

Ralf Wintergerst:
Gerade bei physischen Produkten und Hardwarekomponenten können Unternehmen größere Vorräte aufbauen. Finanzwirtschaftlich ist das natürlich nicht ideal, weil dadurch Working Capital gebunden wird – also Geld, das an anderer Stelle nicht zur Verfügung steht. Aber es ist zumindest eine Möglichkeit, den Zeitraum zu verlängern, in dem ein Unternehmen bei Lieferausfällen weiterarbeiten kann.
Unternehmen bereiten sich außerdem darauf vor, wichtige Anbieter und Systeme bei Bedarf schneller wechseln zu können. Das heißt, sie wollen nicht vollständig an einen Anbieter gebunden sein, sondern im Ernstfall umstellen können.
Bei bestimmten Anwendungen ist das durchaus möglich. Wenn Cloud-Strukturen entsprechend aufgebaut werden, lässt sich beispielsweise leichter wechseln – auch wenn die verschiedenen Cloud-Anbieter natürlich unterschiedliche Infrastrukturen haben.
32 Prozent der Unternehmen bauen zudem eigenes technisches Know-how auf. Andere beziehen wichtige Produkte, Komponenten oder Services von mehreren Lieferanten oder setzen verstärkt auf offene Standards.
Wir sehen also deutlich, dass sich Unternehmen intensiver damit beschäftigen, wie sie im Ernstfall reagieren können – gerade weil die internationale Lage nicht unbedingt ruhiger wird.
 

Tobias Grimm:
Auch das Bewusstsein für die Risiken internationaler Abhängigkeiten ist in den Unternehmen deutlich gestiegen. Inzwischen sagen 73 Prozent, dass sie bei ihren ausländischen Geschäftspartnern politische Risiken in Kauf nehmen müssen. 2024 waren es noch 53 Prozent.
Wer noch mehr über die Ergebnisse der Bitkom-Befragung erfahren möchte, findet alle Zahlen auf unserer Website. Den Link dazu gibt es in der Podcast-Beschreibung.

 

Der Terminkalender

 

Tobias Grimm:
Zum Abschluss schauen wir auf Kalenderwoche 45.
In Berlin steht eine Sitzungswoche des Deutschen Bundestages an. Wie angekündigt findet am 2. und 3. November der Digitalgipfel der Bundesregierung in Berlin statt. Erwartet werden unter anderem Bundesdigitalminister Dr. Karsten Wildberger, der als Gastgeber auftritt, und Bundeskanzler Friedrich Merz.
Am Dienstag, den 3. November, steht außerdem eine neue Ausgabe des Bitkom at 8 auf dem Programm. Zu Gast ist der Parlamentarische Staatssekretär Thomas Jarzombek aus dem Bundesdigitalministerium.
Am Mittwoch, den 4. November, kommt das Bundeskabinett zu seiner regulären Sitzung zusammen. Digitalpolitische Themen stehen aktuell noch nicht auf der Tagesordnung.
Auch in Brüssel wird am Mittwoch getagt. Die Europäische Kommission beschäftigt sich unter anderem mit ihrem Arbeitsprogramm für 2027 sowie dem jährlichen Bericht über die Vereinfachung, Umsetzung und Durchsetzung des EU-Rechts.
Und damit endet der Ausblick auf die kommende Woche auch schon. Weitere Nachrichten aus der Digitalbranche gibt es wie immer auf bitkom.org.
Danke fürs Zuhören und bis nächsten Freitag.