04.12.2015 eHealth-Studie: Ärzte öffnen sich digitalen Innovationen

Jahrelang standen Ärzte der Digitalisierung im Gesundheitswesen überwiegend skeptisch und ablehnend gegenüber: Der „neumodische Trend“ wollte so gar nicht zur traditionellen Vorstellung von einer angemessenen Arzt-Patient-Beziehung passen; vor allem aber schwangen sich die Modernisierungs-Ängstlichen zu Wortführern auf. Das Zögern und Zaudern hat spürbare Folgen: Andere OECD-Staaten haben uns auf dem eHealth-Sektor längst überholt, Deutschland hinkt ein volles Jahrzehnt hinterher.

Doch nun weht ein frischerer Wind durch das Land: Die kürzlich erschienene eHealth-Studie „Ärzte im Zukunftsmarkt 2015“ zeigt, dass die Ärzte ihre initialen Bedenken und Berührungsängste mehrheitlich abgelegt haben. Und das gilt beileibe nicht nur für die jüngeren Arztgenerationen. Quer durch alle Altersschichten hinweg öffnen sie sich digitalen Innovationen und zeigen sich interessiert an den neuen Möglichkeiten.

Gestern unvorstellbar, morgen in den Leitlinien

Der aktuelle Sinneswandel lässt sich besonders gut an der Beurteilung therapieunterstützender Apps ablesen: Fast jeder zweite Arzt geht fest davon aus, dass die kleinen Dienstprogramme für Smartphones und Tablets innerhalb der nächsten zehn Jahre in die Leitlinien aufgenommen und damit zum medizinischen Standard zählen werden. Das ist eine beachtliche Veränderung: Gerade mal ein Jahr zuvor hatten immerhin noch zwei Drittel der Ärzte grundsätzlich bezweifelt, dass Apps den Gesundheitszustand von Patienten überwachen oder sich in dieser Funktion durchsetzen könnten.

Auch neuen Kommunikationsformen stehen die Ärzte offen gegenüber: So können sich zwei Drittel der Studienteilnehmer Videokonsile mit Kollegen gut vorstellen oder nutzen diese sogar schon. Auch die Videokommunikation mit Pflegediensten ist für einen großen Teil der Ärzte eine denkbare Option. Und immerhin ein Drittel kann sich sogar vorstellen, auf diese Weise mit Patienten zu kommunizieren.

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Dr. Peter Müller

Zitat

„Ärzte setzen sich mittlerweile sehr differenziert mit den Möglichkeiten und Grenzen digitaler Innovationen auseinander. Eine erfreuliche Entwicklung.“

Dr. Peter Müller, Vorsitzender des Vorstands der Stiftung Gesundheit

Realistische Erwartungen

Besonders erfreulich ist, dass die Ärzte über digitale Innovationen nicht pauschal urteilen, sondern sich sehr differenziert mit den Möglichkeiten und Grenzen auseinandersetzen. Das größte Potenzial von eHealth liegt für sie in der Versorgung von Patienten in größerer räumlicher Entfernung sowie in der Einführung von Systemen zur Arzneimittelsicherheit, die die Patientensicherheit verbessern. Dagegen erwarten die Studienteilnehmer keine Verbesserungen für den eigenen Arbeitsalltag und die Zufriedenheit von Ärzten und Praxispersonal, ebenso wenig wie positive Effekte auf die Therapietreue.

Wo steckt die wahre Innovationsbremse?

Nun wird es spannend: Die Ärzte haben ihre konservative Haltung mehrheitlich aufgegeben und zeigen sich offen für neue Entwicklungen. Der Weg für mehr eHealth im deutschen Gesundheitswesen wäre damit eigentlich frei. Allerdings gibt es ja auch noch Körperschaften, die sich routinemäßig gegen jede Veränderung wenden. Sollten die digitalen Innovationen also trotz der neuen Haltung der Ärzteschaft weiterhin nur stockend Einzug in die medizinische Versorgung halten, täte die Politik gut daran, sich um die wahren Innovationsbremsen zu kümmern. Denn zehn Jahre Verzug beim Verbessern von Versorgung, Lindern von Leiden und dem Schützen von Leben bedeutet bereits immensen Schaden. Der sollte nicht noch weiter wachsen.

  • Für die Studienreihe „Ärzte im Zukunftsmarkt Gesundheit“ befragt die Stiftung Gesundheit seit 2005 jedes Jahr niedergelassene Ärzte in Deutschland sowohl zu wiederkehrenden als auch aktuellen Themen. Die aktuelle Ausgabe 2015 zum Thema eHealth entstand in Zusammenarbeit mit Bitkom.

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