Mann in Anzug mit Krawatte vor grünem Hintergrund. Text: „Smart School PODCAST“ und Zitat über Digitalpakt.
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Mehr als WLAN und Tablets: Schule digital besser machen

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Conrad Clemens:
„Warum sollen Korrekturen nicht zukünftig durch eine KI unterstützt werden? Natürlich muss man bei handschriftlichen Arbeiten von Schülerinnen und Schülern sehr vorsichtig sein – das ist mir klar. Aber ich glaube, es wird nicht mehr lange dauern, bis es dafür datensichere Lösungen gibt. Dem sollten wir uns nicht verschließen."
 

Leah Schrimpf:
Bei mir ist Conrad Clemens, sächsischer Staatsminister für Kultus. Schön, dass Sie da sind, Herr Clemens.
 

Conrad Clemens:
Hallo Frau Schrimpf, ich freue mich auch.
 

Leah Schrimpf:
Sie sind studierter Wirtschafts- und Politikwissenschaftler. Ich habe herausgefunden, dass wir sogar eine Gemeinsamkeit haben, nämlich das Studium am Otto-Suhr-Institut der FU Berlin. Diese Phase des Lebens scheint uns also miteinander zu verbinden.
Ihre politische Karriere haben Sie circa 2013 begonnen. Sie waren unter anderem Büroleiter im Deutschen Bundestag, Bundesgeschäftsführer der Jungen Union, Landesgeschäftsführer der Sächsischen Union und Leiter der Sächsischen Landesvertretung. Die Liste ist lang. Seit Dezember 2024 sind Sie nun Kultusminister in Sachsen und seit der diesjährigen Wettbewerbsrunde unseres Smart-School-Wettbewerbs auch Teil unserer Fachjury. Das freut uns besonders.
Warum das alles? Sachsen ist eines der Bundesländer, das im Bereich digitaler Bildung zu den Vorreitern gehört. Inwiefern, darüber sprechen wir gleich noch etwas detaillierter. Ich freue mich, da mit Ihnen einzutauchen, und würde gern mit den Grundlagen starten.
Sie haben als Bundesland den Digitalpakt Schule genutzt, um die Infrastruktur an den Schulen auf das nächste Level zu heben. Das sind letztlich die Grundlagen, auf denen digitale Bildung überhaupt aufbauen muss. 
Außerdem haben Sie in Sachsen eine eigene Gesamtstrategie „Digitale Schule“, gehen also deutlich darüber hinaus. Deshalb interessiert mich zum Einstieg Ihre Einschätzung: Wie steht es vor allem um die digitale Infrastruktur und die Ausstattung an Sachsens Schulen?
 

Conrad Clemens:
Man muss sagen: Dieser erste Digitalpakt ist eine echte Erfolgsgeschichte. Wir hatten anfangs schon Anlaufschwierigkeiten – in den Jahren 2017, 2018, 2019 war die Ausstattung mit schnellem Internet, digitalen Tafeln, Lehrerendgeräten sowie Tablets und Laptops für Schülerinnen und Schüler an den sächsischen Schulen noch schlecht. Ich glaube, da kann man durchaus auch für viele andere Bundesländer sprechen. Dann gab es aber ein sehr einfaches und unkompliziertes Förderverfahren. Innerhalb relativ kurzer Zeit kann man heute sagen, dass es zumindest in unserem Bundesland fast keine Schule mehr ohne schnelles Internet gibt. Auch digitale Tafeln sind inzwischen weit verbreitet, und überall sind zumindest einige Laptops und Tablets im Einsatz. Das ist wirklich eine Erfolgsgeschichte – gemeinsam getragen von den Kommunen, den Ländern und natürlich auch durch die Mittel des Bundes.
 

Leah Schrimpf:
Sie haben gerade schon angeteasert: Es gibt in Sachsen praktisch keine Schule mehr ohne gutes Internet. Gibt es etwas, bei dem Sie sagen würden, dass Sachsen mit Blick auf Infrastruktur und die Voraussetzungen für digitale Bildung besonders gut aufgestellt ist? Gibt es da etwas, das Ihr Bundesland besonders auszeichnet?
 

Conrad Clemens:
Ja, wir haben nicht nur die Hardware gut umgesetzt, sondern sind auch im Bereich Software ziemlich gut aufgestellt. Ich finde es deshalb auch gut, dass der Digitalpakt 2.0 künftig Softwareförderung ermöglicht. Ich glaube, genau da liegt derzeit der größte Handlungsbedarf an den Schulen in Deutschland.
Ich möchte dazu zwei Beispiele nennen. Zum einen das Programm Bettermarks, das wir als Landeslizenz gekauft haben. Es ist eher ungewöhnlich, dass ein Land ein inhaltliches Programm allen Schulen zur Verfügung stellt. Das ist ein Mathematikprogramm, das mit KI arbeitet und in einer Klasse für 28 Schülerinnen und Schüler 28 unterschiedliche Lernwege ermöglichen kann – etwas, das ein Mathelehrer allein kaum leisten könnte. Für die Lehrkräfte, die es nutzen, ist das eine große Erleichterung.
Das zweite Beispiel ist KAI – unsere sächsische Variante eines datenschutzkonformen KI-Tools. Auch das wird sehr gut angenommen.
 

Leah Schrimpf:
Und gibt es Bereiche, bei denen Sie sagen würden: Das ist in Zukunft ein besonderer Schwerpunkt, da wollen wir im nächsten Schritt noch besser werden?
 

Conrad Clemens:
Ich glaube, eine große Herausforderung für uns alle ist die geteilte Zuständigkeit zwischen inneren und äußeren Schulangelegenheiten. In den Stadtstaaten ist das etwas anders, aber in großen Flächenländern ist es so, dass für die Ausstattung der Schulen mit Hard- und Software die Kommunen als Schulträger zuständig sind.
Ein möglicher Weg wäre aus meiner Sicht, dass man auf Landesebene Mindestanforderungen formuliert. Landeslizenzen sind sehr teuer, aber man könnte beispielsweise gesetzlich regeln, dass es eine Grundausstattung an bestimmter Software an Schulen geben muss. So würden Lehrkräfte nicht an unterschiedlichen Schularten ständig auf neue Programme treffen, und Schulen in weniger gut ausgestatteten Kommunen würden nicht abgehängt.
 

Leah Schrimpf:
Also das Ziel wäre, perspektivisch flächendeckend ähnliche Voraussetzungen für alle Schulen zu schaffen?
 

Conrad Clemens:
Ja, zumindest vergleichbare Voraussetzungen. Natürlich werden die Kommunen zu Recht sagen: Dann müsst ihr das auch finanzieren. Aber dafür gibt es ja Möglichkeiten über den Digitalpakt und andere Finanzierungswege.
Gerade bei Schulverwaltungssoftware – also digitalem Klassenbuch, Notengebung oder Zeugniserstellung – wäre es sinnvoll, das auf breitere Füße zu stellen und Mindeststandards zu garantieren. Wenn wir sagen würden, dass es zumindest eine verlässliche digitale Schulverwaltung geben muss, wäre das ein guter Startpunkt.
Bei inhaltlichen Programmen verstehe ich dagegen, dass es unterschiedliche Präferenzen gibt. Der eine nutzt lieber Moodle, der andere OPAL oder – bei uns – LernSax als Lernplattform. Da muss das Ministerium nicht alles zentral vorschreiben. Aber bei Verwaltungssoftware könnte man Mindestanforderungen durchaus erwarten.
 

Leah Schrimpf:
Sie haben den Digitalpakt 2 gerade schon angesprochen und die Möglichkeiten, die er über den bisherigen Rahmen hinaus eröffnet. Deshalb ganz direkt gefragt: Wie zufrieden sind Sie mit dem Ergebnis, das beim Digitalpakt 2 am Ende herausgekommen ist?
 

Conrad Clemens:
Sachsen hat auf Länderseite in der Bildungsministerkonferenz federführend mitverhandelt. Es war, das muss man sagen, ein zäher Prozess. Es gab im Bundesbildungsministerium innerhalb von zwei Jahren mehrere Wechsel. Trotzdem ist aus meiner Sicht ein gutes Ergebnis entstanden.
Wichtig ist für uns, dass Leistungen, die die Länder im digitalen Bereich ohnehin erbringen, angerechnet werden können. Das ist aus finanziellen Gründen sehr bedeutsam. Ich finde es auch gut, dass der Bund die Förderung fortsetzt. Die Verhandlungen haben lange gedauert, und das hat sich natürlich auch auf Geräte und andere Dinge ausgewirkt. Manche Technik an Schulen geht eben schneller kaputt, als man denkt. Deshalb ist es gut, dass es jetzt weitergehen kann.
Allerdings ist der Digitalpakt 2 noch nicht vollständig in Kraft. Einige letzte Details müssen noch abgestimmt werden. Wir hoffen jeden Monat, dass es endlich losgehen kann, und ich wünsche mir, dass der Bund die letzten offenen Fragen schnell klärt, damit wir das in allen 16 Ländern zügig umsetzen können.
 

Leah Schrimpf:
Das heißt, auch bei Ihnen sitzen die Schulträger und Schulen schon auf heißen Kohlen und warten darauf, wann endlich der erste Euro beantragt werden kann?
 

Conrad Clemens:
Absolut. Es ist ein bisschen so, als würde man das Handy einschalten – und dann heißt es erst einmal: Es muss noch ein Software-Update installiert werden. Und darauf warten wir gerade alle.
 

Leah Schrimpf:
Dass es endlich wieder losgeht – das ist doch ein gutes Stichwort zum Digitalpakt 2. Wir haben gerade auch schon über Technologien gesprochen, die in Sachsen im Einsatz sind, unter anderem KI-Software. Gibt es bestimmte digitale Technologien, bei denen Sie sagen: Da sehen Sie besonders großes Potenzial für die Zukunft digitaler Bildung in Sachsen? Ist das KI oder etwas anderes?
 

Conrad Clemens:
Ja, ich zerbreche mir darüber schon ein wenig den Kopf, weil KI inzwischen in fast allen Berufen einschlägt. Viele fragen sich: Gibt es meinen Job noch? Ist KI eine Erleichterung oder ersetzt sie bestimmte Tätigkeiten? Ich möchte auf keinen Fall, dass so eine Technologie ausgerechnet an der Schule als Letztes ankommt und dort vorbeirollt.
Ich glaube, sehr viele Lehrkräfte nutzen ohnehin schon ChatGPT oder ähnliche Werkzeuge zur Unterrichtsvorbereitung oder für andere Anwendungen. Da muss man sich nichts vormachen.
Ein Großteil der Belastung von Lehrkräften entsteht aus der Vor- und Nachbereitung des Unterrichts. Das zeigt auch unsere Arbeitszeituntersuchung in Sachsen. Wir haben mit 4.000 Lehrkräften die größte Arbeitszeitstudie dieser Art durchgeführt – das sind mehr als zehn Prozent unserer Lehrerinnen und Lehrer. Dabei kam klar heraus, dass gerade die Vor- und Nachbereitung für viele sehr arbeitsintensiv ist, besonders in Prüfungszeiten.
Und genau da kann Software ansetzen. Warum sollen Korrekturen nicht zukünftig durch eine KI unterstützt werden? Natürlich muss man bei handschriftlichen Arbeiten von Schülerinnen und Schülern sehr vorsichtig sein – das ist mir klar. Aber ich glaube, es wird nicht mehr lange dauern, bis es dafür datensichere Lösungen gibt. Dem sollten wir uns nicht verschließen.
Wir sollten jetzt nicht sagen: KI ist aus Datenschutzgründen grundsätzlich nichts für die Schule. Schülerinnen und Schüler werden sowieso damit konfrontiert und nutzen sie privat bereits. Also sollte das Thema auch in der Schule stattfinden. Schule hat im Präsenzunterricht sogar noch mehr Möglichkeiten, gemeinsam zu reflektieren und einzuordnen.
An der Universität sehe ich die größere Gefahr, dass die KI die Seminararbeit schreibt und am Ende vielleicht sogar wieder die Seminararbeit korrigiert. Im Unterricht kann man dagegen viel besser schauen, was tatsächlich gelernt wird. Dort kann KI eine Art Zuarbeit für die Lehrkraft sein und die Arbeit erleichtern.
 

Leah Schrimpf:
Sicherlich auch an der Schnittstelle, die Sie vorhin schon angesprochen haben – also Verwaltungssoftware, Lernmanagementsysteme und ähnliche Strukturen. Wenn man dort auf bestimmte Technologien setzt und sie möglichst flächendeckend etabliert, kann man viele Herausforderungen zumindest abfedern. Vielleicht nicht alle Probleme lösen, aber doch einiges erleichtern.
Ich würde gerne von der Technologie zum Inhaltlichen wechseln. Der Digitalpakt hat ja auch gezeigt – und deshalb gab es im Digitalpakt 2 ein inhaltliches Update –, dass es am Ende nicht nur um Infrastruktur und Technologie gehen kann. Das ist kein Selbstzweck. Es muss auch inhaltlich unterfüttert werden. Und vor allem sind Digitalkompetenzen nicht nur für Schülerinnen und Schüler relevant, sondern auch für Lehrkräfte.
Können Sie uns dazu einen kleinen Einblick geben? Wie funktioniert digitale Bildung im Sinne von Kompetenzvermittlung aktuell in Sachsen? Was sind Ihre Ansätze, Programme, Erfolge und vielleicht auch Lessons Learned?
 

Conrad Clemens:
Informatik ist in Sachsen seit jeher ein sehr wichtiges Fach. Da waren wir vielen Bundesländern voraus. Inzwischen haben einige nachgezogen, aber bei uns ist Informatik schon lange Pflichtfach ab Klasse 7. Das hat sicherlich auch mit einer DDR-Tradition zu tun – und ich finde, das kann man auch als CDU-Politiker ruhig sagen: Die MINT-Fächer haben dort eine wichtige Rolle gespielt und wurden auch im Freistaat Sachsen nach der Wende stark weitergeführt.
Wir haben sehr gute Lehrkräfte, die in diesem Bereich hervorragend ausgebildet sind. Neben der Informatik spielt bei uns aber natürlich auch die Medienpädagogik eine wichtige Rolle. Dafür gibt es bei uns kein eigenes Fach. Baden-Württemberg geht da gerade einen anderen Weg. Wir setzen eher auf einen fächerverbindenden Ansatz.
Das heißt: Medienpädagogik spielt in allen Fächern eine Rolle. Wir haben dafür einen Orientierungsrahmen, der Lehrkräften helfen soll, diesen fächerübergreifenden Ansatz umzusetzen. Also: Wie bringe ich Medienpädagogik in Deutsch, Englisch oder Mathe unter? Wie verbinde ich Fächer sinnvoll? Wie kann ich Themen wie Fake News oder die Funktionsweise von Algorithmen aus verschiedenen Perspektiven beleuchten?
Das kann in Projektwochen passieren, aber auch im regulären Unterricht. Außerdem führen wir im nächsten Schuljahr einen Medienpass ein. Das ist ein kompaktes Modul, das Schulen relativ leicht umsetzen können. Es soll Lehrkräften helfen, nicht jedes Mal alles neu erfinden zu müssen, sondern auf bestehende Materialien und Synergien zurückzugreifen.
Und dann haben wir natürlich auch ein Handyverbot – das will ich nicht verschweigen.
 

Leah Schrimpf:
Gehört das für Sie direkt mit dem Thema Medienkompetenz zusammen?
 

Conrad Clemens:
Ja, sehr sogar. Natürlich muss der Umgang mit digitalen Geräten und Software an der Schule thematisiert werden – mit Blick auf Chancen, aber auch auf Risiken. Der Umgang mit diesen Geräten gehört in die Schule, aber eben in kontrollierter Form.
Wenn Lehrkräfte sagen: Jetzt holt die Handys raus oder wir arbeiten heute mit Tablets, dann ist das völlig in Ordnung. Wenn die Geräte aber zum privaten Gebrauch im Unterricht auf dem Tisch liegen, in Reichweite sind oder auf dem Schulhof dauerhaft genutzt werden, dann hat das aus meiner Sicht negative Auswirkungen auf Konzentration und Sozialverhalten.
Wir haben die private Handynutzung derzeit bis Klasse 4 verboten und wollen perspektivisch bis Klasse 8 gehen. Das geht für mich Hand in Hand: mehr Medienpädagogik, weniger Handy.
 

Leah Schrimpf:
Das würden wir in Teilen durchaus unterstützen: Der sinnvolle Umgang mit digitalen Medien muss gelernt werden und fester Bestandteil des Curriculums sein. Gleichzeitig müssen die Rahmenbedingungen für digitalen Unterricht stimmen.
Ich kenne auch viele Geschichten von Schülerinnen und Schülern, die sagen: Ich brauche mein Handy, um einen Hotspot zu machen, weil das WLAN im Klassenzimmer nicht funktioniert und wir gleichzeitig digital arbeiten sollen. Das sind Voraussetzungen, die gegeben sein müssen, damit man das gut umsetzen kann.
 

Conrad Clemens:
Ja, genau. Und wir sehen, dass da gerade ein Umdenken stattfindet. Sie kennen die Debatte über ein Social-Media-Verbot bis 14. Vor einem Dreivierteljahr haben noch viele nach Australien geschaut und gefragt: Wie soll das funktionieren? Inzwischen ist daraus eine weltweite Debatte geworden.
Und ich vermute, dass wir uns künftig auch noch einmal intensiver über digitale Tafeln und Laptops im Unterricht unterhalten werden. Wir haben diese Geräte eingeführt, und das war auch richtig. Wir wollen nicht zurück zur Kreidezeit. Aber natürlich muss man sich auch fragen: Was bedeutet es, wenn 28 Kinder 45 Minuten lang auf einen flackernden Bildschirm an der Tafel schauen?
Das ist zwar etwas anderes, als wenn ein Bildschirm direkt vor der Nase ist. Aber ich höre auch von Hort-Erzieherinnen und -Erziehern, dass man merkt, wenn die digitale Tafel permanent genutzt wurde – und wie die Kinder dann am Nachmittag im Hort sind.
Wir müssen also vorsichtig sein. Der Enthusiasmus für digitale Bildung ist berechtigt, und ich bin auch dafür, das grundsätzlich positiv zu sehen. Aber trotzdem muss es möglich sein, auch mal ohne Bildschirm miteinander zu sprechen, zusammenzuarbeiten und Geräte bewusst wieder abzuschalten – vielleicht auch die digitale Tafel einfach mal zuzuklappen und Unterricht anders zu gestalten.
 

Leah Schrimpf:
Spannend – also auch die Perspektive, dass man sich künftig noch einmal genauer damit auseinandersetzen will, wie Geräte in der digitalen Unterrichtsgestaltung sinnvoll eingesetzt werden.
Wir sehen weiterhin einen klaren Mehrwert – vor allem dann, wenn digitale Werkzeuge didaktisch und pädagogisch sinnvoll eingesetzt werden. Und dazu gehört eben auch die kritische Auseinandersetzung. Da bleiben wir auf jeden Fall gespannt, was künftig noch diskutiert wird.
 

Conrad Clemens:
Ja, und wenn man sich die Statistiken anschaut, haben Jugendliche heute eine enorme Bildschirmzeit. Wenn man allein die Schulzeit berücksichtigt, hat man manchmal fast den Eindruck: Sobald sie die Schule verlassen, geht das Handy an – und erst abends beim Schlafengehen wieder aus.
Deshalb sollte man aus meiner Sicht nicht davor zurückschrecken, zu sagen: Schulen sind bis zu einem gewissen Alter handyfreie Zonen. Das ist völlig in Ordnung. Man kann dort trotzdem eine gute Zeit haben und verpasst auch nichts.
 

Leah Schrimpf:
Ich möchte zum Schluss noch auf ein letztes Thema eingehen, das wieder ein wenig in Richtung Digitalpakt und Zusammenarbeit mit dem Bund geht. Wir haben beim Digitalpakt 2 erlebt, dass das zum Teil wirklich ein langer Weg war und die Zusammenarbeit zwischen Bund und Ländern bildungspolitisch nicht immer reibungslos funktioniert hat.
Wie ist das aktuell? Wie arbeiten Sie derzeit zusammen – sowohl zwischen den Ländern als auch mit dem Bund –, gerade mit Blick auf die Digitalthemen rund um den Digitalpakt 2?
 

Conrad Clemens:
Ich kann das im Moment nur begrüßen. Die Abstimmung läuft aktuell gut, auch mit der neuen Bildungsministerin Karin Prien. Ich will dabei noch ein anderes Thema hervorheben, bei dem wir derzeit besonders intensiv zusammenarbeiten: die digitalgestützte Schulentwicklung.
Das ist ein Ansatz, der aus Kanada kommt; Estland arbeitet ebenfalls in Teilen damit. In Deutschland gibt es in Hamburg bereits eine etwas abgespeckte Form. Es geht darum, Kompetenzmessungen von Schülerinnen und Schülern über einen längeren Zeitraum digital in einem Dashboard sichtbar zu machen, um datenbasiert reagieren zu können.
Also: Wie entwickeln sich Leistungen und Kompetenzen an bestimmten Schulen, in bestimmten Fächern? Warum sind sie an einer Schule besser und an einer anderen schwächer? Wir sammeln in Deutschland sehr viele Daten – auch an Schulen. Aber wir schauen oft nicht konsequent genug auf das, was eigentlich entscheidend ist: die Kompetenzvermittlung von Schülerinnen und Schülern.
Ein Zeugnis ist auch ein Datumspunkt. Aber eine Eins in Geografie – vielleicht bei einem nicht so guten Lehrer – sagt nicht unbedingt alles über die tatsächlich erworbene Kompetenz aus. Qualität objektiver zu messen und Daten sinnvoll auszuwerten, ist ein Ansatz, den wir in Deutschland jetzt gemeinsam voranbringen wollen.
Ich fände es sehr klug, wenn wir dafür nicht 16 verschiedene Systeme entwickeln würden, sondern gemeinsam vorangehen. Da kann der Bund, da kann auch das IQB, das wir gemeinsam haben, eine positive Rolle spielen. Und man kann viel stärker voneinander lernen. Diesen Prozess kann ich aktuell wirklich nur loben.
 

Leah Schrimpf:
Dann hoffen wir doch, dass daraus ein Positivbeispiel für gute Zusammenarbeit zwischen allen Beteiligten entsteht – und dass am Ende eben nicht 17 verschiedene Systeme für datengestützte Schul- und Unterrichtsentwicklung herauskommen. Das wäre natürlich ein sehr gutes Ergebnis.
Herr Clemens, ich habe noch eine Abschlussfrage, die ich allen Gästen in diesem Podcast zum Ende stelle. Wenn Sie im Sinne digitaler Bildung in Deutschland eine Sache ändern könnten – was würden Sie ändern?
 

Conrad Clemens:
Ich würde Mindestanforderungen für digitale Software an Schulen einführen, sodass wir an verschiedenen Schulen einen vergleichbaren Standard nicht nur bei der Hardware, sondern auch bei der Software vorhalten können.
 

Leah Schrimpf:
Das ist doch ein gutes Ziel und vielleicht gar kein so unrealistischer Wunsch. Ich würde sagen: Da kommen wir perspektivisch vielleicht sogar hin.
 

Conrad Clemens:
Das ist vielleicht untypisch für einen Politiker – aber etwas, das tatsächlich Realität werden könnte.
 

Leah Schrimpf:
Das wäre doch schön. Vielen, vielen Dank, Herr Clemens, für Ihre Zeit hier bei uns im Podcast und für Ihre Impulse sowie die Einblicke in den Status quo digitaler Bildung in Sachsen – bei Infrastruktur, Tools und Kompetenzen. Vielen Dank für Ihre Zeit.