17.02.2015 „Drang nach Innovationen“

Es ist ein paar Monate her, da blickten viele Israelis voller Erstaunen nach Deutschland – genauer nach Berlin. Ein junger Israeli, die hier lebt, hatte auf Facebook seinen Einkaufszettel gepostet. Seine Landsleute bekamen große Augen, als sie die Preisliste sahen: Ein Pudding, der in Berlin für 19 Cent zu haben ist. Obendrein forderte er seine Landsleute auf nach Berlin zu ziehen, da hier die Lebensmittelpreise deutlich günstiger sind als in seiner Heimat.

Derzeit leben bereits 20.000 Israelis in Berlin. Aus meiner Sicht könnten es sehr gerne mehr werden. Nicht um hier Pudding zu konsumieren. Es geht um die risikofreudige Mentalität und den Drang nach Innovationen. Etwas mehr von diesen Eigenschaften der Gründernation Israel würde nicht schaden – im Gegenteil.

Rund 1.000 neue Hightech-Start-ups entstehen jedes Jahr in einem Land, das nicht größer ist als Hessen. In Deutschland sind es rund fünfmal so viele, allerdings bei einer mehr als zehnmal so großen Bevölkerung. Gerade hier in Berlin erleben wir derzeit einen Gründungsboom. Das sollte uns aber nicht den Blick darauf verstellen, dass in Deutschland nach wie vor der weit überwiegende Großteil der Hochschulabgänger in die sichere Festanstellung bei Großunternehmen oder in die Verwaltung drängt. Nur sechs Prozent möchten ein Unternehmen gründen. Niedriger ist diese Rate lediglich in Belgien und Pakistan. Nichts gegen Belgien, nichts gegen Pakistan. Nur: In puncto Tech-Gründungen kann das nicht unser Benchmark sein. Sehr viel eher ist es Israel.

Israel zieht insgesamt mehr als eine Milliarde Euro Risikokapital pro Jahr an – rund fünfmal so viel wie Deutschland. In Berliner Hightech-Startups flossen 2013 knapp 140 Millionen Euro. Das ist nicht viel, und doch ist es mehr als in alle anderen fünfzehn Bundesländer zusammen. Der Tech-Standort Berlin schafft es damit in dem internationalen Ranking des Projekts „Start-up Genome“ auf Platz 15. Tel Aviv liegt auf Rang 2 – gleich hinter dem Silicon Valley.

Was Deutschlands Wirtschaft derzeit auf den Weltmärkten so erfolgreich macht, sind international führende Großunternehmen und ein traditionsbewusster, grundsolider Mittelstand. Hinzu kommt der nachfragestärkste Heimatmarkt innerhalb Europas. Diese Stärke ist gleichzeitig unsere Schwäche: Die traditionellen Unternehmen saugen die besten Leute vom Arbeitsmarkt, die starke Inlandsnachfrage entbindet von der Pflicht aggressiver Internationalisierung.

Israelische oder auch die erfolgreichen skandinavischen Start-ups müssen von Beginn an global denken, arbeiten vom Start weg oft in der Lingua franca das Internet: Englisch. Demgegenüber können sich deutsche Gründungen erst einmal auf dem heimischen Markt einrichten. Internationalisierung heißt zu häufig Österreich und Schweiz.

Im IT-Mittelstand können Sie die Ergebnisse eines solchen Ansatzes besichtigen. Alle heutigen IT-Mittelständler, von denen es etwa 20.000 in Deutschland gibt, waren einmal gründergeführte Start-ups. Das ist 20, 30 teils auch 50 Jahre her. Kaum eines dieser Unternehmen hat mehr als 100 Mitarbeiter, kaum eines ist international aufgestellt. Die meisten sind nicht einmal bundesweit aktiv, sondern beschränken sich auf ihren regionalen Sprengel. Das muss und wird beim aktuellen Gründungsboom anders laufen. Und dafür sorgen wir auch mit Veranstaltungen wie dieser.

Israel verdankt seinen Erfolg nicht nur seinen Menschen und seinem Gründergeist, sondern auch einer umsichtigen Wirtschaftspolitik. Beim Programm Yozma Mitte der Neunziger Jahre steuerte die Regierung für zwei Dollar aus privaten Investitionen einen weiteren Dollar bei. Das Programm bescherte Israel nicht nur viele erfolgreiche Start-ups, es brachte dem israelischen Staat obendrein auch 50 Prozent Gewinn.

Auch nach dem Auslaufen von Yozma hatte die israelische Politik ein glückliches Händchen, was Förderung angeht. Ein Innovationszentrum des Wirtschaftsministeriums gibt angehenden Gründern Orientierung, Verbindungsbüros an Universitäten ermöglichen die Verknüpfung von Wissenschaft und Geschäft. Nicht zuletzt hat auch die Liberalisierung des Kapitalmarkts einen Rahmen geschaffen, in dem Investoren wissen, woran sie sind.

In Deutschland gibt es ebenfalls viele positive Initiativen von Bundes- und Landesregierungen, von Kommunen und Hochschulen. Es gibt aber auch immer wieder Rückschritte. So schafft das geplante Kleinanlegerschutzgesetz eine Vielzahl bürokratischer Hürden für Crowdinvesting und erschwert es Start-ups, neue Investoren zu gewinnen. Laut Koalitionsvertrag soll es aber noch in dieser Legislatur ein Venture-Capital-Gesetz geben. Das muss dann in die richtige Richtung gehen.

Völlig unabhängig davon ist aber auch bei uns eines wieder spürbar: Aufbruchstimmung. Und wir haben inzwischen erfolgreiche Vorbilder: Wooga, Zalando, Rocket Internet sind nur drei aktuelle Beispiele. Sie sind international aufgestellt und haben auch an den Kapital- und Aktienmärkten Erfolg. Sie zeigen: Es geht.

Damit künftig noch mehr geht, wollen wir der Zusammenarbeit zwischen israelischen und deutschen Tech-Start-ups zusätzlichen Schwung geben. Dem dient die heutige Veranstaltung, aber dabei soll es nicht bleiben. Zusammenarbeit braucht Nachhaltigkeit. Wir wollen schauen, dass wir einen dauerhaften Brückenschlag zwischen der israelischen und der deutschen Gründerszene schaffen.

Themen

Contact Picture

Prof. Dieter Kempf

Diesen Beitrag teilen

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar

* = Pflichtfelder

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich angezeigt

Diese Frage hat den Zweck zu testen, ob sie ein menschlicher Benutzer sind und um automatischem Spam vorzubeugen.

Captcha

Bitte geben Sie alle Zeichen ein.

 

Themen

Contact Picture

Prof. Dieter Kempf