Standortbestimmung: Wie digital sind Deutschland und Europa?

Wo steht Deutschland in puncto Herstellung, Prüfung, Anwendung und Schutz digitaler Technologien, Dienste und Plattformen? World Economic Forum (WEF), Europäische Kommission und Bundeswirtschaftsministerium haben jeweils umfassende Untersuchungen zur digitalen Leistungs- und Handlungsfähigkeit durchgeführt und Kennziffern zusammengetragen. Das WEF führt die Kennziffern in einem so genannten »Network Readiness Index« (NRI) zusammen, die Europäische Kommission spricht von einem »Digital Economy and Society Index« (DESI), das Bundeswirtschaftsministerium von einem Index der »Globalen Leistungsfähigkeit der Digitalwirtschaft« und einem »Branchenindex DIGITAL«.

Bitkom Research entwickelt derzeit gemeinsam mit dem Wissenschaftlichen Institut für Infrastruktur und Kommunikationsdienste (WIK) im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums einen »Index der Digitalisierung und Intelligenten Vernetzung«. Erste Ergebnisse werden zur Jahresmitte 2015 vorliegen.

Die verfügbaren Indizes berücksichtigen, bei jeweiligen Unterschieden im Detail und der Gewichtung, eine Reihe an Parametern aus dem wirtschaftlichen und meist auch gesellschaftlichen und staatlichen Bereich – von Produktions- und Nachfrageaspekten über den ordnungsrechtlichen Rahmen, Bildung und Forschung bis hin zu Infrastrukturen. Unter dem Strich ähneln sich die Ergebnisse. Deutschland rangiert demnach wie folgt:

  • Rang 12 von 144 Ländern weltweit beim Network Readiness Index des WEF.
  • Rang 10 von 28 EU-Mitgliedsländern beim Digi- tal Economy and Society Index der Europäischen Kommission.
  • Rang 5 von 15 ausgewählten Ländern beim Index der Globalen Leistungsfähigkeit der Digitalwirtschaft des Bundeswirtschaftsministeriums.

Bild zum Ansprechpartner

Dr. Joachim Bühler

Mitglied der Geschäftsleitung Politik & Wirtschaft Bitkom e.V.
  DESI 2015 WEF 2014 BMWi 2014
1 Dänemark Finnland USA
2 Schweden Singapur Südkorea
3 Niederlande Schweden Großbritannien
4 Finnland Niederlande Japan
5 Belgien Norwegen Deutschland
6 Großbritannien Schweiz Finnland
7 Estland USA Dänemark
8 Luxemburg Hong Kong SAR China
9 Irland Großbritannien Niederlande
10 Deutschland Südkorea Frankreich
11 Litauen Luxemburg Brasilien
12 Spanien Deutschland Italien
13 Österreich Dänemark Spanien
14 Frankreich Taiwan, China Polen
15 Malta Israel Indien

Regionale ITK-Nachfrage in Milliarden Euro

Den für unsere Zwecke besten Vergleich bietet der DESI der Europäischen Kommission. So fehlen in der Vergleichsgruppe des Bundeswirtschaftsministeriums fünf der zehn Spitzenländer des Network Readiness Index. Andererseits kann die Vergleichsgruppe des NRI mit allen Ländern Afrikas, Lateinamerikas oder der arabischen Welt sicherlich nicht den Maßstab bilden, an dem sich eine der führenden Wirtschaftsnationen orientieren sollte.

Innerhalb Europas gibt es ein stark ausgeprägtes Nord- Süd- und West-Ost-Gefälle. Die digitale Handlungsfähigkeit ist im Norden Europas, also den skandinavischen und baltischen Staaten deutlich höher ausgeprägt als im Süden Europas, also den mediterranen Staaten. Gleichzeitig nimmt sie von West nach Ost ab.

Auf Basis der vorliegenden Studien und Indizes stellen wir fest, dass Deutschland eine Position im Mittelfeld der internationalen Vergleichsgruppen hinsichtlich seiner digitalen Wettbewerbs- und Handlungsfähigkeit einnimmt. Aus Sicht des Bitkom ist dies unbefriedigend. Es ist dringend darauf hinzuwirken, diese Situation zu verbessern. In den relevanten Bereichen ist jeweils eine Position unter den fünf stärksten Ländern anzustreben.

Leitnachfrager nach digitalen Technologien sind Deutsch- land und die EU nicht. Die ITK-Nachfrage privater, gewerblicher und öffentlicher Nutzer wächst in der EU seit Jahren schwächer als in jeder anderen Region der Welt mit Ausnahme Japans. Die durchschnittlichen Wachstumsraten in Deutschland und der EU lagen in den letzten Jahren zwischen 0 und 2 Prozent, in den USA zwischen 3 und 6 Prozent, in China und Indien zwischen 8 und 12 Prozent.

Eine Trendwende ist nicht absehbar. Setzt sich diese Entwicklung fort, werden Gesellschaft, Wirtschaft und Verwaltung in der Digitalisierung noch weiter zurückfallen.

Was die Leistungsfähigkeit der Digitalwirtschaft angeht, muss es in Deutschland und Europa wesentlich mehr Flaggschiffe mit weltweiter Bedeutung geben. Von den hundert in globalem Maßstab führenden Unternehmen im Kern der ITK haben lediglich neun ihren Sitz in Europa, davon zwei in Deutschland. Große, international führende Unternehmen sind der Kern eines funktionierenden, digitalen Ökosystems.

Tabelle 1: Ranking der Top IT-Unternehmen 2012

IT-Services   Software Communications equipment & services IT-Hardware
1. IBM 11. Lockheed Martin 1. Microsoft 1. Cisco 1. HP
2. HP 12. T-Systems 2. IBM 2. Ericsson 2. Canon
3. Fujitsu 13. CGI 3. Oracle 3. Huawei 3. Dell
4. Accenture 14. NEC Corporation 4. SAP 4. Alcatel Lucent 4. Ricoh
5. NTT Data 15. Dell 5. Symantec 5. NSN 5. IBM
6. Hitachi 16. Infosys 6. EMC 6. NEC Corporation 6. Hon Hai Precision
7. CSC 17. Deloitte 7. CA Technologies 7. ZTE 7. EMC
8. Cap Gemini 18. EMC 8. Adobe 8. Panasonic 8. Xerox
9. Tata Consultancy 19. Wipro 9. HP 9. Qualcomm 9. Epson
10. Atos 20. Xerox 10. Intuit 10. Motorola Solutions 10. Toshiba
PCs, laptops, and tablets Handsets Consumer electronics Semiconductors Semiconductors
1. Apple 1. Samsung 1. Samsung 1. Samsung 1. TE Connectivity
2. HP 2. Apple 2. Sony 2. Intel 2. Panasonic
3. Lenovo 3. Nokia 3. LG 3. Texas Instruments 3. SamsungElectro-Mechanics
4. Dell 4. HTC 4. Canon 4. Qualcomm 4. Murata
5. Samsung 5. LG 5. Nikon 5. Toshiba 5. Sony
6. Acer 6. Sony 6. Panasonic 6. SK Hynix 6. TDK
7. Asus 7. Huawei 7. Nintendo 7. STMicroelectronics 7. Amphenol
8. Toshiba 8. Research in Motion 8. Microsoft 8. Renesas 8. Molex
9. Fujitsu 9. Google 9. TCL Multimedia 9. Micron 9. Alps Electronics
10. Panasonic 10. ZTE 10. Sharp 10. Broadcom 10. Kyocera

Neben großen, international starken Unternehmen kommt innerhalb eines funktionierenden Ökosystems jungen Unternehmen eine herausragende Bedeutung zu. Von ihnen kommen gerade in der digitalen Welt die besonders innovativen und disruptiven Technologien. Die Entwicklung international erfolgreicher Start-ups leidet speziell in Deutschland unter einem eklatanten Mangel an verfügbarem Gründungs- und Wachstumskapital.

Stark steht die deutsche Digitalwirtschaft vor allem im Vergleich zu anderen großen Ländern des EU-Raums da. Stützt man sich allgemein auf Patentmeldungen als Innovationsindikator für die Digitalwirtschaft, so ist Deutschland ebenso leistungsstark wie Frankreich, Italien, Spanien und das Vereinigte Königreich zusammen. Insbesondere mit Blick auf die USA und Japan, aber auch proportional verglichen mit skandinavischen Ländern oder der Schweiz liegt Deutschland deutlich zurück. Neben der Kapitalausstattung junger und besonders wachstumsstarker Unternehmen bereitet die schlechte Verfügbarkeit von Fachkräften Sorgen. Der größte strukturelle Nachteil ergibt sich aber aus der starken Fragmentierung der europäischen Märkte. Wachstum im Heimatmarkt zu auch international relevanter Größe ist damit, anders als insbesondere in den USA, faktisch unmöglich. Weitere Details zu Stärken und Schwächen des Digitalstandorts Deutschland ergeben sich aus dem Länderprofil Deutschland des WEF (siehe Anlage).

Diesen Beitrag teilen