Stefan Voß:
Wenn ich merke, das soll eigentlich Wut, Ärger, Angst oder Verunsicherung auslösen, sollte ich doppelt vorsichtig sein.
Leah Schrimpf:
Es gibt keinen rechtlichen Rahmen, der verbietet, im Internet zu lügen.
Stefan Voß:
Die erfolgreichen Fakes, also die Dinge, die Menschen wirklich in die Irre führen, basieren in aller Regel auf einem wahren Kern. In Social Media und Familiengruppen wird viel Unsinn verbreitet. Da kann jemand Falschbehauptungen oder Verschwörungserzählungen verbreiten, vielleicht sogar im guten, aber irrigen Glauben, und niemand findet Informationen, die das aufklären. Das ist ein Riesenproblem.
Katharina Höbbel:
Was, wenn keiner mehr weiß, was stimmt? Diese Frage stellen wir uns immer häufiger. Deshalb sprechen wir heute im Bitkom-Resilienz-Talk darüber. In mehreren Folgen sprechen wir mit Gästen aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft über digitale Resilienz – heute mit dem Fokus auf Desinformation.
Stefan, du bist Chief Verification Officer bei der Deutschen Presse-Agentur, der dpa, und Faktenchecks sowie das Aufdecken von Falschinformationen sind dein Daily Business. Was verstehen wir eigentlich unter Desinformation?
Stefan Voß:
Desinformation sind letztlich falsche Informationen, die verbreitet werden und seit vielen Jahren gerade über Social Media massiv zirkulieren. Dabei kann man unterschiedliche Formen unterscheiden. Es gibt bewusste Fakes, also letztlich Lügen. Es gibt organisierte Lügen und Kampagnen, aber auch einzelne Privatpersonen, die falsche Informationen verbreiten. Und es gibt Irrtümer: Menschen verstehen etwas falsch, irren sich oder sind selbst einem Fake oder einem KI-Fake aufgesessen. Das sind unterschiedliche Formen, mit denen wir es zu tun haben.
Katharina Höbbel:
Leah, du leitest beim Bitkom den Bereich Digitale Gesellschaft. Hast du ein Beispiel dafür, wo Fake News oder Desinformation schon einmal verheerende Folgen hatten oder zumindest hätten haben können?
Leah Schrimpf:
Es gibt viele Beispiele aus der jüngeren Geschichte. Eine Zeit, die sehr stark von verschiedenen Desinformationskampagnen geprägt war, war natürlich die Corona-Pandemie. Damals ging es um Fragen wie: Wo kommt diese Krankheit überhaupt her? Was macht sie mit Menschen? Ist sie wirklich so gefährlich? Stimmen die Informationen, die darüber verbreitet werden?
Später gab es dann die große Debatte rund um die Impfstoffe und mögliche Folgen einer Impfung. An diese Zeit und die unterschiedlichsten Narrative, die damals umhergeschwirrt sind, werden sich wahrscheinlich viele Menschen noch erinnern.
Katharina Höbbel:
Stefan, bei dir ist schon angeklungen, dass Desinformation auch gezielt verbreitet wird. Wer streut solche Informationen? Sind das wie im Film ausländische Geheimdienste?
Stefan Voß:
Ich muss dazu sagen, dass wir bei der dpa weniger darauf schauen, wer etwas verbreitet, sondern vor allem darauf, was verbreitet wird. Deshalb haben wir dazu keine umfassenden eigenen Recherchen gemacht.
Aber natürlich sieht man unterschiedliche Akteure. Es gibt Einzelpersonen. Es gibt sicherlich auch konzertierte Aktionen. Das erkennt man beispielsweise daran, dass dieselben Narrative über ähnliche Kanäle ausgespielt werden. Und es gibt sehr professionelle Fake-Aktionen, bei denen zum Beispiel Webseiten traditioneller Medienhäuser täuschend ähnlich nachgebaut werden. Dafür ist schon ein gewisser Aufwand nötig. Da kann man durchaus vermuten, dass teilweise auch ausländische Akteure oder Staaten dahinterstehen.
Katharina Höbbel:
Woran erkennt man denn koordinierte Desinformationskampagnen, also gezielt gesteuerte Desinformation?
Stefan Voß:
Mit der Einschränkung, dass das nicht unser eigentliches Hauptthema ist: Man sieht schon, dass zu bestimmten Zeitpunkten bestimmte Materialien, Narrative und Versuche gehäuft auftauchen.
Wir hatten beispielsweise vor einigen Wochen die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Im Vorfeld gab es Versuche, die Briefwahl als unglaubwürdig oder manipuliert darzustellen. Auffällig waren sehr ähnliche Videos, in denen angeblich Briefwahlzettel vernichtet wurden.
Wenn man genau hinschaut, erkennt man aber, dass es sich um Fakes handelt. In einem Beispiel öffnet jemand angeblich Briefwahlunterlagen und vernichtet immer dann einen Wahlzettel, wenn eine bestimmte Partei gewählt wurde. Das sieht zunächst skandalös aus. Wenn man genau hinschaut, sieht man aber, dass die Wahlbenachrichtigungen dreimal an dieselbe Person adressiert sind. Das Video ist also gar nicht schlecht gemacht, enthält aber ziemlich deutliche Fehler.
Katharina Höbbel:
Okay, also: The devil is in the details.
Stefan Voß:
Genau. Ich möchte natürlich keine Empfehlungen für diejenigen geben, die solche Dinge künftig besser faken wollen. Aber ich kann sagen: Unsere Verifikationsmöglichkeiten sind mit solchen Details noch längst nicht ausgeschöpft.
Katharina Höbbel:
Was würdest du Privatpersonen empfehlen? Ich stoße auf eine Information – wie kann ich möglichst sicherstellen, dass es sich nicht um eine Falschinformation handelt?
Stefan Voß:
Ich würde zuerst immer auf die Quelle schauen. Erkenne ich die Quelle? Weiß ich, wer das verbreitet? Ist das beispielsweise ein traditionelles Medium, das durch das Presserecht zur Sorgfalt verpflichtet ist und Fehler korrigieren muss?
Der zweite Punkt ist die Frage: Was soll dieser Social-Media-Post eigentlich bei mir auslösen? Wenn ich merke, dass er gezielt Wut, Ärger, Angst oder Verunsicherung hervorrufen soll, sollte ich doppelt vorsichtig sein. Natürlich darf ich mir das anschauen und auch eine Meinung dazu haben. Das ist mein gutes Recht. Aber ich sollte bei solchen emotionalisierenden Inhalten besonders aufmerksam sein.
Katharina Höbbel:
Leah, vielleicht magst du ergänzen. Stefan hat gesagt, starke Emotionen sind ein Warnsignal. Worauf sollte man außerdem achten?
Leah Schrimpf:
Da würde ich zu 100 Prozent zustimmen. Es ist ein wiederkehrendes Muster, dass gerade gezielte Desinformationskampagnen auf Emotionen setzen. Sie versuchen, eine starke emotionale Reaktion der Konsumentinnen und Konsumenten zu nutzen, um sie in eine bestimmte Richtung zu beeinflussen oder eine bestimmte Botschaft besonders stark zu verankern.
Ein weiterer Punkt ist die Frage, ob mich eine Botschaft sehr gezielt als Teil einer bestimmten Zielgruppe anspricht. Also ob sie beispielsweise sehr stark auf meine Herkunft, mein Geschlecht oder ein anderes persönliches Merkmal zugeschnitten ist. Auch das kann ein Mechanismus sein, um bestimmte Gruppen gezielt mit Narrativen anzusprechen, die sie besonders emotionalisieren und sich dadurch schneller verbreiten.
Wenn eine Information also sehr stark auf mich persönlich zugeschnitten ist und besonders viel mit mir macht, sollte ich noch einmal genauer hinschauen.
Katharina Höbbel:
Stefan, wie geht ihr bei der dpa vor? Ihr habt beispielsweise einen Social-Media-Post vor euch. Gibt es ein bestimmtes Schema, nach dem ihr prüft, ob eine Information echt oder falsch ist?
Stefan Voß:
Ein starres Schema gibt es nicht. Bei visuellem Content beginnen wir aber immer mit einer Bildanalyse. Wir schauen uns genau an: Was ist auf dem Bild zu sehen? Was ist im Video zu sehen? Was ist auf dem Audio zu hören?
Am Anfang benutzen wir dafür bewusst keine Tools, weil Hilfswerkzeuge bei der Verifikation zunächst auch ablenken können. Erst einmal geht die volle kognitive Konzentration auf den Content selbst. Danach gehen wir tiefer hinein und fragen beispielsweise: Gibt es von dem angeblich gezeigten Ereignis weitere Aufnahmen?
Wenn etwas in der Öffentlichkeit passiert – beispielsweise ein Auftritt des Bundeskanzlers –, gibt es in aller Regel weitere Fotos und Videos. Darüber kann man sehr viel überprüfen. Wir schauen uns außerdem Hintergründe von Bildern und Videos an. Verhalten sich die Menschen dort plausibel? Wenn vorne angeblich etwas Schreckliches oder Sensationelles passiert, im Hintergrund aber alle völlig unbeeindruckt vorbeilaufen, ist das ein starkes Warnsignal.
Ein wichtiger Punkt bei erfolgreichen Fakes ist außerdem: Sie basieren häufig auf einem wahren Kern. Irgendetwas ist tatsächlich passiert. Das bedeutet aber nicht, dass die konkrete Darstellung des Ereignisses ebenfalls stimmt.
Nehmen wir an, es gab tatsächlich eine Amokfahrt in einer Stadt. Das Ereignis ist real. Aber vielleicht zeigt das Bild, das gerade verbreitet wird, gar nicht den Täter. Oder die angeblichen Opferaufnahmen stammen nicht von gestern aus dieser Stadt, sondern sind schon vier Monate alt und kommen aus einem ganz anderen Kontext.
Das muss man sich klarmachen: Nur weil ein Ereignis real stattgefunden hat, bedeutet das nicht, dass jedes Bild oder Video, das anschließend damit in Verbindung gebracht wird, ebenfalls authentisch ist.
Katharina Höbbel:
Der Kontext zählt. Wir haben einmal in einer Studie gesehen, dass neun von zehn Deutschen schon auf Fake News gestoßen sind. Und ich kann auch ganz ehrlich sagen: Ich habe selbst schon einmal etwas geteilt, das im Kern zwar richtig war, bei dem die dargestellten Zahlen aber deutlich überhöht waren.
Der Finger ist schnell auf dem Button, um etwas in die Story zu posten oder weiterzuleiten. Was sollte ich tun, wenn ich im Nachhinein feststelle, dass ich selbst Desinformation verbreitet habe?
Leah Schrimpf:
Das hängt natürlich davon ab, auf welchem Kanal und mit welcher Zielgruppe ich die Information geteilt habe. Ein weit verbreiteter Fall sind Familiengruppen – das habe ich selbst auch schon erlebt.
Wenn mir hinterher auffällt, dass eine Information falsch war, würde ich das dort noch einmal einordnen und die anderen Gruppenmitglieder darüber informieren. So kann man zumindest versuchen zu verhindern, dass es weiterverbreitet wird. Vielleicht kann man daraus sogar eine Debatte machen: Warum haben wir das so schnell geglaubt? Was hat diese Information mit uns gemacht? Warum teilen wir bestimmte Dinge so schnell?
Solche Fehler können uns allen passieren. Wenn ich etwas in einer Social-Media-Story verbreitet habe, würde ich es zunächst einmal löschen. Die große Herausforderung ist aber natürlich: Wenn etwas einmal in der Welt ist, lässt es sich nur sehr schwer wieder einfangen.
Desinformation zu verbreiten ist grundsätzlich nicht automatisch illegal. Es gibt keinen allgemeinen rechtlichen Rahmen, der schlicht verbietet, im Internet zu lügen. Genau das macht die Situation so schwierig: Wenn falsche Informationen einmal verbreitet sind, ist es nicht einfach, sie wieder einzufangen oder aus dem Netz zu bekommen.
Katharina Höbbel:
Ich habe das Gefühl, Desinformation ist inzwischen fast zu einem Trendbegriff geworden. Wie nimmst du die Medienberichterstattung über das Thema wahr? Ist die Aufmerksamkeit dafür tatsächlich größer geworden?
Stefan Voß:
Ja, das ist interessant. Ich mache diesen Job seit ungefähr zehn Jahren. 2017 gab es in traditionellen Medienhäusern teilweise noch sehr wenig Verständnis dafür, warum man sich überhaupt mit Desinformation beschäftigen sollte.
Aus damaliger Perspektive war das vielleicht sogar nachvollziehbar. Große klassische Medien haben gesagt: Wir recherchieren sauber, bei uns können die Menschen verlässliche Informationen lesen. Warum sollen wir uns mit dem beschäftigen, was irgendwo auf Social Media verbreitet wird?
Heute sehen wir ein deutliches Umdenken – bei großen Medienhäusern, beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk und auch bei Boulevardmedien. Man realisiert zunehmend, dass Medien sich mit dem Phänomen Desinformation beschäftigen müssen, weil es letztlich auch um Vertrauen geht.
Selbst die anerkanntesten Tageszeitungen bekommen heute Rückmeldungen von Leserinnen und Lesern, die grundsätzlich anzweifeln: Wie kann ich das glauben? Das kann doch alles KI-generiert sein.
Ich persönlich freue mich deshalb darüber, dass das Thema stärker aufgegriffen wird. Medienhäuser erkennen, dass die Auseinandersetzung mit Desinformation auch ihre eigene Glaubwürdigkeit stärken kann.
Leah hat es angesprochen: Auf Social Media und in Familiengruppen wird viel Unsinn verbreitet. Häufig fehlt aber der Gegenpol. Jemand verbreitet eine Falschbehauptung oder Verschwörungserzählung, vielleicht sogar im guten Glauben, und niemand findet eine verlässliche Information, die das aufklärt. Das ist ein riesiges Problem.
Deshalb ist es so wichtig, dass traditionelle Medienhäuser auch selbst Faktenchecks produzieren und beispielsweise virale Videos aufgreifen. Man kann zeigen: Schaut auf den Hintergrund. Das passt nicht zusammen. Oder: Hier erkennt man, dass dieses Bild KI-generiert ist.
Medienhäuser, die das bereits machen, berichten uns von sehr guten Erfahrungen. Das stärkt auch ihre Marke und kann dabei helfen, Vertrauen zurückzugewinnen – in Fakten, in Realität und letztlich auch in gesellschaftliche Prozesse.
Katharina Höbbel:
Das ist natürlich auch relevant, wenn ich Informationen überprüfen möchte, bei denen ich mir nicht sicher bin. Falschinformationen gab es schon vor Social Media – früher wurden beispielsweise Bilder mit Photoshop manipuliert. Welche Auswirkungen haben soziale Netzwerke deiner Erfahrung nach auf die Entstehung und Weiterverbreitung von Fake News?
Stefan Voß:
Gewaltige. Und ich bin überhaupt kein Technikpessimist oder Maschinenstürmer – ganz im Gegenteil. Aber wir sehen sehr deutlich, dass Social-Media-Plattformen durch ihre heutigen Empfehlungsalgorithmen eine völlig neue Dynamik geschaffen haben.
Früher folgte man vielleicht sieben, zwölf, fünfzehn oder auch 200 Menschen oder Accounts, die man kannte oder denen man bewusst vertraute. Von diesen bekam man Inhalte angezeigt. Das ist heute längst nicht mehr die einzige Logik.
Heute öffnet man eine Social-Media-App und der Algorithmus spielt einem Inhalte aus, die individuell berechnet wurden. Wenn ich mir das bei mir selbst, meinen Kindern oder meinem Umfeld anschaue, sehe ich sehr häufig Videos von Accounts, mit denen vorher nie interagiert wurde.
Und wenn man fünf Minuten in solchen Feeds verbringt, kann schnell der Eindruck entstehen, Tel Aviv sei zehnmal von iranischen Raketen zerstört worden oder es gebe eindeutige Beweise für massiven Betrug bei einer Briefwahl – obwohl das nicht stimmt.
Das ist eine neue Qualität. Viele Menschen haben diese Informationen weder gesucht noch angefordert. Die Plattform spielt sie ihnen trotzdem in die Timeline. Ich möchte den Plattformen dabei keine Absicht unterstellen, aber der gesellschaftliche Schaden kann erheblich sein.
Menschen werden dadurch überfordert und geraten teilweise immer tiefer in bestimmte Inhalte hinein. Genau deshalb sehe ich eine große Verantwortung bei den Plattformen.
Katharina Höbbel:
Leah, können soziale Netzwerke auf der anderen Seite nicht auch helfen, sich zu informieren und verschiedene Perspektiven kennenzulernen?
Leah Schrimpf:
Natürlich. Wir sehen auch in unseren Studien sehr deutlich, dass soziale Medien inzwischen zentrale Informationskanäle sind. Menschen konsumieren dort Nachrichten und erfahren darüber, was in der Welt passiert. Ihre Bedeutung für die Informationsbeschaffung ist massiv gewachsen.
Das Problem ist eher, dass wir als Bevölkerung häufig noch eine sehr passive Konsumentenrolle einnehmen. Wir nutzen soziale Medien, Plattformen, Webseiten oder andere digitale Angebote, ohne immer zu verstehen, wie diese Systeme funktionieren und welche Verantwortung wir selbst bei der Nutzung haben.
Es fehlt an vielen Stellen Wissen darüber, wie Plattformen und Algorithmen funktionieren. Warum wird mir ein bestimmter Inhalt in meine Timeline gespielt? Wie kann ich meine Plattform so einstellen oder nutzen, dass bestimmte Dinge weniger stark ausgespielt werden? Wie erkenne ich, ob ein Video manipuliert sein könnte? Und wie hinterfrage ich einen Inhalt kritisch, bevor ich ihn weiterverbreite?
Diese Kompetenzen vermitteln wir in unserem Bildungssystem bislang nicht ausreichend. Medienhäuser können dabei ebenfalls helfen, indem sie anhand konkreter Beispiele zeigen: Was stimmt an diesem Video nicht? Woran erkennen wir die Manipulation? Wie haben wir den Fake entdeckt?
Solche Formate helfen dabei, Menschen für eine Realität zu sensibilisieren, die längst Teil unseres Alltags ist.
Stefan Voß:
Ich würde dazu gern noch einen Punkt ergänzen. Was sich mit dem Aufkommen generativer KI sehr deutlich verändert hat, ist die Geschwindigkeit.
Ich mache viele Schulungen und Trainings für Medienhäuser und Newsrooms. Früher hätte es bei einem größeren Ereignis vielleicht Stunden oder sogar Tage gedauert, eine überzeugende Fotomontage oder einen anderen Fake zu produzieren.
Heute kannst du mit einschlägigen KI-Tools innerhalb weniger Minuten einen authentisch aussehenden Fake zu einem realen Ereignis erstellen. Und anschließend stellt sich die Frage: Wie erreicht dieser Fake möglichst schnell viele Menschen?
Da kommen wiederum die Algorithmen der Plattformen ins Spiel. Wir haben also einerseits eine extrem schnelle Produktion täuschend echt wirkender Inhalte und andererseits eine Infrastruktur, über die sie sich sehr schnell verbreiten können. Das ist die neue Qualität.
Und das große Problem dabei ist: Wenn du überprüfst, bist du immer hinterher. Die Verifikation reagiert auf etwas, das bereits produziert und verbreitet wurde. Eine Lüge kann heute in zwei Minuten erstellt werden. Eine saubere Überprüfung braucht aber Zeit.
Man kann nicht einfach sagen: Das sieht falsch aus. Man muss belegen, warum es falsch ist. Manchmal dauert das eine Stunde, manchmal einen halben Tag. Gleichzeitig werden KI-Tools immer besser. Genau darin liegt ein großes gesellschaftliches Risiko.
Katharina Höbbel:
Vor einem Jahr konnte man bei Deepfakes noch scherzen: Der Mensch hat sieben Finger, also kann das nicht echt sein. Inzwischen ist es deutlich schwieriger.
Mir werden auch Videos ausgespielt, in denen Creator versuchen zu erkennen, ob etwas KI-generiert ist oder nicht – und teilweise selbst daran scheitern. Ich merke bei mir ebenfalls: Manchmal halte ich etwas für KI, obwohl es echt ist, und manchmal ist es genau umgekehrt.
Stefan Voß:
Es ist schwer, aber ich möchte alle Interessierten ausdrücklich ermutigen, sich damit auseinanderzusetzen. Es ist nicht unmöglich.
Wenn wir über newsrelevante Ereignisse in der Öffentlichkeit sprechen, kann man viele Fakes schon mit logischem Denken entlarven. Dafür braucht man nicht zwingend ein Tool.
Wenn bei einem öffentlichen Auftritt des Bundeskanzlers angeblich etwas Spektakuläres passiert ist, dann kann ich mir überlegen: Bei so einem Termin sind viele Kameraleute, Fotografen und Journalistinnen und Journalisten vor Ort. Dann müsste es mehr als nur eine einzige Aufnahme davon geben.
Mit logischem Denken kann man deshalb bei vielen öffentlichen Ereignissen sehr weit kommen. Manchmal dauert es länger, manchmal geht es schnell. Aber häufig lässt es sich herausfinden.
Das sage ich auch zur Ermutigung von Journalistinnen und Journalisten, aber genauso zu jeder Bürgerin und jedem Bürger, die oder der sagt: Ich möchte mich nicht einfach belügen lassen. Und ich möchte auch nicht in meiner WhatsApp-Familiengruppe als jemand dastehen, der Falschinformationen weiterverbreitet.
Mit logischem Denken und ein bisschen Spürsinn kann man sehr viel erkennen.
Katharina Höbbel:
Damit sind wir beim Thema Medienkompetenz. Es geht also nicht nur darum, einen Fake erkennen zu können, sondern überhaupt erst auf die Idee zu kommen, eine Information kritisch zu hinterfragen.
Leah, welche langfristigen Maßnahmen könnten dazu beitragen, die Medienkompetenz in der Bevölkerung zu erhöhen?
Leah Schrimpf:
Das lässt sich schwer auf zwei oder drei Maßnahmen herunterbrechen. Aber anfangen müssen wir ganz klar im schulischen Bildungssystem.
Wir haben in Deutschland eine große Lücke bei Medien- und Digitalkompetenzen in den schulischen Curricula. Das war lange eher ein zusätzliches Randthema: Hier vielleicht einmal ein medienpädagogisches Projekt, dort eine Unterrichtseinheit dazu, wie eine Pressemitteilung entsteht oder welche großen Nachrichtenhäuser es gibt.
Wir brauchen das viel systematischer. Medienkompetenz sollte altersübergreifend für alle Schülerinnen und Schüler vermittelt werden. Gleichzeitig ist es ein Thema, das sich besonders gut interdisziplinär unterrichten lässt.
Man kann im Deutschunterricht über Falschmeldungen und journalistische Inhalte sprechen. Im Biologieunterricht kann man sich mit falschen Behauptungen in den Naturwissenschaften auseinandersetzen. Es gibt viele Möglichkeiten, das an konkreten Use Cases zu vermitteln.
Schule ist dafür besonders wichtig, weil sie der einzige Ort ist, den im Laufe des Lebens praktisch jeder Mensch besucht. Wenn wir solche Kompetenzen dort fest verankern, können wir zumindest sicherstellen, dass perspektivisch jeder einmal damit in Berührung gekommen ist.
Daneben gibt es bestimmte Bevölkerungsgruppen, die stärker gefährdet sein können. Dazu gehören teilweise marginalisierte Gruppen, die mit sehr gezielt zugeschnittenen und emotionalisierenden Botschaften angesprochen werden können. Aber eine weitere wichtige Gruppe sind ältere Menschen.
Wir sehen auch in unseren Befragungen deutliche Unterschiede zwischen Generationen bei der Selbsteinschätzung der eigenen Medien- und Digitalkompetenz und bei der Frage, ob man sich in der Lage fühlt, falsche Informationen zu erkennen.
Deshalb braucht es auch außerhalb der Schule gezielte Angebote in der Fläche. Natürlich wird man nie jeden Menschen mit Bildungsmaßnahmen erreichen. Aber wir brauchen hier einen deutlich systematischeren Ansatz.
Die Bundesregierung hat sich eine Digitalkompetenzoffensive vorgenommen, in der auch Medienkompetenz eine Rolle spielen soll, weil sie Teil grundlegender Digitalkompetenzen ist. Zum Zeitpunkt unseres Gesprächs ist diese Offensive noch in Arbeit. Aber genau solche systematischen Ansätze braucht es.
Aktuell sind wir noch sehr stark von Einzelinitiativen abhängig. Ein gutes Beispiel ist UseTheNews, das auch aus dem Umfeld der dpa entstanden ist und Medienbildung insbesondere für Schülerinnen und Schüler vorantreibt.
Aber solche Projekte sind häufig fördermittelabhängig. Sie laufen zwei Jahre und stehen danach wieder vor der Frage, wie es weitergeht. Das können wir uns als Gesellschaft langfristig eigentlich nicht mehr leisten.
Stefan Voß:
Wenn man die Entwicklung über einen längeren Zeitraum betrachtet, hat sich etwas Interessantes verändert.
Vor der KI-Revolution galt bei Content häufig: Seeing is believing, hearing is believing. Ich sehe etwas, also muss es stimmen. Ich höre etwas, also muss es stimmen.
Natürlich gab es Photoshop auch schon vor 25 Jahren. Aber gerade in meiner Alterskohorte war manchmal die Haltung: Wie kann etwas falsch sein, wenn ich es doch mit eigenen Augen sehe?
In den vergangenen Jahren ist das teilweise um 180 Grad gekippt – hin zu einem regelrechten Fatalismus: Ich glaube gar nichts mehr. Ich glaube niemandem mehr. Alles kann gefälscht sein.
Auch dieser Fatalismus ist nicht angebracht. Ja, Dinge können täuschend echt aussehen. Aber man muss hinschauen. Wenn man sich Mühe gibt, kritisch hinterfragt und vielleicht auch einmal über den eigenen Wahrnehmungsschatten springt, kann man viele Dinge weiterhin erkennen.
Wir müssen also nicht nur vor Fakes warnen. Diese Gefahr ist inzwischen vielen bewusst. Wir müssen auch verhindern, dass daraus völliges Misstrauen gegenüber allen Quellen entsteht.
Denn das ist gesellschaftlich ebenfalls schädlich. Selbst Medienhäuser, die rechtlichen und journalistischen Standards unterliegen, werden teilweise nur noch als irgendein weiterer Contentlieferant wahrgenommen und grundsätzlich angezweifelt.
Deshalb müssen wir auch gegen diesen Fatalismus arbeiten.
Und da betrifft das nicht nur Schülerinnen und Schüler. Wenn ich mit Schulklassen arbeite, merke ich sogar häufig, dass viele junge Menschen bei bestimmten Dingen schon ziemlich fit sind.
Schwieriger ist es teilweise für Menschen in der zweiten Lebenshälfte, die mit dieser Entwicklung nicht so selbstverständlich aufgewachsen sind. Das ist zunächst überhaupt kein Problem. Problematisch wird es erst, wenn Menschen sich davon überrumpeln lassen oder von anderen mit Desinformation gezielt emotionalisieren und instrumentalisieren lassen.
Ich glaube nicht, dass die allermeisten Menschen das wollen.
Leah Schrimpf:
Genau deshalb ist es so wichtig, den Menschen Selbstwirksamkeit zurückzugeben. Also das Gefühl: Du hast Kontrolle darüber, was du konsumierst, wie du es konsumierst und was du damit machst.
Du kannst selbst erkennen: Das ist möglicherweise falsch. Dann kannst du entscheiden, es nicht weiterzuverbreiten oder andere darüber aufzuklären.
Wir müssen weg von der Vorstellung, man sei all diesen Inhalten schutzlos ausgeliefert und könne nur passiv aufnehmen, was auf einen einprasselt. Stattdessen braucht es stärker die Haltung: Ich kann selbstbestimmt entscheiden, was ich sehe, wie ich es einordne und ob ich es weiterverbreite.
Stefan Voß:
Wir haben dazu in unserer Familie eine kleine Regel: Wenn etwas wirklich Spektakuläres, Skandalöses oder Schreckliches in der Welt passiert, wirst du es höchstwahrscheinlich nicht zuerst von deinem durchgeknallten Onkel in der WhatsApp-Gruppe erfahren.
Wenn wirklich etwas Spektakuläres passiert, wird darüber auch an anderer Stelle berichtet. Diese Regel hilft schon sehr.
Katharina Höbbel:
Wenn ich das zusammenfasse, habe ich als Nutzerin oder Nutzer solcher Inhalte – gerade auf Social Media – selbst Verantwortung. Ich sollte nicht nur passiv konsumieren, sondern Informationen einordnen und verantwortungsvoll damit umgehen.
Stefan, welche Verantwortung haben darüber hinaus andere Akteure – also Schulen, Medien, Plattformen oder auch der Staat?
Stefan Voß:
Es ist natürlich leicht zu sagen: Die anderen müssen mehr machen. Gerade wenn wir an Schulen denken und daran, was Lehrerinnen und Lehrer heute schon leisten müssen, ist das eine riesige Herausforderung. Deshalb greift es zu kurz, Verantwortung einfach nur weiterzureichen.
Grundsätzlich sollten sich aber deutlich mehr gesellschaftliche Gruppen mit Desinformation auseinandersetzen.
Dabei geht es nicht darum, Menschen vorzuschreiben, was sie denken sollen. Wir leben in einer freien Gesellschaft mit Meinungspluralität, und das ist ganz entscheidend.
Es geht ausschließlich um überprüfbare Tatsachen: Hat die Politikerin diesen Satz an diesem Ort wirklich gesagt? Zeigt dieses Foto tatsächlich die Verhaftung dieser Person? Sehen wir hier wirklich ein Auto, das durch eine Menschenmenge fährt?
Das sind faktische Fragen.
Aus meiner Sicht wird noch zu wenig realisiert, wie sehr wir uns dieser Herausforderung gesellschaftlich stellen müssen. Auch der Journalismus hat bestimmte Social-Media-Kanäle lange ignoriert. In der Corona-Zeit war ein großer Teil der Bevölkerung dort unterwegs, während viele Journalistinnen und Journalisten diese Räume kaum beobachtet haben. Das ist problematisch, weil es Gegeninformationen und Aufklärung braucht.
Desinformation ist inzwischen als erhebliche gesellschaftliche Bedrohung erkannt. Deshalb müssen wir mit allen gesellschaftlichen Strukturen stärker nach Lösungswegen suchen.
Dazu gehört Counter Speech, also das Gegenhalten mit Fakten. Faktenchecks und Behauptungschecks sind wichtig, weil nicht jeder Mensch einen Fake sofort selbst erkennen kann.
Und natürlich müssen sich auch die Plattformen ihrer Verantwortung bewusst sein. Wenn sie das nicht selbst ausreichend tun, braucht es staatliche Institutionen, die entsprechende Verantwortung einfordern, damit die Fehlsteuerung durch Algorithmen nicht einfach unverändert weiterläuft.
Katharina Höbbel:
Dann komme ich zu meiner Abschlussfrage und zurück zur Privatperson. Wenn ich nur 15 Minuten hätte, um mich resilienter gegenüber Desinformation aufzustellen: Was sollte ich tun? Wo fange ich an?
Stefan Voß:
Ich würde mir einen Post vornehmen, der mich selbst einmal aufgewühlt hat oder der beispielsweise in einer Familien-Chatgruppe für viel Aufregung gesorgt hat. Und dann würde ich mir zwei oder drei einfache Checkfragen stellen.
Erstens: Was ist die Quelle? Wo kommt diese Information her?
Zweitens: Wenn es ein Video ist, schaue ich es mir noch einmal ganz genau an. Wenn vorne angeblich ein riesiger Skandal passiert, müssten die Menschen im Hintergrund eigentlich darauf reagieren. Tun sie das? Verhalten sie sich plausibel? Oder wirkt das möglicherweise zusammengeschnitten oder manipuliert?
Drittens: Wenn dort etwas wirklich Spektakuläres passiert, wo sind die anderen Aufnahmen und Fotos davon? Wenn ich nichts Vergleichbares finde, ist das zumindest ein Grund, skeptisch zu werden.
Allein mit solchen Fragen lernt man schon sehr viel. Das ist logisches Denken in der Auseinandersetzung mit Informationen. Dafür muss man keine ausgebildete Journalistin oder kein ausgebildeter Journalist sein. Ein bisschen Verstand und ein Gefühl dafür, wie die Welt normalerweise funktioniert, bringen einen schon weit.
Und dann sollte ich mir immer noch eine weitere Frage stellen: Was soll dieser Post eigentlich bei mir auslösen? Soll er mich wütend machen? Soll er negative Emotionen wecken?
Natürlich gibt es viele authentische Dinge, die einen völlig zu Recht wütend machen. Das ist überhaupt nicht das Problem.
Die entscheidende Frage lautet: Wird möglicherweise gerade meine Emotionalität ausgenutzt, damit ich einem Fake aufsitze?
Katharina Höbbel:
Also meine eigenen Emotionen nicht gegen mich verwenden lassen.
Dann bleibt mir nur, euch für die Einblicke zu danken. Ich nehme auf jeden Fall ein paar Tipps für meine eigene Resilienz mit. Vielen Dank.
Stefan Voß:
Vielen Dank.