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Förderung von Digitalkompetenzen in der Gesellschaft

Der Podcast „Tech Weekly #148" zum Nachlesen

Tobias Grimm:
Eine altersübergreifende Offensive zur Stärkung digitaler Kompetenzen: Darauf hat sich die Bundesregierung im Koalitionsvertrag verständigt. Bislang fehlen jedoch sowohl ein konkretes Konzept als auch ein verbindlicher Maßnahmenplan.
 

Leah Schrimpf:
„Wir haben uns in unseren Vorschlägen ein bisschen daran orientiert, die Maßnahmen nach unterschiedlichen Bildungsbereichen beziehungsweise Zielgruppen auszurichten. Das heißt: ein Komplex für die allgemeine Bevölkerung, ein Komplex für den Bereich schulische und hochschulische Bildung und ein Komplex im Bereich berufliche Bildung."


Tobias Grimm:
Sagt Leah Schrimpf, Bitkom-Expertin für die digitale Gesellschaft. Mit ihr spreche ich in dieser Folge darüber, warum digitale Kompetenzen für unsere Gesellschaft so wichtig sind, welche Voraussetzungen erfüllt werden müssen und wie sich der Erfolg messen lässt. 
Und damit herzlich willkommen zu Tech Weekly, dem Podcast des Bitkom, mit mir, Tobias Grimm.

 

 

Gesellschaft

 

Tobias Grimm:
Leah, in eurem Positionspapier „Digitalkompetenz-Offensive“ beschreibt ihr zentrale Erfolgsfaktoren, notwendige Strukturen und auch konkrete Maßnahmen für eine wirksame politische Umsetzung digitaler Kompetenzen. Lass uns zu Beginn über den Begriff sprechen: Was verstehen wir eigentlich unter digitalen Kompetenzen?


Leah Schrimpf:
Das ist direkt der erste Punkt, bei dem du einen wunden Punkt für Deutschland ansprichst. Denn wir haben in Deutschland keine wirklich fest abgestimmte Definition und auch keinen fest abgestimmten Referenzrahmen dafür, was Digitalkompetenzen eigentlich sind.
Fakt ist: Das Ziel der Kompetenzoffensive sollte perspektivisch sein, das Ziel zu erreichen, das die EU vorgegeben hat. Die EU hat sich vorgenommen, bis 2030 80 Prozent der Bevölkerung mindestens mit digitalen Basiskompetenzen auszustatten. Sie orientiert sich dabei an einem europäischen Referenzrahmen für Digitalkompetenzen. Und darin sind Digitalkompetenzen in fünf inhaltlichen Kategorien und auf vier Kompetenzstufen definiert.
Zu diesen Kategorien gehören zum Beispiel die Suche, Bewertung und Steuerung von Informationen, Kommunikation und Kollaboration, aber auch Sicherheit, Wohlbefinden und der verantwortungsvolle Umgang mit digitalen Tools und der digitalen Welt. Das ist so ein bisschen der Rahmen.
Und dieses EU-Ziel, 80 Prozent der Bevölkerung fit zu machen, bezieht sich wirklich auf das unterste Kompetenzlevel, also auf Stufe eins von vier. Dazu gehören zum Beispiel Dinge wie eine Vertrautheit mit gängigen KI-basierten oder anderen Recherche-Tools, das Erkennen von typischen Beispielen für Miss- und Desinformation, aber auch ganz grundlegende Fähigkeiten wie Kontakte im Handy aktualisieren zu können oder zu wissen, wie man jemandem auf Social Media folgt.
Wir reden also von der untersten Basisstufe digitaler Kompetenzen, wenn wir über dieses europäische Ziel und vermutlich auch über einen der Hauptschwerpunkte einer künftigen Digitalkompetenzoffensive sprechen. Die drei weiteren Kompetenzstufen werden dann immer komplexer. Und auf der obersten Stufe geht man zum Teil schon sehr stark in technische Kompetenzen hinein.


Tobias Grimm:
Du hast das jetzt grob angeschnitten, aber ich würde gern noch einmal präzise nachfragen: Warum sind diese Fähigkeiten für uns als Gesellschaft so wichtig? Und warum müssen wir dabei alle Altersklassen mitdenken?


Leah Schrimpf:
Man kann mittlerweile eigentlich sagen, dass Digitalkompetenzen grundlegende Life Skills in der digitalen Welt sind. Wenn man zum Beispiel nicht weiß, wie man einen Kontakt im Smartphone anlegt, dann hat man deutliche Nachteile mit Blick auf die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben.
Und genau das definiert so ein bisschen die Relevanz davon, dass wir vor allen Dingen auch einen großen Teil der Bevölkerung im Bereich der Basiskompetenzen besser machen müssen. In Deutschland haben wir da nämlich noch viel Aufholbedarf. Das europäische Ziel liegt bei 80 Prozent, Deutschland dümpelt aktuell eher bei 56 bis 60 Prozent herum. Und wir reden, wie gesagt, wirklich von Basis-Basis-Kompetenzen. Das heißt: Da müssen wir einfach wirklich besser werden.
Am Ende sind Digitalkompetenzen Voraussetzungen für eine gleichberechtigte Teilhabe an der modernen Arbeitswelt und an unserer Gesellschaft. Und wenn wir dann auch noch die Ebene Medienkompetenz und Informationsverarbeitung anschauen, dann sind sie auch eine Grundvoraussetzung für eine resiliente und funktionierende Demokratie. Denn in einer hybriden Bedrohungslage werden Desinformationskampagnen immer gängiger – mit dem Ziel, unsere Gesellschaft zu spalten. Das Erkennen von Desinformation ist eben eine dieser Digitalkompetenzen. Und wenn man darüber nicht verfügt, ist die Wahrscheinlichkeit deutlich höher, dass solche Kampagnen perspektivisch unsere Demokratie und Gesellschaft zersetzen.


Tobias Grimm:
Auch die Bundesregierung hat die Bedeutung des Themas erkannt und eine altersübergreifende Offensive zur Stärkung digitaler Kompetenzen angekündigt – bisher allerdings ohne Konzept und ohne Maßnahmenplan. Wie muss eine solche Offensive aufgebaut sein? Welche Grundvoraussetzungen müssen vorhanden sein?


Leah Schrimpf:
Also erst einmal braucht es einen kürzeren Titel. Wir sagen jetzt einfach Digitalkompetenz-Offensive, weil das in der Kommunikation vielleicht ein kleines bisschen handlicher ist.
Im Kern sagen wir: Es braucht einen breiten Maßnahmenkatalog. Und wir haben uns in unseren Vorschlägen daran orientiert, diese Maßnahmen nach unterschiedlichen Bildungsbereichen beziehungsweise Zielgruppen auszurichten. Das heißt: einen Komplex für die allgemeine Bevölkerung, einen Komplex für den Bereich schulische und hochschulische Bildung und einen Komplex im Bereich berufliche Bildung.
Wichtig sind dabei die Grundvoraussetzungen, die es braucht, damit so eine Kompetenzoffensive am Ende erfolgreich ist. Da kann man sich auch gut an internationalen Beispielen orientieren. Österreich, unser direkter Nachbar, ist da etwa Vorreiter. Wir sagen: Es braucht sechs ganz essentielle Voraussetzungen.
Erstens: konkrete Ziele und einen Zeitplan. Also Fragen wie: Welche Kompetenzstufen wollen wir adressieren? Welche Niveaus wollen wir erreichen? Wie viele Prozent der Bevölkerung wollen wir fit machen? Dazu haben wir im Papier auch konkrete Vorschläge gemacht.
Zweitens braucht es einen Referenzrahmen für Digitalkompetenzen, weil wir den für Deutschland bislang nicht haben. Wir sagen: Es ist naheliegend und richtig, einfach den europäischen Referenzrahmen zu nehmen und ihn für Deutschland anzuwenden. Der ist umfangreich, gut recherchiert, mit vielen Expertinnen und Experten erarbeitet worden und wird regelmäßig aktualisiert.
Drittens braucht es ein Monitoring. In Deutschland haben wir ein sehr zerstückeltes Monitoring digitaler Kompetenzen. Es gibt einzelne Tests in Schulen, die versuchen zu erfassen, welche Kompetenzen Schülerinnen und Schüler in bestimmten Alters- oder Klassenstufen haben. Aber für die breite Bevölkerung gibt es das de facto nicht. Deshalb brauchen wir hier ein zentrales Monitoring.
Viertens sagen wir: Man muss das Rad nicht neu erfinden. Es gibt schon viele Projekte und Initiativen, die in der Praxis funktionieren, vor allem auch für die breite Gesellschaft. Die muss man aufgreifen.
Fünftens: Diese Angebote müssen zentral gebündelt, sichtbarer und zugänglicher gemacht werden, damit sie noch mehr Menschen erreichen und wir sie skalieren können.
Und sechstens – natürlich immer wichtig, wenn man Politik adressiert – braucht es eine verlässliche Finanzierung. Das kostet Geld. Man braucht auch eine steuernde Stelle, die den Blick darauf hat, das Monitoring betreut, schaut, wie Maßnahmen wirken, und gegebenenfalls nachsteuert. Eine angemessen ausgestattete Finanzierung ist also essenziell.


Tobias Grimm:
Ganz wichtig ist ja auch die Frage, wer am Ende die Umsetzung übernimmt. Welche Verantwortung kommt da wem zu? Welche Zuständigkeiten und Strukturen braucht es?


Leah Schrimpf:
Es gibt in Deutschland schon Beispiele für Strategien und Initiativen, deren Umsetzung gut funktioniert und die als Vorbild für ein Governance-Modell dienen können. Ein Beispiel, an dem wir uns orientiert haben, ist die Nationale Weiterbildungsstrategie. Da funktioniert die Governance sehr gut. Es gibt dort federführende Häuser, beziehungsweise zwei Häuser, die die Federführung haben.
Wir sagen ganz klar, dass das BMBFSFJ die Federführung für diese Offensive haben sollte. Und dann braucht es eine systematische Zusammenarbeit mit den Stakeholdern, die wichtig sind, um die unterschiedlichen Bildungsbereiche zu erreichen.
Das sind natürlich vorneweg die Länder, weil viele Maßnahmen – gerade im Bereich Schule und Hochschule – nur umsetzbar sind, wenn man die Länder sinnvoll einbezieht, gemeinsam mit ihnen Ideen entwickelt und sie dann auch in die Umsetzung bringt. Dazu kommen die Kommunen, die Bildungsinstitutionen selbst, die Zivilgesellschaft, die Sozialpartner und am Ende auch die Wirtschaft.
Dieses Konstrukt gibt es bereits bei der Nationalen Weiterbildungsstrategie. Es funktioniert gut. Und wir sagen: Daran kann man sich eigentlich gut orientieren und es perspektivisch auch für die Digitalkompetenzoffensive nutzen.


Tobias Grimm:
Also vorhandene Strukturen nutzen. Was hörst du denn diesbezüglich schon aus den zuständigen Ministerien?


Leah Schrimpf:
Also man ist wohl dran, und das ist natürlich auch schön. In der zuständigen Abteilung im BMBFSFJ wird an der Offensive gearbeitet. Es werden Konzepte und Pläne erarbeitet, die wohl auch schon in ersten Ausführungen vorliegen. Unsere Vorschläge liegen den zuständigen Personen ebenfalls vor. Das heißt: Wir sind optimistisch, dass sich da im Laufe des Jahres noch etwas tun wird und wir auch erste Pläne sehen werden.


Tobias Grimm:
Diese Offensive soll sich ja nicht nur an Schülerinnen und Schüler richten, sondern an Menschen aller Altersgruppen. Wie können wir denn Erwachsene und auch ältere Personen mitnehmen?


Leah Schrimpf:
Auch hier gilt: nicht nur neue Sachen ausdenken, sondern auf das setzen, was es zum Teil schon an Angeboten gibt – vor allem für die Zielgruppe älterer Menschen.
Und ich glaube, ganz wichtig ist auch: Man kann nicht erwarten, dass nur weil man etwas Neues schafft, ihm einen schicken Namen gibt und das einmal nett kommuniziert, die Leute automatisch zu einem kommen. Das heißt: Man muss ein Stück weit auch auf die Menschen und die Zielgruppen zugehen. Dafür braucht man Multiplikatorinnen und Multiplikatoren, also andere Akteure, die Kontakt zur jeweiligen Zielgruppe haben.
Bei älteren Menschen sind das zum Beispiel Wohlfahrtsverbände. Da muss man sich genau anschauen: Wie kommen wir in Alterseinrichtungen? Wie können wir dort Maßnahmen umsetzen und gemeinsam Kompetenzangebote schaffen? In der beruflichen Bildung sind es natürlich die Wirtschaft und die Sozialpartner. Das heißt: Man muss strategisch auf diese Multiplikatorinnen und Multiplikatoren setzen.
Und wir sagen auch: Das, was es schon alles gibt, muss viel sichtbarer gemacht werden. Für Menschen, die vor allem nach regionalen Angeboten suchen – also vielleicht nach einem Basis-iPad-Kurs im Rathaus –, muss klarer sichtbar werden, dass es diese Angebote überhaupt gibt.
Aus unserer Sicht braucht es deshalb vielleicht auch eine zentrale Plattform, auf der man als Bürgerin oder Bürger einfach angeben kann: Ich interessiere mich für diese Themen – welche Angebote gibt es in meiner Nähe auf Basis meiner Postleitzahl? Wo kann ich hingehen? Wann findet das statt? So systematisch gibt es das bislang nicht. Und das wäre vielleicht ein Baustein einer solchen Offensive, der gerade die Zielgruppen besser erreichen würde, die man sonst nicht so gut erreicht.


Tobias Grimm:
Das ist ein schöner Übergang zu meiner Abschlussfrage, nämlich: Wie messen wir am Ende, ob die Ziele wirklich erreicht werden?


Leah Schrimpf:
Da spielt natürlich ein zentraler Punkt hinein, den ich vorhin bei den Gelingensbedingungen schon genannt habe: Es braucht ein Monitoring. Wenn wir uns vor allem quantitative Ziele setzen, also etwa dazu, auf welchen Kompetenzstufen wir welche Durchdringung mit Digitalkompetenzen erreichen wollen, dann müssen wir das auch erfassen.
Man kann sich das perspektivisch ein bisschen so vorstellen wie einen Zensus, der ja auch möglichst breit erfassen soll, wer alles in Deutschland lebt und unter welchen Bedingungen. Analog dazu braucht es etwas Ähnliches auch für Digitalkompetenzen in unserer Gesellschaft.
Wie gesagt: Wir haben derzeit einzelne Erhebungen, aber eben nichts Systematisches und Zentralisiertes. Und das brauchen wir. Wenn wir dann bis 2030 auf dieses 80-Prozent-Niveau kommen, wäre das schon eine große Errungenschaft. Danach muss man sich natürlich überlegen: Was ist die nächste Ausbaustufe? Wollen wir eine noch höhere Durchdringung erreichen? Wollen wir andere Kompetenzstufen adressieren? Wollen wir zusätzliche Ziele setzen? Da muss man die Offensive dann kontinuierlich weiterentwickeln und dauerhaft im Blick behalten.


Tobias Grimm:
Leah, vielen Dank für das Gespräch und für die Einblicke in das Positionspapier Digitalkompetenzoffensive. Alle Interessierten finden den Link zum Dokument in der Podcast-Beschreibung.

 

 

Terminkalender

 

Tobias Grimm:
Mit dem Ausblick auf Kalenderwoche 31: Der Bundestag und auch das Europäische Parlament sind weiter in der parlamentarischen Sommerpause. 
Auf der digitalpolitischen Agenda des Bundeskabinetts stehen am 29. Juli unter anderem folgende Themen: zum einen der Gesetzentwurf zur Änderung des Energiewirtschaftsrechts zur Synchronisierung des Anlagenzubaus und außerdem der Gesetzentwurf für einen planbaren, kosteneffizienten, netzverträglichen und marktorientierten Ausbau der erneuerbaren Energien im Stromsektor.
Und damit endet der kurze Ausblick auf die nächste Woche auch schon. Weitere Nachrichten aus der Digitalbranche gibt es wie immer auf bitkom.org. 
Danke fürs Zuhören.