13.03.2015 Sternstunden des Streaming

Stefan Zweig beschreibt in seinen „Sternstunden der Menschheit“ neben den großen auch scheinbar beiläufige Ereignisse, die von den meisten Zeitgenossen kaum wahrgenommen wurden, tatsächlich aber wegweisend für die Geschichte waren. Hätte Zweig in unserer Zeit gelebt, dann wäre der 12. April 1981 (erster PC), der 30. April 1993 (Start des Internet), mit Sicherheit aber auch der 14. Februar 2005 dazugekommen.

In der Tradition schönster Gründerromantik ging damals die Domain YouTube.com über einer Pizzeria im Silicon Valley zum ersten Mal online. Als erstes YouTube-Video gilt eine 19 Sekunden lange wackelige Aufnahme mit dem Titel „Me at the zoo“, das Jawed Karim, einen der Gründer, dabei zeigt, wie er vor einem Elefantengehege das Verhalten der Dickhäuter erklärt. Das Video wurde inzwischen mehr als 17 Millionen Mal angeschaut. Wackelbilder dominierten noch zu Beginn der Youtube-Ära. Und natürlich werden sie wohl nicht aussterben. Allerdings nehmen professionelle Angebote immer mehr zu und machen das Portal zu einer ernsthaften Konkurrenz für das herkömmliche Fernsehen. Kaum ein Unternehmen oder eine Organisation, die nicht über einen eigenen Kanal verfügt. Die Zuschauerzahlen haben längst die Milliarden-Schallmauer durchbrochen. Der Rapper Psy liegt derzeit mit seinem Video zu „Gangnam Style“ bei über zwei Milliarden. Ein weiter Weg von den Elefanten. Das zahlt sich auch für die Anbieter aus. Der Umsatz mit Werbung im direkten Umfeld von Videostreaming ist in Deutschland im Jahr 2014 um 17 Prozent auf 240,6 Millionen Euro gestiegen.

Streaming-Angebote verändern die Fernsehgewohnheiten. Jeder wird sein eigener Programmdirektor, der entscheidet, wann und wo er was sehen will. Niemand muss mehr schnell nach Hause, weil die Lieblingssendung anfängt. Sechs von zehn Streaming-Nutzern (59 Prozent) sagen, dass sie sich grundsätzlich nicht unter Zeitdruck setzen, um zu bestimmten Sendungen rechtzeitig einzuschalten. Gut 13 Millionen Bundesbürger ersetzen das klassische Fernsehen ganz oder teilweise durch Streaming-Angebote. Danach schaut laut eigener Aussage fast jeder zweite Streaming-Nutzer (44 Prozent) weniger Fernsehen über Kabel oder Satellit, seitdem er Videoinhalte im Internet ansteuert. Fast jeder Fünfte (18 Prozent) würde künftig sogar komplett auf klassisches Fernsehen verzichten.

Das lineare Fernsehen ist deswegen noch längst nicht tot. Auch dort steigt die Sehdauer, wenn auch moderater. Im Jahr 2014 sah jeder Deutsche im Durchschnitt 221 Minuten pro Tag fern. Das sind 13 Minuten mehr als noch 2007. Die überwältigende Mehrheit der TV-Besitzer (86 Prozent) kann und will auf ihr Gerät auch gar nicht verzichten. Aber sie sind ihm auch nicht mehr auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Youtube & Co. sei Dank.

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Marcel Bertsch

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