Das Video zum Podcast
Das ganze Gespräch zwischen Ralf Wintergerst und Verena Bentele sehen Sie auch in voller Länge auf YouTube.
Dr. Ralf Wintergerst:
Liebe Frau Bentele, schön, dass wir uns heute hier treffen – und das auch zu einem schönen Anlass, nämlich zum Digitaltag 2026 und zu unserem Podcast.
Verena Bentele:
Ja, danke für die Einladung. Für den VdK, der eher aus analogen Zeiten kommt, ist ein Digitaltag ein Grund zu feiern, wenn Digitalisierung barrierefrei ist.
Dr. Ralf Wintergerst:
Sie waren Spitzensportlerin, haben zwölfmal Gold bei den Paralympics gewonnen und viermal Gold bei Weltmeisterschaften. Sie waren später Behindertenbeauftragte der Bundesregierung und sind heute Präsidentin des Sozialverbands VdK, also des größten Sozialverbands Deutschlands – eine starke Stimme für soziale Gerechtigkeit und Inklusion.
Das ist eine beeindruckende Karriere mit ganz unterschiedlichen Facetten. Da ich selbst einmal Leistungssport gemacht habe, bin ich ehrlich gesagt richtig neugierig: Wie sind Sie eigentlich zum Sport gekommen? Sie haben früh angefangen und waren auch früh in der Nationalmannschaft. Wie ist das alles entstanden?
Verena Bentele:
Ich habe mich eigentlich schon als Kind immer gern bewegt. Ich bin auf dem Bauernhof meiner Eltern aufgewachsen und habe dort Fahrradfahren, Rollschuhfahren, Reiten – eigentlich alles Mögliche – gemacht. Fahrradfahren natürlich oft als Tandem mit meinen Eltern, aber auf dem Hof eben auch vieles allein. Ich war einfach immer gern in Bewegung und habe alles an Sport mitgenommen, was es gab.
Im Internat, in dem ich war – ich war auf einer Förderschule für blinde Kinder und Jugendliche –, gab es auf der einen Seite Voltigieren, das fand ich auch gut. Und dann gab es eben Judo. Das war eigentlich mein erster Wettkampfsport. Das war ein Sportverein im Schwarzwald, der bis dahin keine Erfahrung mit blinden Sportlerinnen und Sportlern hatte. Aber der Trainer war sehr offen und hat gesagt: Ihr könnt einfach mittrainieren, das ist gar kein Problem.
Ich habe dann tatsächlich bis zum blauen Gürtel Judo gemacht und auch Wettkämpfe gegen sehende Kinder bestritten. Irgendwann kam ich dann auf eine andere Schule, dort gab es kein Judo mehr, dafür aber Langlauf, Biathlon und Leichtathletik. Ich habe einfach alles gemacht, was es gab, weil ich einen großen Bewegungsdrang hatte.
Ich habe auch versucht, ein Blindensport-Ballspiel zu spielen – Goalball heißt das –, aber da war ich extrem unbegabt. Mit Bällen habe ich es nicht so. Aber alle anderen Bewegungsformen sind absolut mein Ding.
Und ja, auch das Messen im Wettkampf hat mir immer Spaß gemacht, weil ich dadurch ein klares Ziel hatte. Natürlich ist Gewinnen schön, klar. Aber für mich war und ist bis heute vor allem wichtig, ein Ziel zu haben. Heute sind das keine Goldmedaillen mehr, sondern zum Beispiel ein Marathon. Wenn ich weiß, dass ich in ein paar Wochen in Berlin oder woanders einen Marathon laufe, dann stehe ich auch morgens eher auf und gehe trainieren.
Dr. Ralf Wintergerst:
Wenn Sie heute darauf zurückblicken: Gibt es etwas, bei dem Sie sagen würden, das war Ihr größter persönlicher Erfolg? Oder ist Erfolg bei so vielen Erfolgen an unterschiedlichen Stationen für Sie eher ein relativer Begriff geworden?
Verena Bentele:
Es ist ein bisschen wie bei Kindern – man mag eigentlich alle Goldmedaillen gleich gern. Aber natürlich gibt es die eine oder andere, die mir besonders viel bedeutet.
Zum Beispiel hatte ich bis zu meinem letzten paralympischen Zyklus in Vancouver nie den langen Biathlon mit vier Schießeinlagen gewonnen, weil ich dafür immer zu schlecht geschossen habe. Und in Vancouver habe ich dann endlich das 12,5-Kilometer-Einzelrennen im Biathlon gewonnen. Das war für mich schon etwas ganz Besonderes.
Ich mochte aber auch immer gerne Sprintrennen, also direkte Duelle. Ehrlicherweise war ich eine deutlich bessere Langläuferin als Schützin. Deshalb waren meine wirklich besten Wettkämpfe oft eher die Langlaufrennen, bei denen ich einfach eine Top-Leistung gebracht habe.
Den Biathlon mochte ich trotzdem immer sehr – wegen dieser Mischung aus Spannung, Spiel und, in Anführungszeichen, Spaß. Spaß war es natürlich nicht, in der Strafrunde zu landen. Aber genau diese Aufregung macht den Biathlon so besonders.
Dr. Ralf Wintergerst:
Irgendwann endet so eine sportliche Karriere ja. Danach haben Sie begonnen, sich politisch zu engagieren und neue Aufgaben zu übernehmen. Wie ist das eigentlich entstanden? War das eine bewusste Entscheidung? Sind solche Wege eher Zufall? Oder waren es Kontakte aus dem Sport?
Verena Bentele:
Der Ursprung meines politischen Engagements lag tatsächlich im Sport. Ich habe mich schon damals für bessere Bedingungen für paralympische Athletinnen und Athleten eingesetzt – also für bessere Förderung, bessere Trainingsbedingungen und auch für eine Angleichung der Medaillenprämien an die der olympischen Sportlerinnen und Sportler.
Nach meinem letzten paralympischen Erfolg in Vancouver, also nach den zwölf Goldmedaillen, habe ich angefangen, mich in München intensiv für die Olympischen und Paralympischen Spiele 2018 zu engagieren. Wir haben die Spiele bekanntlich nicht bekommen, sie gingen damals nach Pyeongchang. Aber durch dieses Engagement habe ich begonnen, mich sportpolitisch stärker einzubringen.
Dadurch habe ich auch Christian Ude besser kennengelernt, den ich bis dahin nur von Preisverleihungen kannte. Er hatte mich gefragt, ob ich ihn unterstützen möchte, als er für das Amt des Ministerpräsidenten in Bayern kandidierte – mit Themen wie Barrierefreiheit, Inklusion und Sport. Das habe ich dann getan. Auch das war am Ende nicht erfolgreich, aber es war eine sehr spannende Zeit, in der ich unglaublich viel über Wahlkämpfe gelernt habe, über politische Kommunikation und darüber, wie man Themen setzt und Aufmerksamkeit schafft.
Danach habe ich für den Stadtrat in München kandidiert, wurde gewählt und wurde dann von Andrea Nahles gefragt, ob ich als Behindertenbeauftragte der Bundesregierung nach Berlin kommen möchte. Ich hatte damals ganze zwei Tage Zeit, mir das zu überlegen. Ich war zu dem Zeitpunkt selbstständig, hatte eine Arbeit, die mir sehr viel Spaß gemacht hat, und habe mich dann nach einigem Nachdenken entschieden, diesen Schritt nach Berlin zu gehen und noch einmal etwas ganz Neues zu lernen.
Es war aber nie so, dass ich eine politische Karriere bewusst geplant hätte. Bei manchen Menschen, die ganz jung in die Politik gehen, sieht man ja, dass da ein sehr klarer Weg dahintersteht. So war das bei mir nicht.
Dr. Ralf Wintergerst:
Ihre selbstständige Tätigkeit drehte sich ja stark um die Themen Vertrauen und Kontrolle. Wenn ich es richtig in Erinnerung habe, vertreten Sie dabei die Haltung: Kontrolle ist gut, aber Vertrauen ist besser. Wie ist das entstanden? Was hat Sie daran beschäftigt?
Verena Bentele:
Das ist eine gute Frage. Und natürlich widerspricht sich das nicht. Nach meinem Studium der Germanistik und Pädagogik habe ich noch eine Coaching-Ausbildung gemacht und mich dann intensiver mit den Themen beschäftigt, die hinter dem Sport stehen.
Ich hatte 2009 einen schweren Skiunfall und musste mich danach auch mental wieder zurückkämpfen – von der Verletzung zurück auf die paralympische Bühne und aufs Siegerpodest. Damals war das für mich vor allem eine Frage des Ziels: Wie schaffe ich es, mich wieder ganz auf einen neuen Begleitläufer zu verlassen, der mich führt?
Nach meiner Sportkarriere habe ich mich dann stärker mit den Prozessen dahinter beschäftigt: Was bedeutet es im Leben, im Alltag, in privaten oder beruflichen Beziehungen, nach Vertrauensverlust oder Krisen wieder neue Ziele zu finden und sich zurückzukämpfen?
Ich habe damit begonnen, Menschen im beruflichen Kontext in solchen Situationen zu begleiten, habe ein Buch darüber geschrieben und mich in meiner Selbstständigkeit genau mit diesen Themen beschäftigt: Wie gehen wir mit Leistungsdruck um? Welche Ziele geben uns Orientierung? Wie schaffen wir es, trotz Krisen handlungsfähig zu bleiben?
Und ich habe später in der Politik noch einmal gelernt, wie wichtig es ist, das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren – trotz Pragmatismus und Kompromissen. Das ist für Individuen wichtig, für Teams, aber eben auch für ein demokratisches System.
Dr. Ralf Wintergerst:
Da kommen wir gleich bestimmt noch einmal drauf zurück. Ich würde jetzt gern kurz auf den VdK lenken. Sie sind seit knapp fünf Jahren Präsidentin des Sozialverbands VdK. Können Sie uns noch einmal kurz erklären, was der VdK eigentlich macht, wofür er eintritt und wie Sie selbst Ihre Rolle dort verstehen?
Verena Bentele:
Genau. Ich wurde 2018 zur Präsidentin des Sozialverbands VdK gewählt und bin seit 2023 auch Landesvorsitzende des VdK in Bayern.
Die Aufgaben des VdK sind heute natürlich andere als unmittelbar nach der Gründung 1946, als es vor allem darum ging, für Kriegsversehrte, Kriegerwitwen, Waisen und Hinterbliebene einzutreten. Auch diese Personengruppen gibt es bei uns noch, aber die Gründe, warum Menschen heute zu uns kommen, sind andere.
Wir setzen uns heute in der Sozialrechtsberatung und, wenn nötig, auch vor Gericht für Menschen ein, die Erwerbsminderungsrente beantragen müssen, weil sie nicht mehr arbeiten können. Für Menschen, die Pflege brauchen, Hilfsmittel, Reha oder die etwa durch einen Unfall oder eine Erkrankung eine Schwerbehinderung bekommen haben.
Für all diese Menschen sind wir da. Wir bieten rechtliche Beratung und Vertretung. Und für mich als Präsidentin ist daneben natürlich die politische Arbeit besonders wichtig. Wenn Gesetze reformiert werden, beschäftigen wir uns damit, was konkret darinsteht, geben Stellungnahmen ab und führen Gespräche mit Ministerinnen, Ministern und Abgeordneten, um die Perspektive unserer Mitglieder in die Gesetzgebung einzubringen.
Dr. Ralf Wintergerst:
Da müssen Sie eine ganze Menge unterschiedlicher Interessen in Einklang bringen. Wie schaffen Sie das? Im Moment dürfte bei Ihnen Hochkonjunktur herrschen – bei all den Reformen und Veränderungsvorhaben, die die Bundesregierung diskutiert oder anstrebt.
Verena Bentele:
Das stimmt. Was für uns besonders wichtig ist, ist, die Perspektive unserer Mitglieder in die Öffentlichkeit zu bringen. Das ist ein großer Teil meiner Arbeit, und momentan tatsächlich fast täglich relevant.
Themen wie die Mitversicherung für nicht erwerbstätige Partnerinnen und Partner stehen gerade zur Debatte. Da müssen wir natürlich genau hinschauen: Wie vertreten wir unsere Mitglieder gut? Auf der einen Seite wollen wir nicht, dass die Krankenversicherungsbeiträge für alle weiter steigen – vor allem nicht für Menschen mit wenig Geld. Auf der anderen Seite ist klar: Wenn Frauen in den vergangenen Jahrzehnten ihre Lebensplanung darauf aufgebaut haben, dass sie keine Kinderbetreuung oder keine Pflegeinfrastruktur hatten und deshalb nicht arbeiten gegangen sind, dann machen 200 oder 300 Euro mehr pro Monat für solche Familien sehr wohl einen Unterschied.
Solche Perspektiven bringen wir in politische Debatten ein und auch in die Öffentlichkeit, um zu sensibilisieren, welche Bedürfnisse und Herausforderungen Menschen haben.
Und auch bei Themen, die vielleicht etwas weiter weg von klassischer Sozialpolitik erscheinen, sind wir aktiv – zum Beispiel beim Gebäudemodernisierungsgesetz. Da geht es um Fragen wie: Wird künftig weiterhin intensiv auf erneuerbare Energien gesetzt oder sollen Menschen wieder stärker in Öl- und Gasheizungen investieren dürfen?
Auf den ersten Blick könnte man denken: Das ist doch für VdK-Mitglieder gut, dann müssen sie ihre Heizung nicht austauschen. Langfristig wissen wir aber, dass Wärmepumpen in vielen Fällen günstiger sind als Öl- oder Gasheizungen. Deshalb sehen wir es auch als unsere Aufgabe, Mitglieder zu informieren und uns politisch für ihre Interessen einzusetzen – auch als Mieterinnen und Mieter, die ja oft gar nicht selbst über die Heizart entscheiden können.
Daran sieht man auch, wie breit unser Themenspektrum heute ist. Es geht nicht mehr nur um Rente, Teilhabe, Gesundheit und Pflege, sondern auch um Steuerpolitik, Informationspolitik oder Energiepolitik. Mit all dem müssen und wollen wir uns beschäftigen.
Dr. Ralf Wintergerst:
Ein ziemlich breites Feld. Wir sitzen heute hier auch zum Digitaltag. Der Bitkom setzt sich sehr für das digitale Deutschland ein – für digitale Bildung, Weiterbildung und vieles mehr. Sie stehen mit dem VdK für soziale Gerechtigkeit. Was ist Ihr Eindruck: Hilft Digitalisierung für mehr Gerechtigkeit? Führt sie zu besserem Zugang zu Wissen? Oder ist das manchmal auch ein Trugschluss?
Verena Bentele:
Für mich hat Digitalisierung – wie jede Medaille – zwei Seiten. Für uns im VdK ist zunächst ganz entscheidend, dass Barrierefreiheit und digitale Sicherheit, also Datensicherheit, immer an erster Stelle stehen. Wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind, sehe ich digitale Möglichkeiten erst einmal sehr positiv.
Wenn unser Sozialstaat digitaler wäre und Anträge digital gestellt werden könnten – so wie es ja auch Reformkommissionen vorgeschlagen haben –, dann wäre das aus unserer Sicht eine sehr gute Entwicklung.
Aber: Wo mehr Digitalisierung stattfindet, wird es zumindest in den kommenden Jahren, vielleicht Jahrzehnten, immer auch analoge Alternativen und Beratungsstellen brauchen. Gerade für Menschen, die keine digitalen Kompetenzen haben, keine Endgeräte besitzen oder aus Alter, Armut oder wegen einer kognitiven Beeinträchtigung keinen guten Zugang haben. Für diese Menschen braucht es analoge Angebote.
Und eigentlich wäre das ja auch möglich: Wenn man durch Digitalisierung Ressourcen spart, vor allem Personalressourcen, dann könnte man an anderer Stelle analoge Beratungsangebote aufrechterhalten.
Und gleichzeitig ist Digitalisierung natürlich eine riesige Chance. Ich mache es mal an einem einfachen Beispiel fest: Ich muss jedes Jahr wieder einen Antrag stellen, dass ich noch immer nicht sehen kann und deshalb im öffentlichen Nahverkehr eine Begleitperson mitnehmen darf. Diesen Antrag bekomme ich per Post, mache ein Kreuz, schicke ihn per Post zurück. Allein der Papierverbrauch, die Logistik und der Aufwand sind eigentlich absurd.
Es wäre viel einfacher, mich digital einzuloggen und das in drei Minuten online zu erledigen. Ich bräuchte keine sehende Person, die mich dabei unterstützt, und keine Briefmarken. Das ist ein ganz konkretes Beispiel dafür, wie viel besser es laufen könnte.
Das gilt genauso für das Stellen von Anträgen generell oder auch für den medizinischen Bereich. Dort bringen wir teilweise noch Unterlagen auf CDs ins Krankenhaus, sie werden ausgedruckt, eingescannt und am Ende wieder digital abgelegt. Das ist eigentlich unfassbar.
Deutschland ist da wirklich sehr weit zurück. Wir gehen nicht mutig und entschlossen genug vor, um Digitalisierung mit hohen Standards, aber eben auch konsequent umzusetzen.
Dr. Ralf Wintergerst:
Da muss ich Ihnen leider zustimmen. Manche dieser Stilblüten sind wirklich schwer nachvollziehbar. Wir könnten so viel Geld sparen und es dort einsetzen, wo es den Menschen wirklich zugutekommt.
Ich würde noch einmal kurz auf den Digitaltag zurückkommen. Ein zentrales Thema dort ist ja die digitale Sicherheit. Sie haben es eben schon angesprochen: Es gibt die Vorteile der Digitalisierung, aber eben auch die Schattenseiten – Falschinformationen, manipulierte Inhalte, Hassrede. Was brauchen Menschen aus Ihrer Sicht, um sich sicher im Netz zu bewegen und Informationen besser einordnen zu können?
Verena Bentele:
Mich erschrecken da mehrere Dinge. Zum einen natürlich digitale Gewalt und digitale Diffamierung. Deshalb finde ich Organisationen wie HateAid extrem wichtig, die sich für mehr Schutz im Netz einsetzen.
Zum anderen treibt uns natürlich das Thema Datensicherheit um: Wie sicher sind unsere persönlichen Daten? Gesundheitsdaten, aber auch alle anderen sensiblen Informationen – wir wünschen uns ja zu Recht, dass diese wirklich geschützt sind.
Und dann kommt noch die neue Herausforderung hinzu: Wie gut ist eigentlich die Persönlichkeit eines Menschen geschützt? Wir sehen immer wieder Dokumentationen darüber, wie von bekannten Personen mithilfe künstlicher Intelligenz massenhaft Fake-Persönlichkeiten erzeugt werden. Ein bekannter deutscher Arzt hat dazu gerade eine Dokumentation gemacht, in der seine Persönlichkeit in hunderttausenden Fällen technisch dupliziert wurde.
Und da gibt es von den großen Digitalkonzernen aus meiner Sicht viel zu wenig Nachdruck, um so etwas konsequent zu verhindern. Das ist hochproblematisch – gerade für Menschen, die öffentlich sichtbar sind. Da braucht es aus meiner Sicht sehr klare Regeln zum Schutz von Persönlichkeitsrechten und persönlichen Daten.
Dr. Ralf Wintergerst:
Das ist eben auch das Schwierige an der Regulierung. Einerseits müssen die Konzerne mehr tun, andererseits braucht es Regulierung. Und technisch entwickelt sich alles so schnell, dass das manchmal wirklich atemberaubend ist.
Es gibt inzwischen auch gesetzliche Regelungen, etwa das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz, seit Juni 2025 in Kraft. Es verpflichtet Unternehmen, bestimmte Produkte und digitale Dienstleistungen barrierefrei zu gestalten. Sie haben dazu gesagt: „Das ist ein zahnloser Tiger.“ Warum? Was fehlt?
Verena Bentele:
Zunächst einmal ist es natürlich gut, dass es diese gesetzliche Regelung gibt. Neue Online-Shops zum Beispiel müssen jetzt eigentlich barrierefrei sein.
Aber es gibt mehrere Probleme. Kleinstunternehmen sind ausgenommen, weil man die Anforderungen dort für besonders belastend hält. Bestehende Produkte dürfen zunächst weiterbetrieben werden und haben Übergangsfristen von fünf Jahren, bis sie angepasst werden müssen. Und dann gibt es noch das Problem der Marktüberwachung: Wer kontrolliert eigentlich, ob das alles wirklich umgesetzt wird?
Hier braucht es deutlich mehr personelle Ressourcen, damit Verstöße tatsächlich verfolgt und geahndet werden. Unternehmen müssen klar verstehen: Ab jetzt dürfen nur noch barrierefreie Produkte, Webseiten und Webshops auf den Markt gebracht werden. Und auch für bestehende Angebote müsste mit deutlich mehr Nachdruck an der Anpassung gearbeitet werden.
Bei manchen Themen ist das noch absurder. Das ist jetzt kein reines Digitalthema, aber etwa bei Selbstbedienungsterminals wie Bankautomaten liegt die Übergangsfrist bei 15 Jahren. Das ist natürlich kaum nachvollziehbar, weil wir gar nicht wissen, wo wir technisch in 15 Jahren stehen. Da hätte ich mir deutlich mehr Tempo gewünscht.
Dr. Ralf Wintergerst:
Wenn Sie aus Ihrer Praxis berichten: Wo erleben Menschen mit Behinderung heute die größten Hürden in der digitalen Welt? Bei Behörden, im Gesundheitswesen, in der Bildung oder im Alltag?
Verena Bentele:
Eigentlich in all diesen Bereichen. Menschen erleben Barrieren im Gesundheitswesen, im Bildungswesen, bei Behörden und im Alltag.
Bei Behörden ist es zum Beispiel so, dass es zwar schon lange gesetzliche Vorgaben zur Barrierefreiheit gibt – etwa durch das Behindertengleichstellungsgesetz –, aber trotzdem werden noch immer Anträge in Papierform verschickt und sind oft extrem kompliziert. Das betrifft ja nicht nur Menschen, die wie ich nicht sehen können, sondern auch Menschen, die auf leichte Sprache angewiesen sind. Davon profitieren wiederum auch Menschen, die Deutsch gerade erst lernen.
Mehr barrierefreie Möglichkeiten bereitzustellen, ist deshalb eine zentrale Voraussetzung.
Ein klassisches Beispiel aus dem Alltag ist die Arztpraxis. Dort muss ich immer wieder irgendwelche Formulare ausfüllen. Schon erstaunlich ist, dass ich oft dieselben Angaben immer wieder machen muss. Auch da wünschte ich mir, dass die Digitalisierung deutlich weiter wäre – dass Vorerkrankungen oder Medikamente digital verfügbar wären und mit einer guten Authentifizierung gezielt für die jeweilige Praxis freigegeben werden könnten.
Es muss technisch bessere Möglichkeiten geben, als jedes Mal wieder auf einem Klemmbrett oder Tablet alle Angaben neu zu machen. Wir wissen von unseren Mitgliedern, dass da viele Fehler entstehen: Menschen wissen vielleicht nicht mehr genau, wie hoch eine Medikamentendosierung ist oder vergessen eine Vorerkrankung. Solche Fehler ließen sich durch bessere Digitalisierung vermeiden.
Gerade im Gesundheitswesen und bei Behörden könnte man mit gutem, kontrolliertem Datenaustausch sehr viel Aufwand, Fehleranfälligkeit und auch unnötige Anträge sparen.
Dr. Ralf Wintergerst:
Da haben Sie ja schon viele Potenziale benannt. Ich würde gerne noch kurz auf digitale Bildung kommen. Gerade gibt es eine große Debatte über soziale Medien und deren Nutzung durch Kinder und Jugendliche. Wenn wir das einmal ausklammern und stattdessen auf die Frage schauen, wie Digitalisierung in der Bildung sinnvoll genutzt werden kann: Was wäre da aus Ihrer Sicht der richtige Weg?
Verena Bentele:
Für mich bleibt Kompetenzbildung der entscheidende Punkt. Und zwar so früh wie möglich – im besten Fall im Elternhaus, dann in der Schule, vielleicht teilweise schon in der Kita. Es geht darum, Digitalkompetenzen früh zu vermitteln.
Eine ganz wichtige Kompetenz ist dabei die Frage: Wie komme ich eigentlich an Informationen, und wie überprüfe ich sie? Bei den vielen Fake-Informationen, manipulierten Videos und falschen Inhalten im Netz ist das ja gar nicht so einfach. Bevor ich mich aufrege, etwas teile oder kommentiere, sollte ich gelernt haben, wie ich das absichere.
Ebenso wichtig ist: Wie recherchiere ich gut? Wie wende ich Informationen richtig an? Wie nutze ich technische Unterstützung? Und vor allem: Wie verlerne ich nicht, Informationen kritisch zu hinterfragen?
Das ist heute im Studium und in der Ausbildung eine große Frage. Natürlich arbeiten Studierende längst mit KI an Seminar- und Abschlussarbeiten. Die eigentliche Frage ist doch: Wie kritisch werden diese Informationen überprüft? Wo liegt die eigene Leistung? Und wie werden Zusammenhänge hinterfragt?
Da muss der Bildungsbereich jetzt kräftig aufholen, um nicht von Schülerinnen, Schülern, Auszubildenden und Studierenden überholt zu werden. Diese Instrumente sind da, jetzt muss man lernen, mit ihnen umzugehen.
Und was mir oft fehlt, sind klare Regeln. Natürlich braucht es Regelungen, etwa dazu, wie technische Geräte in Schulen eingesetzt werden – also zu welchen Zeiten und für welche Zwecke. Aber ich würde mir vor allem wünschen, dass die Vermittlung von Digitalkompetenzen in allen Schulfächern selbstverständlich wird – so selbstverständlich wie Algebra oder Grammatik.
Dr. Ralf Wintergerst:
Da sprechen Sie uns beim Bitkom aus dem Herzen. Wir fordern seit Jahren, dass Medienkompetenz und auch das Verständnis der Technik dahinter selbstverständlicher Unterrichtsstoff werden.
Und wenn wir schon bei Verantwortung sind: Es geht ja nicht nur um Politik. Auch Unternehmen müssen etwas tun – für digitale Bildung, Aufklärung, Inklusion. Wenn Sie eine Top-3-Wunschliste an Unternehmen hätten: Wie sähe die aus?
Verena Bentele:
Meine Top 3 wären ganz klar:
Erstens: Unternehmen sollten stärker in die Vermittlung von Digitalkompetenzen investieren. Dort sitzen oft deutlich mehr Expertinnen und Experten als im Bildungsbereich. Lehrkräfte, die seit 30 Jahren im Beruf sind, brauchen manchmal Unterstützung. Unternehmen könnten hier viel beitragen – zum Beispiel durch Kooperationen mit Schulen oder anderen Bildungseinrichtungen.
Zweitens: Digitalisierung muss für alle Menschen zugänglich sein und immer zugänglicher werden. Es werden sonst immer mehr Menschen abgehängt – Menschen, die mit KI-Systemen nicht gut umgehen können, keine Barrierefreiheit vorfinden, älter sind, eine Behinderung haben oder sich digitale Systeme schlicht nicht leisten können. Diese Menschen mitzudenken, gehört für mich ganz klar dazu.
Und drittens: Wenn sich die Arbeitswelt durch Digitalisierung und KI verändert, müssen Unternehmen die Beschäftigten als Menschen im Blick behalten – nicht nur als Produktivfaktor. Was passiert mit Arbeitsplätzen? Welche neuen Möglichkeiten der Teilhabe entstehen? Was bedeutet das für Sozialversicherungssysteme und gesellschaftlichen Zusammenhalt?
Wenn sich Arbeit immer stärker von Menschen hin zu Maschinen und denjenigen verschiebt, die die Algorithmen kontrollieren, dann hat das enorme Auswirkungen – sozial, politisch und demokratisch. Da ist aus meiner Sicht große Achtsamkeit notwendig.
Dr. Ralf Wintergerst:
Da sprechen Sie einen sensiblen Punkt an. Wir haben jetzt über Politik und Unternehmen gesprochen. Was wären denn Ihre Wünsche an die Menschen selbst? Denn am Ende müssen wir das ja als Gesellschaft gemeinsam hinbekommen.
Verena Bentele:
Mein Wunsch wäre, sich konstruktiv mit den Möglichkeiten der Digitalisierung auseinanderzusetzen – also nicht in die eine Richtung alles digitalisieren zu wollen und in die andere alles so zu lassen, wie es ist. Der Weg wird wahrscheinlich dazwischen liegen.
Ich mache auch da ein Beispiel: Wir haben im Verband unsere Mitglieder gefragt, wie sie künftig unsere Verbandszeitung erhalten möchten. Die Antwort war ziemlich eindeutig. Es gab durchaus Zustimmung zur digitalen Zeitung, aber eben auch viele Mitglieder, die sagen: Ich möchte diese Zeitung weiterhin in Papierform im Briefkasten haben.
Es wäre aus meiner Sicht im Moment falsch zu sagen: Dann haben die eben Pech gehabt. Der richtige Weg ist, beides zu tun – die digitalen Angebote weiter zu verbessern, benutzerfreundlicher, smarter und barrierefreier zu machen, und zugleich für diejenigen, die das nicht wollen oder nicht können, analoge Angebote zu erhalten.
Gerade Menschen, die vielleicht 85 sind und zwar ein Smartphone besitzen, sich aber eine Zeitung über eine App nicht vorstellen können, dürfen wir nicht abhängen. Solche Übergänge gut zu organisieren, ist eine gesellschaftliche Aufgabe.
Und gleichzeitig braucht es auch den Mut, sich auf Neues einzulassen. Ich habe vor einigen Jahren einmal mit meiner Mutter geübt, selbst im Internet zu recherchieren. Früher hat sie immer mich, meine Brüder oder meinen Vater gefragt. Nicht, weil sie es nicht gekonnt hätte, sondern weil sie es einfach nie gemacht hatte. Irgendwann habe ich gesagt: Jetzt probieren wir das gemeinsam. Danach konnte sie selbst nachschauen, ob ein Restaurant noch offen hat.
Das ist nur ein kleines Beispiel – aber es zeigt, dass es oft einfach den Mut braucht, sich auf diese Dinge einzulassen.
Dr. Ralf Wintergerst:
Wenn wir jetzt langsam zum Schluss kommen, würde ich gern noch etwas in die Zukunft schauen. Was ist Ihr Zielbild für ein digitales, inklusives Deutschland in den nächsten fünf bis zehn Jahren? Und wie soll der VdK dazu beitragen?
Verena Bentele:
Der VdK muss auf jeden Fall dazu beitragen, dass Digitalisierung voranschreitet – barrierefrei, zielgruppengerecht, verständlich. Und dass transparent bleibt, was im Hintergrund mit Daten und Informationen passiert.
Eine große Gefahr sehe ich darin, wenn Informationen vorgefiltert werden – etwa Gesundheitsdaten – und sich daraus irgendwann Versicherungstarife ableiten. Da müssen wir alle sehr achtsam sein, und das werden wir als Sozialverband auch sein.
Für uns sind Nutzerfreundlichkeit und Barrierefreiheit zentrale Themen. Und ebenso wichtig ist: Die Ressourcen, die wir durch Digitalisierung gewinnen und die Verwaltung vereinfachen, müssen wir im Übergang dafür nutzen, Menschen nicht abzuhängen, die noch nicht so digital unterwegs sind. Das ist für uns ein ganz zentraler Auftrag.
Dr. Ralf Wintergerst:
Dann habe ich zum Schluss noch eine persönliche Frage. Mit all den Erfahrungen aus Ihrem Leben und aus dem Leistungssport: Wie prägt das heute Ihren Führungsstil? Was haben Sie daraus mitgenommen?
Verena Bentele:
Für mich ist wichtig, Ziele und Ideen transparent zu machen und Dinge wirklich als Team zu erreichen. Auch wenn ich als Präsidentin für manches am Ende den Kopf hinhalte – das ist selbstverständlich und das tue ich auch gerne.
Aber wir sind ein Team im VdK. Wir haben sehr viele ehrenamtlich Engagierte, bis zu 60.000 Menschen, die sich ehrenamtlich einbringen. Dazu kommen viele hauptamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Wenn wir politisch wirksam sein wollen – für Digitalisierung, für ein sicheres Rentensystem oder für soziale Teilhabe –, dann brauchen wir alle.
Das hat sicher auch mit meiner Zeit als Langläuferin und Biathletin zu tun. Ich wusste immer, wie wichtig meine Begleitläufer für mich waren. Und genauso sehe ich das bis heute.
Dr. Ralf Wintergerst:
Liebe Frau Bentele, ganz herzlichen Dank – auch für die persönlichen Einblicke. Ich hätte gern noch deutlich länger mit Ihnen weitergesprochen. Vielleicht können wir das an anderer Stelle fortsetzen. Wir teilen ja einige Gedanken, gerade wenn es darum geht, die Gesellschaft und die Menschen mitzunehmen. Vielen Dank für das Gespräch.
Verena Bentele:
Danke für die Einladung – und alles Gute uns beiden für unsere digitale Mission.
Dr. Ralf Wintergerst:
Danke.