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3 Fragen an Jörg Land

Der Geschäftsführer von Sonormed GmbH zur Situation deutscher Start-ups im Gesundheitswesen

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„ Wir müssen gangbare Wege finden, beispielsweise auch beim Datenschutz, wenn wir mithalten wollen. “

Die Bürger sind offen für mehr Digitalisierung in der Medizin und im Gesundheitswesen, euer Start-up und viele andere entwickeln entsprechende Lösungen. Warum gibt es trotzdem noch so wenige Angebote? Liegt es an Ärzten, Krankenkassen oder der Politik, dass wir hier noch nicht weiter sind?

Es liegt in erster Linie an der Komplexität des Systems, das von den Abhängigkeiten der verschiedenen Beteiligten geprägt ist. Je komplexer die Zusammenhänge, desto mehr Zeit braucht es neue Dinge umzusetzen und zu integrieren. Und Zeit ist genau das, was Innovationstreibern, die oft mit geringen finanziellen und personellen Ressourcen arbeiten, fehlt. Der Innovationsfond der Bundesregierung wird allein nicht ausreichen, um die Start-Up-Szene im Bereiche Medizin/Gesundheit voranzubringen. Solange die Entscheidungszyklen deutlich länger sind als die Innovationszyklen wird das Problem nicht gelöst. Wenig förderlich ist dabei auch der Umstand, dass die Diskussion in Deutschland eher aus Sicht der Risiken statt der Chancen geführt wird. Trotzdem gibt es bei genauerem Hinsehen durchaus offene Krankenkassen, Facharztverbände und Politiker. Leider ist das aber noch nicht die Mehrheit. Persönlich gehe ich davon aus, dass sich mittelfristig Einheiten bilden werden, die Know-how aggregieren und einen strukturierten Marktzugang schaffen, der Innovationen ins System bringt.

Die gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion hat im Bitkom-Interview gesagt, es gebe im Gesundheitsbereich keine Überregulierung, was Start-ups betrifft. Wie sind eure Erfahrungen als Health-Start-up?

Ich glaube auch nicht, dass wir überreguliert sind. Was fehlt, sind verbindliche Standards nach denen Innovationen entwickelt und bewertet werden. Medizinprodukteregulierung, IT-Sicherheit und Datenschutz sind wichtig und richtig. Trotzdem braucht es auch ein maßvolles Auge für eine realistische Umsetzung. Immer wenn ich in Boston bin, staune ich über die Umsetzungsgeschwindigkeit dort. Wir müssen gangbare Wege finden, beispielsweise auch beim Datenschutz, wenn wir mithalten wollen. Andernfalls können Marktakteure in anderen Ländern einen so deutlichen Entwicklungsvorsprung aufbauen, dass uns nichts anderes übrig bleibt als diese Innovationen später zu importieren und zu nutzen. Damit vergeben wir jede Chance für unseren Standort mit seiner reichen Geschichte in der Pharma- und Medizintechnik.

Als Start-up haben wir am eigenen Leib erfahren, dass der Aufbau der Strukturen und Prozesse nach dem Medizinproduktegesetz sehr aufwändig ist. Heute profitieren wir von dieser Vorarbeit, die uns in vielen Bereichen voranbringt. Auf der anderen Seite sind wir sehr oft die erste digitale Innovation, die z.B. von einer Krankenkasse erstattet wird. Hier merkt man, dass die Einigung auf verbindliche Standards zu Verzögerungen und aufwändigen Doppelprüfungen führt. Das kostet beide Seiten viel Zeit und Geld.

Hand aufs Herz: Kann die App auf dem Smartphone wirklich den Besuch in der Arztpraxis ersetzen?

Nein, und die Diskussion führt auch in die falsche Richtung. Es geht in vielen Bereichen eher um Monitoring, Diagnostikunterstützung oder ein Folgegespräch mit dem Arzt via Videosprechstunde. Dies kann die Arbeit der Mediziner deutlich erleichtern und die Patienten profitieren davon, weil sie schneller Hilfe bekommen oder mehr Verantwortung für ihr Wohl übernehmen können. Die Digitalisierung im Gesundheitssystem kann einen großen Beitrag zur Effizienzsteigerung leisten. Das ist dringend erforderlich, wenn die Kosten in der Versorgung weiter steigen.