Dr. Ralf Wintergerst:
"53 Prozent – und das war für mich allerdings schon eine überraschende Zahl – haben sich mit dem Thema KI befasst und haben schon einmal ChatGPT, Gemini oder etwas Vergleichbares benutzt. Damit kann man eigentlich sagen, dass auch unsere ältere Bevölkerung in der digitalen Welt angekommen ist."
Tobias Grimm:
Das erklärt Bitkom-Präsident Dr. Ralf Wintergerst in der Bundespressekonferenz gemeinsam mit der Bundesfamilienministerin Karin Prien. Demnach herrscht bei Seniorinnen und Senioren große Offenheit für neue Technologien und die Digitalisierung. Außerdem: Wenn KI nicht nur Antworten gibt, sondern selbstständig Aufgaben plant und durchführt, spricht man von sogenannter Agentic AI.
Marvin Pawelczyk:
"Routinemäßige Aufgaben, zeitaufwendige Aufgaben werden natürlich abgenommen – und das hilft natürlich auch im betrieblichen Alltag. Hier kann man auf Dauer Effizienzgewinne im Unternehmen realisieren."
Tobias Grimm:
KI-Experte des Bitkom über die Anwendungsfelder und die richtigen Leitplanken für den Einsatz von Agentic AI in Unternehmen. Und damit herzlich willkommen zu Tech Weekly, dem Podcast des Bitkom, mit mir, Tobias Grimm.
Tobias Grimm:
Immer mehr Seniorinnen und Senioren sind online unterwegs und stehen neuen digitalen Technologien weitgehend aufgeschlossen gegenüber. So die Ergebnisse der Studie zu Seniorinnen und Senioren in der digitalen Welt, die Bitkom-Präsident Dr. Ralf Wintergerst in der Bundespressekonferenz vorgestellt hat.
Dr. Ralf Wintergerst:
Man kann, glaube ich, mit dieser Studie mit einem Klischee aufräumen, dass unsere älteren Mitbürgerinnen und Mitbürger sich nicht im Internet auskennen. Das widerlegt diese Studie schlichtweg. Acht von zehn Teilnehmern sagen: Die digitale Welt und Digitalisierung ist eine Chance und kein Risiko. Acht von zehn! 74 Prozent sind im Internet unterwegs – und zwar in allen Facetten, wie es auch die jungen Mitbürgerinnen und Mitbürger machen, wie es auch unsere Kinder teilweise machen. 52 Prozent – und das war für mich allerdings schon eine überraschende Zahl – haben sich mit dem Thema KI befasst und haben schon einmal ChatGPT, Gemini oder etwas Vergleichbares benutzt. Damit kann man eigentlich sagen, dass auch unsere ältere Bevölkerung in der digitalen Welt angekommen ist. Und 47 Prozent sagen auch, sie möchten noch mehr dazulernen. Was sie sich dann im Gegenzug wünschen, sind einfach Unterstützungsangebote: Dass es Weiterbildungsprogramme gibt, die auch auf Seniorinnen und Senioren passen – dass diese wirklich passgenau sind, günstig und einfach zu handhaben sowie lokal stattfinden. Ein Drittel wünscht sich auch persönliche Betreuung. Ich glaube, das wünschen wir uns auch ab und zu bei KI oder wenn wir noch ein bisschen mehr lernen möchten, wie man einen guten Prompt macht. Aber insgesamt ist die Neugier da, sich auch noch weiterzubilden.
Tobias Grimm:
Insgesamt sehen 81 Prozent der Seniorinnen und Senioren die Digitalisierung als Chance für die Gesellschaft – und nur 17 Prozent als Gefahr. Den meisten geht es sogar nicht schnell genug.
Dr. Ralf Wintergerst:
Wenn ich jetzt mal auf das politische System schaue, wo man sich insgesamt mehr Impulse wünscht – sei es über Unternehmen oder insbesondere durch die Rahmenbedingungen, die die Politik setzen kann –, dann liegt es eigentlich an drei Punkten: Erstens glaubt unsere Bevölkerungsschicht der Seniorinnen und Senioren, dass mehr Tempo bei der Digitalisierung mehr durchgängige Leistungen ermöglicht. Mehr durchgängige Leistungen heißt, ich kann mehr digitale Services nutzen, die einfach zu handhaben sind. Benutzeroberflächen sind sehr wichtig – sie müssen einfach sein, damit man sich nicht kompliziert durchhangeln muss. Da sage ich mal: kein Unterschied zu anderen. Wir wünschen uns das auch – dass es nicht kompliziert ist.
Der zweite Punkt: Einfach mehr an ältere Menschen denken. Mitdenken, dass vielleicht andere Lebensumstände herrschen, andere Bedürfnisse bestehen – leichtere Programme im Zugang, niedrigschwellige Angebote, die die älteren Bevölkerungsschichten nutzen können, um sich digital affiner zu machen.
Der Wunsch nach Teilhabe in der digitalen Welt ist sehr hoch. Wenn ich die Essenz dieser Studie zusammenfassen müsste: Unsere ältere Bevölkerung ist digital affin, sie möchte lernen, sie möchte vorankommen, sie möchte entsprechende Angebote und dazulernen. Sie möchte aber auch mitgenommen werden, wenn es um Gefahren geht – wie man damit umgeht, damit man am Ende nicht alleine dasteht. Und damit war das für mich eine sehr positive Studie zur Digitalisierung. Man kann im Zeitverlauf genau sehen: Wo waren wir vor zehn Jahren, wo vor sechs Jahren, und wo stehen wir heute? Das war nämlich der Abstand der zwei vorherigen Studien. Wir wissen ja, dass die digitale Welt sehr schnell vorangegangen ist – und da hat sich wirklich eine positive Entwicklung ergeben.
Tobias Grimm:
Das waren Ausschnitte aus der Bundespressekonferenz. Den Link zu den vollständigen Ergebnissen der Studie „Seniorinnen und Senioren in der digitalen Welt“ findet ihr in der Podcast-Beschreibung.
Tobias Grimm:
Wenn die KI vom Assistenten zum Akteur wird, spricht man von sogenannter Agentic AI. Dann liefern KI-Systeme nicht nur Antworten, sondern planen selbstständig Aufgaben und führen sie mit Tools, Daten und klaren Zielen durch. Für Unternehmen heißt das: schnellere Abläufe, weniger Routinearbeit und zusätzliche Umsätze. Über den Einsatz und die Voraussetzungen spreche ich jetzt mit Marvin Pawelczyk, dem KI-Experten des Bitkom. Marvin, wann spricht man konkret von Agentic AI, und was steckt da für Unternehmen überhaupt drin?
Marvin Pawelczyk:
Hier werden Aufgaben durch IT-Prozesse oder durch IT-Systeme übernommen. Das gab es schon lange, bevor es Sprachmodelle gab. Die Technologie ist also gar nicht neu. Was wirklich neu war, war das Aufkommen von GenAI. Das heißt: Die großen Sprachmodelle kamen 2020 auf – und hier ging es darum, dass man durch natürliche Sprache mit den Modellen kommunizieren kann. Wenn man sich heute Agentic KI anschaut, ist das ein ganz wichtiger Bestandteil davon. Die Entstehung von GenAI war also ein Wendepunkt, der Agentic KI ermöglicht hat.
Was Agentic KI wirklich ausmacht, sind die Schnittstellen. Du verbindest ein großes (oder auch kleines) Sprachmodell mit den Ressourcen, die du im Unternehmen hast – über APIs, also Schnittstellen. Damit kannst du ganz konkret Nutzen aus deinen Unternehmensdaten ziehen: Datenbanken anbinden, andere Systeme verknüpfen, mehrere Agenten kombinieren – dann hast du ein multimodales Agentensystem. Und so kannst du konkrete Aufgaben automatisieren und Effizienzgewinne schaffen.
Tobias Grimm:
Lass uns mal darauf gucken, was genau Agentic AI im Unternehmen leisten kann. Welche Anwendungsfelder gibt es, und wie kann man den Nutzen schnell realisieren?
Marvin Pawelczyk:
Wir sehen in den Unternehmen verschiedene Anwendungsfelder. Und was bei allen klar ist: Der große Vorteil ist Automatisierung – also Effizienzgewinne durch Übernahme routinemäßiger, zeitaufwendiger Aufgaben. Das hilft im betrieblichen Alltag, besonders bei der Belegschaft – langweilige Aufgaben werden abgenommen. Auf Dauer bedeutet das: Effizienzgewinne.
Ein weiterer Punkt ist die Verbesserung von Entscheidungsfindungen und die Qualität der Antworten – dadurch, dass ich verschiedene Unternehmensressourcen nutzen kann: große Datenbanken, Systeme, Daten, die sonst nicht einfach zugänglich oder auswertbar wären. Daraus entstehen ganz neue Möglichkeiten. Man muss aber auch vorsichtig sein: Qualität hat zwei Seiten. Es braucht „human in the loop“, also jemanden, der die Ergebnisse prüft – das ist essenziell.
Wenn wir uns anschauen, in welchen Unternehmensbereichen Agentic AI konkret Anwendung findet, sehen wir drei Felder:
1. Automatisierung im Kundenservice: Kundenerlebnis ist heute zentraler Wettbewerbsfaktor. Interaktionen finden über zahlreiche Kanäle statt – verschiedene Systeme, Touchpoints. Agenten können das bündeln und personalisierte Antworten liefern.
2. Automatisierter Vertrieb: Zum Beispiel bei CRM-Nutzung – Lead-Qualifizierung, Erstgespräche, die von Chatbots übernommen werden. Diese Use Cases sind stark im Kommen, und viele Unternehmen investieren bereits.
3. Coding-Assistenz: Agenten generieren Code, unterstützen Entwicklungsteams. Die Codequalität ist mittlerweile beachtlich – aber wie gesagt: „human in the loop“ bleibt wichtig.
Wir haben als Bitkom auch einen Leitfaden initiiert. Unternehmen stellen uns Use Cases zur Verfügung, die wir öffentlich teilen – damit andere davon profitieren können. Wir rechnen mit hoher Nachfrage und Entwicklung in diesem Jahr.
Tobias Grimm:
Lass uns zum Abschluss noch auf den technischen und organisatorischen Rahmen schauen. Was brauchen Unternehmen konkret?
Marvin Pawelczyk:
Wichtig ist eine klare Governance – es braucht Verantwortliche, die den Prozess begleiten und auf Regulatorik achten. Mit dem AI Act kommen neue Anforderungen, und vieles ist noch unklar. Aber Unternehmen müssen jetzt schon aktiv werden.
Ebenso entscheidend: Transparenz und Nachvollziehbarkeit. Jede Entscheidung der KI muss erklärbar sein – auf Basis welcher Daten wurde was entschieden?
Ein weiterer Punkt: Datenbasis und Datenqualität. Unternehmen müssen wissen, welche Daten sie haben, wie sie verknüpft sind und wie sie sie effektiv nutzen können.
Und schließlich: Sicherheit. Cybersecurity muss von Anfang an mitgedacht werden – Authentifizierung, Zugriffskontrollen, Schutz vor Manipulation. Nur so kann Vertrauen in Agentic AI entstehen.
Tobias Grimm:
Marvin, vielen Dank für das Gespräch.
Tobias Grimm:
Im Bahn- und Güterverkehr können KI-gestützte Systeme zu mehr Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit führen – das sagt Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder im Podcast-Gespräch mit Bitkom-Präsident Dr. Ralf Wintergerst. Dort geht es auch um den Abbau von Bürokratie im Verkehrsbereich.
Patrick Schnieder:
Wir werden – wenn alles gut läuft – Ende 2026 den digitalen Führerschein präsentieren können. Den werden wir zunächst in der App platzieren, aber zukünftig auch in der EUDI-Wallet verfügbar machen. 2030 will die EU das einführen, wir werden deutlich schneller sein. Und man hat einen großen Mehrwert, wenn man den Führerschein digital auf dem Handy mit sich tragen kann.
Ein weiteres Hebelprojekt im Rahmen der Modernisierungsagenda ist die Kfz-Zulassung. Diese wird künftig zentral in Flensburg vom Kraftfahrt-Bundesamt durchgeführt – voll digital. Damit ersetzen wir 411 lokale Zulassungsstellen. Das ist nicht nur personell eine Einsparung, sondern auch organisatorisch ein Gewinn. Alles voll digital – aus einer Hand – vom Bund.
Tobias Grimm:
Ein zentrales Thema für die Mobilität ist das autonome Fahren. Dafür brauche es laut Minister Schnieder vor allem den richtigen Rahmen – und den Sprung vom Probebetrieb in den Echtbetrieb. Die Voraussetzungen in Deutschland seien da.
Patrick Schnieder:
Wir haben als Erste eine umfassende Regulierung dazu verfasst, schon 2021. Auch das ist beispielhaft. Die Aufgabe wird sein, das europaweit – vielleicht darüber hinaus – einheitlich auszurollen. Denn Verkehr macht an Grenzen nicht halt.
Heute gibt es schon erfolgreiche Probebetriebe, etwa mit Moia in Hamburg oder im ÖPNV mit autonomen Bussen. Aber wir müssen jetzt vom Probebetrieb in den Echtbetrieb wechseln: mit mehr Fahrzeugen, skalierbar. Sonst wird daraus kein Geschäftsmodell – aber genau das brauchen wir.
Diese Systeme arbeiten mit KI, und um besser zu werden, brauchen sie Daten. Je mehr Anwendungsfälle, desto besser lernen die Systeme. Deshalb ist der Übergang entscheidend. Dafür haben wir mit der Branche intensiv gesprochen – und wir werden das weiter tun. Wir können mit den Bundesländern entsprechende Räume festlegen. Der Rahmen ist da. Jetzt müssen wir den Sprung wagen.
Tobias Grimm:
In diesem Podcast geht es auch um autonome Schiffe und das europäische Zugsteuerungssystem, das Europas Mobilität vernetzter und zukunftsfähiger machen soll. Den Link zur Podcast-Folge „Wintergerst trifft Schnieder“ findet ihr in der Podcast-Beschreibung.
Tobias Grimm:
Mit dem Ausblick auf Kalenderwoche 4, in der keine Sitzungswoche im Deutschen Bundestag ansteht. In Brüssel findet am Dienstag, den 20. Januar, die wöchentliche Sitzung der Europäischen Kommission statt. Auf der Agenda stehen unter anderem das Gesetz über digitale Netze und der Cyber Security Act.
Bei der Plenartagung des Europäischen Parlaments am 22. Januar wird über den Initiativbericht zur digitalen Infrastruktur und zur technologischen Souveränität Europas abgestimmt.
Und damit endet der Ausblick auf die nächste Woche auch schon. Weitere Nachrichten und Studien rund um die Digitalbranche findet ihr auf bitkom.org.
Danke fürs Zuhören – und bis nächsten Freitag.