Dr. Ralf Wintergerst:
62 Prozent der Unternehmen sagen, dass sie von organisierter Kriminalität angegriffen werden. Der Punkt, der aber wirklich bemerkenswert ist: Die Unternehmen können mittlerweile zuordnen, dass ausländische Dienste und Staaten sie vermehrt angreifen. Das sagen 37 Prozent aller Unternehmen.
Tobias Grimm:
Sagt Bitkom-Präsident Dr. Ralf Wintergerst bei der Vorstellung des aktuellen Wirtschaftsschutzberichts gemeinsam mit dem Präsidenten des Bundesamts für Verfassungsschutz, Sinan Selen. Inzwischen ist klar: Die Schäden durch Datendiebstahl, Industriespionage oder Sabotage liegen bei 211 bis 271 Milliarden Euro.
Wie sich Unternehmen und auch die Bevölkerung besser schützen können, beschreibt Felix Kuhlenkamp, Sicherheitsexperte des Bitkom.
Felix Kuhlenkamp:
Wir befinden uns jetzt in einer Situation, in der die Qualität und vor allem auch die Quantität von Angriffen auf ein neues Level skaliert wurden. Die Unternehmen müssen sich darauf einstellen, dass Patches nicht mehr monatelang liegen bleiben können, sondern im Idealfall innerhalb von Stunden eingespielt werden müssen, um gegen Angreifer geschützt zu sein. Ansonsten werden diese Schwachstellen höchstwahrscheinlich ausgenutzt.
Tobias Grimm:
Und damit herzlich willkommen zu Tech Weekly, dem Podcast des Bitkom, mit mir, Tobias Grimm.
Tobias Grimm:
Ausländische Geheimdienste nehmen deutsche Unternehmen immer stärker ins Visier, warnt Bitkom-Präsident Dr. Ralf Wintergerst auf der Bundespressekonferenz.
Dr. Ralf Wintergerst:
Wenn wir schauen, wohin die Spur führt, dann muss man sagen: Sie führt immer weiter nach Osten. 52 Prozent der Unternehmen konnten Angriffe aus China nachverfolgen, 49 Prozent aus Russland. Damit liegt China wieder leicht vor Russland. Auffällig ist außerdem, dass mittlerweile neun Prozent der befragten Unternehmen sagen, dass Angriffe auch aus dem Iran zu verzeichnen sind. Im Vorjahr waren es nur vier Prozent. Damit betritt der Iran sozusagen erstmals als relevanter Akteur die Bühne der Wirtschaftskriminalität gegen deutsche Unternehmen.
Tobias Grimm:
Deutlich wird auch, dass das Dunkelfeld bei Datendiebstahl, Industriespionage und Sabotage größer wird.
Dr. Ralf Wintergerst:
Der Anteil der Unternehmen, die sagen, dass sie vermutlich angegriffen wurden, ist auf 29 Prozent gestiegen – von durchschnittlich zehn Prozent in den vergangenen Jahren.
Im Umkehrschluss ist der Anteil der Unternehmen, die genau wissen, dass sie angegriffen worden sind, deutlich zurückgegangen: von 87 auf 67 Prozent.
Wie erklären wir uns das? Wir gehen davon aus, dass die Angriffe immer professioneller werden. Gerade Spionageangriffe sollen nicht detektiert werden, sondern unentdeckt bleiben. Die Unternehmen merken aber: Da stimmt irgendwo etwas nicht.
Damit ist auch die Schadenssumme etwas anders zu beziffern. Denn wir können nur das genau beziffern, was wir auch sicher wissen.
Bei den 67 Prozent der Unternehmen, die sagen, dass sie angegriffen wurden und einen Schaden erlitten haben, summiert sich dieser Schaden im laufenden Jahr auf 211 Milliarden Euro. 211 Milliarden Euro Schaden für die deutsche Wirtschaft.
Wir gehen aber davon aus, dass die Schadenssumme insgesamt höher liegt, weil auch hinter dieser Dunkelziffer Schäden stehen. Deshalb haben wir erstmals einen Schadenskorridor angegeben, der von sicher 211 Milliarden Euro bis auf rund 270 Milliarden Euro reicht und damit ungefähr auf dem Niveau der Vorjahre liegt.
Tobias Grimm:
Soweit die ersten Eindrücke der Befragung, vorgestellt von Bitkom-Präsident Dr. Ralf Wintergerst.
Über die Ergebnisse spreche ich jetzt vertiefend mit Felix Kuhlenkamp, dem Sicherheitsexperten des Bitkom.
Felix, in diesem Jahr ist besonders auffällig, dass ausländische Geheimdienste immer stärker deutsche Unternehmen ins Visier nehmen. Mehr als jedes dritte betroffene Unternehmen kann Angriffe einem ausländischen Nachrichtendienst zuordnen. Was kann man denn über die Angreifer und auch über die Angriffe selbst sagen?
Felix Kuhlenkamp:
Das mit den Nachrichtendiensten hängt auch damit zusammen, dass mehr Angriffe nicht detektiert und nicht mehr zu 100 Prozent nachvollzogen werden können, weil die Akteure eben sehr professionell sind.
Wir sehen bereits seit einigen Jahren eine zunehmende Professionalisierung der Cyberangriffe. Früher hat man das hauptsächlich daran gesehen, dass sich das Angriffsgeschehen von Einzeltätern hin zu organisierten kriminellen Gruppen verlagert hat. Jetzt kommen immer stärker auch Nachrichtendienste hinzu.
Und das spiegelt leider auch die geopolitische Lage wider. Wir sehen seit Jahren, dass internationale Konflikte zunehmen und sich diese eben auch im Cyberraum ausspielen.
Dabei sind insbesondere zwei Akteure entscheidend: Russland und China. Von dort gehen besonders viele Angriffe aus. Auch das können wir mit unserer Studie nachweisen.
In diesen Ländern arbeiten Nachrichtendienste und organisierte Kriminalität häufig eng zusammen. Entweder wird organisierte Kriminalität geduldet oder sie wird sogar hinzugezogen, um nachrichtendienstliche Aktivitäten durchzuführen.
Die Nachrichtendienste haben ein Interesse daran, Sabotage in Deutschland durchzuführen, Informationen abzugreifen und andere Ziele ihrer jeweiligen Staaten zu verfolgen.
Ich glaube deshalb, dass wir mit einer neuen Bedrohungslage konfrontiert sind, die es in dieser Form bislang nicht gab.
Tobias Grimm:
In diesem Zusammenhang müssen wir auch darüber sprechen, dass das Kabinett die Reform der Nachrichtendienste beschlossen hat. Davon sind besonders Unternehmen der Digitalwirtschaft betroffen. Wie bewertest du diesen Gesetzentwurf?
Felix Kuhlenkamp:
Die Reform der Nachrichtendienste ordnet sich in eine Gesamtrestrukturierung der Sicherheitsarchitektur in Deutschland ein.
Wir haben in den vergangenen Jahren schon sehr viel Cybersicherheitsregulierung gesehen. Jetzt geht das BMI noch einmal einige Schritte weiter. Es gibt aktuell die Reform der Nachrichtendienste und zusätzlich ein Gesetz zur Stärkung der Cybersicherheit für die aktive Cyberabwehr. Dort sollen die Fähigkeiten von Bundespolizei, BKA und BSI gestärkt werden. Gleichzeitig geht es um die Reform der Nachrichtendienste, also von BND und Verfassungsschutz.
Da passiert aktuell also extrem viel. Und das leitet sich natürlich auch aus der gestiegenen Bedrohungslage ab. Deutschland wird immer häufiger Ziel von Angriffen. Das sind physische Angriffe, aber eben auch digitale Angriffe.
Von daher ist es nachvollziehbar, dass man nachschärfen und Deutschland besser darauf vorbereiten möchte.
Gleichzeitig sind wir der Meinung, dass tiefe Eingriffe in die Systeme von Betreibern und Unternehmen nicht förderlich sind und teilweise sogar Schäden verursachen können. Gerade bei Gegenschlägen sind immer Kollateralschäden denkbar.
Auch bei Eingriffen in die Systeme von Unternehmen glauben wir: Die Unternehmen selbst kennen diese Systeme am besten. Deshalb sollte man mit ihnen zusammenarbeiten und kooperieren.
Ein kooperativer Ansatz wäre aus unserer Sicht hilfreicher. Man könnte beispielsweise zunächst auf die freiwillige Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und Behörden setzen. Wenn ein Unternehmen nicht kooperiert, könnte anschließend ein gerichtlicher Beschluss zur Zusammenarbeit verpflichten.
Positiv ist aus unserer Sicht: Die neuen Entwürfe sehen kein Backdoor-Mandat vor. Es sollen also keine Hintertüren oder Ähnliches eingebaut werden. Verschlüsselung bleibt insbesondere bei Ende-zu-Ende-Verschlüsselung geschützt.
Das ist positiv. Gleichzeitig gibt es noch viel Nachbesserungsbedarf, und das muss jetzt im Parlament entsprechend diskutiert werden.
Tobias Grimm:
Lass uns zurück zur Studie gehen. Du hast es vorhin schon kurz angesprochen: KI-gestützte Angriffe werden immer häufiger und das Angriffsgeschehen verändert sich grundlegend. Was kommt hier auf Unternehmen und auch auf die Bevölkerung zu? Und wie können wir uns schützen?
Felix Kuhlenkamp:
Die Diskussion läuft schon seit einigen Monaten, auch weil große Anbieter von Large Language Models darauf hingewiesen haben, dass neue Modelle Cyberangriffe teilweise autonom durchführen können. Entsprechend groß ist die Aufmerksamkeit für dieses Thema.
Ich glaube, wir befinden uns jetzt in einer Situation, in der die Qualität und vor allem auch die Quantität von Angriffen auf ein neues Level skaliert wurden.
Das Tempo zwischen dem Zeitpunkt, an dem eine Schwachstelle entdeckt wird, und dem Zeitpunkt, an dem sie ausgenutzt wird, ist deutlich höher geworden. Prozesse können automatisiert ablaufen: Eine Schwachstelle wird gefunden, Schadsoftware wird programmiert und anschließend eingesetzt.
Dahinter stecken grundlegende Prinzipien der Cybersicherheit: Schwachstellen werden gefunden und anschließend ausgenutzt. Das kennen wir schon sehr lange. Neu ist aber das Tempo, mit dem das inzwischen passiert.
Und ich glaube, dass wir uns deshalb in den nächsten Jahren mit einer wirklich schwierigen Situation konfrontiert sehen könnten.
Unternehmen müssen sich darauf einstellen, dass Patches nicht mehr monatelang liegen bleiben können. Im Idealfall müssen sie innerhalb von Stunden eingespielt werden, um gegen Angreifer geschützt zu sein. Ansonsten werden diese Schwachstellen höchstwahrscheinlich ausgenutzt.
In dieser Situation muss klar ein Mindset-Wechsel stattfinden. Unternehmen müssen verstehen, dass sie mit einer neuen Geschwindigkeit des Angriffsgeschehens konfrontiert sind.
Gleichzeitig bleiben die grundlegenden Methoden der Cybersicherheit weiterhin richtig. Sie müssen nur auf das Tempo gebracht werden, mit dem KI heute agiert.
Tobias Grimm:
Die große Mehrheit der Unternehmen fühlt sich durch analoge und digitale Angriffe bedroht. 28 Prozent sehen laut Studie eine sehr große und 45 Prozent eine eher große Bedrohung.
Müsste die Sorge nicht eigentlich noch deutlich größer sein, gerade wenn wir diese Vernetzung betrachten?
Felix Kuhlenkamp:
Meiner Meinung nach auf jeden Fall. Grundsätzlich sehen wir in der Wirtschaftsschutzstudie so etwas wie einen Gewöhnungseffekt. Wir fragen die Unternehmen auch immer, inwiefern ein Cyberangriff für sie existenzbedrohend sein kann.
Im vergangenen Jahr haben noch 59 Prozent der Unternehmen gesagt, dass ein Cyberangriff existenzbedrohend sein kann. In diesem Jahr ist dieser Anteil deutlich gesunken.
Dabei muss man ganz klar sagen: Die Bedrohungslage hat sich nicht verbessert und Cyberangriffe sind nicht weniger gefährlich geworden.
Wir vermuten vielmehr, dass sich Unternehmen durch die konstante Bedrohungslage ein Stück weit daran gewöhnen und sagen: Vielleicht ist es doch nicht so schlimm oder wir kommen schon irgendwie zurecht.
Gleichzeitig gibt es sehr viele Fälle, in denen Cyberangriffe durchaus existenzbedrohend sind. Wir sehen teilweise Insolvenzen von Unternehmen, nachdem sie von Ransomware-Angriffen getroffen wurden.
Wir sehen auch bei Verwaltungen, wie schnell ihre Funktionsfähigkeit infrage gestellt werden kann. Wenn zentrale Prozesse ins Stocken geraten, kann ein Cyberangriff sehr weitreichende Folgen haben – für Unternehmen genauso wie für öffentliche Verwaltungen.
Tobias Grimm:
Und trotzdem sehen wir, dass die Investitionen in Cybersicherheit derzeit stagnieren. Warum ist das immer noch so? Warum wird nicht mehr investiert? Und wie schaffen wir es, dass endlich mehr investiert wird?
Felix Kuhlenkamp:
Ich glaube, auch da spielen verschiedene Faktoren zusammen.
Einerseits sicherlich dieser Gewöhnungseffekt. Wenn man sagt, ein Cyberangriff sei nicht mehr ganz so existenzbedrohend, stellt sich natürlich auch die Frage: Warum sollte man dann mehr investieren?
Gleichzeitig spielt wahrscheinlich die wirtschaftliche Situation eine Rolle. Viele Unternehmen haben derzeit schlicht nicht das Budget, um zusätzliche Investitionen vorzunehmen.
Die Bitkom-Position ist weiterhin ganz klar: 20 Prozent des IT-Budgets sollten für IT-Sicherheit ausgegeben werden. Das sollte das Ziel sein. Wir sehen auch, dass mehr Unternehmen 20 Prozent und mehr für IT-Sicherheit ausgeben. Gleichzeitig wird die Spanne zwischen den Unternehmen, die wenig investieren, und denen, die viel investieren, größer. Wir müssen dahin kommen, dass Unternehmen erkennen: Investitionen in Cybersicherheit lohnen sich am Ende, weil dadurch Schäden vermieden werden können, die durch Cyberangriffe entstehen.
Tobias Grimm:
Felix, vielen Dank für die Einordnung. Wer noch tiefer in die Zahlen einsteigen möchte, findet die vollständigen Ergebnisse der Befragung auf der Webseite des Bitkom. Den Link dorthin gibt es wie immer in der Podcast-Beschreibung.
Tobias Grimm:
Mit dem Blick auf Kalenderwoche 36 schauen wir gleichzeitig auf die letzte Woche der parlamentarischen Sommerpause im Deutschen Bundestag.
In Brüssel nimmt der politische Betrieb dagegen bereits wieder Fahrt auf. Dort stehen die ersten Ausschusssitzungen an.
Und in Berlin kommt am 2. September das Bundeskabinett zusammen. Auf der digitalpolitischen Agenda steht unter anderem ein Entwurf für das Einkommensteuerreformgesetz 2027.
Zum Ende der Woche richtet sich der Blick außerdem nach Sachsen-Anhalt. Dort finden am Sonntag, den 6. September, die Landtagswahlen statt.
Und damit endet der Ausblick auf die kommende Woche auch schon. Weitere Nachrichten aus der Digitalbranche gibt es wie immer auf bitkom.org.
Danke fürs Zuhören und bis nächsten Freitag.