Tobias Grimm:
91 Prozent der Deutschen sagen, sie seien schon einmal Fake News begegnet – also Informationen, die absichtlich falsch oder irreführend verbreitet wurden.
Dr. Konstantin Peveling:
Es gibt nicht die eine Lösung, um Fake News und Deepfakes zu begegnen. Wir brauchen einen gemeinsamen Ansatz aus Politik, Digitalwirtschaft und Zivilgesellschaft.
Tobias Grimm:
Dr. Konstantin Peveling, Bitkom-Experte für Medienpolitik, spricht in dieser Folge über die aktuellen Ergebnisse einer Bitkom-Studie. Demnach finden es inzwischen fast zwei Drittel der Deutschen grundsätzlich schwer einzuschätzen, ob Nachrichten verlässlich sind. Aber was bedeutet das für unsere Demokratie? Wie groß ist die Gefahr durch Desinformation wirklich? Und was müssen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft unternehmen, um Desinformation einzudämmen? Darum geht es heute. Und damit herzlich willkommen zu Tech Weekly, dem Podcast des Bitkom, mit mir, Tobias Grimm.
Tobias Grimm:
Immer mehr Deutschen fällt es schwer, den Wahrheitsgehalt von Nachrichten einzuschätzen. 41 Prozent stoßen häufig auf Inhalte, bei denen sie unsicher sind, ob sie echt oder fake sind. Konstantin, darüber wollen wir heute sprechen. Wir hören und lesen ja immer wieder von Fake News und Desinformation. Wie neu ist dieses Phänomen?
Dr. Konstantin Peveling:
Fake News und Desinformation sind per se erst einmal kein neues Phänomen. Wir haben das auch in anderen Situationen erlebt, wir hatten es auch im Printbereich, also in der analogen Welt. Kategorisch neu ist das also nicht.
Neu sind aber die Qualität, die Intensität und die Menge an Informationen, die wir konsumieren – und eben auch die Menge an Informationen, die nicht redaktionell verantwortet sind und die wir im Internet konsumieren. Jeder ist heute sein eigener Chefredakteur oder seine eigene Chefredakteurin und hat eben keinen kuratierten Informationspool, sondern bekommt Informationen direkt ausgespielt. Da ist es viel leichter, dass Informationen einmal nicht richtig sind oder Menschen sie bewusst falsch verbreiten.
Tobias Grimm:
In unserer Studie sagen 91 Prozent der Deutschen, dass sie schon einmal Fake News begegnet sind. Bei welchen Themen ist das denn besonders häufig der Fall?
Dr. Konstantin Peveling:
Das sind ganz unterschiedliche Bereiche. Besonders häufig fallen Menschen Fake News bei Themen auf, die dem aktuellen Tagesgeschehen entsprechen. 74 Prozent unserer Befragten haben angegeben, dass sie im Kontext der USA beziehungsweise der US-Politik, insbesondere mit Bezug auf Donald Trump, Fake News begegnet sind. Aber auch bei großen Konflikten wie dem Iran-Krieg, dem Gaza-Israel-Krieg oder dem Ukraine-Konflikt sagen 63 Prozent der Deutschen, dass sie dort Fake News wahrgenommen haben. Der dritte große Punkt sind Wirtschaftsthemen, Preise, Inflation und Spritpreise zum Beispiel. Hier haben 58 Prozent der Befragten gesagt, dass ihnen bereits Fake News begegnet sind.
Wir sehen also: Es sind vor allem tagesaktuelle Themen, die natürlich auch eine gewisse Sorge bei Menschen auslösen und bei denen Menschen grundsätzlich erst einmal unsicher sind. Das ist ein Nährboden für Fake News, und da gehen entsprechende Akteure auch gerne hinein und verbreiten Falschinformationen. Aber was wir ebenfalls sehen, ist: Sie fallen dadurch auch auf. Menschen nehmen wahr, dass gerade bei diesen Themen nicht alle Informationen stimmen, hinterfragen sie offensichtlich und erkennen diese Informationen dann auch als falsch und suchen sich die richtigen Quellen.
Tobias Grimm:
Mit KI-generierten Deepfakes kommt ja noch einmal eine ganz neue Qualität der Täuschung hinzu. Inhalte wirken immer öfter echt, obwohl sie es eigentlich gar nicht sind. Und 61 Prozent der Deutschen sagen, dass ihnen Deepfakes schon begegnet sind – in Form von Text, Video oder Audio. Wie gefährlich ist das denn wirklich?
Dr. Konstantin Peveling:
Es ist gefährlich für eine Gesellschaft, weil es ein neues Phänomen ist. In dieser Form kennen wir das bisher nicht. Natürlich gab es früher auch schon mit Photoshop veränderte Bilder. Aber dass Videos und Bilder wirklich täuschend echt sind, dass auch die Stimme authentisch klingt, macht es natürlich sehr viel schwieriger für Menschen, diese Inhalte zu erkennen. Deshalb sagen laut unserer Studie auch nur 34 Prozent der Deutschen, dass sie sich zutrauen, Deepfakes zu erkennen. Das heißt: Hier müssen wir besser werden und noch kritischer auf Inhalte schauen. Das macht es natürlich nicht leichter und ist potenziell demokratiegefährdend.
Tobias Grimm:
Du sagst ja gerade: Nur 34 Prozent trauen sich zu, einen Deepfake zuverlässig zu erkennen. Wie können wir diesen Wert steigern?
Dr. Konstantin Peveling:
Es gibt nicht die eine Lösung, um Fake News und Deepfakes zu begegnen. Wir brauchen einen gemeinsamen Ansatz aus Politik, Digitalwirtschaft und Zivilgesellschaft. Die Politik muss Medienkompetenz stärker fördern und strukturell verankern, mehr Trusted Flagger akkreditieren und Prozesse beschleunigen.
Die Digitalwirtschaft tut schon viel, beispielsweise mit Content Credentials, also Markierungen, die anzeigen, wenn ein Inhalt oder ein Bild tatsächlich echt ist.
Aber auch die Zivilgesellschaft spielt eine wichtige Rolle. Wir brauchen flankierend zur Medienkompetenzvermittlung in der Schule auch außerschulische Angebote oder Debunking-Formate. Und sie kann ein Ansprechpartner für Betroffene sein – dort, wo staatliche Stellen nicht wirken können.
Tobias Grimm:
Lass uns noch einmal konkret auf die Politik eingehen. Was ist da möglich und nötig?
Dr. Konstantin Peveling:
Gerade die Medienkompetenz ist ein strukturelles Problem. Wir haben seit 15 Jahren keine strukturell verankerte Medienkompetenzvermittlung in Schulen. Das ist ein riesiges Defizit.
Wir müssen in die Schulen hinein. Wir brauchen ein digitales Fach, wir brauchen ein Pflichtfach Informatik. Aber es ist eben nicht nur ein Schulfach, in dem das vermittelt werden muss. Medienkompetenz muss horizontal in den Lehrplänen verankert werden – also von Mathematik über Deutsch bis Englisch. In allen Bereichen kann man Medienkompetenz vermitteln und dafür sensibilisieren, was möglich ist, wo Gefahren liegen, wie man mit Informationen umgehen muss, aber eben auch, welche Potenziale Digitalisierung bietet. Sie ist weder per se etwas Gutes noch etwas Schlechtes. Digitalisierung hilft, macht unser Leben leichter, und wir müssen uns darauf vorbereiten. Digitalisierung ist da, sie geht auch nicht mehr weg, und wir müssen im Guten wie im Schlechten mit ihr leben. Das gelingt eben nur, wenn wir das breit in der Fläche verankern.
Tobias Grimm:
Welche Hebel siehst du da bei der Wirtschaft?
Dr. Konstantin Peveling:
Gerade die Content Credentials helfen dabei, echte Inhalte von falschen oder manipulierten zu unterscheiden. Wenn man heute ein Foto macht, werden automatisch Metadaten hinterlegt – also etwa, wann ein Bild gemacht wurde, wo es gemacht wurde und welche Quelle dahintersteht. Das ist sozusagen fest kodiert. Damit kann man im Nachhinein besser zwischen echten und manipulierten Inhalten unterscheiden. Dienste können diese Kodierung in den Metadaten dann nutzen, um zu sagen: Das ist ein echter Inhalt.
Ein weiteres Mittel ist, mit Plugins oder Tools zu arbeiten, die Inhalte auf Wahrhaftigkeit prüfen. Wenn ein Foto verwendet wird, checken diese Tools zum Beispiel, ob es irgendwo anders schon von einer glaubwürdigen Quelle wie einer Nachrichtenseite verwendet wurde. Dann kann dem Nutzer ein Feedback gegeben werden: Das ist höchstwahrscheinlich ein glaubhafter Inhalt, ein glaubhaftes Foto, das nicht verfälscht wurde.
Tobias Grimm:
Und die Zivilgesellschaft – wie kann die sich darauf vorbereiten und vielleicht auch lernen, mit Deepfakes umzugehen?
Dr. Konstantin Peveling:
Für die Zivilgesellschaft bieten sich ebenfalls viele Möglichkeiten, sich einzubringen. Wir haben bei Deepfakes sehr unterschiedliche Phänomene – wie kürzlich auch in der Presse berichtet wurde, etwa im Zusammenhang mit Nudification, also sogenannter Nackt-KI, aber eben auch andere Formen von Deepfakes, gerade wenn es um Politik oder auch den privaten Bereich geht. Zivilgesellschaft kann hier eine niedrigschwellige Anlaufstelle für Betroffene sein, um sich Hilfe zu holen – niedrigschwellig und auf Augenhöhe. Das ist etwas, was gerade Zivilgesellschaft leisten kann.
Sie kann aber auch bei der Medienkompetenz flankieren, also in Bereichen unterstützen, in denen es dem Staat schwerfällt – etwa bei Menschen, die nicht mehr zur Schule gehen, also Erwachsene und Rentnerinnen und Rentner. Dort kann sie Unterstützung bieten und Medienkompetenz nachträglich vermitteln, weil sich in den vergangenen 20 oder 30 Jahren natürlich sehr viel verändert hat.
Tobias Grimm:
Zum Abschluss vielleicht noch einmal zum Thema Medienkompetenz. Das hast du schon angesprochen. Wie kann sie übergreifend vermittelt werden? Wo müssen wir ansetzen?
Dr. Konstantin Peveling:
Natürlich ist der erste Schritt die Schule. Dort kann der Staat sehr gut ansetzen. Wir haben Lehrpläne, wir müssen Lehrkräfte aber auch entsprechend fortbilden, damit sie selbst qualifiziert sind, Medienkompetenz zu vermitteln. Schwieriger wird es dann, wenn Menschen aus der Schule beziehungsweise aus dem Lehrbetrieb heraus sind und nicht mehr strukturell in Programme eingebettet sind – also bei Erwachsenen und Rentnerinnen und Rentnern.
Hier kann man sich aber ähnlicher Mittel bedienen. Elternabende sind zum Beispiel gute Gelegenheiten, um Medienkompetenzvermittlung für Eltern anzubieten. Gleichzeitig kann man auch in Seniorenheimen oder bei Alterstreffs ältere Menschen gut erreichen. Dort kann man sie dafür sensibilisieren, dass sich Inhalte verändert haben, dass man kritisch sein und genauer hinschauen muss.
Natürlich hat jede Altersgruppe andere Herausforderungen. Jede Altersgruppe hat auch ihre eigenen Stärken und Schwächen. Jüngere Gruppen wachsen stark mit KI auf und haben eine größere Sensibilität dafür, dass nicht alle Inhalte echt sind, während sich ältere Kohorten damit oft schwerer tun. Umgekehrt ist es bei klassischen Nachrichteninhalten: Dort haben Generationen, die mit Print und Papier aufgewachsen sind, häufig eine bessere Sensibilität als jüngere Gruppen.
Tobias Grimm:
Konstantin, vielen Dank für das Gespräch. Und wer noch tiefer in die Studienergebnisse einsteigen möchte: Den Link mit allen Ergebnissen findet ihr in der Podcast-Beschreibung.
Tobias Grimm:
Mit dem Ausblick auf Kalenderwoche 23 und damit die erste Juniwoche, in der keine Sitzungen im Deutschen Bundestag stattfinden:
Auf der digitalpolitischen Agenda des Bundeskabinetts stehen am 3. Juni unter anderem folgende Gesetzesentwürfe: zum einen zum planbaren, kosteneffizienten, netzverträglichen und marktorientierten Ausbau der erneuerbaren Energien im Stromsektor und zum anderen zur Beschleunigung der Umsetzung der Energieeffizienzrichtlinie.
Und in Brüssel wird am 3. Juni in der wöchentlichen Kommissionssitzung das Tech Sovereignty Package vorgestellt. Dazu gehört eine strategische Roadmap für die Digitalisierung und die künstliche Intelligenz im Energiebereich sowie eine Mitteilung zur europäischen technologischen Souveränität, dem Cloud and AI Development Act und dem Chips Act 2.0.
Und das war der Ausblick auf die kommende Woche. Weitere Nachrichten aus der Digitalbranche findet ihr wie immer auf bitkom.org.
Danke fürs Zuhören und bis nächsten Freitag – dann mit meiner Kollegin Nina Paulsen.