Tobias Grimm:
Ein Viertel der Deutschen würde Künstliche Intelligenz über die eigenen Finanzen entscheiden lassen. Gleichzeitig haben 62 Prozent wegen KI Sorge, Opfer von finanziellem Betrug zu werden.
Ralf Wintergerst:
„Die Hoffnung auf gute Beratung ist da, die Sorge vor Betrug ist allerdings sehr hoch."
Tobias Grimm:
Sagt Bitkom-Präsident Dr. Ralf Wintergerst. Er erklärt, dass KI bei der klassischen Finanzberatung inzwischen nicht mehr nur unterstützt, sondern zunehmend zu ihr in Konkurrenz tritt. Und auch die Bankfilialen stehen unter Druck. 25 Prozent der Bankkundinnen und Bankkunden sagen: Wenn es keine Filialen mehr gäbe, würde mir nichts fehlen.
Tim Haremsa:
„Bankfilialen werden deswegen vielleicht in Zukunft eher Anlaufpunkt für die persönliche Beratung zu besonders komplexen Angelegenheiten sein. Aber für die Kundengewinnung und die Kundenbindung wird die Weiterentwicklung der App sehr entscheidend sein."
Tobias Grimm:
Tim Haremsa, Bitkom-Experte für Digital Banking, erklärt, welche neuen Konzepte Filialen brauchen, um für Kundinnen und Kunden auch in Zukunft relevant zu bleiben.
Und damit herzlich willkommen zu Tech Weekly, dem Podcast des Bitkom, mit mir, Tobias Grimm.
Tobias Grimm:
Alltägliche Bankgeschäfte laufen heute weit überwiegend digital, erklärt Bitkom-Präsident Dr. Ralf Wintergerst.
Ralf Wintergerst:
Die Werte liegen bei 84 Prozent, die Online-Banking nutzen. Das pendelt sich auf einem hohen Niveau von über 80 Prozent ein, in manchen Erhebungen sogar bei 90 Prozent. Da sind zwar ein paar kleine Zacken in der Kurve, aber insgesamt nivelliert sich das auf hohem Niveau.
Sieben Prozent sagen, sie schließen Online-Banking aus und nutzen es nicht. Damit bleibt eigentlich nur noch eine sehr kleine Bevölkerungsgruppe, bei der überhaupt noch Potenzial besteht, das Banken erschließen könnten. Aber insgesamt hat Online-Banking einen sehr hohen Durchdringungsgrad.
Wir wollten auch wissen, wie das auf die Altersgruppen verteilt ist. Da ist die spannende Beobachtung, dass alle unter 65 Online-Banking als Standard nutzen. Es ist, glaube ich, kein ungewöhnlicher Befund, dass es bei den älteren Mitbürgerinnen und Mitbürgern etwas nach unten abweicht. Bei den 65- bis 74-Jährigen sind es 78 Prozent – das ist immerhin noch ein sehr hoher Wert. Ab 75 Jahren sind es dann nur noch 35 Prozent. Damit haben wir die Bevölkerungsgruppe, die eben nicht mit digitalen Technologien aufgewachsen ist und naturgemäß etwas niedriger liegt.
Tobias Grimm:
Aus Sicht der Kundinnen und Kunden gilt beim Online-Banking: Mobile first.
Ralf Wintergerst:
App und Mobile Payment sind wichtiger als das Filialnetz. Das ist eigentlich die Botschaft an die Banken. Wenn man sich anschaut, wie die Menschen auf den digitalen Kanal der Bank zugreifen, dann sieht man: Über den Internetbrowser kommen immerhin noch 70 Prozent, aber die App liegt mit 92 Prozent eindeutig davor. „App schlägt Browser“ ist, glaube ich, die passende Überschrift dafür, wie man heute auf den digitalen Kanal der Bank kommt.
Tobias Grimm:
Die Apps kommen laut Befragung bei 70 Prozent der Nutzerinnen und Nutzer gut an. Sie loben, dass die App alle Funktionen bietet, die sie brauchen. Für rund die Hälfte ist die App der wichtigste Kontakt zu ihrer Bank.
Ralf Wintergerst:
Das ist natürlich auch ein ganz hohes Plädoyer für Benutzerfreundlichkeit. Je benutzerfreundlicher eine App ist, desto besser kann die Bank damit punkten. Der Punkt Sicherheit ist ebenfalls stark ausgeprägt.
Viele haben das Gefühl: Wenn ich die Banking-App nutze und Zugriff auf meine Konten habe, gibt mir das ein sicheres Gefühl, einfach weil ich einen schnellen Überblick habe, wo alles steht – im Vergleich zu früher, als man irgendwann Kontoauszüge zugeschickt bekam oder vielleicht erst einmal einen Monat warten musste, bis man es in die Filiale schaffte.
Für viele bedeutet das ein hohes Maß an Komfort. 46 Prozent der Befragten sagen auch: Ich erledige Bankgeschäfte an öffentlichen Orten wie im Café oder im Zug. Man kann das also zwischendrin erledigen, braucht die Filiale dafür nicht mehr, hat digitalen Zugang und ein Sicherheitsniveau.
Banken genießen immer noch ein hohes Vertrauensniveau. Das zeigt sich auch daran, dass 69 Prozent der Befragten sagen, sie könnten sich vorstellen, die Banking-App auch für weitere Dienstleistungen zu nutzen, zum Beispiel zur digitalen Identifizierung oder als Altersnachweis. Das ist eine große Lücke, die wir in Deutschland nach wie vor haben: dass es keine weitreichende App gibt und man immer unterschiedliche Anwendungen nutzen muss, die nicht durchgängig sind und in denen man digitale Nachweise nicht zentral abspeichern kann. Dazu passt auch der Wert von 49 Prozent der Befragten, die sagen: In meiner Banking-App könnte ich mir auch vorstellen, andere digitale Nachweise wie Gehaltsnachweise oder Zertifikate zu hinterlegen.
Tobias Grimm:
Soweit die Ergebnisse der Befragung, die ich jetzt vertiefend mit Tim Haremsa, dem Bitkom-Experten für Digital Banking, besprechen möchte.
Tim, eine knappe Mehrheit sieht KI im Finanzbereich als Chance. Gleichzeitig gibt es aber auch Sorgen vor Betrug. Für viele Menschen sind Finanzen sehr persönlich. Wo setzen Banken KI schon ein, und was müssen sie unternehmen, um mehr Vertrauen in KI-Anwendungen aufzubauen?
Tim Haremsa:
Wenn wir über den Einsatz von KI in der Finanzbranche sprechen, müssen wir grundsätzlich zwischen zwei ganz unterschiedlichen Anwendungsbereichen unterscheiden. Das ist einerseits die Verwendung von KI durch Banken, Zahlungsdienstleister und FinTechs als Teil ihrer Digitalisierung – etwa im Kundenservice als Chatbot oder bei der Echtzeitüberwachung von Transaktionen, um Betrug vorzubeugen und zu bekämpfen.
Wichtig ist dabei, dass Banken transparent über den Einsatz von KI informieren und ihr Verantwortungsbewusstsein gegenüber Kundinnen und Kunden demonstrieren. Denn das stärkt das Vertrauen in KI und ist eine Grundlage für den zukünftigen Erfolg.
Der zweite Bereich ist die persönliche Nutzung von KI bei privaten Finanzfragen: Was ist das beste Girokonto? Was ist die vielversprechendste Aktie für mich? Dort sehen wir, dass die Deutschen zwar offen für das Thema KI sind, zugleich aber gespalten bleiben.
Eine knappe Mehrheit bewertet den Einsatz von Künstlicher Intelligenz positiv, aber wir sehen auch, dass das insbesondere eine Frage des Alters ist. Personen unter 50 Jahren sind deutlich offener als die ältere Generation. Bei den über 65-Jährigen sagen 60 Prozent, dass der Einsatz von KI eher ein Risiko ist.
Jüngere Menschen sind wahrscheinlich offener, weil sie den Einsatz von KI aus anderen Bereichen schon kennen und damit vertrauter sind. Und sie versprechen sich ganz klare Vorteile davon. 30 Prozent sagen, dass KI ihnen Finanzthemen besser erklären kann als ein Mensch. Und 27 Prozent würden sogar sagen, dass sie in Zukunft einen Großteil ihrer Finanzentscheidungen durch eine KI treffen lassen würden. Das Thema Angst ist dabei sehr entscheidend, denn wir sehen, dass insbesondere durch den Einsatz von KI die Angst vor finanziellem Betrug wächst.
Tobias Grimm:
Wir sehen in der Studie auch, dass sich das Online-Banking als Standard etabliert. Gleichzeitig geraten Bankfilialen aber auch immer stärker unter Druck. In der Studie sehen wir: 55 Prozent der Bankkundinnen und Bankkunden sagen, dass ihnen ohne Bankfilialen eigentlich nichts fehlen würde. Welche Konzepte brauchen Filialen denn, um weiterhin Relevanz zu behalten? Und wo siehst du noch Potenziale beim Online-Banking?
Tim Haremsa:
Ich glaube, Bankfilialen werden auch in Zukunft ein essenzieller Bestandteil des Angebots einiger Banken sein. Etablierte Institute werden unterschiedliche Konzepte ausprobieren und dort ganz individuelle Lösungen finden. Denn Filialen sichern auch die Teilhabe am Finanzsystem ab und sind Anlaufpunkt für persönliche Beratung, was knapp die Hälfte immer noch als wichtigen Aspekt bei der Auswahl ihrer Bank bewertet.
Aber klar ist: Für die absolute Mehrheit werden Online-Banking und die Banking-App immer wichtiger und zum Hauptzugang ihrer Bank – insbesondere für alltägliche Bankgeschäfte. Bankfilialen werden deswegen vielleicht in Zukunft eher Anlaufpunkt für die persönliche Beratung bei besonders komplexen Angelegenheiten sein. Aber für die Kundengewinnung und die Kundenbindung wird die Weiterentwicklung der App sehr entscheidend sein.
Spannend ist hier vor allem, dass 69 Prozent sich vorstellen können, die Banking-App zum Beispiel auch für digitale Identifizierung zu nutzen, also als Ausweisfunktion oder für den Altersnachweis. Und immerhin die Hälfte kann sich vorstellen, auch digitale Nachweise wie Gehaltsnachweise in der App hochzuladen. Das hängt insbesondere mit dem hohen institutionellen Vertrauen zusammen, das Banken in der breiten Bevölkerung genießen.
Darin steckt ein enormes Potenzial für Banken, ihr Produktangebot künftig zu erweitern. Die Banken wollen dieses Potenzial auch nutzen – Stichwort EUDI-Wallet. Denn Banken werden künftig einerseits verpflichtet sein, die EUDI-Wallet für bestimmte Prozesse zu akzeptieren, zum Beispiel bei der Identifizierung zur Kontoeröffnung. Gleichzeitig investieren aber auch viele Institute stark in den Ausbau ihrer eigenen Apps und Wallet-Funktionen, um die Kundenbindung zu stärken und Kundinnen und Kunden in Zukunft zusätzliche Mehrwerte zu bieten.
Tobias Grimm:
Dann lass uns vom Online-Banking weiter auf die anderen Zahlungsmittel schauen. Vielen Menschen ist es wichtig, künftig auch zwischen Bargeld, Karte, Smartphone und anderen digitalen Bezahlmethoden wählen zu können. Wo stehen wir denn aktuell bei der Wahlfreiheit?
Tim Haremsa:
Für viele von uns ist digitales Bezahlen mittlerweile Standard. 97 Prozent der Deutschen zahlen regelmäßig kontaktlos. Und es ist auch schön zu sehen, dass insbesondere die ältere Generation immer digitaler wird. Jede Dritte und jeder Dritte über 65 zahlt mittlerweile regelmäßig mit dem Smartphone oder der Smartwatch.
Gerade bei kleineren Beträgen ist es aber doch häufiger der Fall, dass Bargeld vielerorts die einzige mögliche Zahlungsoption ist. Und diese Akzeptanzlücke schränkt die Wahlfreiheit der Verbraucherinnen und Verbraucher natürlich teilweise erheblich ein. Eine moderne und zukunftsfähige Zahlungsinfrastruktur muss Bargeld und digitale Zahlungslösungen gleichwertig zusammendenken.
Union und SPD haben sich das im vergangenen Jahr in ihrem Koalitionsvertrag ebenfalls zum Ziel gesetzt und wollen die echte Wahlfreiheit für Verbraucherinnen und Verbraucher beim Bezahlen stärken und sicherstellen, dass neben Bargeld immer mindestens eine digitale Zahlungslösung akzeptiert werden muss.
Als Bitkom haben wir im letzten Jahr einen konkreten Umsetzungsvorschlag dazu gemacht, weil wir das natürlich unterstützen. Seitdem ist allerdings, ehrlich gesagt, wenig passiert. Jetzt muss die Bundesregierung nachlegen und die Wahlfreiheit beim Bezahlen schnellstmöglich umsetzen.
Tobias Grimm:
Zum Abschluss noch ein Blick auf den Monitor Digitalpolitik: Damit messen wir unter anderem den Stand der Digitalisierung im Finanzsektor. Wo steht das Finanzministerium hier aktuell, und welche Vorhaben sollten noch in diesem Jahr dringend umgesetzt werden?
Tim Haremsa:
Ein großes Thema haben wir gerade angesprochen: die Wahlfreiheit beim Bezahlen. Da warten wir noch.
Einen Erfolg konnte die Bundesregierung vor kurzem allerdings mit dem Direktzahlungsmechanismus erzielen. Viele erinnern sich vielleicht noch an die Corona-Pandemie und die Energiekrise. Für die Entlastungspakete gab es lange und teilweise sehr komplexe Antragsprozesse. Insbesondere Studierende haben lange auf ihre staatlichen Hilfen gewartet. Das soll in Zukunft schneller gehen.
Seit März ist die technische Umsetzung des Direktzahlungsmechanismus abgeschlossen. Das heißt: Zukünftig können Hilfen und Leistungen direkt auf das Konto überwiesen werden. Eine erste Anwendung soll perspektivisch beim Kindergeld stattfinden. Aber die breite Nutzung hängt auch entscheidend davon ab, dass alle Kontodaten vollständig vorliegen. Hier fehlen immer noch viele Kontoinformationen und IBANs. Die können zwar über Elster hinterlegt werden, müssen dort aber aktiv von den Bürgerinnen und Bürgern eingetragen werden.
Bei den finanzpolitischen Vorhaben schauen wir aktuell eher auf die europäische Ebene. Dort wird gerade die gesetzliche Grundlage für den digitalen Euro verhandelt. Und wenn dieser bis 2029 in Kraft treten soll, braucht es noch in diesem Jahr eine politische Einigung zwischen Europäischer Kommission, Rat und Parlament. Dort sind aber noch einige grundsätzliche Fragen offen. Das heißt: Das ist ambitioniert, und hier ist dann auch die Bundesregierung gefragt, sich in die Verhandlungen einzubringen.
Ähnlich sieht es auch bei der Spar- und Investmentunion aus, also der Weiterentwicklung der Banken- und Kapitalmarktunion. Ziel ist es dort nicht nur, die Fragmentierung der Kapitalmärkte zu reduzieren und einen europäischen Kapitalmarkt zu schaffen, sondern eben auch private Investitionen zu stärken und für Zukunftsbereiche wie Digitalisierung, Innovation und Transformation zu mobilisieren.
Das Vorhaben ist in den vergangenen Jahren auf europäischer Ebene immer wieder ins Stocken geraten. Bundesfinanzminister Lars Klingbeil möchte hier vorangehen und adressiert das Thema unter anderem in der neu etablierten E6-Finanzministerrunde sowie in einer gemeinsamen Taskforce mit Frankreich, die bis Ende des Jahres konkrete Umsetzungsvorschläge vorlegen soll. Konkrete regulatorische Durchbrüche oder umgesetzte Maßnahmen gibt es dort allerdings noch nicht.
Tobias Grimm:
Tim, vielen Dank für das Gespräch und deine Einschätzung. Wer tiefer einsteigen möchte: Die vollständigen Ergebnisse der Befragung findet ihr auf der Webseite des Bitkom, und den Link dorthin gibt es wie immer in der Podcast-Beschreibung.
Tobias Grimm:
Mit dem Ausblick auf Kalenderwoche 22, in der keine Sitzungswoche im Deutschen Bundestag stattfindet.
Auf der digitalpolitischen Agenda des Bundeskabinetts stehen verschiedene Gesetzentwürfe, unter anderem zur Stärkung der Cybersicherheit, zum planbaren, kosteneffizienten, netzverträglichen und marktorientierten Ausbau der erneuerbaren Energien im Stromsektor sowie ein Entwurf zur Förderung europäischer audiovisueller Werke durch eine Investitionsverpflichtung.
In Brüssel berät die Europäische Kommission am 29. Mai in einer sogenannten Orientierungsdebatte über die künftigen Beziehungen zwischen der EU und China.
Eventseitig findet am 27. und 28. Mai die NØRD statt, eine Messe zur Digitalisierung im Norden und Osten Deutschlands.
Und damit endet der Ausblick auf die nächste Woche. Weitere Nachrichten aus der Digitalbranche findet ihr wie immer auf bitkom.org.
Danke fürs Zuhören und bis nächsten Freitag.