Rede von Martina Koederitz beim Safer Internet Day 2016

Sehr geehrte Herr Minister,
sehr geehrter Herr Staatssekretär,
meine Damen und Herren,

Sie werden belächelt und sie werden verteufelt. Diesen Eindruck bekommt man, wenn man sich die Berichterstattung zu Wearables und Gesundheits-Apps ansieht.

Für die einen sind sie ein Lifestyle-Gimmick, irgendwie nett, aber nutzlos. Ein neues Spielzeug für Hightech-Nerds, mehr nicht. Für die anderen sind sie ein Sicherheitsrisiko, manche entwerfen gar ein Science-Fiction-Horrorszenario vom „Mensch-Maschine-Mischwesen“, vom „Angriff der Körpermesser“, die uns in „Computermenschen“ verwandeln.

Beides ist falsch. Ich möchte Ihnen heute zeigen, warum Wearables und Gesundheits-Apps eine zentrale Rolle in unserem Gesundheitssystem spielen können.

Wearables und Gesundheits-Apps sind längst mehr als eine nette Spielerei für Sportler und Gesundheitsbewusste. Sie motivieren zu mehr Bewegung und unterstützen die Gesundheitsvorsorge. Sie erleichtern chronisch Kranken den Alltag und können die ärztliche Behandlung sinnvoll ergänzen, so manche Routinekontrolle in der Praxis vor Ort ersetzen. Sie zeigen einfach und nebenbei Daten, die ansonsten die behandelnden Ärzte mühsam erheben mussten und die bislang nirgendwo zusammengeführt werden. Körpertemperatur, Blutdruck, Informationen zu Essgewohnheiten oder sportlichem Engagement geben präzise Auskunft zu gesundheitsrelevanten Verhaltensmustern.

Wearables – also Smartwatches, Fitness-Tracker und andere Miniatur-Computer, die man am Körper trägt – sind erst seit wenigen Jahren auf dem Markt und haben sich in kürzester Zeit etabliert. Allein im letzten Jahr lag in Deutschland der Absatz für Smartwatches und Fitness-Tracker bei insgesamt 1,7 Millionen Geräten und generierte Umsätze von 240 Millionen Euro. Es wurden über eine Million Fitness-Tracker in Deutschland verkauft und Gesundheits-Apps sind mittlerweile schon zu zehntausenden auf dem Markt.

Es gibt also zahlreiche neue Datenquellen und die Frage, die wir uns stellen sollten, lautet: Wie können wir diese Daten zur besseren Gesundheitsvorsorge des Einzelnen und zum Wohle aller nutzbar machen?

Die medizinische Versorgung ist eine der wesentlichen Kennzahlen bei der Messung der Lebensqualität in einem Land. Deutschland steht weltweit noch ziemlich gut da. Aber auch uns stellen sich enorme Herausforderungen. Der Anteil der Pflegebedürftigen und chronisch Kranken wird sich in den kommenden Jahrzehnten vervielfältigen. Die Anzahl der Ärzte und Krankenschwestern wird nicht im selben Maß steigen. Bereits heute haben wir in ländlichen Gebieten medizinische Unterversorgung. Wir müssen Wege finden, dieses Missverhältnis auszugleichen. Wearables und Gesundheits-Apps können hierbei einen wichtigen Beitrag leisten, weil sie den Benutzern ein genaues Bild vermitteln können. Wer sich selbst –natürlich selbstbestimmt – überwachen kann, der kann präziser vorbeugen und sich dadurch manchen Arztbesuch sparen.

Wearables und Apps können natürlich keinen Arzt ersetzten, aber die Zahl der Arztbesuche verringern. Die technischen Voraussetzungen sind längst da, aber die rechtlichen werden zu langsam geschaffen. Erst jüngst hat die Bundesärztekammer neu definiert, wann eine Fernbehandlung möglich ist. Das ist sehr zu begrüßen, denn Routinemessungen und Nachuntersuchungen machen einen beträchtlichen Anteil an den Behandlungen in deutschen Arztpraxen aus.

Das entlastet dann den Patienten, der sich den regelmäßigen Gang in die Praxis erspart, das entlastet seinen behandelnden Arzt, der plötzlich wieder Kapazitäten frei hat. Das entlastet aber vor allem auch unser Gesundheitssystem. Nicht aus Zufall subventionieren erste Krankenversicherungen den Kauf vom Wearables.

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Martina Koederitz

Vorsitzende der Geschäftsführung IBM Deutschland GmbH

Nun ist App nicht gleich App und auch die Fitness-Tracker weise große Qualitätsunterschiede auf. Verbraucher sollten bei der Auswahl darauf achten, wie Testberichte oder Empfehlungen seriöser wissenschaftlicher Einrichtungen ausgefallen sind. Auch deshalb sprechen wir heute über die Initiative der EU-Kommission, einen Kodex für sichere mHealth-Apps auf den Weg zu bringen. Die Verbraucherinnen und Verbraucher erwarten zu Recht Orientierungshilfen.

Uns allen muss klar sein: Es geht um sensible Daten, die intimsten, über die ein Mensch verfügt.

Schauen wir uns dazu kurz die wichtigsten Ergebnisse der jüngsten repräsentativen Bitkom-Umfrage an.

Eine knappe Mehrheit aller Befragten ist sich der Vorzüge der digitalen Gesundheitshelfer bewusst. Rund die Hälfte erhofft sich bessere Früherkennung von Krankheiten und Therapiemöglichkeiten durch die Analyse ihrer Gesundheitsdaten.

Entsprechend offen sind die Befragten auch für deren Weitergabe. Allerdings scheint das stark vom persönlichen Vertrauensverhältnis abzuhängen. Ihrem Hausarzt würden drei Viertel aller Deutschen Gesundheitsdaten übermitteln, der Krankenkasse dagegen nur rund ein Drittel.

Der Wunsch, die Hoheit über die eigenen Daten zu behalten, ist ausgeprägt. Knapp 90 Prozent hätten gerne direkten Zugang zu ihren Gesundheitsdaten, die in Arztpraxen, Kliniken oder anderen Gesundheitseinrichtungen anfallen. Umgekehrt haben vier von zehn die Sorge, dass ihre Daten in die falschen Hände geraten könnten bzw. missbraucht werden.

Selbstverständlich sind Vorbehalte in einem so hochsensiblen Bereich nachvollziehbar. Und selbstverständlich müssen wie bei anderen telemedizinischen Anwendungen Datensicherheit und Datenschutz bei Gesundheits-Apps an oberster Stelle stehen.

Aber: Eine vernetzte Gesundheitsversorgung erreichen wir nicht ohne ein grundsätzliches Umdenken in der Datenpolitik. In Deutschland verfahren wir nach dem Prinzip der Datensparsamkeit, d. h. wir streben an, dass wir nur so viele Daten von uns verarbeiten lassen, wie für einen bestimmten Zweck unbedingt erforderlich. Indem wir möglichst wenig Datenverarbeitung zulassen, möchten wir einen Missbrauch der Daten oder auch nur unerwünschte Effekte für uns verhindern. Ob dieses Konzept heute noch in dieser Absolutheit sinnvoll ist und geeignet ist, moderne Datenverarbeitung zu regulieren, muss überdacht werden.

Wenn wir die Daten nicht verarbeiten, tun es andere dann auch nicht? Müssen wir nicht vielmehr versuchen, die Chancen der neuen datenverarbeitenden Technologien zu nutzen und hierfür regulatorische Bedingungen zu schaffen, die Missbrauch verhindern, aber Innovation grundsätzlich erlauben?

Damit wir uns nicht falsch verstehen. Persönliche Daten müssen grundsätzlich unter Schutz stehen. Das heißt aber nicht, dass man sie komplett abschirmen soll. Vielleicht sollten wir es dem Verbraucher zutrauen, dass er selbst die richtige Entscheidung für sich trifft, wenn er verlässliche Informationen über seinen persönlichen Nutzen und die Risiken erhalten hat.

Zur Aufklärung und zur Vertrauensbildung gehört auch, dass wir konkrete Fragen beantworten. Wer darf, wer muss vielleicht sogar auf Ihre Gesundheitsdaten zugreifen können? Der Arzt, die Apotheke, die Krankenkasse? Der Arbeitgeber? Dürfen Behörden und Versicherungen im Fall der Fälle darauf zugreifen?

Die Antwort ist ganz einfach: Wir schaffen mehr Transparenz und überlassen es dann dem Einzelnen, wem er zu welchem Zweck seine Daten freigibt. Der Nutzer soll im Zentrum stehen und die Kontrolle behalten. Daten haben einen enormen Wert in der digitalisierten Welt, aber für manche sind sie mehr wert als für andere. Ein chronisch Kranker wird ein größeres Interesse daran haben, aus seinen Gesundheitsdaten die bestmögliche Analyse herauszuholen als ein chronisch Gesunder. In unserer Umfrage haben 93 % der chronisch Kranken angegeben, ihre Daten aus Fitnesstrackern mit ihrem Arzt teilen zu wollen. Für diese Menschen sind Wearables und Gesundheits-Apps kein Nice-to-have, sondern ein Stück mehr Lebensqualität und sogar Lebensverlängerung. Wieso sollten wir also für Millionen unterschiedlicher Fälle eine einheitliche Gesetzgebung von oben betreiben? Weniger Regulierung ist manchmal mehr und digitale Selbstbestimmung das entscheidende Leitbild.

Vielen Dank.

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