24.01.2017Handelspolitik: Einen integrierten Handel schaffen durch die Digitalisierung des Point of Sale (POS)

Der Einsatz moderner IT und die fortschreitende digitale Vernetzung führen zu weitreichenden Umbrüchen in unserem Wirtschafts- und Alltagsleben. Diese Entwicklung ist im Handel in besonderem Maße zu beobachten. Den Kunden stehen heute eine nie da gewesene Preistransparenz, Informationsvielfalt und Komfort zur Verfügung. Durch das Internet sowie die weite Verbreitung von Smartphones und Tablets hat bei vielen Kunden ein Denken und Konsumieren in Omni-Channel-Konzepten eingesetzt. Dazu kommt die Erwartung, dass die Warenverfügbarkeit und Lieferung flexibel, kurzfristig und preisgünstig ermöglicht wird. Die Digitalisierung eröffnet neue wirtschaftliche Handlungsfelder, Vertriebsmöglichkeiten und Absatzmärkte.

Die Chance des Handels und seiner Geschäftspartner liegt darin, den wandelnden Ansprüchen seiner Zielgruppen mit innovativen Angeboten und Lösungen zu begegnen. Hierbei spielen ganz besonders Technologien wie Apps, Virtual Reality, 3D Druck, Drohnen, Roboter, Beacons, Seamless Payment und virtuelle Währungen eine große Rolle und sollten in die Handelsprozesse einbezogen werden.

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Julia Miosga

Bereichsleiterin Handel & Logistik Bitkom e.V.

Status Quo

  • In der Digitalen Agenda werden zwar wichtige Voraussetzungen für die Teilhabe an den Chancen der Digitalisierung betont, allerdings fehlen ein konkretes Programm und eine inhaltliche Ausgestaltung für den Handel und seine angrenzenden Branchen (z.B. Logistik- und Immobilienbranche).
  • Sowohl auf Bundes- als auch auf EU-Ebene wird der Verbraucherschutzrechtsrahmen an die Digitalisierung angepasst. Diese Regulierungen haben große Auswirkungen auf den Handel. Aktuell werden die Geschäftsfelder Online-Handel und stationärer Handel getrennt voneinander betrachtet. Das führt zu einer Ungleichbehandlung und einem nicht zeitgemäßen Verständnis der Branche, ihren Herausforderungen und Potentialen.
  • Am Markt gibt es mittlerweile eine Vielzahl technologischer Systeme, welche die Digitalisierung des POS ermöglichen beziehungsweise vereinfachen. Oft fehlt es jedoch an Verständnis, Wissen und tatsächlicher Umsatzkraft.
  • Die Zahl der Verkehrs- und Warenströme nimmt immer stärker zu. Gleichzeitig stagniert der Ausbau der Verkehrsinfrastruktur. In der Folge kommt es zu einer Vielzahl von logistischen Problemen.

Ziele

  • Handel als Teil der Wertschöpfungskette mitdenken: Handel sollte bei der Betrachtung von Lebenszyklen von Produkten in der Industrie 4.0 als gewöhnlicher Teil der Wertschöpfungskette mitgedacht werden. Im Einzelhandel sollte im Zuge der Digitalen Transformation nicht Online- gegen Offline-Handel ausgespielt werden, sondern als Einheit begriffen werden.
  • Balance zwischen Wirtschaftswachstum und Umweltschutz schaffen: Digitalisierung im Handel muss gleichermaßen wirtschaftliches Wachstum sowie den verantwortungsvollen Umgang mit der Umwelt und ihren Ressourcen fördern.
  • Bestell- und Lieferketten integrieren und letzte Meile effizienter gestalten: Eine unternehmensübergreifende Kommunikation ist nur durch den Einsatz offener Standards in der Bestell- und Lieferkette möglich. Interoperabilität von Systemen, Techniken und Organisationen gilt es Seitens der Politik stärker zu fördern. Das Thema Kreislaufwirtschaft muss hierbei stärker mitgedacht werden, u.a. durch standardisierte Mehrwegladungsträger und offene Übergabeeinheiten (wie Paketboxen, Paketstationen). Künftig wird der Individualität der Zustellung eine noch bedeutendere Rolle zukommen, da sie Herausforderungen in der Nahversorgung löst. Umso wichtiger ist es, die letzte Meile zu gestalten, Konzepte zur strukturierten, planvollen Belieferung in den Innenstädten und auf dem Land zu fördern und Verkehrsströme zu entzerren.

Politische Vorschläge

  • Handel zum Aufgabenschwerpunkt machen: In einer Neuauflage der Digitalen Agenda sollte ein neuer Aufgabenschwerpunkt zur Digitalisierung des Handels geschaffen werden.
  • Gleiche Bedingungen für Online- und Offline-Handel schaffen: Gesetzliche Deregulierung, bzw. einheitliche Regulierung für Online- und Offline-Handel - der Gesetzgeber darf keinen Vertriebsweg benachteiligen.
  • Europäischen Rechtsrahmen vereinheitlichen: Es muss auch auf europäischer Ebene dafür gesorgt werden, dass ein einheitlicher Rechtsrahmen für den Handel geschaffen wird, um grenzüberschreitenden Handel zu vereinfachen. Im Zuge dessen sollte die Bundesregierung Ihre Positionierung in entsprechenden Gesetzgebungsprozessen noch einmal überprüfen (z.B. EU-Verordnung über Maßnahmen gegen Geoblocking (2016/0152 (COD)), EU-Richtlinie über Bereitstellung digitaler Inhalte (2015/0287 (COD)), EU-Richtlinie über Online-Warenhandel (2015/0228 (COD)), EU-Richtlinie über Steuerrecht). Insgesamt sollte die Komplexität und Regulierungslast für Händler möglichst gering gehalten werden.
  • Informationspflichten besser ausrichten: Informationspflichten sollten so ausgerichtet werden, dass sie für die Verbraucher einen wirklichen Nutzen darstellen, in dem nur wirklich relevante und aussagekräftige Informationen aufgeführt werden. Die verbraucherschützenden Informationspflichten sollten stark reduziert werden, da unter anderem die Fülle an Informationen kaum gelesen wird.
  • Regulierungen auf Interessen von KMU ausrichten: Beim digitalen Fortschritt müssen Interessen von KMU besonders berücksichtigt werden. Regulierung sollte darauf ausgerichtet sein, besonders diese Gruppe von Unternehmen zu stärken.
  • Kein Offenlegungszwang von sensiblen Informationen: Unternehmen dürfen nicht zur Offenlegung von Geschäftsgeheimnissen, wie z.B. Algorithmen bei Online-Plattformen verpflichtet werden. Ziel sollte die Schaffung eines innovationsfreundlichen Rechtsrahmens sein, der sich an den Prinzipien der unternehmerischen Freiheit und der Verständlichkeit für Verbraucher und Händler orientiert.
  • Weitere Anpassung der Ausbildungsberufe sowie Fort- und Weiterbildungskonzepte für Händler: Neueste digitale Technologien sollten noch stärker in die Lehrpläne mit einbezogen werden, auch unter Berücksichtigung ältere Arbeitnehmer.
  • Freihandel wieder positiv besetzen: Die für den deutschen Handel so wichtigen internationalen Freihandelsabkommen müssen wieder positiv besetzt und die Verhandlungen konstruktiv und kritisch fortgeführt werden. Dafür ist transparente Verhandlungsführung unerlässlich.
  • Diskussionen über Innenstädte ohne Privatfahrzeuge anstoßen: Die bereits in den USA geführte Diskussion sollte auch in Deutschland gestartet werden. Ein konsequentes Zu-Ende-Denken von autonomer E-Mobilität belebt den Handel und reduziert das zu hohe Verkehrsaufkommen in den Innenstädten. Dieses geht mit dem Ausbau und Instandhaltung der Verkehrsinfrastruktur einher.