22.04.2016 Industrie 4.0: Das Überleben der Mutigen

Industrie 4.0. ist das Buzzword der Stunde, nicht nur auf der diesjährigen Hannover Messe . Immer mehr Unternehmen springen auf den fahrenden Zug auf und wollen bei der vierten industriellen Revolution mitmischen. Die Erfolgsaussichten sind bei diesem Vorhaben aber nicht unbedingt rosig, scheitern doch die Projekte oft an denselben Anfängerfehlern: Silodenken, mangelnder Mut und eine fehlende Roadmap.

Derzeit existiert eine Art „innovation hole“, ein schwarzes Innovationsloch, zwischen dem freien Markt, der immer neue digitale Geschäftsmodelle hervorbringt, und Unternehmen, die mit ihren alten IT-Strukturen nicht mithalten können. Der erste Schritt, den viele Unternehmen machen, um diese Lücke zu schließen, ist der Start eines kleinen Innovationsinkubators im eigenen Haus. Leider mutieren solche Ansätze oft vom Lieblingskind zum freien Radikal, das nirgendwo andocken kann: Das Unternehmen arbeitet in gewachsenen Silos getrennt nach Abteilungen oder Produkten, in denen die IT- oder Digital-Themen ihren eigenen Bereich haben. Und genau hier liegt das Problem, sind doch digitale Geschäftsmodelle und innovative Ideen von ihrer Natur aus disruptiv und werden im eigenen Unternehmen als Konkurrenz wahrgenommen, die die Marktanteile kannibalisieren könnte. Statt mit den frischen Ansätzen wendig am Markt zu agieren, werden sie zerredet und landen schließlich auf dem Ideen-Friedhof.

Was ist also notwendig, um diese Fehler zu vermeiden? Es liegt an den Führungskräften, aus dem „Tanker“ des traditionellen Unternehmens ein Schnellboot zu machen. Sie navigieren dann erfolgreich durch die vierte industrielle Revolution, wenn sie einschneidenden Veränderungen offen begegnen und ihre Mitarbeiter dazu ermutigen, es ihnen gleichzutun. Sie kombinieren strategische Qualitäten mit visionären Vorhaben und sind damit weitaus mehr als nur Digital Leader: Die Unternehmen ihrerseits sollten diesen visionären Führungskräften die richtigen Plattformen und Freiräume bieten, um ihre Kompetenzen und Talente weiter zu entfalten und die KPIs entsprechend anpassen.

Als zweites muss der Ansatz wirklich disruptiv sein, fernab jeder Zweifel, die eigenen Chancen des Unternehmens zu zerstören. FinTechs blühen dort auf, wo traditionelle Banken Angst haben, einzusteigen. So suchen auf dem Kreditmarkt unzählige Start-ups nach Geldgebern, da sie traditionellen Banken als Kreditnehmer oft zu riskant sind. In diese Marktlücke stößt Funding Circle, ein digitaler Kreditmarktplatz, der Unternehmen direkt mit Investoren zusammenbringt. Der Erfolg ist beachtlich: 1,8 Milliarden Euro wurden bis heute über die Plattform verliehen. Ein Geschäft, das Traditionsunternehmen entgeht. Ein Erfolgsbeispiel, wie aus einem Tanker ein Schnellboot wird, ist Otto. Statt vor der Größe digitaler Start-ups wie Zalando kleinbeizugeben, hat der Versandhändler Data Scientists eingestellt und erfolgreich das Kataloggeschäft aufgegeben. Dahinter steckt Change Management mit einer gut durchdachten digitalen Roadmap, die alte Silos einreißt. Für die IT-Abteilungen bedeutet dies, dass neben der reibungslosen Abwicklung der klassischen IT-Funktionen auch die Bereitstellung schneller und innovativer Lösungen erwartet wird, um das „innovation hole“ zu überbrücken, das den Markt und die Unternehmens-IT trennt.

Im Kern lautet mein Rat: Liebe Unternehmen, bringt den Mut auf, Euch selbst als Ganzes zu bewegen und aus dem Tanker ein Schnellboot zu machen. Es reicht nicht, einen Chief Digital Officer als Feigenblatt einzustellen, die ganze Firma muss zu einem digitalen Start-up werden. Das kostet Zeit und Kraft, aber nur so gelingt digitale Transformation bis in die letzte Unternehmenszelle.

Themen

Contact Picture

Andreas Hein

Capgemini Deutschland GmbH Vice President, Head of Digital Technology

Diesen Beitrag teilen

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar

* = Pflichtfelder

Diese Frage hat den Zweck zu testen, ob sie ein menschlicher Benutzer sind und um automatischem Spam vorzubeugen.

Captcha

Bitte geben Sie alle Zeichen ein.

 

Themen

Contact Picture

Andreas Hein

Capgemini Deutschland GmbH Vice President, Head of Digital Technology