18.12.2015 Arbeiten im Neuland

Die Bundeskanzlerin musste viel Spott ertragen, als Sie vor zwei Jahren sagte: „Das Internet ist für uns alle Neuland“. Für all diejenigen, die seit mehr als 25 Jahren mit Begeisterung den Wandel zu einer vernetzten Welt beobachten, begleiten und gestalten, erschien diese Aussage sinnbildlich für fehlende Innovationsbereitschaft und schleppenden Fortschritt in der Digitalisierung.

Doch das ist eine gravierende Fehlinterpretation. Denn in der dahinterstehenden Aussage sind sich alle Experten einig: Wir stehen erst am Anfang des Prozesses, den wir die „digitalen Transformation“ unserer Gesellschaft nennen. Und von „digitaler Exzellenz“ sind wir in vielen Bereichen noch weit entfernt. Mehr noch: Wir wissen gar nicht genau, wohin die Reise geht, und wohin uns dieser Prozess führen wird.

Die digitale Transformation ist ein gesellschaftlicher Modernisierungsprozess, der von technologischen Innovationen angetrieben wird. Das Besondere daran ist, dass diese Innovationen wiederum eine direkte Rückkoppelung erzeugen und den Prozess selbst nochmals beschleunigen. Daher rührt die ungeheure Dynamik, die uns gelegentlich den Atem raubt. Paradoxerweise sind die Prozesse der Umsetzung extrem langwierig, aufwändig und komplex. Beim Thema Industrie 4.0 sprechen wir über die komplette Restrukturierung unserer klassischen Produktionsverfahren und Wertschöpfungsketten.

Parallel fließen Milliardenbudgets in die Erforschung und Erprobung von „Smart Services“. Hierbei geht es um die Entdeckung neuer Wertschöpfungsquellen, und daraus resultieren oft disruptive Attacken auf etablierte Akteure in vielen Märkten. Dies führt dazu, dass Strategien und auch ganze Geschäftsmodelle unter einer Art „dauerhaftem Vorbehalt“ stehen. Wir machen also alle erst einmal mit unserem eingeschlagenen Weg weiter, halten dabei aber die Augen und Ohren offen. Denn es kann sein, dass wir schon morgen komplett umdenken müssen.

Kein Unternehmen kann diese Herausforderungen alleine bewältigen, und meist noch nicht einmal in der vollen Tragweite für die eigene Organisation erfassen. Schon die zugrundeliegenden operativen Fragen, wie beispielsweise die Einführung neuer IT auf den technologisch notwendigen Stand, sind nicht ohne fremde Hilfe lösbar. Nicht umsonst ist der Markt für IT-Services und -Beratung in den vergangenen Jahren stetig gewachsen und wird spätestens im übernächsten Jahr die Marke von 40 Milliarden Euro knacken.

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Urs Michael Krämer

CEO Sopra Steria GmbH

Zitat

„Wir entwickeln uns von einer Kultur, die Risiken meidet, hin zu einer Kultur, die Risiken eingeht und das Scheitern nicht als absolute Gefahr, sondern als eine von mehreren Optionen mit einkalkuliert. “

Urs Michael Krämer, CEO Sopra Steria GmbH

Die Art und Weise, wie die Technologie unsere Wertschöpfungsprozesse und Organisationen verändert, wirkt sich also auch massiv auf unsere Art zu arbeiten aus. Auch sie wird immer weniger kalkulierbar und bekommt einen deutlich experimentelleren Charakter. Das Stichwort dazu lautet „Fast Fail“. Wir entwickeln uns von einer Kultur, die Risiken meidet, hin zu einer Kultur, die Risiken eingeht und das Scheitern nicht als absolute Gefahr, sondern als eine von mehreren Optionen mit einkalkuliert. Dahinter steckt eigentlich das uralte wissenschaftliche Prinzip, den richtigen Weg durch den Ausschluss aller nicht funktionierenden Ansätze zu identifizieren. Entscheidend dafür ist, dass es schnell geht, und dass wir aus den Fehlern lernen.

Und damit zeigt sich das vielleicht wichtigste Merkmal unserer zukünftigen Arbeitswelt: Flexibilität. Je weniger Dinge planbar sind, desto flexibler muss man sich darauf einstellen können. Unternehmen, die überwiegend in festen Strukturen organisiert und schon mit ihrem Tagesgeschäft ausgelastet sind, stoßen deshalb schnell ihre Grenzen. Es ist die Flexibilität externer Dienstleister, die den Unternehmen neue Handlungsspielräume eröffnen. Sie sind es auch, die mit erweitertem technologischem Wissen eine Organisation bereichern und einen Mehrwert stiften.

Doch auch IT-Serviceunternehmen sind organisierte Strukturen, die gewissen Regeln folgen. Und auch sie stoßen irgendwo an ihre Grenzen. Dies wiederum ist der Grund dafür, dass sehr viele Freiberufler im IT-Service äußerst erfolgreich sind. Wer als Spezialist in seinem Bereich mit kurzfristiger Flexibilität in ein Projekt einsteigen kann, dem stehen alle Türen offen.

Neu ist für viele Unternehmen auch, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Ihrerseits Ansprüche an die Flexibilität von Arbeitgebern stellen. Insbesondere dort, wo sie mit ihren Kompetenzen gefragt sind. Die Lebensphase, die Familiensituation, die Work-Life-Balance und auch die persönlichen Perspektiven und Wertevorstellungen werden zum Thema. Unternehmen reagieren mit einer Vielzahl von Maßnahmen, angesichts derer der vor vielen Jahren moderne Begriff der „Telearbeit“ heute nur noch ein Anachronismus ist. Co-Working und Collaboration prägen mittlerweile bereits viele IT-Projekte.

Wir steuern auf eine Gesellschaft zu, in der es eine Vielfalt parallel existierender Beschäftigungsformen gibt. Die Arbeit wird nicht nur mobiler, sie wird auch freier und dadurch kreativer. Und am Ende sogar menschlicher, weil Sie versucht, der Vielfalt der Lebensentwürfe ebenso gerecht zu werden wie den Anforderungen von Unternehmen. Wenn wir es richtig anstellen, ist dies eine Win-Win-Situation.

Mit einer flexiblen Arbeitswelt gewinnt darüber hinaus auch der Standort Deutschland. Es ist kein Geheimnis, dass wir die Anfangsphase der digitalen Transformation etwas verschlafen haben, insbesondere was die Bedürfnisse von Konsumenten anbelangt. Es gibt kein deutsches Google und kein deutsches Facebook. Aber es gibt sehr wohl eine Vielzahl deutscher IT-Unternehmen und Dienstleister, die im internationalen Vergleich spitze sind. In der Verbindung mit Industrie 4.0 haben wir die einmalige Chance, das Beste aus der Herkunft unserer Wirtschaft in ein neues Zeitalter zu überführen. Das ist die Chance, die im Neuland steckt: sich frei zu bewegen, neue Felder abzustecken und das Fundament für zukünftigen Wohlstand zu legen.

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