Ulrike Cress:
Mathematik zum Beispiel wird von Kindern gar nicht als relevant erachtet, weil sie viel zu lebensfremd ist. Mit digitalen Medien kann man Problemlösung realistischer machen, interaktiver gestalten und auch spielbasierter aufbereiten und trotzdem die gleichen abstrakten Phänomene vermitteln. Und da ist, glaube ich, noch ganz, ganz viel Potenzial, das man heben kann.
Leah Schrimpf:
Bei mir ist heute Frau Professor Dr. Ulrike Cress, Direktorin des Leibniz-Instituts für Wissensmedien und Professorin für Psychologie an der Uni Tübingen. Schön, dass Sie bei mir sind, Frau Professor Cress.
Ulrike Cress:
Guten Tag, ich freue mich auch sehr.
Leah Schrimpf:
Bevor wir starten, will ich den Zuhörerinnen und Zuhörern noch ein kleines bisschen etwas zu Ihnen erzählen, und dann gehen wir auch ganz bald in die Themen rein. So wie ich herausgefunden habe, sind Sie Tübingen schon sehr lange treu, haben dort studiert, haben dort im Fach Psychologie promoviert, unter anderem damals auch schon zum Thema selbstgesteuertes Lernen. Ein Themenbereich, der jetzt gerade auch im Kontext KI noch mal ganz neuen Aufwind bekommen hat. Deswegen auch ein spannendes Thema, dem wir uns vielleicht gleich noch mal ein bisschen widmen werden.
Neben Ihrer Tätigkeit als Direktorin und Professorin sind Sie auch Mitglied der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission der Kultusministerkonferenz und waren dort auch Mitinitiatorin von zwei für uns sehr zentralen und spannenden Gutachten: eins zu Bildung in der digitalen Welt, eins zu Large Language Models im Bildungssystem. Auch darauf werden wir sicherlich gleich noch mal ein bisschen zu sprechen kommen. Und Sie sind stellvertretende Vorsitzende der Telekom-Stiftung. Also auch ganz, ganz viel bei Ihnen auf dem Tisch und zu tun.
Ich freue mich jetzt, dass wir im Gespräch ein bisschen auf wissenschaftliche Erkenntnisse im Bereich Digitalisierung im Bildungssystem schauen werden, darüber sprechen werden, wie wir Bildung in der digitalen Welt auch neu gestalten müssen und was Chancen und Herausforderungen insbesondere von KI im Bildungsbereich sind.
Ulrike Cress:
Ein sehr dynamisches Feld.
Leah Schrimpf:
Auf jeden Fall. Gerade ist sehr viel los, und das ist vielleicht auch eine Frage, der wir uns widmen können: inwiefern das System dem standhalten kann. Ich würde versuchen, direkt einzusteigen, weil wir auch ein paar komplexere Themen heute vor uns haben.
Es gibt einige Studien, dazu gehört ICILS, dazu gehört auch der DESI-Index der Europäischen Union, die immer wieder ein bisschen beziffern, dass Deutschland gerade auch im europäischen und internationalen Vergleich bei digitaler Bildung nicht auf den ganz vorderen Plätzen abschneidet. Und vielleicht zum Einstieg eine ganz einfache Einschätzungsfrage an Sie: Was glauben Sie, wie schlimm ist es wirklich in Deutschland?
Ulrike Cress:
Also das Problem ist: Wir sind, glaube ich, sehr schlecht gestartet. Das heißt, vor Corona war Digitalisierung eigentlich kein Thema in unserer Bildung. Und ich habe die deutsche Pädagogik auch immer so erlebt, dass sie sehr kritisch war. Digitalisierung wurde gleichgesetzt mit Fernsehen: macht dick und dumm. Und man hat die Potenziale von Digitalisierung eigentlich relativ wenig gesehen. Die Wissenschaft war anders, aber die Welt der Eltern und Schüler war sehr kritisch.
Insofern sind wir in die Corona-Zeit gestartet, als die digitale Ausstattung noch recht schlecht war und Lehrkräfte eigentlich nicht auf Digitalisierung vorbereitet waren. Und ich erlebe schon, dass diese Dynamik uns ergriffen hat. Ich habe die Corona-Zeit als eine Zeit erlebt, in der Lehrkräfte zum ersten Mal digitale Medien genutzt haben und dann doch auch relativ offen waren. Obwohl die Möglichkeiten, die es damals gab, gering waren und Digitalität immer hieß: Man trifft sich nicht vor Ort, sondern digital. Das war zunächst ein Nachteil.
Aber das war eine Zeit, in der immerhin das Bewusstsein gestiegen ist, dass wir digitale Umgebungen brauchen und in der wir als Gesellschaft auch investiert haben, einfach mit Digitalpakt I, jetzt Digitalpakt II. Das heißt, da ist ganz viel entstanden an wirklich Hardware. Und ohne Hardware geht es nicht. Jeder betont immer, Hardware reicht nicht.
Das ist richtig, aber wir brauchen Hardware, wir brauchen Geräte, wir brauchen WLAN, wir brauchen Materialien. Da wird es schon schwieriger. Wir brauchen digitale Bücher, wenn man so will. Wir brauchen Lehrkräfte, die damit umgehen können. Und ich erlebe da schon eine riesige Dynamik, was in Deutschland geschehen ist: dass wir uns dem Thema geöffnet haben, dass wir durchaus eine positive Konnotation von Digitalität in der Schule haben, dass wir sagen, digitale Kompetenzen müssen Kinder bekommen, dass Lehrkräfte auch zum großen Teil offen sind und sagen: „Ja gut, da gibt es viele Möglichkeiten, die spannend sind, die Unterricht besser machen können und Potenziale haben, die wir ohne digitales Medium nicht haben.“
Leah Schrimpf:
Da gibt es direkt zwei Anschlussfragen, die mir einfallen. Wenn wir jetzt noch mal auf die Vor-Corona-Zeit schauen, wenn Sie auch sagen, das war vorher so ein Thema, das auch ein bisschen verschrien war, mit dem man sich nicht wirklich befasst hat, weil es grundsätzlich negativ konnotiert war: Können Sie sich erklären, woher das kam? Denn auch vor 2019 gab es ja schon viele internationale Beispiele, die gezeigt haben, dass das ein Weg ist, auf den man sich auch im Bildungssystem didaktisch machen sollte, um mit der Zeit Schritt zu halten. Corona war dann fast Glück im Unglück, im Sinne davon, dass man dann etwas tun musste. Aber woher kam es, dass da vorher so eine ganz andere Einstellung war?
Ulrike Cress:
Die deutsche Pädagogik war immer ein bisschen ideologisch verhaftet. Und sie sagte: Wir wollen keine digitalen Medien. Diese Gleichsetzung von digitalen Medien und Fernsehen fand ich in der Debatte sehr, sehr stark. Also digitale Medien nur als etwas, das man irgendwie konsumiert, anschaut. Und das Bewusstsein, dass digitale Medien auch Interaktion fördern und Aktivität fördern, das hat man in Deutschland sehr wenig gehabt.
Auf der anderen Seite hat die Bildungsforschung digitale Medien schon seit den Sechziger-, Siebziger- und Achtzigerjahren als eine Möglichkeit gesehen, mit der ganz neue Lernsettings entstehen, viel mehr Aktivität der Schülerinnen und Schüler stattfinden kann, viel mehr Interaktivität mit den Medien. Das heißt, wir in der Forschung haben digitale Medien ganz oft als etwas begriffen, das wirklich unseren Möglichkeitsraum erhöht oder die Spielräume, die Lehrkräfte haben. Aber in der öffentlichen Debatte war die Gleichsetzung mit Fernsehen, mit Bildschirm, eine ganz starke.
Und ich erlebe es auch heute in der Diskussion oft noch, dass man sagt: Soll das analog oder digital sein? Gerade die heutige digitale Welt verbindet das Analoge, das Greifbare, aber oft mit dem Digitalen, mit den Tangibles, also den Dingen, die ich anfassen kann, die aber trotzdem auch digital sein dürfen. Diese Trennung von: Hier hat man das Analoge und das Denken und dort ist quasi die Maschine, das ist heute eigentlich nicht mehr aktuell.
Leah Schrimpf:
Aber schon auch etwas, was nach wie vor Debatten dominiert. Das bekommt man trotzdem immer noch mit, wenn es plötzlich darum geht: Wie gefährlich ist Bildschirmzeit allgemein? Oder sollten digitale Geräte und Medien vielleicht doch wieder ganz aus Schulen verbannt werden? Da findet diese Trennung schon auch heute immer noch statt, obwohl wir ja eigentlich inzwischen ein bisschen weiter sind als noch vor sechs, sieben Jahren.
Ulrike Cress:
Aber wir erleben natürlich auch einen Alltag, in dem soziale Medien uns alle fest im Griff haben. Insofern verstehe ich schon, dass die Öffentlichkeit sich fragt: Wie viel Smartphone wollen wir denn in der Schule? Und es ist ja nicht so ganz einfach, digitale Medien nur für Unterrichtszwecke sinnvoll zu nutzen.
Und man fragt sich: Wie gehe ich damit um? Insofern ist die Debatte, glaube ich, schon eine Debatte, die wir als Gesellschaft auch brauchen: Wie gehen wir mit diesen negativen Folgen von Digitalisierung um? Wie nutzen wir die Möglichkeiten, die sie für Unterricht bietet? Aber wie sind wir uns auch bewusst, dass digitale Medien Lehrkräfte unter Umständen nicht entlasten, sondern einfach ablenken?
Leah Schrimpf:
Genau. Also: Wie sieht diese digital geprägte Welt aus, in der wir als Gesellschaft leben wollen? Das ist, glaube ich, eine große Frage, die wir immer noch nicht ganz beantwortet haben. Nicht nur mit Blick auf Schule, sondern insgesamt.
Ulrike Cress:
Genau.
Leah Schrimpf:
Ich glaube, das ist eine große Debatte.
Ulrike Cress:
Und wir wünschen uns ein bisschen diese vordigitale Welt zurück. Die Schule war doch schön, als es das nicht gab. Aber die Welt ist eine andere geworden. Und wir werden das Digitale nicht aus der Schule raushalten können und würden auch viel verpassen, was wir an Chancen durch das Digitale haben. Aber es ist ein Abwägen von Potenzialen und Hindernissen.
Leah Schrimpf:
Wenn Sie jetzt auf die letzten sechs, sieben Jahre Entwicklung digitaler Bildung in Deutschland schauen: Wo würden Sie sagen, haben wir denn wirklich die größten Fortschritte gemacht? Wo können wir auch sagen: Darauf können wir stolz sein, da sind wir wirklich weitergekommen?
Ulrike Cress:
Also wir sind in allen Bereichen weitergekommen, weil wir von null gestartet sind. Das heißt, die Ausstattung ist schon deutlich besser.
Der Digitalpakt waren natürlich auch Milliarden, die da reingingen. Sie ist immer noch nicht perfekt, aber wir sind auf einem Weg, der gut ist. Was ich auch faszinierend finde, ist, dass die Lehrkräfte eigentlich sehr offen sind. Ich erlebe eine große Offenheit und ein Bewusstsein dafür, dass sich Schule wandelt und dass digitale Medien, digitale Materialien eine Rolle spielen könnten. Ich erlebe auch, dass die Fortbildung der Lehrkräfte, gerade auch mit Blick auf KI, stark auf dem Weg ist. Das heißt, dass wir uns bewusst sind: Das ist nicht etwas, das eine Lehrkraft einfach so kann, sondern da braucht es Fortbildung, da braucht es Kompetenzen.
Insofern erlebe ich uns in vielen Bereichen eigentlich vorwärtsgehend. Es ist aber immer noch so, dass wir Digitalisierung als etwas verstehen, das ein bisschen zu stark auf den Schultern der Lehrkräfte liegt. Also, dass ich den Eindruck habe: Die Lehrkraft muss selbst entscheiden, wie digital sie den Unterricht gestalten kann. Dann kämpft sie mit den Hardwarefragen, dann hat sie unter Umständen keine Software, muss Materialien selbst erstellen. Das heißt, wo ich die größten Hindernisse in Deutschland noch sehe, ist, dass es wirklich Materialien und Settings gibt, die einfach funktionieren und auf die ich als Lehrkraft einfach zugreifen kann.
Ich habe Zugang, ich nehme sie und ich setze sie ein wie ein Schulbuch. Wir brauchen Materialien, wir brauchen Settings, die funktionieren, die auch qualitätsgeprüft sind, die mit dem Curriculum zusammenhängen, die ich als Lehrkraft aus dem Regal ziehen kann.
Aus dem digitalen Regal, so wie ich es mit dem Schulbuch immer gemacht habe. Ein Schulbuch war deshalb so erfolgreich: Da gab es ein Aufgabenheft für Schüler, da gab es Vorbereitungshefte für Lehrkräfte, da gab es alles Mögliche, um diesen Unterricht gut vor- und nachzubereiten. Mit der Digitalisierung hat man all diese Möglichkeiten, aber diese Materialien gibt es noch viel zu wenig. Stattdessen macht jede Lehrkraft sie irgendwie für sich.
Leah Schrimpf:
Das heißt, wir brauchen wirklich mehr Copy-paste-Konzepte, genau wie Sie es gesagt haben: Ich stelle mich als Lehrkraft hin, weiß, ich muss heute im Bio-Unterricht das Thema Mitochondrien behandeln, und ich ziehe mir jetzt aus meinem digitalen Regal genau das Lernsetting mit dem Einsatz von den und den Medien.
Ulrike Cress:
Genau.
Leah Schrimpf:
Davon haben wir einfach noch zu wenig in der Praxis. Oder vielleicht gibt es auch noch zu viel Unsicherheit bei den Lehrkräften, was gut funktioniert und was sie gut einsetzen können. Ist das vielleicht auch ein Thema?
Ulrike Cress:
Es gibt natürlich Materialien, es gibt diese Open Educational Resources. Aber das sind alles so einzelne Elemente. Was wir eigentlich brauchen, ist ein bisschen ein kohärentes Werk. In der Mathematik hatte ich ein Schulbuch, da weiß ich, was in welchem Fach und welchem Jahrgang drin ist, kann mich darauf beziehen. Das ist immer ähnlich aufgebaut, mit ähnlichen Begrifflichkeiten. Und das fehlt uns in unserer Digitalisierung noch ganz. Da haben wir viele kleine Schnipsel von schönen Visualisierungen, von schönen Aufgabenblättern. Aber eigentlich brauchen wir eine homogenere Struktur, die ich als Lehrkraft für meinen Unterricht insgesamt nutzen kann.
Leah Schrimpf:
Was würden Sie sagen: Wessen Aufgabe ist es, dass wir das haben? An welchen Stellen müssen wir konkret ansetzen, damit wir da hinkommen? Ist das eine landesspezifische Aufgabe, dass sich die Kultusministerien noch mal mehr Gedanken darüber machen, wie sie die Curricula, die sie vorgeben, auch komplett mit digitalen Angeboten, Produkten und Möglichkeiten umsetzen können? Oder wo ist da der Hebel?
Ulrike Cress:
Das ist sicher eine Aufgabe der Länder, die sich klarmachen müssen: Wie bauen wir so eine Infrastruktur? Das heißt: Wie baue ich eine Plattform? Wie habe ich da Zugriff als Lehrkraft? Wo hoste ich die? Wie sind die Daten gesichert? Da gibt es ja einzelne Ansätze, aber die sind natürlich je nach Land noch unterschiedlich weit.
Und die Materialerstellung ist sicher etwas, wo eigentlich Verlage hineinmüssen. Aber die werden erst hineingehen, wenn es da ein Geschäftsmodell gibt, das sich für sie lohnt. Und diese Situation hat man in Deutschland eigentlich nicht. In Deutschland sind die Verlage zumeist noch Schulbuchverlage, fangen jetzt so ein bisschen mit KI an.
Aber wir haben noch keine Möglichkeit, dass Verlage wirklich ein Geschäftsmodell haben, bei dem sie auch etwas verdienen, wenn sie in digitale Materialien Entwicklung leisten.
Leah Schrimpf:
Also wirklich investieren und entwickeln.
Ulrike Cress:
Und die Entwicklung ist aufwendig. Sie ist einfach aufwendiger als ein Schulbuch und auch schneller veraltet. Da hat man in Deutschland noch zu wenig gute Optionen.
Leah Schrimpf:
Gibt es aus Ihrer Sicht noch einen Bereich, in dem für uns gerade mit Blick auf das deutsche Bildungssystem supergroße Potenziale und Chancen liegen, mehr auf digitale Tools und digitale Infrastrukturausstattung zu setzen, wo wir sie noch nicht nutzen? Jetzt abgesehen von dieser Materialfrage.
Ulrike Cress:
Also nicht nur in Deutschland. Insgesamt ist natürlich die Hoffnung, dass digitale Materialien ganz stark für Adaptivität, Personalisierung und Individualisierung von Unterricht stehen. Das heißt: Wir hoffen damit, dass Kinder adäquatere Aufgaben bekommen, die ihnen entsprechen. Nicht zu leicht, nicht zu schwer. Sonst ist der Unterricht one size fits all. Die Hälfte langweilt sich, die andere Hälfte ist überfordert.
Und Digitalisierung kann eigentlich stärker regelmäßig schauen: Wo steht das Kind, was braucht es als Nächstes? Sie kann Feedback geben. Das ist natürlich auch viel motivierender für ein Kind. Es gibt auch die Hoffnung, dass das Lernen dadurch interessanter werden kann. Wir wissen es ja aus den PISA-Befunden und aus anderen Schulbefunden: Mathematik zum Beispiel wird von Kindern gar nicht als relevant erachtet, weil sie viel zu lebensfremd ist.
Und mit digitalen Medien kann man Problemlösung realistischer machen, interaktiver gestalten, auch spielbasierter machen und trotzdem die gleichen abstrakten Phänomene beibringen. Und da ist, glaube ich, noch ganz, ganz viel Potenzial, das man heben kann. Also die Schule besser zu machen in ihrer Qualität, indem sie attraktiver wird für Kinder, indem die Inhalte kindgerechter werden, auch leistungsgerechter oder gerechter für das Individuum. Das sehe ich als die Hauptmöglichkeit von Adaptivität.
Leah Schrimpf:
Ich habe wieder direkt ein paar Fragen, die mir dazu einfallen. Aber vielleicht zuerst: Eine große Herausforderung, von der ich zumindest auch immer viel höre, ist natürlich das Thema Lehrkräfteüberlastung und Lehrkräftemangel. Ist das auch etwas, wo Sie sagen: Wenn wir clever und wirklich zielführend noch mehr auf digitale Medien setzen, nicht nur für die Unterrichtsgestaltung, sondern auch im Bereich administrativer Prozesse, dann ist da wirklich Entlastungspotenzial da? Oder sagen Sie: Das ist vielleicht eher eine etwas konstruierte Vorstellung, und am Ende würde das gar nicht so viel ändern, wenn wir da besser wären?
Ulrike Cress:
Da ist sicher Entlastungspotenzial da. Die Diskussion ist natürlich schwierig, weil wir ja nicht Lehrkräfte durch digitale Medien oder durch einen Digitalroboter ersetzen wollen. Sondern die Vorstellung ist eigentlich immer: Wir können Dinge ersetzen, und die Lehrkraft hat dann Zeit, andere Dinge zu machen. Das heißt, sich um die Kinder zu kümmern, die mehr Hilfe brauchen, auch da individualisierter zu agieren.
Digitale Medien würden also nicht insgesamt die Anzahl der notwendigen Lehrkräfte reduzieren, sondern sie würden Aufgaben umschichten. Auch was an Korrekturarbeit für Klausuren an Zeit in Lehrkräfte hineinfließt, lässt sich natürlich besser nutzen. Und digitale Medien, KI, können hier viel leisten. Das heißt, da ist schon eine große Möglichkeit, Lehrkräfte zu entlasten und sie für das direkte Interagieren mit Kindern freizuspielen.
Adaptivität heißt natürlich aber auch: Ich muss überlegen, was die Klasse noch braucht. Wie kriege ich die Klasse zusammen? Wie kriege ich nicht nur jedes Kind, das jetzt einzeln übt, möglichst optimal begleitet, sondern wie kriege ich trotzdem die ganzen sozialen Interaktionen, die emotionalen Aspekte hin? Auch da brauchen wir gute Settings. Wie sieht eine Klasse aus, die optimal in dieser Kultur der Digitalität lebt? Und wir wissen ja von anderen Schulen oder Ländern, die schon weiter sind: Das Klassenzimmer ändert sich. Das werden andere Räume, andere Räumlichkeiten, andere Zeitstrukturen.
Da ist noch ganz viel Potenzial, was, glaube ich, insgesamt unsere Bildung in den nächsten Jahren ganz erheblich noch verändern wird. Aber das sind Folgen, die sich erst dann zeigen werden, wenn wir gute Settings haben, die Kinder wirklich optimal beschulen und auch optimal mal alleine arbeiten lassen, Freiräume schaffen, Kollaboration schaffen. Das braucht entsprechende Räume, es braucht entsprechende Aufgaben, entsprechende Software, denn das muss ja alles viel stärker strukturiert sein, als wenn ich es nicht digital mache. Beim Digitalen müssen Sie ja alles quasi vorprogrammieren, alle Materialien einstellen, bedenken, was schiefgehen kann, wie ich die Kinder wieder zurückbringe. Sie brauchen viel mehr Planung. Und das ist das, was das Digitale ein Stück weit teuer macht und vorbereitungsintensiv.
Leah Schrimpf:
Aber in der Umsetzung erhöht es dann natürlich, wie Sie gesagt haben, vielleicht auch den Spaß am Lernen, gerade für die Kinder, und vereinfacht langfristig Prozesse. Wenn es einmal eingeführt ist, funktioniert es dann eben auch auf Abruf sehr gut, in unterschiedlichen Settings.
Ulrike Cress:
Genau.
Leah Schrimpf:
Was würden Sie denn sagen: Sind wir in Deutschland schon so weit, dass wir eine Zielbeschreibung dessen haben, wo wir im schulischen Bildungssystem vor allem hinwollen mit Blick auf den Einsatz von Digitalität für besseres Lernen? Ich habe nämlich immer so ein bisschen das Gefühl, dass das noch fehlt. Also dass wir einzelne Schritte vornehmen, um zu schauen: Wie kriegen wir erst mal Infrastruktur hin? Wie können wir bestimmte Tools einsetzen? Wie können wir mehr auf digitale Materialien setzen? Aber so eine übergeordnete Vision dessen, wie unsere Klassenzimmer eigentlich aussehen sollen – also ob das für immer Stuhlreihen und Holzstühle bleiben oder ob das in fünf, zehn oder zwanzig Jahren wirklich anders aussehen soll – die nehme ich noch nicht so wirklich wahr. Wie sehen Sie das?
Ulrike Cress:
Ich würde es ganz allgemein sagen: Es soll Kinder aktivieren. Aktivierung ist ja immer etwas, das lernförderlich ist. Und zu sagen: Das Digitale aktiviert. Das heißt, ich brauche eine flexible Bestuhlung, die für verschiedene Aktivitätsmodi sinnvoll ist. Ich brauche aktivierende Momente, in denen die Lehrkraft aktiviert, aber auch die Situation, die Aufgabe. Und das wäre für mich das Ziel: aktivierende Schule. Nicht eine Schule, die Kinder langweilt oder sie zu anderen Aufgaben bringt, sondern Schule, die begeistert.
Das ist natürlich ein hohes Ziel. Aber ich glaube schon, dass die digitalen Möglichkeiten diese Option haben. Aber nicht von sich aus – also nicht dadurch, dass ich einfach ein Tablet in den Unterricht gebe. Dann passiert eher das Gegenteil. Dann drücken die irgendwie herum, und Schüler schauen, wie sie das austricksen können, und auch die Lehrkraft. Gerade an diesem Beispiel sieht man wieder: Ich brauche ein bestimmtes Gerät, das bestimmte Funktionalitäten hat, bei dem klar ist, welche Aufgaben gestellt sind und wie die Lehrkraft sicherstellen kann, dass das auch richtig passiert. Ich brauche eine Umgebung, die ganz, ganz gut geplant ist. Und daran fehlt es uns einfach noch viel zu stark.
Leah Schrimpf:
„Aktivierende Schule“ finde ich irgendwie eine ganz schöne Beschreibung. Das ist sehr positiv. Dieses Zielbild noch mehr zu verinnerlichen und an unterschiedlichen Stellen zu verankern, da ist, glaube ich, schon viel gewonnen.
Ulrike Cress:
Ja, und Aktivierung ist ja einer dieser lernförderlichen Mechanismen. Wir würden sagen: Unterricht oder Lernen ist immer Aktivieren. Ich muss aktiv Wissen konstruieren, aktiv reflektieren, aktiv prüfen: Kann ich etwas? Ganz viel ist diese kognitive Aktivierung, die stattfinden muss und die in unseren fünfundvierzig Minuten Unterricht ganz oft nicht stattfindet, sondern bei der ganz viele einfach abhängen.
Leah Schrimpf:
Wie lang sollte eine Schulstunde denn aus dieser Perspektive eigentlich sein? Also mit Blick auf diese Erfahrung. Was wäre da eigentlich ein sinnvolleres Setting?
Ulrike Cress:
Das hängt wiederum von der Aufgabe ab. Wenn ich eine gute Aufgabe habe, kann die auch mal einen Tag am Stück gehen, in dem ein Kind eine Simulation durchspielt, in der man in der Gruppe Dinge diskutiert, eher projektartig arbeitet. Das reibt sich natürlich ein bisschen mit unserer Fachlichkeit, die ja auch nicht unwichtig ist. Mathematik ist eben nicht Physik, sondern Fachlichkeit muss da hinein.
Insofern hängt vieles miteinander zusammen. Ich halte nichts davon, Schule jetzt ganz schnell zu ändern und zu sagen: Das werfen wir alles über Bord, jetzt machen wir nur noch Projekte. Sondern wir müssen immer Umgebungen haben, die sicherstellen, dass Kinder das lernen, was sie auch lernen sollen. Sie sollen schreiben können, sie sollen lesen können, sie sollen die Grundrechenarten können und so weiter. Die Inhalte würde ich also nicht zu schnell über Bord werfen wollen. Aber wir sollten Umgebungen schaffen, die diese Inhalte auf interessante Weise und auf bessere Weise vermitteln.
Leah Schrimpf:
Dann halten wir mal die Augen offen, ob sich in nächster Zeit noch mehr solcher Umgebungen auftun. Ich meine, wir kennen ja auch ein paar schöne Best Practices. Das ist der Aufhänger dieser Podcast-Reihe: das zehnjährige Jubiläum unseres Smart-School-Wettbewerbs. Das sind Schulen, die wir auszeichnen und die gerade auch im Bereich digitalen Lernens sehr weit vorne sind und sich oft eigenständig auf den Weg gemacht haben, sich genau solche neuen Lernsettings überlegt haben und versuchen, da eigene Wege zu gehen. Aber ich nehme schon noch so wahr, dass das oft Einzelbeispiele sind, bei denen es einzelne Lehrkräfte oder einzelne Schulleitungen sind, die das mit sehr viel Motivation vorantreiben und dann auch an ihrer Schule in ihrem Kosmos umsetzen, vielleicht manchmal noch auf zwei oder drei Nachbarschulen übertragen, weil sie Interesse an Wissenstransfer in ihre Community haben. Aber damit hört es meistens auch oft wieder auf. Und daran kaue ich immer noch ein bisschen, weil ich mich frage: Wie kriegen wir diese Ansätze dann wirklich langfristig an jede Schule, um sicherzustellen, dass jedes Kind in Deutschland solche Lernerfahrungen macht?
Ulrike Cress:
Indem wir Materialien haben, die eine Lehrkraft einfach übernehmen kann.
Leah Schrimpf:
Da schließt sich der Kreis zur Materialthematik.
Ulrike Cress:
Und wir haben mit der Telekom- und der Schwarz-Stiftung letzten Monat zum ersten Mal den KI-Preis vergeben. Und wir waren erstaunt, wie viele Schulen tolle Einreichungen hatten. Also wie viele Schulen – das waren zweihundert Einreichungen – sich auf den Weg gemacht haben und zum Teil erstaunlich ausgereifte Konzepte schon haben. Aber wie Sie sagen: Das ist bisher halt die Einzelschule, die einzelne Lehrkraft, der einzelne Schulleiter. Und wir brauchen Strukturen, die nicht jedes Rad neu erfinden lassen, sondern die Materialien haben, die irgendwo schon gereift und geprüft sind, auch wissenschaftlich fundiert sind.
Auch in den Hochschulen passiert da viel Entwicklung, auch von uns hier in Tübingen, was dann aber nie wirklich in die große Fläche ausgespielt wird, skaliert wird, würde man sagen, sondern in diesem Entwicklungsstadium stecken bleibt. Und wir brauchen eigentlich Finanzierungsmöglichkeiten und Strukturen, die solche Dinge aufgreifen und lauffähig für die Masse machen. Und da kommen wir wieder zu dem Bild von Verlagen. Was können Verlage bieten? Was können Geschäftsmodelle sein, die attraktiv sind? Wie sichern wir wirklich Qualität und nicht nur blink, blink und schön bunt?
Leah Schrimpf:
Da kann sich ja mit dem Digitalpakt II und der Finanzierung von Lehr- und Lernmaterialien vielleicht noch mal ein kleines neues Fenster öffnen. Das werden wir sicherlich gespannt verfolgen, was sich da tut. Wenn sich so etwas verstetigt, liegt da vielleicht tatsächlich perspektivisch Potenzial drin.
Ulrike Cress:
Wir sind natürlich auch sehr froh, dass der Digitalpakt II kommt. Und dass diese Entwicklung überhaupt weitergehen kann.
Leah Schrimpf:
Das wäre sonst dramatisch gewesen, würde ich mal sagen. Ich würde gerne noch einmal zum nächsten Thema übergehen, also weg von den reinen digitalen Lehr- und Lernsettings und der Frage, wie wir Materialien und Tools sinnvoll einsetzen, hin zu der Frage, was eigentlich Digitalkompetenzen sind, wie wir die sinnvoll vermitteln und wie das vielleicht auch zusammenhängt mit digitalen Lernsettings. Denn wie Sie auch gesagt haben: Nur das Tablet hinzustellen, macht noch keine digitale Bildung.
Hier gibt es ja auch einige Studien, die bekräftigen, dass wir da noch Aufholpotenzial haben in Deutschland, mit Blick auf Digitalkompetenzen nicht nur bei Schülerinnen und Schülern im Schulalltag, sondern auch in der Breite der Gesellschaft. Wie blicken Sie da auf den Status quo? Würden Sie sagen, uns gelingt in Deutschland schon eine gute, zukunftsfähige digitale und mediale Bildung? Oder haben wir da vielleicht auch noch ein bisschen etwas zu tun?
Ulrike Cress:
Wir haben einen großen Bedarf, wobei der nicht nur in Deutschland besteht. Aber die ICILS-Studie, die international ist, zeigt erschreckenderweise, dass ein ganz großer Teil unserer 15-Jährigen – und das ist wahrscheinlich auf alle Altersgruppen übertragbar – eigentlich aus dem Klick- und Wischmodus gar nicht rauskommt. Es ist erschreckend, wenn man diese Daten anschaut, dass zum Teil 20 oder 40 Prozent eben auf etwas klicken können, etwas vergrößern können, sich aber schon schwertun, einen Link abzuschreiben und irgendwo einzutragen. Sie tun sich schwer, Informationen zu bewerten, sichtbare Werbung von Nicht-Werbung zu unterscheiden.
Das heißt, wir haben auf der einen Seite eine Umgebung, die wahnsinnig vielfältig ist, die auch wahnsinnig viel Missinformation enthält, die Missbrauchsmöglichkeiten bietet – wir sehen das in den sozialen Medien – und auf der anderen Seite Kinder, die bei Weitem keine Social Natives oder Digital Natives sind, sondern denen wirklich Kompetenzen fehlen. Und das ist etwas, das wir als Gesellschaft dringend aufholen müssen. Da ist Deutschland schlecht, aber andere Länder sind auch nicht so viel besser. Wir überschätzen immer, was Kinder und Erwachsene digital können. Das ist wirklich minimal. Man wundert sich, wenn man die Aufgaben sieht, die Kinder zum Teil nicht lösen können, wie sehr da Kompetenz fehlt.
Leah Schrimpf:
Wir haben da auch ein paar spannende Zahlen für die Breite der Gesellschaft. Wir machen regelmäßig eine Studie zu digitaler Teilhabe, und da haben wir die Bevölkerung auch zur Selbsteinschätzung ihrer Medienkompetenz gefragt. Und bei Selbsteinschätzungen gibt man sich ja meistens sogar noch eher eine positivere Bewertung. Und selbst da haben zum Beispiel nur 26 Prozent der Deutschen gesagt, sie trauen sich zu, Falschinformationen im Netz zu erkennen.
Ulrike Cress:
Und das ist schon eine Selbsteinschätzung. Also keine objektive Bewertung. Und wenn selbst da nur 26 Prozent sagen, dass sie sich das zutrauen, finde ich das gerade im Zeitalter, in dem wir leben, in der hybriden Bedrohungslage, in der wir realistischerweise einfach auch sind, mit Blick auf Desinformationskampagnen, schon wirklich problematisch für unsere Demokratie.
Leah Schrimpf:
Und mir ist gefühlt der Aufschrei noch nicht groß genug.
Ulrike Cress:
Und jetzt kommen dazu die ganzen Deepfakes, die ganzen Bilder, die gefälscht sind. Tatsächlich wird es ja immer schwieriger für uns als Menschen, noch zu unterscheiden. Und Missinformation von Information zu unterscheiden, ist ja nicht nur eine digitale Frage, sondern hat oft auch mit ganz viel Inhaltswissen zu tun.
Kann ich diesen Inhalt einordnen? Kann ich die Quelle bewerten oder kenne ich die Quelle? Das hat ja auch mit vielen analogen Fähigkeiten zu tun. Das heißt, wir können nicht so tun, als wäre das Digitale etwas anderes als das Inhaltliche, sondern beides gehört irgendwie zusammen.
Und wir brauchen weiterhin auch Inhalte, damit Kinder fähig sind, Missinformation zu erkennen. Aber es ist ein ganz, ganz großes Thema, das Schulen, glaube ich, schon erkennen, das uns aber wie eine Welle ein bisschen überschwemmt: die Menge der Missinformation, die Menge der Deepfakes. Und die Schule kommt da nur mit Mühe hinterher, wenn überhaupt.
Leah Schrimpf:
Gibt es aus Ihrer Sicht so etwas wie ein Traumszenario dafür, wie digitale und informatische Bildung in Schule in Deutschland eigentlich funktionieren sollte? Also würden Sie sagen, das beste Szenario wäre ein eigenes Schulfach? Würden Sie sagen, das beste Szenario wäre, man macht es interdisziplinär in mindestens drei Schulfächern? Oder gibt es andere Best Practices, bei denen Sie sagen: Das ist ein Ansatz, den müssen wir eigentlich sofort umsetzen, damit es gerade auch bei Schülerinnen und Schülern in der jungen Generation schon mal besser wird?
Ulrike Cress:
In der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission hatten wir dazu zwei Forderungen. Einerseits zu sagen: Wir brauchen Informatikunterricht wirklich als Fach, in dem Kinder lernen, was Algorithmen sind, wie sie funktionieren, was Variablen sind, was diese KI macht. Aber zu sagen: Das reicht nicht. Eigentlich müssen wir diese Digitalkompetenzen auch fachspezifisch in jedem Fach unterbringen.
Wir müssen uns in Geschichte fragen: Was heißt Geschichtsschreibung, und was kann Digitalität daran verändern? Wir müssen uns in der Physik fragen: Was können Simulationen neu? Was war vorher nicht möglich? Was sind Datensätze? Wie geht man mit Data Science um? Das sind eigentlich in vielen Fächern – auch in den universitären Bereichen – Bereiche, in denen das Digitale neue Methoden schafft. Und das müssen wir als Kinder schon erleben, und wir müssen es später in der Wissenschaft natürlich auch nutzen können.
Das heißt, da verändert sich ein ganzes Curriculum, das dazukommt. Insofern wäre es nicht damit getan, zu sagen: Wir haben ein Fach oder wir haben eine Lehrkraft, an die dieses Thema abgegeben wird. Eigentlich muss jede Lehrkraft in ihrem Fach diese Dinge mitvermitteln können.
Leah Schrimpf:
Und da sind wir dann auch schon wieder beim zentralen Punkt Lehrkräfteweiterbildung, Lehrkräfteausbildung: Inwiefern findet das überhaupt schon im Studium, also im Curriculum der Lehrkräfteausbildung, statt? Und inwiefern gelingt es uns auch schon, Lehrkräfte on the job, von denen es ja auch genügend gibt, die ihr Studium längst abgeschlossen haben, weiterzubilden und zu schauen, dass das bei ihnen ankommt?
Ulrike Cress:
Ja, und die Forschung zeigt, dass die Lehrkräfteweiterbildung so, wie sie oft stattfindet, nicht besonders erfolgreich ist. Man nimmt Lehrkräfte aus dem Unterricht heraus oder bildet sie einen Tag lang in einem Kurs weiter, und das war es dann. Lehrkräftebildung braucht eigentlich viel mehr Dinge, die dann im Unterricht praktisch werden, bei denen man mit Kolleginnen und Kollegen gemeinsam neue Wege geht, gemeinsam reflektiert, die also viel stärker an der Schule andocken. Da ist unser Weiterbildungssystem in Deutschland noch nicht sehr effizient.
Leah Schrimpf:
Also auch das noch eine Baustelle.
Ulrike Cress:
Auch da liegt die ganze Last auf der individuellen Lehrkraft. Und wir müssen eigentlich die Fachverantwortlichen in den Schulen, die Fachkollegien, die Schule selbst, die Schulleitung viel stärker in die Pflicht nehmen – wobei die natürlich auch genügend andere Aufgaben hat. Sie ist ja in Deutschland nun wirklich nicht unterfordert. Aber unsere Struktur ist so, dass viel zu sehr der Unterricht in der Verantwortung und in der Last der einzelnen Lehrkraft liegt. Das ist zu wenig.
Leah Schrimpf:
Ich glaube, wir könnten auch darüber noch lange reden, aber ich würde jetzt gerne noch ein bisschen spezifischer auf das Thema KI zu sprechen kommen, weil das ja auch so ein Fokusthema für Sie ist. Ich glaube, da überschneiden sich auch viele der Stränge, die wir jetzt schon angesprochen haben. Ich habe noch mal den Titel des SWK-Gutachtens herausgesucht. Der heißt ja ganz straightforward „Large Language Models und ihre Potenziale im Bildungssystem“. Deswegen frage ich Sie jetzt zum Einstieg in das Thema KI ganz einfach: Wo sehen Sie denn die größten Potenziale?
Ulrike Cress:
Also wir sehen große Potenziale. Das eine ist das, was wir vorher insgesamt bei digitaler Bildung hatten: diese Individualisierung und Personalisierung. Wer ein bisschen mit Large Language Models arbeitet, sieht: Das Potenzial, sich Dinge erklären zu lassen, ist einfach verrückt. Sich Fragen stellen zu lassen, Dinge korrigieren zu lassen. Das heißt ja immer: In der persönlichen Interaktion kann ich auf meine Fragen Antworten bekommen, kann ich auf mein Leistungsniveau Feedback bekommen. Das ist ein Riesenpotenzial. Ich kann interessante Gespräche führen. Ich kann mit literarischen Figuren reden. Es sind unendlich viele Möglichkeiten.
Und es wird Unterricht natürlich besser und individueller machen können als all das, was wir vorher bei digitalen Medien besprochen hatten. Aber natürlich erleben wir auch: Es aktiviert zum Teil, aber vieles übernimmt eben die KI. Dass KI das Lernen wirklich verbessert, heißt also auch: Sie muss so eingesetzt werden, dass sie nicht Dinge abnimmt, sondern wirklich aktiviert. Das heißt, neue Aufgaben stellt, neue Fragen stellt. Und auch da sind wir ganz drastisch gefordert. Wir müssen Umgebungen schaffen, KI-Umgebungen, die die Potenziale nutzen, aber nicht dauerhaft zu De-Skilling führen, also nicht dazu, dass Kinder – und wir Erwachsene auch – unsere Aufgaben abgeben und uns die Mühe sparen. Sonst haben wir genau das Gegenteil von dem, was KI eigentlich leisten kann. Und die Daten, die die Forschung liefert, zeigen, dass diese Gefahr des De-Skilling riesig ist.
Dass Kinder sich Hausaufgaben machen lassen, sich Aufgaben machen lassen, dass man selbst weniger nachdenkt. Diese kreativen Szenarien haben eher die fitten Köpfe, die sich gern herausfordern lassen. Das heißt, die werden wahrscheinlich noch fitter, aber die Bildungsschere geht damit weiter auseinander, wenn wir nicht sinnvoll KI-Tutoren entwickeln, die eben nicht erklären, sondern bei denen der Mensch erklären muss, der Mensch Aufgaben lösen muss und die KI wirklich nur begleitet, herausfordert, aber nicht selbst zum Problemlöser wird.
Leah Schrimpf:
Mein Lieblingsbeispiel war auch immer – das habe ich mal von Schülerinnen aus einer der Smart Schools bei uns gehört –, dass sie KI gern nutzen, jetzt als negatives Einsatzszenario: wenn sie Hausaufgaben vergessen haben, sich die Hausaufgaben von einer Mitschülerin oder einem Mitschüler geben lassen, in ChatGPT eingeben und sagen: „Schreib das mal bitte so um, dass es ein bisschen anders klingt“, und das dann als eigene Hausaufgabe abgeben. Ich glaube, das ist auch ein sehr beliebter Use Case.
Ulrike Cress:
Oder sich Aufgaben grundsätzlich machen lassen. Man kann ja jetzt schon ein Foto von seinem Aufgabenheft machen, und dann löst ChatGPT die Aufgaben. Natürlich passiert das. Und es gibt von Bitkom eine Studie vom letzten Jahr, glaube ich, nach der selbst die Kinder jetzt zu fünfzig Prozent sagen, KI sei eigentlich schlecht, und man solle sie im Unterricht verbieten. Irre.
Weil die sagen: Keiner nutzt KI sinnvoll. Und das ist so schade, weil es auf der einen Seite so viele Möglichkeiten gäbe und man diese Möglichkeiten aber wieder in Umgebungen bauen muss. Also wir brauchen Tutoren, die fächerspezifisch agieren, die ein Curriculum kennen, die wissen, was Kinder normalerweise für Fehlkonzepte haben. Das heißt, Tutoren, die so programmiert sind, dass ich nicht mehr einfach nur mit diesem Tool rede, sondern dass es mich herausfordert oder auch eine Gruppe herausfordert.
Leah Schrimpf:
Also etwas, das wirklich genau so funktioniert, wie Sie beschrieben haben: dass die Potenziale im Fokus stehen und die potenziellen Risiken eigentlich gar nicht stattfinden, weil das System nicht einfach Dinge vorschreibt und vorarbeitet, sondern einen dazu bringt, die Dinge selbst zu machen.
Ulrike Cress:
Genau.
Leah Schrimpf:
Entsteht das denn? Also wissen Sie, dass das schon ein Pfad ist, in dem Entwicklung stattfindet und in dem sich perspektivisch etwas tut?
Ulrike Cress:
Also da sind wir in der Forschung, glaube ich, schon gut dabei, zu sagen: Wir bauen solche – wir nennen sie kognitive Tutoren. Wir bauen Umgebungen, die fachspezifisch sind und wirklich herausfordern, aktivieren, nicht erklären. Und es gibt ja eine zwanzigjährige Lernforschung zu intelligenten tutoriellen Systemen, die noch ohne KI oder mit älterer KI funktioniert haben. Da gibt es viele Ansätze zu sagen: Wir nutzen unser Wissen über Domänen, unser Wissen über Fächer, darüber, wie man in einem Fach lernt, was man als Erstes wissen muss, damit man den nächsten Schritt kann, und bauen genau solche Dinge in KI-Systeme ein.
Aber auch das ist natürlich aufwendig. Auch das erfordert, dass man vielleicht nicht nur ein kleines Modul hat, sondern wirklich mal einen ganzen Klassenstoff durchdenkt. Das Spannende war bei diesem Schulpreis, von dem ich vorhin gesprochen habe, dem KI-Preis: Da gab es einzelne Schulen, die wirklich so ein ganzes Lernnetz für eine ganze Mathematikeinheit in der siebten Klasse entwickelt haben. Ein Lernnetz heißt: Da waren Aufgaben drin, da waren Vorgängeraufgaben, was als Nächstes kommen muss. Die KI konnte darauf zugreifen. Es ist irre, was eine Schule da von sich aus schon entwickelt hat.
Leah Schrimpf:
Ja, aber irgendwie auch toll, dass das passiert, und gleichzeitig natürlich genau das, was wir jetzt oft besprochen haben: Langfristig darf das nicht der Weg sein, auf den wir angewiesen sind.
Ulrike Cress:
Genau.
Leah Schrimpf:
Dass die Schulen, bei denen Ressourcen, Wissen und Motivation vorhanden sind, zusätzliche Schritte gehen und besonders gute Ansätze haben, um am Ende auch so etwas wie Kompetenzscheren unter Schülerinnen und Schülern perspektivisch zu schließen – denn wenn wir über gute intelligente tutorielle Systeme reden, dann hat das ja auch das Potenzial, Schülerinnen und Schüler von ihren Lernständen her wieder mehr zusammenzubringen und mehr individuelle Möglichkeiten zu schaffen –, dass das dann nur an einzelnen Orten passiert und an anderen gar nicht, ist natürlich auch gefährlich, wenn das am Ende der Weg ist, den wir gehen.
Ulrike Cress:
Eigentlich sind wir in einer Situation, in der jeder wieder von vorne alles neu erfinden muss, neu die Sprache erfinden muss. Und das kann nicht sein. Wenn KI ein Tool ist, das Bildung fördern soll, dann muss es auch als Bildungstool nutzbar sein. So weit sind wir noch nicht. Auf der anderen Seite ist die Entwicklung von KI natürlich sehr schnell. Vor drei oder fast vier Jahren kam ChatGPT. Diese Dynamik ist enorm. Da mitzuhalten und gleichzeitig zu sagen: Wir brauchen Lehrkräftebildung, wir brauchen Materialien, wir brauchen Einsatzszenarien – das ist viel verlangt.
Da ist die Bildung als extrem träges System, das sehr umfassend ist und sehr viele Menschen betrifft … Wir haben 800.000 Lehrkräfte in Deutschland. Das muss man sich mal vorstellen. Lehrkräfteschulung sagt sich so leicht: Wir schulen halt unsere Lehrkräfte. Aber 800.000 – wie schule ich die? Die Aufgaben sind riesig, und das muss man sich klarmachen, wenn man über Digitalisierung in der Bildung spricht. Das ist natürlich nicht in zwei Jahren gemacht oder in fünf, sondern das sind große Umwälzungen, die sich da vollziehen.
Leah Schrimpf:
Und bevor ich meine abschließende Frage stelle: Sind Sie denn insgesamt optimistisch, dass wir trotzdem auf einem guten Weg sind, diese Umwälzungen auch wirklich umzusetzen und perspektivisch ans Ziel zu kommen? Oder stellen Sie sich manchmal auch die Frage: Kommen wir mit diesem riesigen Dampfer Bildungssystem in Deutschland, 16 Bundesländer, immer wieder überall Landtagswahlen, Bildungspolitik auch gern mal als Politikum genutzt – kommen wir da überhaupt voran?
Ulrike Cress:
Wir kommen langsam voran. Das Hauptproblem ist für mich nicht dieser Föderalismus. Das Hauptproblem ist einfach die Größe der Herausforderung, die Dynamik und auch das, was wir jetzt an digitaler Transformation an Negativem erleben. Für mich ist das die Frage: Wie können wir Bildung da richtig einsetzen? Brauchen wir vielleicht ein europäisches Large Language Model? Können wir das überhaupt finanzieren? Ist das realistisch? Solange wir das nicht haben, was heißt das dann? Das sind strukturelle Fragen, auf die es nicht so leicht eine Antwort gibt. Aber ich habe schon den Eindruck: Wir stellen uns dem, und wir sind in der Bildung auf einem guten Weg.
Leah Schrimpf:
Sehr gut. Das sind doch optimistisch klingende Worte von Ihnen. Vielleicht zum Abschluss – das ist eine Frage, die ich allen Gästen in diesem kleinen Podcast-Special am Ende stelle, für einen positiven Abschluss: Wenn Sie im Sinne digitaler Bildung in Deutschland eine Sache ändern könnten, was würden Sie von heute auf morgen ändern?
Ulrike Cress:
Eine Plattform schaffen, die wirklich digitale Materialien so bereitstellt, dass eine Lehrkraft sie problemlos herausziehen und nutzen kann. Und mit Plattform meine ich auch eine Umgebung insgesamt. Das ist für mich das Hauptthema. Da fehlt es noch.
Leah Schrimpf:
Dann hoffen wir sehr, dass es das irgendwann perspektivisch auch mal geben kann und dass es auch da für Lehrkräfte die Möglichkeit gibt, sich ganz schnell und flexibel jederzeit digitaler Materialien und digitaler Unterrichtsgestaltung zu bedienen. Das wäre auf jeden Fall sehr schön. Da stimme ich Ihnen zu: Wenn wir das von heute auf morgen hätten …
Ulrike Cress:
Ein Wunder.
Leah Schrimpf:
Ja, das wäre ein Wunder. Aber we dream big, sagen wir so. Ich glaube, sonst würden wir das hier auch nicht schaffen.
Sehr schön. Ich danke Ihnen sehr, sehr herzlich, Frau Professor Cress, dass Sie sich heute die Zeit genommen haben, uns ein bisschen mitzunehmen in die Welt der Bildungsforschung, insbesondere in die Debatte zu digitalen Bildungsmedien. Das fand ich noch mal sehr interessant und aufschlussreich. Und ich wünsche Ihnen weiterhin viel Erfolg bei der Arbeit an den Themen. Wir bleiben dran.
Ulrike Cress:
Okay, ich danke für die schönen Fragen. Hat mir viel Spaß gemacht.