21.10.2014 Zurück auf die Gewinnerstraße

Deutschland steht am Scheideweg. In der Vergangenheit haben einzelne Disruptionswellen verschiedene Sektoren verändert. Von der ehemals starken Fotoindustrie oder der Unterhaltungselektronik ist danach nicht mehr viel übrig geblieben. Und in der Kommunikationstechnik arbeiten heute nur noch 20.000 Menschen statt ehemals 200.000. Man kann es nicht anders sagen: Zuletzt ist Deutschland bei diesen rasanten technologischen Veränderungen stets der Verlierer gewesen. Aktuell stehen wir vor einer neuen und der bislang wohl größten Disruptionswelle. Die Digitalisierung trifft den Maschinen- und Anlagenbau ebenso wie die Automobilindustrie, die Elektrotechnik, das Verlagswesen, den Einzelhandel oder die Banken. Diesmal muss es uns gelingen, als Gewinner durchs Ziel zu kommen.

Die Bundesregierung hat das erkannt, das sichtbare Zeichen dafür ist die „Digitale Agenda“. Erstmals werden ressortübergreifend die Chancen der Digitalisierung benannt, der wir allein 2012 hierzulande rund 1,5 Millionen Arbeitsplätze und einen Wachstumsimpuls von rund 145 Milliarden Euro verdanken - so das Ergebnis einer aus der AG 1 des IT-Gipfels hervorgegangene Studie des Forschungsinstituts Prognos. Mit dem IT-Gipfel gibt es die geeignete Umsetzungsplattform für diese ambitionierten Ziele: einen Ort, an dem Entscheider auf Entscheider treffen. Doch die Möglichkeiten zu sehen, Maßnahmen zu benennen und miteinander zu diskutieren ist das Eine. Zu Handeln ist das Andere. Wir dürfen nicht ängstlich auf Unternehmen schauen, denen es gelungen ist, die Veränderungen zu gestalten und zu nutzen. Wir dürfen unsere Energie nicht darauf verschwenden, überholte Geschäftsmodelle zu verteidigen und unausweichliche Veränderungen aufzuhalten. Das haben wir bei Streetview versucht und unsere Innenstädte im Internet verpixelt, wir haben ein Leistungsschutzrecht eingeführt, wir verhindern gerade neue Taxiangebote. Wir tun alles dafür, zu Exoten in der Digitalen Welt zu werden. Diesen rückwärtsgewandten Weg müssen wir verlassen und schnellstmöglich den Vorwärtsgang einlegen. Dafür kann die Digitale Agenda der Bundesregierung die Blaupause sein, wenn wir es schaffen, die richtigen Prioritäten zu setzen.

An drei Stellen sollte es uns gelingen, besser voran zu kommen. Zum ersten müssen wir den Breitbandausbau weiter beschleunigen. Schnelle Netze sind die Grundlage, um Deutschland fit zu machen für die Gigabit-Gesellschaft. Wir brauchen sie für breitbandiges Internet, aber auch für den Aufbau intelligenter Netze, etwa für Verkehr und Energie. Die Industrie ist bereit ihren Beitrag zum Breitbandausbau zu leisten, das zeigen in den vergangenen Jahren getätigte Investitionen von mehr als 100 Milliarden Euro. Allerdings muss die Politik darauf achten, den Unternehmen nicht auf andere Weise zu tief in die Tasche zu greifen, wenn diese weiter investieren sollen – und es wird Regionen geben, in denen unter marktwirtschaftlichen Bedingungen die Erschließung nicht zu finanzieren ist, weil die enormen Kosten sich nicht zurückverdienen lassen. Hier sind auch Politik und Verwaltung gefordert, gemeinsam mit den Anbietern entsprechende Lösungen zu finden.

Zum zweiten müssen wir Start-ups in Deutschland stärker fördern. Gerade die Wachstumsfinanzierung stellt viele junge, innovative Unternehmen vor große Probleme. Wir brauchen viel mehr mutige Gründer mit ihren Ideen und ihrer unternehmerischen Energie. Sie sind der zentrale Motor künftigen Wachstums neben den Flaggschiffen und großen Unternehmen, sowie unserem dynamischen und flexiblen IT-Mittelstand. Er macht das Herz der IT-Branche aus: Rund 8.800 deutsche IT-Mittelständler mit fast 375.000 Beschäftigen erwirtschaften jährlich einen Umsatz von mehr als 55 Milliarden Euro. Unser Ziel muss es sein, alle drei – Start-ups, Mittelständler und große Unternehmen – noch besser als bisher miteinander zu vernetzen. Auch der IT-Gipfel mit dem Young IT-Day am Vortag ist dazu eine wichtige Plattform.

Zum Dritten geht es um Datensicherheit und Datenschutz. Es muss uns gelingen, vom bislang handlungsleitenden Prinzip der Datensparsamkeit zu einem Prinzip des Datenreichtums zu kommen. Einem Datenreichtum, der mit einem Datenschutz verknüpft ist, der deutlich schärfer ist, als wir ihn heute kennen, der aber zugleich nicht über das Ziel hinausschießt und neue Geschäftsmodelle nicht von vornherein als Bedrohung sieht und ausschließt. Durch Anonymisierung, Pseudonymisierung, Privacy by Design, organisatorische Maßnahmen und neue Verschlüsselungs-Technologien können wir den Datenschutz auf ein extrem hohes Niveau bringen und Daten gleichzeitig zum gesamtgesellschaftlichen Nutzen einsetzen.

Dabei darf es uns nicht nur um Deutschland gehen, ins Zentrum gehört auch Europa. Mit der Ernennung eines Digital-Kommissars gibt es die Chance, die verschiedenen nationalen Initiativen wie die Digitale Agenda der Bundesregierung oder die Initiative Frankreichs „France Numérique“ zusammenzuführen. Am Ende könnte ein Digitaler Binnenmarkt stehen, von dem wir alle profitieren würden. Es liegt an uns, welchen Weg wir einschlagen. Wir haben die Chance, diesmal wieder Gewinner technologischer Veränderungen zu werden. Wir sollten sie nutzen, wir müssen sie nutzen.

Der Beitrag erschien in einer Beilage des "Handelsblatts".

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Prof. Dieter Kempf

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