Ralf Wintergerst:
Lieber Herr Bundesminister, sehr geehrter Herr Schnieder, erstmal schön, dass wir uns heute hier digital zum Podcast treffen.
Patrick Schnieder:
Ich freue mich auch. Vielen Dank, Herr Dr. Wintergerst.
Ralf Wintergerst:
Vielleicht darf ich am Anfang eine halbpersönliche Frage stellen, denn mit Ihrem Bundesverkehrsministerium haben Sie 2025 eines der größten Budgets gehabt. Wenn man das Sondervermögen mitrechnet, 50 Milliarden. Und wenn wir 2026 anschauen, ist das genauso: mit dem Sondervermögen bei 28 plus 21, also nochmal 50 Milliarden. Insgesamt also 100 Milliarden. Was macht so eine Zahl mit Ihnen persönlich? Ich finde die immens, 100 Milliarden als Budget zu haben.
Patrick Schnieder:
Das ist in der Tat eine imposante Summe. Wir haben allerdings auch viel vor. Der Großteil fließt in Investitionen, vor allem in Erhaltungsmaßnahmen, und wir haben einen Riesen-Nachholbedarf bei der Infrastruktur, bei allen Verkehrsträgern, und das wollen wir dann zielgerichtet einsetzen.
Ralf Wintergerst:
Meine Schlussfolgerung aus Ihrer Antwort: Ihnen geht es mit dem Budget gut und Sie haben auch eine Idee, was Sie machen wollen. Wenn wir einen kleinen Rückblick machen: Das Kabinett ist jetzt ein halbes Jahr, seit dem 6. Mai, im Amt. Wo stehen Sie gerade, was sind Ihre größten Herausforderungen und was haben Sie vor?
Patrick Schnieder:
Wir haben mit Vollgas begonnen und sind eigentlich immer noch in dem Modus. Wir haben unheimlich viel im Kabinett auf den Weg gebracht, das gilt für alle Ressorts. Das geht ein bisschen unter, weil es so ein paar wenige Themen gibt, wo es nicht ganz so rund gelaufen ist, vor allem in der Kommunikation. Aber das kann, wenn man sich das genau anschaut, den Blick nicht darauf verstellen, dass sehr viel angepackt worden ist, schon auf den Weg gebracht worden ist. Das muss man ganz objektiv so feststellen.
Was den Verkehrsbereich angeht, haben wir natürlich die Weichen entsprechend gestellt, dass wir das Geld, das wir zur Verfügung haben, dann auch zielgerichtet investieren. Das ist die Hauptaufgabe in dieser Legislaturperiode für dieses Ministerium, die Infrastruktur bei allen Verkehrsträgern auf Vordermann zu bringen. Und dafür ist nicht nur das Geld vorhanden, sondern wir haben gerade das Infrastruktur-Zukunftsgesetz auf den Weg gebracht, um Planungs- und Genehmigungsprozesse zu beschleunigen, damit das dann alles auch zügig geht, das Geld auch tatsächlich abfließt und schnell abfließt.
Das steht im Mittelpunkt, aber im Verkehrsbereich ist das ein ganz weites Feld. Da gibt es viele Baustellen. Da bräuchten wir wahrscheinlich noch ein bisschen länger, wenn wir das alles beleuchten.
Ralf Wintergerst:
Ich muss gestehen, ich mag Ihre Wortwahl. Sie haben gesagt, Sie geben Vollgas, passt ja zum Ministerium. Baustellen gehören leider auch dazu. Aber wir reden ja heute auch viel über digitale Technologien und wie digitale Technologien gerade auch in Ihrem Ministerium wirken.
Eines der großen Themenfälle ist autonomes Fahren, und ich darf Sie einmal kurz zitieren. Sie haben 2025 in einem Testprojekt zum autonomen Fahren über Busse gesagt: Autonomes Fahren, davon bin ich zutiefst überzeugt, ist die Zukunft. Wir wollen in den Echtbetrieb kommen, also raus aus den Projekten, rein in den Alltag. Wie nah sind wir denn aus Ihrer Sicht an einem breiteren Einsatz von autonomen Fahrzeugen auf der Straße?
Patrick Schnieder:
Zunächst muss man mal den Rahmen bestimmen und festhalten und vielleicht auch mal deutlich machen: Unsere Automobilindustrie, unsere Zulieferindustrie, die Start-ups, die es in dem Bereich gibt, sind führend auf der Welt mit dem, was wir dort betreiben. Das sind also schon hervorragende Grundvoraussetzungen in Deutschland.
Wir haben als Erste eine umfassende Regulierung dazu verfasst, schon 2021. Auch das ist beispielhaft. Die Aufgabe wird sein, das europaweit, vielleicht noch darüber hinaus, einheitlich auszurollen, und Verkehre machen ja auch nicht an den Grenzen halt.
Und wir haben heute schon sehr erfolgreiche Probebetriebe, wo wir all das schon machen, was in Zukunft der Normalfall dann am besten sein soll. Ob das mit Moja in Hamburg ist, ob das im ÖPNV ist, wo autonom fahrende Busse unterwegs sind.
Das läuft alles, aber wir werden den nächsten Sprung nur machen, wenn wir von diesen Probebetrieben in den Echtbetrieb überschwenken und dann auch nicht mehr mit einer sehr beschränkten Anzahl von Fahrzeugen das machen, sondern die Flotten nach oben fahren. Das muss skalierbar sein, sonst wird es ja auch kein Geschäftsmodell werden, und das muss es unbedingt sein.
Das ist der eine Punkt. Und der andere Punkt ist: Diese Systeme laufen natürlich mit KI, und ich brauche, um die zu verbessern, einfach immer mehr Daten. Je mehr Anwendungsfälle ich habe, umso besser lernen die Systeme, umso besser sind sie dann auch beim autonomen Fahren selbst. Und deshalb brauchen wir diesen Übergang vom Probe- in den Echtbetrieb mit aufwachsenden Zahlen. Das ist der nächste Schritt.
Dazu haben wir uns auch mit der Branche schon sehr intensiv unterhalten und werden das auch weiter tun. Wir haben die Möglichkeit geschaffen, dass man solche Räume bei den Bundesländern oder mit den Bundesländern zusammen festlegen kann. Also der Rahmen ist da, wir müssen jetzt den Sprung wagen.
Ralf Wintergerst:
Wir haben beim Bitkom dazu eine Studie gemacht, weil den Deutschen wird ja mittlerweile ziemlich Technik-Skepsis vorgeworfen, oder wir müssen uns das als Bundesbürger vorwerfen lassen. Aber unsere Bitkom-Studie sagt, 70 Prozent würden bereit sein, mit autonomem Bus zu fahren, oder auch 72 Prozent sagen, sie würden auf autonome U-Bahn oder S-Bahn umsteigen. Die Akzeptanz ist durchaus da.
Aber was sind dann so aus Ihrer Sicht noch die größten Hürden, um in einen wirklichen Echtbetrieb zu kommen, um das nochmal schneller voranzubringen, wenn die Akzeptanz schon da ist?
Patrick Schnieder:
In der Tat, die Akzeptanz ist da. Die Menschen würden das mitmachen, und ich glaube, das wird in einem kurzen Zeitraum noch viel deutlicher steigen, wenn man das mal ausprobiert hat.
Wir brauchen jetzt Mut und Entschlossenheit, das quasi auf die Straße zu bringen oder auf die Schiene, je nachdem, wo wir das anwenden. Aber wenn es um das autonome Fahren auf der Straße geht: Wir brauchen jetzt diese hoch skalierten Zahlen und das Machen.
Ralf Wintergerst:
Machen, das Machen kann in verschiedensten Segmenten stattfinden. Eine These ist auch, dass der Güterverkehr, also autonome Lkw, den Fahrermangel abwenden können, Sicherheitseffizienz höher ist. Es gibt eigentlich nur Argumente, die dafür sind.
Gibt es da noch größere Hürden oder technische Probleme, die man quasi überwinden muss, bevor wir so was auf die Straße bringen? Denn das könnte uns nochmal ein Stück vorwärtsbringen.
Patrick Schnieder:
In der Tat, das würde uns weit nach vorne bringen. Sie haben das Stichwort genannt, Fahrermangel. Das ist auch in anderen Bereichen, wo wir mit automatisiertem oder autonomem Fahren bereits unterwegs sind, das Ziel. Das wäre ein Game Changer in diesem Prozess.
Grundsätzlich ist das technologisch auch möglich. Wir brauchen da auch eine Regulierung, die natürlich international funktioniert. Der Güterverkehr findet nicht nur innerhalb Deutschlands statt, sondern da sind wir noch viel stärker auf internationale Zusammenarbeit angewiesen.
Ralf Wintergerst:
Das ist das eine. Das ist der Rechtsrahmen, den wir schaffen müssen. Und wir evaluieren gerade den Rahmen. Was müssen wir da noch tun, damit das besser funktioniert?
Wenn wir mal so aus Deutschland herausschauen, dann haben wir ja zwei große Märkte, nämlich die USA und China. Ich finde zwar mitunter immer ein bisschen unfair, wenn wir uns mit diesen Riesenmärkten vergleichen, denn wir sind ja doch ein kleines Land mit 82, 83 Millionen Menschen, also 0,9 Prozent der Weltbevölkerung, sind aber trotzdem Nummer drei in der Welt.
Aber USA und China investieren ja auch massiv ins autonome Fahren. Auch was Marktfinanzierung und Durchdringung betrifft, sind die ja superschnell. Was macht Ihnen Sorge? Was müssten wir mehr tun, damit wir als Land schneller vorankommen? Das ist ja nicht nur eine Aufgabe der Politik. Wir müssen alle anfassen, aber wie wäre Ihr Blick auf die Industrie? Was kann die Bitkom-Branche tun, um das Ganze zu unterstützen?
Patrick Schnieder:
Wir arbeiten da schon zusammen, aber in der Tat, das kann nicht einer allein machen. Das müssen wir gemeinsam anpacken. Jeder hat da seine Aufgaben zu machen. Wir werden das auch finanziell nicht allein darstellen können, um solche Investitionen, Anschaffungen zu tätigen.
Ich sehe unsere Aufgabe vor allem darin, einen vernünftigen Rechtsrahmen zu schaffen und die Möglichkeiten zu eröffnen, das zu tun. Und die Branche ist bereit, damit voranzugehen. Da müssen wir jetzt schauen, wie kriegen wir das hin, dass wir jetzt auch in höhere Zahlen kommen.
Ralf Wintergerst:
Wenn ich Ihr „Unser“ gerade verstanden habe, meinen Sie die Politik, die den Rahmen schaffen muss, aber die Wirtschaft oder auch die Investoren, die über privates Geld sozusagen den Beitrag dazu leisten, dass es funktioniert? Oder habe ich es richtig verstanden?
Patrick Schnieder:
So haben Sie das richtig verstanden. Ich meine, das muss zum Normalfall werden. Das muss sich selbst tragen. Das muss ein Business Case letztlich darstellen. Und das kann man vielleicht am Anfang unterstützen, aber das muss sich irgendwann selbst tragen. Da muss man hin. Das ist das Ziel.
Ralf Wintergerst:
Aber wenn Sie so aus Ihrem Ministerblick herausschauen auf das gesamte Ökosystem, was wir auch fürs mobile Fahren brauchen oder fürs autonome Fahren brauchen, sehen Sie denn auch Chancen für neue Player im Mobilitätsbereich? Also können sich neue Räume öffnen, neben den Automobilherstellern oder heute schon vorhandenen Mobilitätsdienstleistern?
Patrick Schnieder:
Auch da sind wir sehr offen und unterstützen solches Ansinnen. Wir haben eine Advanced Mobility Strategie für Luftfahrzeuge. Also die Flugtaxis zum Beispiel, wir sind dort mit Bundesländern, mit Berlin und Brandenburg im Gespräch, weil es hier gute Infrastruktur gibt, wo man das ausprobieren kann.
Da sind noch ein paar Fragen zu klären, aber da besteht grundsätzlich die Bereitschaft, das nach vorne zu treiben und Anwendungsfälle dort einfach mal zu schaffen und das zu evaluieren und damit dem auch einen Schub zu verleihen. Das kann hier durch die Infrastruktur Tegel, BER und durch günstige Rahmenbedingungen ermöglicht werden.
Ralf Wintergerst:
Ich darf mal einen Blick auf die Schiene legen. Wir haben jetzt doch viel über autonomes Fahren, Sie haben auch Flugtaxis angesprochen, aber die Schiene ist ja etwas, wie soll ich sagen, wo wir uns mit der Deutschen Bahn doch in den letzten Jahren immer sehr schwergetan haben und Sie haben das da nun auch übernommen.
Mich würde doch wirklich interessieren, wie ist denn Ihr Blick auf die Bahn und was haben Sie in der Hand, es zu ändern? Sie können es auch nicht allein machen, Sie brauchen ja auch Kooperation, aber wie ist Ihr Blick auf die Bahn und wo können Sie etwas ändern und wird es passieren?
Patrick Schnieder:
Na, wir haben damit ja angefangen. Wir haben bei der Bahn im Prinzip einen Neuanfang hingelegt, inhaltlich, strategisch, aber auch personell in der Aufstellung, und da passiert im Moment schon eine ganze Menge und zu einem Schulterschluss zwischen Politik, Ministerium und Bahn selbst.
Frau Palla hat das Amt der Vorstandsvorsitzenden übernommen und setzt die Dinge um, die sie sich vorgenommen hat, die aber im Großen übereinstimmen mit dem, was wir in der Agenda für zufriedene Kunden auf der Bahn präsentiert haben.
Die Verkleinerung der Vorstände, sowohl im Konzern wie bei der InfraGO, stärkere Entflechtung der InfraGO, der Gemeinwohlsparte des Konzernes. Wir legen sofort Programme auf, um zu zeigen, es ändert sich jetzt auch kurzfristig was. Die Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit zu steigern, ist ein langer Prozess, weil wir sehr viel aufholen müssen in der Infrastruktur.
Wir werden noch viele Baustellen erleben, aber es wird mit jeder Baustelle besser. Das Netz wird zuverlässiger. Das sind die Spots, die wir direkt gesetzt haben, und das wird ein langer Prozess werden. Es wird harte Arbeit werden, aber wir sind uns einig, dass wir das gemeinsam angehen, und das wird sich dann auch Schritt für Schritt verbessern.
Ralf Wintergerst:
Ich glaube, den Punkt, den Sie ansprechen, des langen Prozesses, die Erwartungshaltung zu managen, dass das nicht von heute auf morgen geht, ist ganz wichtig. Ich leite selbst ein Unternehmen und weiß, dass, wenn man Dinge verändern möchte, sie brauchen immer Zeit, sie betreffen immer viele Menschen, und diese Geduld ist natürlich schwierig manchmal, zumindest in der Öffentlichkeit, aber deswegen reden wir ja auch heute.
Patrick Schnieder:
Deshalb sage ich auch bei jeder Gelegenheit: Jede Baustelle, die entsteht, ist natürlich eine Behinderung. Die wird auch dem Netz nicht guttun. Das gilt übrigens auch bei der Straße, wenn Sie an Brücken rangehen, auch der Eisenbahn. Die Verheißung ist aber: Wenn die Baustelle abgearbeitet ist, wird es besser, und zwar mit jeder Baustelle.
Das sind am Anfang kleine Schritte, aber zunehmend wird das Netz stabiler und zuverlässiger. Auch das gilt nicht nur für die Schienen, auch für die Straße, und das muss man einfach wissen. Ich finde, eine Baustelle ist im Moment etwas Gutes, weil es besser wird danach.
Ralf Wintergerst:
Okay, da haben Sie einen Punkt. Also an der Baustelle sieht man auch das, was getan wird. Also ohne Baustellen wäre es wahrscheinlich tatsächlich ein schlechtes Zeichen.
Wenn wir mal so auf Technologie und Bahn schauen, also Digitalisierung von Netzen, also jetzt nicht die Schienennetze, sondern das, was das Schienennetz sozusagen supportet, kann ja auch ein Beitrag sein für Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit, weil je besser es hinterher abgebildet wird, je mehr KI hilft, Dinge auch zu optimieren. Sie hatten KI vorhin schon angesprochen. Wo sind die größten Hebel für digitale Technologien und Digitalisierung bei der Bahn aus Ihrer Sicht?
Patrick Schnieder:
Wir haben den Rahmen bereitet, dass wir dort noch sehr viel stärker unterwegs sein können, indem wir im Sondervermögen für diese Legislaturperiode gut zehn Milliarden Euro für die Digitalisierung der Schiene vorgesehen haben. Da wird eher die Schwierigkeit sein, dass wir das alles verausgaben können. Das ist eine Riesenaufgabe, aber das ist auch eine, die sehr wichtig ist, weil wir mit der Digitalisierung der Schiene perspektivisch die Kapazität erhöhen, ohne dass wir bauen, sondern einfach durch andere Abläufe.
Der Verkehr wird sicherer und es kommt natürlich dazu, dass wir darüber erreichen, dass wir ein einheitliches europäisches Zugbeeinflussungssystem bekommen und nicht an den Grenzen wieder neue Systeme gelten. Das ist eine Aufgabe, die wir im europäischen Kontext sowieso haben. Da legen wir ein großes Augenmerk und einen großen Wert darauf.
Ich will auch nicht verschweigen, dass wir in einem anderen Bereich noch stark arbeiten müssen. Das ist die Verfügbarkeit eines stabilen Netzes in den Zügen selbst. Deshalb pilotieren wir im Moment ein Projekt 5G am Gleis beim Korridorausbau zwischen Hamburg und Berlin. Da müssen sowieso bestimmte Einrichtungen verlegt werden, errichtet werden, und da kann man das nutzen. Wir wollen das dort mal ausprobieren und schauen, ob das erfolgsversprechend ist, damit wir auch den Kunden im Zug in Zukunft zufriedenstellen können.
Ralf Wintergerst:
Also 10 Milliarden ist eine Hausnummer. Ich bin mir sicher, die Bitkom-Branche wird Sie sehr gerne unterstützen, denn die wächst in Deutschland und wir brauchen ja auch eine gute digitale Infrastruktur. Aber Sie haben recht, ohne die Grundlage 5G am Gleis und Netzverfügung funktionieren auch die digitalen Technologien nicht.
Und wenn ich noch mal weitergehen kann bei den digitalen Technologien KI, KI-gestützte Verkehrssteuerung, Wartung, spielt das eine Rolle?
Patrick Schnieder:
Das spielt immer mehr eine Rolle und auch das erleichtert die Arbeit und macht die Arbeitssicherung effektiver. KI-gestützte Systeme können auch zu mehr Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit führen. Damit ist begonnen worden und das werden wir weiter ausrollen und noch verstärken müssen.
Ralf Wintergerst:
Es gibt ja auch übergreifende Projekte in Europa. Das europäische Zugsteuerungssystem, ETCS, ist ein zentrales Zukunftsprojekt, das Europa verknüpfter, machen soll – nicht nur auf den Schienen, sondern auch digital. Wie trägt dieses Digitalprojekt zu einer modernen Bahn bei? Gibt es da einen Zeitplan?
Patrick Schnieder:
Das ist in der Tat ein zentrales Projekt, ETCS. Das ist auch im nationalen Kontext schon gewinnbringend, weil es einfach Kapazitäten schafft, zu einer sicheren Bahn führt. Aber es bedarf eben auch hoher Investitionen und enormer Anstrengungen, das flächendeckend auszurollen, weil dann nicht nur die Schiene digitalisiert wird und damit ausgestattet wird, sondern das Fahrzeugmaterial natürlich auch. Und das macht nur Sinn, wenn Sie beides aufeinander abgepasst haben.
Das ist europäische Vorgabe, das werden wir einführen müssen. Aber es bringt eben auch erhebliche Vorteile, wenn wir das im europäischen Kontext nutzen können. Dann haben Sie bei den Grenzüberfahrten nicht mehr verschiedene Systeme, mit denen Sie arbeiten müssen.
Wir werden dazu eine Arbeitsgruppe einrichten, die sich verstärkt damit beschäftigt: Wie bekommen wir das möglichst schnell ans Gleis und an das Zugmaterial, und wie gehen wir dabei vor? Das sind komplizierte Abläufe und Fragen. Da werden wir uns sehr stark kümmern in der nächsten Zeit.
Ralf Wintergerst:
Erfolgreiche europäische Projekte sind auch wichtig, um so ein bisschen europäisches Gefühl wieder zu machen. Ich würde gerne noch mal einen Sprung machen in Richtung Verwaltungsdigitalisierung, Bürokratie. Da gibt es auch Themen im Verkehrssektor.
Das Bundeskabinett hat eine Modernisierungsagenda beschlossen. Davon sind auch viele Maßnahmen in Ihrem Bereich liegend. Ich meine, die Themen hören sich immer banal an, sind dann hinterher komplex. Aber die gesetzliche Grundlage für den digitalen Führerschein, Digitalisierung, Fahrzeugdokumente ist ja angestoßen. Sind das Ihre Hauptprojekte? Gibt es noch mehr? Und was versprechen Sie sich davon?
Patrick Schnieder:
Digitalisierung ist nicht mehr wegzudenken und erleichtert natürlich den Alltag. Wir sind bestrebt, dass die Menschen merken, dass es einfacher wird und dass sie wirklich einen Vorteil davon haben, dass wir Prozesse und auch Produkte digitalisieren.
Das können Sie daran sehen: Sie haben den digitalen Fahrzeugschein angesprochen. Unser erstes Projekt, das wir vor wenigen Wochen auf den Markt gebracht haben. Innerhalb kürzester Zeit ist diese App über eine Million Mal heruntergeladen worden. Es sind jetzt entsprechend viele digitale Fahrzeugscheine unterwegs.
Es wird Anfang des Jahres 2026 einen weiteren Schub bekommen, weil das dann eben auch für Mietwagenverleiher und für kommerzielle Anwendungen möglich ist im größeren Maßstab. Da wird das nochmal einen Schub bekommen. Da sehen Sie, wie auch eine Gesellschaft das erwartet und wie sie darauf reagiert.
Wir werden, wenn alles gut läuft, Ende 2026 den digitalen Führerschein präsentieren können. Den werden wir zunächst auch in der App platzieren, aber den wird man auch zukünftig in der EUDI-Wallet verfügbar haben. 2030 will die EU das machen. Wir werden deutlich schneller und da hat man ebenfalls einen großen Mehrwert davon, wenn man den im Handy mit sich tragen kann.
Und wir haben eines der Hebelprojekte im Rahmen der Modernisierungsagenda. Und zwar ist das die Kfz-Zulassung. Die werden wir in Zukunft zentral aus Flensburg vom Kraftfahrtbundesamt machen, voll digital, und ersetzen damit an einer Stelle vom Bund aus einer Hand 411 Zulassungsstellen in Deutschland. Das ist nicht nur personell eine wahrscheinlich große Einsparung, sondern auch in den Abläufen. Alles voll digital aus einer Hand vom Bund.
An solchen Dingen arbeiten wir weiter, nicht nur an den Produkten, sondern auch an Abläufen, weil Sie nach Bürokratie gefragt haben. Wir wollen selbst ein Bürokratieabbaugesetz vorlegen, nächstes Jahr, das sich vor allem mit der Bürokratie im Verkehrsbereich beschäftigt.
Ralf Wintergerst:
Herr Minister, neben unserem Podcast, den wir jetzt gerade durchführen, müssen wir mal über dieses Projekt reden mit den Zulassungsstellen. Das ist ein super Showcase, wie Digitalisierung helfen kann, Dinge einfacher, schneller und komfortabler zu machen, Kosten zu sparen, um sich damit auf die wesentlichen Verwaltungsthemen zu konzentrieren. Für ein schönes Beispiel.
Die EUDI-Wallet, die Sie angesprochen haben, ist mein persönlicher Traum. Das mache ich mit Bundesdigitalminister Dr. Karsten Wildberger ein wenig zusammen aus der Bitkom-Rolle. Wir versuchen das deutlich zu machen, weil da kommt Digitalisierung bei jedem Mitbürger, bei jeder Mitbürgerin an und dann können wir das digital alles besser nutzen. Das finde ich ehrlich gesagt jetzt cool. Ich nehme einfach das Wort jetzt raus. Welche Potenziale für Digitalisierung, wenn wir jetzt mal von der Schiene und von der Straße da weggehen und Verwaltung, denn auch beim Fliegen und beim Wasser?
Patrick Schnieder:
Beim Wasser ist es zum Beispiel so, dass wir auch das autonome Fahren von Schiffen dort nach vorne bringen. Wir haben eine erste Genehmigung erteilt für das automatisierte Fahren eines Fahrverbundes auf Kanälen, Bundeswasserstraßen. Das muss man sich so vorstellen, dass man im Prinzip das Schiff fernsteuern kann. Das soll auch am Ende im besten Falle so funktionieren.
Und auch das würde dazu beitragen, dass Sie den vorhandenen Fachkräftemangel in dem Bereich bekämpfen, dass Sie eine Lösung dafür haben und dass Sie einen solchen Job auch attraktiver machen. Im Moment brauchen Sie eine Besatzung von acht Leuten auf so einem Schiff. Die Zukunft könnte sein, dass eine Person in einem Terminal, gar nicht mehr auf dem Schiff, mehrere Schiffe steuert. Da sehen Sie das Potenzial, das darin steckt. Aber auch da spielt KI natürlich eine Rolle, wenn ich daran denke, dass sie Bauwerke digitalisieren, also digitale Zwillinge anlegen. Auch das wird im Wasserstraßenbereich sicherlich in Zukunft so sein. Nicht nur bei Straßenbrücken, wie wir das im Moment machen, oder im Bereich der Bahn, sondern auch da wird man bei bestimmten Bauwerken darauf zurückgreifen können.
Und im Luftverkehr haben wir digitale Plattformen schon, auf die auch Kunden zugreifen können. Also da ist ein weites Feld bei allen Verkehrsträgern. Und wir sind in Deutschland wirklich gut mit dabei. Das muss man immer wieder betonen. Wir hinken da nicht hinterher. Wir haben die Köpfe, die das machen, und die es letztlich auch umsetzen können.
Ralf Wintergerst:
Und Sie haben auch eine Wirtschaft, die ganz viel digital kann. Mehr als die meisten Leute teilweise wirklich glauben.
Wir kommen schon fast zum Schluss, lieber Herr Schnieder. Und ich würde jetzt gerne mal einen Sprung in die Zukunft machen. Sozusagen ein Fast Forward. Drei Jahre von jetzt. Was aus dem jetzigen Gewinn an Informationen, an Verstehen des Systems, Ihres Ministeriums und was zu tun ist: Wo würden wir in Ihrer Vision in drei Jahren stehen?
Patrick Schnieder:
Ich will zunächst mal einen zentralen Punkt nennen, der mit der Digitalisierung auf den ersten Blick gar nicht so viel zu tun hat. Aber da spielt das natürlich auch eine Rolle. Das ist, dass wir in drei Jahren die Infrastruktur vorangebracht haben, dass wir bessere Straßen haben, dass wir viele Brücken saniert haben und dass wir auch auf der Schiene bei der Sanierung und Modernisierung des Schienennetzes ein gutes Stück vorangekommen sind. Das werden wir letztlich auch nur mithilfe von Digitalisierung auch schaffen.
Und meine Vorstellung ist, dass wir bei der Digitalisierung ein gutes Stück vorangekommen sind, weil das eine Schlüsseltechnologie ist für viele Bereiche. Dass wir also beim autonomen Fahren mit viel mehr Fahrzeugen unterwegs sind, übrigens auch integriert in den ÖPNV. Das geht heute im Probebetrieb. Also wollen wir das doch vielleicht auch mal bei Stadtwerken einfach sehen, dass da Busse voll autonom fahren können.
Und dass wir zum Beispiel den Führerschein dann schon verfügbar haben, digital in der Wallet, in der App, und auf diesem Weg wirklich gute Fortschritte gemacht haben.
Ralf Wintergerst:
Darf ich Sie dann zum Schluss vielleicht noch eine kleine persönliche Frage machen, die vielleicht als Verkehrsminister sogar ein Dilemma ist zu beantworten. Aber wenn Sie alle Ihre Möglichkeiten nehmen, ob Sie Fahrrad oder Auto oder Helikopter oder Flugzeug oder Schiff haben, was ist denn so das Fortbewegungsmittel, das Mobilitätsmittel, wo Sie am liebsten drauf zurückgreifen? Oder haben Sie mehrere aus Berufsneugier?
Patrick Schnieder:
Nein, das Allerliebste sind die eigenen Beine. Also ich bin am liebsten zu Fuß unterwegs und wann immer das geht, mache ich das auch gerne. Sowohl gehen wie auch laufen. Aber das ist mit Verkehrsmittel jetzt wahrscheinlich gar nicht gemeint von Ihrer Seite.
Dann würde ich als nächstes das Fahrrad nennen, weil ich mich gerne selbst mit eigener Muskelkraft bewege. Man bewegt sich sonst viel zu wenig den Tag über. Das ist mittlerweile auch da, wo ich lebe, im Mittelgebirge, ganz gut möglich, weil wir eine vernünftige Infrastruktur haben, auf der auch sportlich ungeübte Fahrradfahrer gut vorankommen können.
Ralf Wintergerst:
Dann danke ich erst mal ganz, ganz von Herzen, lieber Herr Schnieder. Ich wünsche Ihnen für das laufende Jahr 2026 viel Erfolg. Den brauchen wir, den brauchen Sie, den brauchen wir gemeinsam für Deutschland. Und ich hoffe, dass wir gut vorankommen.
Patrick Schnieder:
Vielen herzlichen Dank für das Gespräch.
Ralf Wintergerst:
Ich danke Ihnen und auch alles Gute für das neue Jahr.
Patrick Schnieder:
Vielen Dank.
Ralf Wintergerst:
Dankeschön.