02.02.2016 Ein bisschen weniger Panik, bitte

Die Sorge, dass Krankenkassen uns durch Schrittzähler geradewegs in eine Gesundheitsdiktatur schicken, ist übertrieben und albern.

Es ist beinahe lustig, wie sehr sich die Argumente gleichen, wenn es darum geht, eine neue Technologie zu diskreditieren. „Wozu soll das bitteschön gut sein?“, fragte man nicht nur als die Computer aufkamen (und ein paar Jahrzehnte später Facebook) – sondern auch als die Quantified-Self-Bewegung entstand. Menschen also begannen, ihren Alltag zu quantifizieren. „Das ist doch nur was für ein paar vereinzelte Spinner!“, lautete das Urteil, als die ersten Mobiltelefone auf den Markt kamen – und erneut, als die ersten Fitnessarmbänder mit eingebautem Schrittzähler erhältlich waren. „Achtung, Suchtgefahr!“ – wurde im 18. Jahrhundert gewarnt, als manch einer fürchtete, die Menschen würden zu viele Romane lesen. Heute mahnen manche Journalisten im selben Duktus, das Self-Tracking könne süchtig machen.

Angst vor der Gesundheitsdiktatur

Ganz weit oben auf der Liste der Befürchtungen, in welches kulturelle Pandämonium es uns führen könnte, wenn die Menschen digital erfassen, wie viele Treppenstufen sie im Lauf des Tages hochgestiegen sind: eine Gesundheitsdiktatur. Als Drahtzieher gelten meist die Krankenkassen. Einige von ihnen begannen vor kurzem, Rabatte und Gutscheine für diejenigen Versicherten anzubieten, die einen gesunden Lebensstil, beispielsweise über ausreichend Schritte pro Tag, nachweisen konnten. Anfangs war auch ich besorgt: Was, wenn aus dem Rabatt irgendwann eine Verpflichtung würde? Wenn ich, weil ich die empfohlenen 10.000 Schritte pro Tag nicht aufs Armband latsche, sofort rausfliege aus der Solidargemeinschaft? Wenn mir das Smartphone den Internetzugang sperrt, weil ich beim Kalorientracking über die Stränge geschlagen haben und statt zum Grünkohl-Shake doch zum Schokocroissant gegriffen habe –und zwar zweimal? So oder so ähnlich sehen sie ja aus, die Horrorszenarien, die entworfen wurden, wenn in den letzten Jahren in Deutschland über Self-Tracking geredet wurde.

Contact Picture

Christoph Koch

Journalist und Self- Tracker

Zitat

„Sobald die erste Krankenkasse anfängt, Leute zu sanktionieren, die sich nicht genug bewegen, werde ich reich.“

Christoph Koch, freier Journalist

Rächer der Couch Potatoes

Ungefähr zur selben Zeit, in der die Krankenkassenrabatte Schlagzeilen machten, landete einer der Fitnesstracker, die ich aus teils beruflicher teils privater Neugier ausprobierte, aus Versehen in der Waschmaschine. Nicht nur, dass er den Schleudergang unbeschadet überstand, er zeigte danach auch über 300 Treppenstockwerke an. Wolkenkratzerniveau! Ich trocknete das kleine Gerät vorsichtig ab, war stolz auf meine sportliche Höchstleistung und fühlte mich rechtschaffen erschöpft.

Seither weiß ich, dass ich mir keine Sorgen um eine Gesundheitsdiktatur machen muss. Im Gegenteil: Sobald die erste Krankenkasse anfängt, Leute zu sanktionieren, die sich nicht genug bewegen, werde ich reich. Denn dann sammle ich jeden Morgen alle Armbänder, Fitnesstracker und mit Gesundheits-Apps bestückten Smartphones derjenigen ein, die keine Lust haben sich übermäßig zu bewegen, dafür aber problemlos 5 Euro entbehren können. Die Gerätschaften lasse ich dann in meiner (natürlich trockengelegten) Waschmaschine ein paar Stunden im Kreis fahren und bringe sie anschließend wieder zurück zu ihren Besitzern. Dankbare Familien werden mich nicht nur gut bezahlen, sondern auch in ihr Abendgebet einschließen. Sie werden mich den den Rächer der Couchpotatoes nennen. Den Schrittzähler-Robin-Hood, den Fitbit-Che-Guevara. Warten Sie’s nur ab!

  • Christoph Koch ist freier Journalist, Buchautor und Vortragsredner. In seinem e-Book „Die Vermessung meiner Welt. Bekenntnisse eines Self-Trackers“ hat er sich mit dem Phänomen Quantified Self auseinandergesetzt. Mehr Infos unter self-tracking-blog.de.

Diesen Beitrag teilen

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar

* = Pflichtfelder

Diese Frage hat den Zweck zu testen, ob sie ein menschlicher Benutzer sind und um automatischem Spam vorzubeugen.

Captcha

Bitte geben Sie alle Zeichen ein.

 

Contact Picture

Christoph Koch

Journalist und Self- Tracker