15.03.2015 Schumpeters Freudenfest

Prof. Kempfs Eröffnungsrede zur CeBIT 2015 im Wortlaut.

d!conomy. Darum geht es in den kommenden fünf CeBIT-Tagen. Für den wohl bedeutendsten Volkswirt der Geschichte, Joseph Schumpeter, wäre diese CeBIT wohl ein Freudenfest. Hier dreht sich alles um Disruption. Nicht um die Disruption einiger Produkte, Prozesse oder Unternehmen. Diesmal geht es um disruptive Entwicklungen unserer gesamten Wirtschaft.

„Alles was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert“, das sagten Sie, verehrte Frau Bundeskanzlerin vor einigen Jahren. Ja, in der Wirtschaft wird kaum ein Stein auf dem anderen bleiben. Das gilt nicht nur für die Fertigungsbetriebe, die sich zur Industrie 4.0 wandeln, oder für die Automobilhersteller, die mit autonomen Fahrzeugen zu intermodalen Mobilitätsdienstleistern werden. Es gilt vermutlich auch für Europas Ärzte, die schon bald mit telemedizinischen Gesundheitszentren in Asien konkurrieren werden oder für Banken, die sich gegen die Abwicklung des Online-Zahlungsverkehrs durch Web-Dienste auf der einen und gegen freche Fintech-Start-ups auf der anderen Seite wehren müssen. Was beim stationären Handel begann, wird vermutlich beim Handwerker nicht enden.

In der d!conomy gibt es neue Preisbildungsmechanismen für Handwerkerleistungen über Reverse Auctions wie z.B. von MyHammer. Zugegeben: Die helfen natürlich nur, wenn Sie überhaupt einen Handwerker finden. Aber: glauben wir wirklich, dass der Konkurrent des Handwerkers auch in 10 Jahren noch der Handwerker von nebenan ist? Oder können wir uns vorstellen, dass neue Technologien Handwerk und Dienstleistung in ihrer Kernkompetenz angreifen? Können wir uns z.B. vorstellen, dass Sitzmöbel künftig nicht vom Möbelschreiner gefertigt, sondern vom Printshop an der Ecke im 3-D-Druck „gedruckt“ werden? Dann wird plötzlich der Druckerhersteller im Verbund mit dem, der die umfangreichste Formendatenbank im Internet anbietet, zum Wettbewerber.

Die digitale Revolution findet eben nicht nur im Großen statt, in der Industrie 4.0 und dem autonomen Fahrzeug. Sie findet ihre Fortsetzung in der Smart Service Welt (der Hinweis auf die Veröffentlichung der acatech sei an dieser Stelle erlaubt) und sie wird im Kleinen stattfinden, beim Händler in der Innenstadt und dem Handwerker um die Ecke.

So groß die Herausforderungen auch sind: Die d!conomy ist nichts, wovor wir uns in Deutschland besonders fürchten müssten. Wir haben einen herausragend guten Maschinenbau, die stärksten Automobilhersteller, beeindruckend leistungsfähige Logistiker und Retailer und eine führende Medizintechnik, um nur einige der Vorzeigebranchen zu nennen.

Wir müssen den Ehrgeiz haben, die strategischen und besonders innovativen Technologien und Dienste hierher nach Deutschland und Europa zu holen, sie hier zu entwickeln und sie von hier in die internationalen Märkte zu tragen. Im B2C-Geschäft wird das schwierig. Aber weshalb soll dies einem Exportweltmeister im B2B-Geschäft nicht gelingen? Wir müssen vom Leitnachfrager zum Leitanbieter werden. Wir wollen mit zu den Gewinnern einer d!conomy zählen. Auch das ist ein Stück digitaler Souveränität!

Dazu brauchen wir fünf Dinge:

  1. Intelligente Netze, die leistungsfähigsten Infrastrukturen der Welt: für Verkehr, Energie, Industrie, Verwaltung, Gesundheitswesen, Bildung. Super-Breitband in der Fläche.
  2. Eine moderne Datenpolitik. Sie muss das überkommene Prinzip der Datensparsamkeit ersetzen durch eine sinnvolle und wertvolle Kombination aus Datenreichtum und hohem Schutz personenbezogener Daten. Nicht nur in Deutschland – sondern weltweit. Das geht! Es braucht nur deutlich anspruchsvollere Lösungen als Datensparsamkeit.
  3. Ein zeitgemäßes Bildungssystem. Weshalb ist Informatik nur in zwei Bundesländern Pflicht? Die d!conomy kann nur funktionieren, wenn wir die Leute haben, die sie verstehen, gestalten und entwickeln können.
  4. Leistungsfähige, schnell wachsende und international orientierte Tech-Start-ups. Wir müssen gründen, wachsen und internationalisieren so einfach wie möglich machen. Ein Start-up zu gründen und zu führen ist noch zu kompliziert, wenn ein Gründer zuerst mal eine mehr als 60-seitige Verwaltungsanweisung lesen muss, um seine erste Reisekostenabrechnung richtig auszufüllen, oder den Inhalt von 30 Arbeitsstättenrichtlinien beachten muss, um sich verordnungsgerecht zu verhalten. Da hilft es auch nicht, wenn wir ihn damit beruhigen, dass diese Richtlinien sukzessive durch Arbeitsstättenregeln ersetzt werden.
  5. Ein echter digitaler Binnenmarkt. Die Zerklüftung des europäischen Markts ist der größte strukturelle Nachteil gegenüber den USA und China. Ein echter digitaler Binnenmarkt mit EU-weit einheitlichen Bedingungen vom Daten- und Verbraucherschutz bis zur Besteuerung würde uns sehr viel näher an die USA und China bringen.

Im Mittelpunkt einer Messe wie der CeBIT muss natürlich die Wirtschaft stehen. Aber Wirtschaft ist ja kein Selbstzweck. Wirtschaft schafft Wohlstand und legt die Grundlagen staatlicher Handlungsfähigkeit. Wirtschaft hat vor allem eines: einen gesellschaftlichen Auftrag. Dies gilt für die d!conomy um ein Vielfaches mehr als für die Wirtschaft der analogen Welt.

In der analogen Welt waren Berufliches und Privates, Job und Freizeit weitgehend getrennt. Es gab Arbeitstage und arbeitsfreie Tage, und nichts dazwischen. Der Arbeitgeber stellte einen Arbeitsplatz. Dort gab es klare Hierarchien, die Position in der betrieblichen Hierarchie war oft, zu oft, am Stockwerk erkennbar. Das Leben hatte scharf umrissene Phasen: Auf Ausbildung oder Studium folgte ein Job, den man 40 Jahre ausübte. Und jetzt?

Die Grenzen verschwinden. Verbraucher werden zu Prosumern, Leser werden zu Autoren, Kunden und Käufer werden zu Crowd Fundern, das Einzelbüro geht auf im Open Space, die Küche wird zum Home Office. Die über Jahrhunderte gelernte Choreographie des Lebens wird von der d!conomy vollständig aufgebrochen, und das in gerade einmal einer Generation.

Wir müssen die Menschen künftig besser mitnehmen. Wir müssen die d!conomy besser erklären. Und es muss auf populistische Angstmache verzichtet werden. Ja, Vorratsdatenspeicherung ist intensiv zu diskutierten und das Für und Wider mit Blick auf die Bekämpfung von Terrorismus und schwerster organisierter Kriminalität müssen sehr sorgfältig abgewogen werden. Aber eine mit Augenmaß ausgestaltete und eng begrenzte Vorratsdatenspeicherung bedeutet nicht das Ende bürgerlicher Freiheit. Ja, ich weiß um die Entscheidung der FCC zur Netzneutralität. Netzneutralität ist natürlich ein wertvolles und schützenswertes Gut. Wie glauben wir aber, dass wir den Internet-Datenverkehr einer vernetzen Produktion in der Industrie 4.0 ohne Qualitätsdienste auf die Reihe bekommen? Und wie viele von uns würden sich beruhigt in ein autonom fahrendes Automobil setzen, wenn sie wüssten, dass der Datenaustausch mit anderen Fahrzeugen im fließenden Verkehr im sog. „Best-Effort-Internet“ von statten ginge?

Wir müssen die Notwendigkeit und den Nutzen von Qualitätsdiensten im Internet einfach besser und überzeugender erklären! Und natürlich müssen wir dafür Sorge tragen, dass Provider die Möglichkeit von Qualitätsdiensten nicht zur willkürlichen Behinderung von legalen Inhalten, Anwendungen oder Diensten missbrauchen. Hier kann ich nur an alle appellieren, deren Wort Gewicht hat und die Gehör finden: Lassen Sie uns bei derartigen Diskussionen „die Kirche im Dorf lassen“. An der d!conomy entscheidet sich die Zukunft Europas. Die Diskussion über den jeweils besten Weg in diese Zukunft verdient ein Maximum an Sachlichkeit.

Die CeBIT ist das Davos der Digitalwirtschaft und bietet eine ausgezeichnete Plattform solche Diskussionen in aller Sachlichkeit zu führen. Angesichts ihrer auch politisch herausragenden Bedeutung könnte man zuweilen vergessen: Die CeBIT ist zuvorderst eine Messe. Sie ist das wichtigste Schaufenster der Digitalwirtschaft, hier werden in den kommenden Tagen Milliardenaufträge geschrieben und vorbereitet. Und so wünsche ich uns nicht nur einen fruchtbaren politischen Austausch, sondern Ihnen liebe Aussteller eine erfolgreiche Messe mit vollen Auftragsbüchern.

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